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Geschichten der Lesung ‘Grenzgänger’ vom 21.11.15

Das war sie: die 20. Lesung des Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs am 21. November. 1000 Einsendungen, 850 gültige, 23 in der letzten Runde und vier Texte in der Endauswahl.

‚Grenzgänger – Grenzgänge‘ war unser diesjähriges Sujet. Was ist ein Grenzgang? Ein Grenzgänger? Jemand, der dort schon weggegangen, hier noch nicht angekommen ist. Zwischen den Stühlen sitzt. Nach Juri Lotman die klassische Erzählsituation. Natürlich dachten wir auch an Flüchtlinge, die sich ein besseres Leben im gelobten Westen erträumen, aber genauso an eine Ehe, die nicht mehr funktioniert und über Seitensprünge am Leben erhalten wird, dachten an die irre Durchsetzungswut des Wachstumskapitalismus, der jede Menschlichkeit verliert, an den versetzungsgefährdeten Schüler … Das Gegensatzpaar aus Altem, Verlassenem und Neuem. Dazwischen liegt die Grenze, und von hier aus als dem Ort der Erkenntnis lässt sich das Ganze schonungslos beurteilen.

 

Die Einsendungen haben uns bewiesen, dass Grenzgänge noch ganz woanders zu finden sind. Hier sind die 23 bestplatzierten Geschichten und ihre Sichtweisen des Themas. Über die außerordentliche Qualität der Geschichten haben wir uns sehr gefreut, über die phantasiereichen Bearbeitungen genauso. Für das Mitmachen wollen wir uns bei allen bedanken.


Erster Platz (Jury): „Die Reise ins Hoki-Poki-Land“, Doris Bewernitz

Berlin – Friedrichshain
Hier sind wir zu Hause. Meine Jungs, 5 und 11, und ich. Altbau, vierter Stock, Ofenheizung. Die Freunde alle nebenan. Es wird viel diskutiert seit dem Massaker in China, auf dem Platz des Himmlischen Friedens, von dem wir in den West-Nachrichten gehört haben. Angst hatten wir schon immer, aber nun meinen die ersten, wird es ernst. Immer mehr Freunde verschwinden. Zuerst kommt Conny nicht aus dem Urlaub zurück. Dann Gabi. Dann gibt es keine Visa mehr für die Tschechoslowakei. Eine gereizte Spannung überall. Was, wenn die Freunde gar nicht im Urlaub angekommen sind? Wenn sie verhaftet wurden? Wenn sie gar keine Freunde waren? Wenn sie unsere Gespräche längst zu Papier gebracht und weiter gereicht haben? Karl meint, dass bestimmt bald die Grenze fällt. Wir erklären ihn für verrückt. Wir sollten demonstrieren, meint Carla. „Wie in China?“, sage ich. „Dann erschießen sie uns.“ Lisa wird verhaftet. Vorbereitung zum ungesetzlichen Grenzübertritt.

Flughafen Schönefeld
Wir müssen alles auspacken, bis zum letzten Kugelschreiber. Die Kontrollen dauern. Ich befürchte, das Flugzeug startet ohne uns. Schließlich muss ich in eine Kabine. Die Kinder sollen draußen warten. Ich versuche, die Kinder mit hineinzunehmen. Eine Flughafenbeamtin trennt uns. Schiebt mich in die Kabine. Tastet mich ab. Schnauzt mich an. Meine Stimme zittert vor Angst. Was, wenn sie mir die Kinder wegnehmen? Selbst die Stangen meiner Kraxe werden auseinander geschraubt. „Wohin fahren Sie?“ Ich zeige den Brief. Eine persönliche Einladung zu einer ungarischen Freundin. „Woher kennen Sie die Frau?“ Ich erzähle meine auswendig gelernte Geschichte. Als ich endlich aus der Kabine komme, drücke ich meine Kinder erleichtert an mich. Der Gang ins Flugzeug. Kaum haben wir uns angeschnallt, startet es. Was kommt jetzt auf uns zu? „Mama, wo fliegen wir hin?“, fragt der Kleine. Ich kann doch nicht sagen, dass ich es selbst nicht weiß! „Das wird eine Überraschung“, sage ich. Und erzähle ihm Geschichten vom Hoki-Poki-Land, einem Land, das auf keinem Atlas verzeichnet ist. Wunderliche Dinge passieren dort … Verstohlen betrachte ich die Passagiere um mich. Dreißig Jahre misstrauen gelernt.

Budapest
Mein Geist flimmert. Ich bin wie aus Holz. Als wir in die Halle des Flughafens treten, werden wir sofort von einem Mann angesprochen. „Taxi? Zur österreichischen Grenze?“ Wir steigen ein. In ein fremdes Auto. Zu einem fremden Menschen. Ein Taxischild hat das Auto nicht. Es ist Nacht. Die Kinder sind müde. Ungarn liegt im Dunkeln. Wir fahren und fahren. Meine Angst wird immer größer. Ich muss stark sein. Ich muss die Übersicht behalten. Welche Übersicht? Der Taxifahrer hat unsere Rucksäcke in den Kofferraum geworfen wie Beute. Wenn er uns jetzt rausschmeißt und weiterfährt, haben wir nichts mehr. Ich muss an meine Wohnung denken. Wer wird sie betreten? Vermutliche die Polizei. Ich versuche zu begreifen, dass es nicht mehr meine Wohnung ist. Dass ich alles dagelassen habe. Sogar die Fotoalben. Der Fahrer rast. Wie weit ist es bis zur österreichischen Grenze? Der Kleine ist eingeschlafen. Plötzlich steht das Auto. Ich sehe aus dem Fenster. Die schiere Schwärze. Panik überkommt mich. „Da!“, sagt der Fahrer. „Grenze Österreich!“ Ich nicke unsicher und frage, warum wir nicht weiter heranfahren. „Geld“, sagt er. Und nennt eine Summe, die alles, was ich bei mir habe, übersteigt. Ich zeige ihm, meinen gesamten Besitz. Er ist wütend. Mürrisch nimmt er es, lässt uns raus, wirft uns die Rucksäcke zu und verschwindet in der Nacht. Wir stehen im Dunkeln. Es ist kalt. Ich nehme meinen Jüngsten auf den Arm. „Wo sind wir?“, will er wissen. „An der österreichischen Grenze“, sage ich und versuche, es selbst zu glauben. „Ist das schon das Hoki-Poki-Land?“, fragt er. „Nein, noch nicht.“ Dann gehen wir auf die Lichter zu.

Im Nirgendwo
Jetzt habe ich nur noch mich, meine Kinder und meinen Mut. Und den DDR-Reisepass und die Zahnbürste. Nun ist also die Welt zu Ende. Ich habe Mühe, mich auf die Lichter in der Ferne zu konzentrieren, so schwach und verwaschen sind sie. Was habe ich getan? Darf ich meine Kinder dem aussetzen? Da höre ich Stimmen hinter uns und erschrecke. Ein Mann und eine Frau. „Hier lang“, sagt die Frau. „Da vorn! Die Lichter!“ Ich bin erleichtert. Wir sind nicht mehr allein! Sie gehen ins Dunkel hinein, genau wie wir. Autos halten an. Immer mehr Leute. Die Lichter kommen näher. Die Grenze sieht gar nicht wie eine Grenze aus. Nur eine Straße mit einem Haus daneben. Ich zeige unsere Pässe. Die Österreichischen Grenzbeamten winken uns durch. Sie wollen die Pässe gar nicht sehen.

Österreich
Hinter der Grenze eine Scheune. Voller Menschen. Sie sitzen, liegen und stehen überall herum. An der Seite Tische, an denen Leute in orangefarbenen Westen Tee ausgeben. Niemand will meinen Ausweis sehen. Wer Tee hat, wird weitergewunken. Der Tee schmeckt nach Kaugummi. Ich bin hundemüde setze mich auf die Erde. Meine Kinder sehen sich neugierig um. Dann machen sie es wie die anderen Kinder, wühlen in Kisten nach Spielzeug. Die Tür steht offen. Ich versuche, mich zu beruhigen. Mein kleiner Sohn kommt mit einem riesigen blauen Stoff-Wal zurück. Seine Augen leuchten. Der Wal trägt eine Brille, genau wie er. Ab und zu hält vor der Tür ein Bus. Menschen steigen ein. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten, bin jetzt seit 70 Stunden wach. Wir sollen in einen Bus steigen. Meine Kinder schlafen im Sitzen. Als wir anhalten, sehe ich ein aufgeräumtes Dorf. Wir bekommen Essen in einer Pension. Im Frühstückszimmer sitzt ein Papagei in einem Käfig und spricht englisch. Die Brötchen sind weich und groß. Dann dürfen wir uns hinlegen und fallen in einen steinernen Schlaf.

Wien
Irgendwann werden wir geweckt. Wieder ein Bus. Ich habe überhaupt kein Zeitgefühl mehr. Wundere mich, dass alles so organisiert ist. Von wem eigentlich? Das Haus, vor dem wir halten, sieht beeindruckend amtlich aus. Wir kommen in einen Raum, wo wir zum ersten Mal unsere Papiere vorzeigen sollen. Ich hole die vertrauten DDR-Ausweise und das Visa heraus und bin erschrocken, als alle Ausweise eingesammelt und in einen Karton geworfen werden. Wir warten. Ein Mann ruft Namen auf und teilt Papiere aus. Provisorische Ausweise der Republik Österreich. „Ich weiß nicht, wo ich bin“, sage ich zu ihm. „Sie sind in Wien“, sagt er. „In zwei Stunden müssen Sie wieder hier sein. Sie können solange spazieren gehen.“ Wir gehen auf die Straße. Es regnet. In einem Geschäft sehe ich Erdbeeren liegen. Erdbeeren! Im September! Meine Kinder finden einen Spielplatz und schaukeln. Als wir zurückgehen, gibt es noch mehr Papiere. Behelfsdokumente für den Grenzübertritt in die BRD. Ich komme mir vor wie eine Schachfigur, jemand hat meinen Verstand ausgeschaltet. Die Fahrkarten muss ich gar nicht bezahlen. Wovon auch. Die Frauen, die Tee austeilen, sind von einer merkwürdigen Freundlichkeit, die nichts mit uns zu tun hat. Ich schäme mich, wie ein Schaf alles zu tun, was sie sagen. Ich versuche, mich meiner dreißigjährigen Kompetenz zu besinnen. Das Geld, das sie uns nun auch noch geben, erschreckt mich. Ich weiß nicht mal, wie viel es wert ist. Dann wieder ein Bus. Dann ein Zug. Bilderbuchlandschaften. Nicht ein kaputtes Haus. Nicht eine eingefallene Scheune. Kaum sitzen die Kinder, schlafen sie. An der Grenze muss ich die Behelfspässe vorzeigen. Der Beamte gibt sie mir wortlos zurück.

Bundesrepublik Deutschland
Vor dem Bahnhof wieder ein Bus. Der wievielte? Die Busse werden immer voller, alle Leute um uns sind müde. Dieser Bus bringt uns in ein Lager. Ich frage eine Frau, die mit uns aussteigt, ob sie es weiß, wo wir sind. „In Gießen“, sagt sie. Menschen, soweit das Auge reicht. Wieder Kaugummitee. Belegte Brote. Ein Zimmer mit zwei anderen Familien. Die Erwachsenen wirken verstört. Eine Frau teilt Fragebögen aus. Warum haben sie die DDR verlassen? Was ist ihr Ziel? Haben sie Verwandte in der BRD? Sind Sie in der DDR politisch verfolgt worden? Sind Sie Mitarbeiter der Staatssicherheit? Wieder Tee. Dann Suppe. Warum haben sie die DDR … Ich sitze mit meinen Fragebögen auf dem Flur. Und scheitere schon an der ersten Frage. Plötzlich komme ich mir schrecklich egoistisch vor. Ich wollte wissen, wie es hinter der Grenze aussieht. Wissen, ob die Welt weitergeht. Keine Angst mehr haben. Aber von hier sieht das alles ganz anders aus. Ich wollte meinen Kindern ein Land ohne Lügen zeigen. Warum haben sie die DDR verlassen. Soll ich das alles hinschreiben? Setzt sich wirklich jemand hin und liest diese tausenden Antworten durch? Soll ich meinen ganzen Lebenslauf dort hinschreiben? Wäre der eine Antwort? Die Menschen um mich sehen so verwirrt aus, aber sie sagen, dass sie froh sind. Ich weiß nicht, ob ich froh bin. Ich darf ja nun auch nicht traurig sein, wo ich so viel Hilfe bekomme. In dem Lager gibt es Zeitungen. Auf den Titelseiten steht, Erich Honecker sei zurückgetreten. Ich glaube sicherheitshalber kein Wort. Honecker zurückgetreten! Das kann ja gar nicht sein. Lächerlich, was die sich ausdenken. Die Fragebögen nehmen kein Ende. Die meisten Fragen verstehe ich gar nicht. Mein Kopf streikt. Ich habe Sehnsucht nach meinen Freunden. Hier gibt es Hochglanzbroschüren. Mit lauter lachenden Gesichtern drauf. Man soll sich das alles durchlesen. Nach drei Tagen habe ich eine ganze Tasche voll Papier. Aber lesen kann ich nicht, ich muss meine Kinder ablenken. Spiele mit ihnen. Schlucke meine Tränen herunter. Warum freue ich mich denn nicht? Nach einer Woche Fragebögen wieder ein Bus. Als wir aussteigen, sehe ich einen Gemüseladen. In der Auslage liegen lauter Früchte, die ich noch nie gesehen habe. Ich komme mir so dumm vor. Der Bus bringt uns zum Flughafen. Meine Kinder wollen nicht mehr fliegen. „Sind wir schon im Hoki-Poki-Land?“, fragt der Kleine. „Bald“, sage ich. Und erzähle ihm schöne Geschichten. Dass es weit ist bis in dieses Land, weil es ein besonderes Land ist.
„Jetzt fliegen wir über die DDR“, sagt eine Frau vor mir. Ich schaue aus dem Fenster und sehe Wolken.

Westberlin
Am Flughafen ein gelber Bus, der uns in ein Lager bringt. Wir bekommen einen Laufzettel. Ich wusste gar nicht, dass es so viele Ämter gibt. Sozialamt, Krankenkasse, Arbeitsamt, Einwohnermeldeamt … und bei jedem Amt wieder neue Papiere. Mir verschwimmen die Buchstaben vor den Augen. Ich habe noch nie so viele Fragebögen ausgefüllt. Wartezimmer. Menschen. Alle sind müde. Alle sind fremd. Die hinter den Schaltern sagen: „Willkommen in Westberlin“, „Willkommen in der Bundesrepublik.“ Aber ich sehe, dass sie angestrengt sind. Von uns, die wir uns nicht auskennen. Von uns, die wir so dumme Fragen stellen. Man soll doch endlich ihre Fragen beantworten und nicht selbst welche stellen. Beantwortet man die Fragen, bekommt man ein Häkchen auf dem Laufzettel und darf ins nächste Wartezimmer.

Berlin – Kreuzberg
„Die Grenze ist auf!“, sagt Karl am Telefon. „Was?“, frage ich.
„Wie ich gesagt habe! Sie haben die Grenze aufgemacht! Wo seid ihr? Ich komm euch besuchen!“ Ich brauche eine Weile, um zu erfassen, was er gesagt hat. „Die Grenze ist auf“, sage ich. Meine Kinder sehen mich ungläubig an. Ich sage es noch ein paarmal, kann es aber trotzdem nicht begreifen. Wir beschließen, zur Grenze zu fahren. Mit der U-Bahn geht es nach Kreuzberg. Wir stehen an der Spree. Ich staune, wie dicht Ostberlin ist. 3000 Kilometer waren wir unterwegs, um hierher zu kommen. Und jetzt stehen wir hier und gucken übers Wasser. Dorthin, wo wir her kamen. Ich frage Passanten, ob es stimmt. „Ja“, sagen sie, „die Grenze ist offen.“ Zu Fuß gehen wir über die Oberbaumbrücke. Ich habe weiche Knie. Das ist also die Grenze, vor der wir immer solche Angst hatten. Ich fülle einen Passierschein aus, zeige meinen provisorischen Westberliner Ausweis, bezahle mein Eintrittsgeld, und bekomme einen Stempel.

Berlin – Friedrichshain
Staunend betreten wir die Warschauer Straße. Es waren nur ein paar Schritte. „Eh! Ich weiß, wo wir sind!“, ruft der Große. „Bahnhof Warschauer! Und da ist NARVA! Wir sind ja wieder in Friedrichshain!“ „Ja“, antworte ich. „In unserem Land?“, fragt der Kleine. „Naja …“, sage ich. „ … eigentlich nicht.“ „Unser Land gibt es doch gar nicht mehr!“, protestiert der Große. „Richtig“, erwidere ich. Der Kleine schaut mich ernst an. „Und wo sind wir jetzt?“ „Ich weiß nicht …“, sage ich. Meine Kinder denken angestrengt nach. Dann erklären sie mir, dass wir jetzt endlich im Hoki-Poki-Land sind, und dass wir jetzt hier bleiben. Und ich finde, das ist eine gute Entscheidung.


Zweiter Platz: „Judith“, Tanja Raich

Ich schaue auf meine Füße. You OK?, sagt er. Ich spüre ein leichtes Ziehen an der Ausrüstung, er hält mich fest. Ich drücke mit meinen Fingern auf die Taucherbrille und den Atemregler. Ein mechanisches Röcheln. Die anderen warten auf mich. Ich schaue hinunter, das Meer unter mir, und wieder zu ihm. Er nickt und zwinkert. Ich schließe meine Augen, atme tief ein, und spüre den Druck seiner Hand. Er sagt etwas, das ich nicht verstehe, aber es klingt nach einer Aufforderung. Ich drücke die Brille fest gegen mein Gesicht, ich öffne die Augen, atme ein und wieder aus, und sehe zu, wie meine Füße hinunterspringen.

Als ich auftauche, versuche ich an der Oberfläche zu bleiben, aber meine Ausrüstung zieht mich nach unten. Ich suche den Schlauch, um Luft in die Weste zu pumpen, aber ich finde ihn nicht. Die anderen schauen mich an, aber ich sehe nicht, ob sie mich auslachen, in ihren Gesichtern sind Masken und Schläuche, und ich höre nicht, ob sie etwas rufen, das Meer rauscht laut um meine Ohren. Ich bemühe mich, alles richtig zu machen, mich daran zu erinnern, was Judith gesagt hat, und wieder die Kontrolle über meinen Körper zu gewinnen. Aber trotzdem tauche ich unter, ich strample unbeholfen mit meinen Beinen, trinke Salzwasser, huste und ringe nach Luft, bis jemand zu mir kommt und auf den Knopf drückt. Die Weste bläht sich auf. Mein Körper bleibt an der Oberfläche.
Wie kleine Tierchen schwimmen wir Richtung Strand. Wir liegen auf dem Rücken und bewegen unsere Beine, auf und ab. Ich versuche, gleichmäßige Bewegungen zu machen und schneller zu sein als die anderen, aber es ist, als würde ich stillstehen. Die Flossen drücken an meinen Füßen und die Weste schneidet in meine Achselhöhlen.
Stopp, sagt Judith und wartet, bis alle bei ihr sind. Ich versuche mit meinen Beinen und Händen zu steuern, aber ich treibe ab und entferne mich immer weiter von den anderen, die ganz ruhig im Halbkreis warten und mich mit einem Grinsen beobachten. Judith hält mich an meiner Weste und fragt, ob ich OK bin. Ja, sage ich. Und nicke. Und lächle. Sie schaut mich eindringlich an, dann wendet sie sich wieder den anderen zu. Sie zeigt mit dem Daumen nach unten.
An Bord hat sie uns diese Codes aus Fingern und Händen erklärt. Wenn sie mit ihrer Hand auf die Innenseite des Ellbogens greift, meint sie einen mittelgroßen Barracuda damit. Wenn sie mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis bildet und die restlichen Finger in die Luft streckt, heißt das OK. Wir nicken. Unsere Körper pendeln mit den Sauerstoffflaschen hin und her.
Judith hält den Inflatorschlauch in die Luft und langsam verschwindet sie. Wir machen es genauso wie sie, drücken auf den Knopf und tauchen ab, aber es dauert nicht lange und schon kehre ich wieder zurück an die Oberfläche, ein lauter, mechanischer Atem, der wohl meiner ist. Ich drücke noch einmal auf den Knopf, doch dieses Mal passiert nichts, mein Körper bewegt sich im Takt der Wellen.
Judiths Kopf taucht auf. Sie zeigt wieder mit dem Daumen nach unten. Ich nicke. Den Schlauch nach oben, den Finger auf dem Knopf, sinken wir, und tiefer. Alles um mich herum ist blau. Und unten sehe ich schon die anderen. Flossen und Sauerstoffflaschen. Sie sitzen im Kreis und winken mir zu, während ich umständlich versuche, noch tiefer hinunter zu gelangen. Erst als Judith mir Gewichte in die Taschen meiner Weste steckt, berühre ich den Boden und sitze auf meinen Knien im Kreis, wie die anderen auch.
Judith macht das Zeichen. Und ich mache das Zeichen, das mit dem Daumen und den Fingern, das aussieht wie ein Hahnenkopf und für OK steht. Ein paar Wassertropfen laufen in meine Brille und ich drücke mit den Fingern dagegen, während ich sehe, dass Judith ein Zeichen macht, das ich nicht kenne, aber mich meint damit. Ich antworte ihr nicht und sie kommt wieder zu mir, deutet auf ihren Oberkörper und macht kreisförmige Bewegungen mit den Händen. Ich atme ein und aus, im Rhythmus ihrer Bewegungen. Die Luft ist dünn und schmeckt eigenartig. Ich schaue zu den anderen, alles ist gut.
Judith entfernt sich von mir und setzt sich wieder in die Mitte der Gruppe. Die Luftblasen steigen in regelmäßigen Abständen von den anderen Köpfen auf. Nur mein Atem wird sofort wieder schneller. Sie streift uns alle mit ihrem Blick, aber es dauert lange, bis er wieder zu mir zurückkehrt. Und ich frage mich, wie Judith wissen soll, wenn ich keine Luft mehr bekomme, wenn plötzlich dieses Gerät auf meinem Rücken ausfällt. Hier unten hört niemand einen Schrei und ich weiß nicht, wie ich auf mich aufmerksam machen kann. Judith ist scheinbar mit anderen Dingen beschäftigt. Und ich atme und röchle und höre mich beim Ausatmen an wie das Blubbern eines Strohhalms. Nur das mechanische Ächzen ist noch lauter. Und Judith schaut mich an, sie kommt zu mir, endlich, aber was bedeutet dieser Blick, ich verstehe ihn nicht, und was macht sie mit ihren Händen. Ich will etwas sagen, aber das kann ich ja nicht, dieses Wasser, warum bin ich hier, will ich sagen, warum kann ich nicht einfach wieder nach oben, aber mir fällt kein passendes Zeichen ein, also schließe ich die Augen.
Mein Atem wird schneller, zu schnell für mich, und ich weiß schon nicht mehr, habe ich gerade ein- oder ausgeatmet. Ich zeige mit dem Daumen nach oben, aber Judith schüttelt den Kopf, macht eine langsame Bewegung, vielleicht meint sie, dass ich mich beruhigen soll, aber woher soll ich denn alle diese Zeichen kennen, ich weiß doch jetzt schon nicht mehr, was OK und was Barracuda ist. Ich deute noch einmal mit dem Daumen nach oben. Und das Ächzen wird lauter. Ich kriege so wenig. Ich deute energisch mit beiden Daumen nach oben, aber Judith reagiert nicht, sondern sieht mich nur an mit ihren großen Augen. Vielleicht habe ich das Ventil nicht ganz aufgedreht. Da ist so wenig Luft. Und in meine Nase läuft Wasser. Und in meine Brille tropft Wasser. Und es ist überall dieses Wasser, ich kann doch gar nichts dagegen tun. Warum haben die hier so schlechte Ausrüstungen. Warum sparen die mit der Luft. Es muss doch genug Luft geben. Ich atme. Ich schließe die Augen, ich atme aus. Und die Luftblasen drücken gegen meine Brille, die sich jedes Mal hebt, wenn ich ausatme.
Ich kneife meine Augen fest zusammen und öffne sie wieder, aber es ist immer noch alles so wie zuvor. Judith macht den Hahnenkopf, fragend, aber ich schaue an ihr vorbei, zu den anderen hinüber, die mich wohl beobachten. Ich kann gar nicht erkennen, wer wer ist. Die Luftblasen schlängeln sich an ihren Gesichtern vorbei an die Oberfläche. Und kleine weiße Fische mit blauen Streifen tanzen von einem zum anderen.
Die anderen sind ruhig. Ihre Luftblasen sind wenig und gleichmäßig, während meine stoßweise aus mir herausbrechen. Warum sind die alle so ruhig, frage ich mich und sage mir, dass ich weniger Luft nehmen muss, dass ich ruhiger atmen muss. Und ich versuche es, langsam, aber schon schnappt meine Lunge wieder nach dem Sauerstoff, der spärlich und in kleinen Schüben durch den Schlauch wandert. Warum soll ich überhaupt weniger Luft nehmen, wenn da so viel wäre? Meine Lungen brauchen doch Luft, mehr Luft. Eindeutig mehr Luft als in diesen Sauerstoffflaschen abgespeichert ist. Vielleicht ist meine Lunge ja größer als die der anderen. Ich höre meinen Atem. Ruckartig. Stoßweise. Und ich kann überhaupt an nichts anderes mehr denken als an das Atmen, an Sauerstoff, an viel Sauerstoff, an mehr Sauerstoff und ich wünsche mir nur mehr, endlich an die Oberfläche zu gelangen und einen tiefen Atemzug zu nehmen.
Es ist schwarz vor meinen Augen und ich weiß nicht, ob ich die Augen geschlossen habe oder ob ich bewusstlos bin. Und das Blubbern wird laut, immer lauter, ich höre nur mehr dieses Geräusch, das von außen auf mich eindringt, bedrohlich, als gehöre es nicht zu mir, und plötzlich bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich wirklich noch weiß, was das ist: Atmen. Und ob ich wirklich bereit bin zu sterben, weit weg von zuhause, ob alles schon hinter mir liegt, was ich erwarte. Und ich versuche, mein ganzes Leben aufzurufen und in Bildern an mir vorbeiziehen zu lassen, aber da ist kein Bild aus meinem Leben, ich sehe nur eine blaue Masse und verschwommen: mich selbst, wie ich hilflos im Meer treibe und langsam verschluckt werde.
Da legen sich zwei fremde Hände in meine. Ich öffne die Augen und sehe Judith, nur wenige Zentimenter von mir entfernt. Unsere Gläser sind beschlagen und in ihrer Brille ist ein wenig Wasser, das sich bewegt, wenn sie den Kopf schief legt und mich eindringlich ansieht, etwas besorgt. Ihre Augen sind blau und ihre Haare schlängeln sich um ihr Gesicht, als wäre sie aus einer anderen Welt. Wie in Zeitlupe schließt sie ihre Augen. Sie ist ruhig und jede ihrer Bewegungen langsam. Und mein Atem wird leiser, mechanisch zwar, aber leise, und das Blubbern der Blasen ist nicht mehr aggressiv, mehr beruhigend. Langsam formt sie den Hahnenkopf und wiederholt ihre Frage so lange, bis auch ich dieses Zeichen mache. Sie nickt und lächelt. Eine Hand lässt sie los, die andere aber hält sie fest umklammert. Und wir tauchen gemeinsam zu den anderen zurück.

*

Ich nehme den Tiefenmesser aus der Tasche meiner Weste. Neun Meter. Ich halte mich an einem Seil und sehe hinab. Aber es ist nichts. Nicht unten, nicht oben. Es ist ein dunkles Blau, das mich umgibt, mit kleinen weißen Partikeln, die im Wasser schweben. Ich sehe das Seil, das im Nichts verschwindet. Judith ist über mir. Wir wandern am Seil entlang hinab in die Tiefe. Ich greife langsam weiter nach unten. Die anderen sind dicht hinter Judith, ich sehe nur Umrisse von ihnen und das Licht, das von oben hinab dringt. Ich fixiere das Seil, ich zähle die Knoten und umklammere jeden davon fest. Und zähle schon elf. Zögerlich und langsam greife ich immer weiter nach unten, bei jedem Griff wäge ich die Möglichkeiten ab, nach oben zu gelangen.
Achtzehn Meter steht auf dem Tiefenmesser, als wir den Boden erreichen. Wir tauchen in Zweiergruppen durch das Wasser und ich konzentriere mich auf meine Hände und auf Judith, die vor mir ist. Ihre neongelben Flossen bewegen sich gleichmäßig auf und ab. Ich drehe mich um zu den anderen. Mein Atem ist laut, und stoßweise fließt Sauerstoff durch den Schlauch in meine Lungen. Ich sinke und steige. Und Judith macht wieder Bewegungen, die mir sagen, dass ich langsam atmen soll, dass ich ruhig atmen soll. Ich schließe meine Augen. Sie macht den Hahnenkopf. Ich zögere. Schließe die Augen. Atme. Ich atme doch!
Das Wasser tropft langsam in meine Brille und steigt langsam an. Wie lange noch. Ich versuche mich nicht zu bewegen und halte meinen Kopf ruhig, aber trotzdem hört es nicht auf und bei einer falschen Bewegung kommt so viel Wasser in meine Brille, dass ich ein Auge schließen muss. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die Sauerstoffflasche auch wirklich richtig befestigt habe. Ob Judith den Verschluss noch einmal kontrolliert hat. Wie lange der Sauerstoff noch reichen wird. Ob die Flasche auch nicht defekt ist. Ob ich alles so gemacht habe, wie es sein soll, und auch nichts vergessen habe. Aber das habe ich sicher, sage ich mir. Das habe ich doch ganz sicher gemacht und ich will gar nicht daran denken, dass ich durch eine kleine Unachtsamkeit, die ich mir selbst zuschreiben kann, sterben könnte hier, ersticken. Ertrinken. Ich versuche die Wörter zu vergessen. Ertrinken. Nein, mir kann nichts passieren. Judith ist hier.
Als Judith ihr Stoppzeichen macht, sind wir bei einer Höhle angelangt, an der sich kleine gelbe und blaue Fische entlang schlängeln. Sie erklärt uns, dass immer zwei in die Höhle schwimmen sollen, schaut durch die Gruppe und zwinkert mir zu. Ich greife mit beiden Händen an meine Brille, lege meinen Kopf in den Nacken und atme durch die Nase aus, so wie wir es geübt haben. Das Wasser verschwindet und die Sicht ist wieder klar und über uns ein schwarzer Strudel aus langgezogenen Fischen, die silber leuchten. Es ist es ruhig, nur meinen Atem höre ich, während die Fische sich ineinander schlängeln und wieder auseinander bewegen, sich plötzlich auflösen und verschwunden sind, wie ein unwirklicher Tanz außerhalb der Zeit. Ich lächle und zwinkere zurück. Doch Judiths Gesichtsausdruck hat sich verändert. Sie wirkt plötzlich nervös, ihre Augen sind ungläubig aufgerissen und schon höre ich wieder meinen Atem, der schneller wird und lauter. Sie hält ihre Hand ausgestreckt und senkrecht in die Mitte der Stirn. Dieses Mal kenne ich das Zeichen und ich frage mich, warum sie jetzt Witze macht. Ich glaube nämlich nicht, dass Unterwasser der richtige Ort dafür ist. Und sie schwimmt los, aber wo schwimmt sie hin? Judith, möchte ich rufen, aber hier unten hört mich niemand.
Plötzlich erfasst sie ein Hai, der so schnell an uns vorüber schwimmt, dass keine Zeit bleibt, um zu denken oder sich zu bewegen. Seine Schwanzflosse wirft mich beiseite und gegen die scharfen Kanten der Korallen. Ich drehe mich um, nach allen Seiten, aber ich sehe niemanden mehr. Alle sind sie verschwunden, nur ich bin zurück geblieben. Und als ich atmen will, merke ich, dass mein Atemregler nicht mehr in meinem Mund ist. Ich atme aus. Blubb. Blubb. Blubb. So hat es uns Judith erklärt. Lasst kleine Blasen aus eurem Mund steigen, immer ausatmen, nie aufhören zu atmen. Die Lunge darf nicht aufhören zu arbeiten. Ich greife mit meiner Hand nach hinten zur Sauerstoffflasche und greife am Luftschlauch entlang, bis ich den Atemregler in der Hand halte. Ich drücke auf den Regler und es zischt. Während ich einatme, sehe ich in einer kleinen Höhle den Kopf einer Muräne.


Dritter Platz: Am Rand“, Carolina Heberling - Publikumspreis

Pia sagt, wir leben am Rand. Das klingt so harmlos.
– Und wo leben Sie?
– Am Rand.
– Ah, ist es schön da?
– Ja, sehr.
– Wissen Sie, ich lebe in Mitte.
– Ach, nein.
– Oh, doch!
– Wie nett für Sie.
– Ja, es rotiert alles um einen herum.
– …
Wenn man es wie Pia betrachtet, ist der Rand etwas Schönes. Am Rand liegen weniger Krümel als in der Mitte. Es klebt keine festgetrocknete Soße auf dem weißen Porzellan. Es gibt eine klare Linie, eine Kante, die sagt: Hier ist es zu Ende. Und man muss nicht weitergehen, mit der Gabel daran entlang fahren, um zu wissen, dass es dort wirklich zu Ende ist. Das sieht man ja. Das sagt einem der „gesunde Menschenverstand“. Pia mag das. Am Rand wohnen. Wobei man wohl korrekt sagen müsste: Wir leben auf dem Rand. Wie eine Erbse, die auf den erhöhten Teil des Tellers gerutscht ist, weil man versucht hat, ganz viel auf einmal auf den Löffel zu schieben. Weil man wieder nicht genug bekommen konnte. Und dann landet so eine Erbse eben im Abseits.
Aber genau da ist das Problem. Rand ist nicht gleich Rand. Im Freibad ist der Beckenrand großartig. Nur wer am Beckenrand hängt, die Arme auf dem heißen Asphalt, die Beine im kühlen Wasser, kann die Mädchen beobachten. Oder beim Eis. Wer isst denn ein Magnum, weil er die weiße Creme innen mag? Wir wollen es knacken hören, wenn wir reinbeißen, und die schokoladene Hülle mit den Zähnen zerteilen. Aber so eine Erbse, die hat es sich nie ausgesucht, auf den Rand zu rutschen. Und so ist das auch mit uns. Wir leben am Rand. Aber das war nie eine Idee.
Es ist mehr so passiert. Wie man halt auch irgendwann einen Mixer hat. Und ein richtiges Auto. Im Prinzip ist das ja auch nicht schlecht. Man kann nicht ewig in der Mitte wohnen. Altbau-WG. Berlin. Der Nabel der Welt sein während die Spüle das dreckige Geschirr schluckt als sei sie ein schwarzes Loch. Das kann man eine Zeit lang machen. Doch ewig geht das nicht. Wenn sich der kosmische Nebel eines Jungerwachsenenbewusstseins etwas gelegt hat, dann sind da plötzlich Haare im Bad. Und der Sperrmüll, den man auf den Gemeinschaftsflur gestellt hat, um ihn bei nächster Gelegenheit weg zu bringen. Und jetzt steht er da, seit drei Jahren, eine Kunstinstallation in Deutschlands kleinster Privatgallerie. Nein, die ewige Mitte, das geht nicht. Ging nicht. Pia und ich also raus aus der WG. Rein in eine andere Wohnung. Auch Altbau, auch knarzende Dielen. Aber schicker. Einrichtungszeitschrift meets Vintagepiece vom Flohmarkt. Frauen stehen auf sowas. Das ist der erste Kompromiss jenseits der Mitte: Geld ausgeben. Geld ausgeben für Zeug. Viel Geld. Wer im Strudel Richtung Auge mitschwimmt, der braucht sowas nicht. Zeug behindert den Fluss. Zeug ist eben wirklich nur Zeug – Dinge, die man benötigt, weil man ohne eine Hose oder ein Bett oder ein paar Bücher nicht in der Zivilisation leben könnte. Aber jenseits der Mitte, ist Zeug plötzlich Besitz. Ein Sofa. Eine „niedliche, kleine Kommode“. Und Besitz wird nicht einfach nur besessen, er wird verwaltet. In Mitte lagen die Dinge wahllos herum, je nachdem, wann man sie zuletzt benutzt hatte. Jenseits davon werden sie angeordnet. Design eben. Pia ist gut darin. Wir hatten neulich eine Tante da von einem Onlinemagazin – Zwischen den Stühlen. Dämlicher Titel. Dämliche Frau. Kam mit einem Fotografen in ihrem Ford Focus an den Rand gefahren und hat unsere Bude geknipst.
– Oh der Stuhl ist ja toll.
– Vom Flohmarkt.
– Ja, sowas findet man heutzutage gar nicht mehr. Und der Tisch da?
– IKEA.
– Ach, das sieht aber nicht nach IKEA aus. Na ja, man muss nur wissen…
– …wie man das richtig kombiniert.
– Genau meine Worte!
– …
Jetzt ist Pia dort in der Rubrik „User-Pics des Monats“ ganz groß vertreten und lauter Frauen mit Nicks wie „Shabby-Gabby“ oder „Old but gold“ kommentieren ihre Meinungen darunter. Die interessiert Pia sehr und mich gar nicht.
Doch wieder zurück zum Rand. Nach dem Altbau kam die Wohnung in einem weniger belebten Stadtviertel. Neubau. „Da merkt man ja erst, was für Vorteile so ein Neubau hat“. War nett da. Biergarten in der Nähe, Tram in der Nähe. Es war nicht die Mitte, aber es war schön. Wir wären auch da geblieben. Aber dann: Pia schwanger. Wir also an den Rand. Weg aus Berlin, rein nach Ottobrunn. Ottobrunn, bei München. Wegen meines Jobs. Mann, war Pia begeistert, als wir die Koffer gepackt haben. Ein Neustart fernab des bisherigen Sozialgefüges sei das. Das klingt so hochtrabend, da muss man ja glücklich werden.
Sind wir nicht geworden. Fehlgeburt, sechster Monat. Da sah das Kinderzimmer schon aus wie aus einem Magazin. Sie hat anfangs viel geweint. Wir hatten dem Kind schon ein Kuscheltier gekauft, das musste fortan mit ins Bett, jeden Abend, und die Tränen trocknen. Dr. Gibson. Ein kleiner Affe. Das ist zwei Jahre her. Zwei Jahre, in denen Pia klar wurde, dass sie so bald nicht wieder schwanger würde. Und deswegen noch viel mehr geweint hat. Ich will nicht sagen, dass es mir nicht nahe ging, aber irgendwie war das anders bei mir. Es war so weit verdammt weg. Wie trauert man um jemanden, den man nicht kennt? Ich meine, was kannte ich denn von unserem Kind außer den Tritten, die man ab und an spürt, wenn man seine Hand auf den Bauch legt? Was außer den Geschichten, die sich Pia über „klein Hänschen“ ausgedacht und mir abends erzählt hat? Da stirbt einer und ist ganz fremd und doch dein Kind. Schwer zu erklären das. Auch Pia schwer zu erklären. Die hatte das Kind schließlich im Bauch. Die konnte sich, seit Hänschen erbsengroß im Mutterleib rumschwamm, damit beschäftigen, ob er an den Rand sollte oder in die Mitte. Ihm Mozart vorspielen für die frühkindliche Bildung (das hat sie in einem Magazin gelesen, angeblich sollen die Kinder hinterher sogar die Stücke erkennen, die man ihnen vorgespielt hat) und mit ihm sprechen, als trüge sie einen Erwachsenen in sich. Sie hatte sich dieses Kind einverleibt. Und ich? Stand daneben und habe Pia beim Kotzen zugeguckt und mit ihr geamtet in der Geburtsvorbereitung und das Babybett zusammengebaut und den Kinderwagen bezahlt. Natürlich spürst du, dass dieses Kind da ist. Aber es ist was anderes. Nicht so organisch, eher materiell. Wir machen Eltern-Sachen, wir kaufen Baby-Sachen. Da konnte ich einfach nicht so weinen.
Wir haben viel gestritten darüber. Ob mich das kalt lasse. Nein, Mann, tut es nicht. Aber es macht mich sprachlos, verdammt. Die Streits – inzwischen Vergangenheit. Die Trauer – irgendwie auch. Pia hat das Zimmer komplett umgestaltet. Es ist jetzt ihr Kreativraum. Bestimmte Frauen brauchen sowas, glaube ich. Da stehen eine Nähmaschine und eine Staffelei und Bücher mit tiefsinnigen Titeln. Ein Glück, dass Pia zu geistreich ist, um alberne Dinge wie Serviettentechnik zu machen oder ihren eigenen DaWanda-Shop zu eröffnen. Die Homestory in diesem Onlinemagazin war schon das höchste der Gefühle. Pia will, dass es schön ist. Und dass andere sehen, dass es schön ist. Wir leben am Rand, aber es kommen dauernd Leute. Sie lädt ein und wenn einer sagt „Oh, ihr habt es so nett hier“ oder „Du hast den Garten aber toll hergerichtet“, dann macht sie das in dem Moment wirklich glücklich.
Ich glaube, Pia hat sich wirklich damit abgefunden. Dass wir keine Kinder bekommen. Dass wir das alternde Paar werden, das allein in der Vorstadt sitzt. Wir leben am Rand, sagt sie dann immer. Unterton: Ist doch total romantisch, nur wir zwei. Ist es ja irgendwie auch. Ich komme Heim, sie kommt Heim und wir haben einen Garten und ein Haus ganz für uns. Wäre Dr. Gibson nicht dauerhaft in unser Bett eingezogen, die Episode mit dem Kind wäre gelöscht bei Pia.
Und trotzdem: Wir sind wie die Erbse, die man unfreiwillig auf den Tellerrand geschoben hat. Ich wollte nie an den Rand. Es musste auch nicht die Mitte sein. Aber in der Nähe des Mahlstroms, das hätte mir schon gefallen. Nicht hätte, hat es. Es war schön da. Man war irgendwie alleine in der Stadt und doch nicht alleine. Da war dieses wohlige Gefühl, dass wer da ist, nur weil in der Nachbarwohnung ein Staubsauger läuft. Und das man gemeinsam da sein könnte, wenn man nur wollte. Und das dann aber doch nie tut. Das ist der Unterschied zwischen der Mitte und dem Rand: In der Mitte will man mit den Nachbarn immer in Kontakt kommen und es klappt nie. Am Rand will man nicht dauernd die Nachbarn um sich haben und sieht sie trotzdem ständig. Wenn ich mir unsere Nachbarn ansehe… ich habe noch nie so viele mittelmäßige Biographien auf einem Haufen gesehen. All diese Torbens aus dem Personalwesen mit ihren Beates, die an der Abendschule Leute unterrichten und ihren Marvin- und Line-Blagen, die ein Instrument spielen, wie jedes Kind am Rand ein Instrument spielt, und zum Sport gehen und überhaupt ganz wunderbar intellektuell über-erzogen werden, weil das Geld dafür da ist, am Rand.
Ich glaube, das hält man nur aus, wenn man selbst drinsteckt. Ja, wenn man selbst so ein Torben wäre…Wahrscheinlich würde ich all das ertragen, wenn es ein Ziel hätte, einen Zweck. Als „klein Hänschen“ unterwegs war, da erschien es mir nicht sinnlos an den Rand zu ziehen. Ich war auch nicht euphorisch. Aber es war zweckmäßig. Da wusste ich: Es gibt einen Grund, warum wir am Rand wohnen wollen. Ich habe mich dann immer wieder an meine eigenen Kindheit erinnert und wie schön das war, dass man in der Vorstadt „einfach frei herumlaufen konnte“ und man „die Natur noch kannte“ und was weiß ich. Wahrscheinlich wären Torben und Beate und Pia und ich jetzt sogar gute Freunde. Wahrscheinlich würden wir Tapas-Abende veranstalten und gemeinsam in den Urlaub fahren.
Dass die eigenen Kinder den Rand scheiße finden, fängt erst an, wenn es sie zur Mitte zieht. Wenn es nervt, dass keine U-Bahn in die Reihenhaussiedlung geht. Dass in der einzigen Disko im Dorf ständig Ü30-Party ist, obwohl das nicht mal jemand dran geschrieben hat, und man bei der Cousine in Köln viel geiler shoppen kann. Aber was für ein Arschloch dieser Rand sein konnte, wie er einem ins Gesicht lachte mit seinem Abgrund, das habe ich natürlich verdrängt, als wir hier raus sind. Natur und Kinder, das passte zusammen. Und jetzt sitze ich hier und fühle mich wieder wie der Teenager, der Papa um seine Karre bitten muss, um in die Stadt zu fahren.
Neulich habe ich die Gabel genommen, die Erbsen verschoben, aufgespießt, zerdrückt. Da war eine, die habe ich bis ganz an den Rand geschoben. Also nicht nur auf die erhöhte Zierfläche des Tellers, sondern so weit, dass sie fast runtergekullert wäre. Rollen zwei Erben die Straße entlang. Sagt die eine: Achtung, da kommt eine Trep-p-p-p-p-p-pe. Fand Pia nicht so lustig. War ja nur ein Vorschlag. Noch weiter aufs Land? Was wir denn da wollten? Wusste ich nicht. Es sei doch schön hier. Sie sehe da den Sinn nicht. Wir seien soweit am Rand, da könnten wir auch noch weiter raus. Aber warum? Freiheit, Pia, Freiheit, habe ich darauf gesagt. Sie hat mich irritiert angesehen. Ich war bisher nicht der Typ, dem beim Anblick von Kühen und Bergwipfeln die Freiheit um die Nase wehte. Aber so ein See oder ein Tal oder ein Wald hat etwas Erhabenes, Stilles. Das ist so weit von Mitte entfernt, dass man fast vergisst, dass es sie je gegeben hat. Es ist nicht so verlogen. Eine Tanne ist nicht so verlogen wie ein Verbenienbeet oder ein Rollrasen. Ottobrunn, ein riesiger Kompromiss. Ein bisschen Mitte, ein bisschen Rand. Rand: Romantik, Natur, Wiesen, aber bitte nur hinter der Haustür und in kleinen Dosen. Mitte: Mit den Kindern in die Stadt, aber nur mit dem Auto und zum Shoppen und gerade so oft, dass die hinterher sagen, sie kämen aus München und nicht aus Ottobrunn, wenn man sie danach fragt. Das ist doch eine riesige Lüge. Das Beste aus beiden Welten kombinieren. Das stimmt nicht. Vorstädte sind eigene Sozialbiotope mit einer Klimatik komplizierter als die meisten Großstadtgewächshäuser mit ihren exotischen Pflanzen.
Pia mag das. Die überschaubare Weite. Die großzügige Enge. Vielleicht fürchtet sie, dass niemand mehr zu ihr kommen würde, um zu sagen „Schön habt ihr es hier“, wenn man über den Rand hinauskullert? Dass man einsam wird, wenn man plötzlich auf dem Platzdeckchen neben dem Teller liegt? Das kinderlose Paar, das in der Einöde wohnt. Klingt schon nach Konflikt. Nach unangenehmem Schweigen. Nach gegenseitigem Sich-Langweilen. Hier, in der Vorstadt, hat man all die Zerstreuungen der Stadt. Zerstreuung, das ist die zweite Sache, die sich einschleicht, wenn man die Mitte verlässt. Wer im Zentrum ist, für den gibt es keine Zerstreuung, da ist alles nur Leben. Da Sein. Gleichwertiges Tun von Dingen. Aufregend. Ungeordnet. Doch jenseits der Mitte ist man plötzlich beschränkt. Zurückgeworfen auf sich, den Partner, den Besitz, die Kinder… Und in all diesem Geworfen-Sein, in diesem Gefühl, als Erbse im Abseits gelandet zu sein, beginnt die Gier nach Ablenkung in einem aufzukeimen. Segelverein, Weihnachtsbazar, Mädelsabend, Wohn-Online-Community, rund um die Uhr.
Und dabei würde ich Pia so gerne nehmen und über den Teller kicken mit dem Finger und dann noch selbst hinterherspringen und mich an der Leinentischdecke abschürfen beim Landen, einen Slalom durch das Salzstreuergebirge laufen und die Luft des Serviettentals amten. Sie in den Arm nehmen und Dr. Gibson mit dazu und nur noch von den wichtigen Dinge sprechen, über die man zuletzt so richtig in der Mitte geredet hat, weil man danach ja auch über die Zerstreuungen reden konnte und nicht über das Essentielle. Und zusammen Apfelkompott machen wie die Landfrauen, nur um Zeit miteinander zu verbringen, und am Johannifeuer eines bayerischen Kaffs endlich über Hänschen weinen können und nicht nur, weil sie das glücklich macht, sondern weil man endlich weinen kann deswegen. Und und und.
Neulich habe ich ein Haus gesehen, auf Immoscout. Sogar über den Rand hinaus gibt es Internet. Ich habe da angerufen. Es ging niemand ran. Vielleicht versuche ich es morgen noch mal. Wobei, wer soll denn abheben, jenseits des Randes?


Vierter Platz: Halim liegt wach“, Sophia Fritz

Halim meint, für ihn ist Zuhause jetzt, sich an kühle Mauern zu lehnen. Er meint, nur Sisyphos und er wissen jetzt, was es wirklich heißt, sich nach dem Gipfel zu sehnen um endlich auszuruhen. Halbwach dösen, das kann er jetzt gut, das ist jetzt einfach nur er und sein Hemd und seine ungekämmten Haare, das ist jetzt nur er und ein Dach, unter dem er den Regen nicht hört, das ist jetzt nur er mit sich allein, das ist jetzt nur er der meint, dass er selbst nachts nicht weint.
Das war mal mehr, versichert er mir, als nur er mit seinen Erinnerungen wie Schmirgelpapier, nachmittags um vier, in einem verregneten Café mit mir. Hier reden wir, als würden wir das schon lange tun, als bräuchten wir nicht einfach nur ein fremdes Ohr um darin unsere müden Worte auszuruhen.
Damit ich Fremden meinen Namen sagen darf, tue ich manchmal auch extra falsche Nummern wählen.
Ich glaube, ich habe Halim erst richtig angesehen, als er anfing, zu erzählen.

Das war mal mehr als nur der Ring an seinem Finger, meint er, und deutet darauf unter schummrigen Licht, und wir im Café in einer Stadt, die er nicht kennt, und wir in einer Stadt, in der selbst ich mich noch manchmal verrenne.
Das war mal sein Bruder und dessen Frau und ihre fünf Kinder, und die sind immer noch dort. Das war mal viel Geld, dass ist jetzt verschuldet, für ihn, für hier, für einfach-nur-fort.

Ich starre auf meine leeren Hände und denke, das hier, das hier hab ich seit immer schon gehabt. Und dass hier, dass hatte ich schon immer irgendwie satt.
Das habe ich ihm nicht gesagt wie oft ich schon in Cafés mit irgendjemandem gesessen habe und wie oft mir immer die gleichen Fragen im Kopf rumgingen in einer Stadt, die ich doch besser kenne, und in der ich mich immer noch in fremden Herzen verrenne.
Das habe ich ihm nicht gesagt, wie viele der Dinge mich noch garnicht wirklich umgebracht haben von denen ich mir das so oft erhofft habe.
Es geht garnicht um die Zigaretten oder um die Pillen, die ich mit Kaffee runterschlucke. Es geht um Blut in der Spucke, um die Nächte voll verlorener Wetten, es geht um Tage die wie Blei auf mir liegen, es geht um Erinnerungslücken und meinen Rücken an der Wand. Es geht darum, dass ich, wenn ich in mir wühlte, immer nur Pappkartons und Plastikreste fand.
Es geht um die Aufwiedersehns, die nie ein Wiedersehen wurden, es geht um ausgeliehene Bücher, um Versprechen, die nie kamen, es geht um schwarz-weiß-Ansichten im Rahmen.
Es geht um Name, die man immer tiefer in sich schnitzt wie in die Rinde einer alten Eiche.
Das Herz ist noch da, auch wenn es am falschen Fleck sitzt. Hauptsache, es bleibt das gleiche.
Es geht um über-das-Wetter plaudern mit einer Person, mit der man mal Leben geteilt hat und zu der man jetzt nur meint: das war so schön, das klappt also doch, mit der Unverbindlichkeit, mit dem einmal-im-Jahr-treffen und in einer halben Stunde das Leben, das Auto, den Job, die Farbe der Bettlaken und die Männer abzuhaken.

Ich blicke auf meinen Tee. Ich knibble an der Haut an meinem Finger. Ich höre Halim zu, und bei ihm war es schlimmer.
Wie er vom Überleben erzählt, von den letzten Jahren, vom bleiben-müssen, von Blut in den Gassen, von Schüssen. Er erzählt viel von Wasser und Salz und überall-Rot und wie er es trotzdem wagte.
Er erzählt von Zerfall, von im-Dunkeln-liegen, von Atemnot. Er erzählt von seiner kleinen Schwester und seinem Vater, der ein ganzes Jahr lang nichts mehr sagte.
Er erzählt, wie sein Tag damit begann, zu schauen, ob alle noch leben.
Ich erwähne wie für mich gestern, typische Szene, so begann: erstmal den Tag anfangen. Erstmal laufen wie Absperrband, erstmal innerlich Böller vor mir auf den Boden schmeißen, wie wehe, irgendjemand rührt mich an.
Erstmal Kaffee durchlaufen lassen, erstmal dem Nachbarn winken. Erstmal an roten Ampeln trinken. Erstmal alles verschütten wenn es anfängt zu hupen. Erstmal das Schlimmste vermuten. Erstmal fluchen und Gas geben. Denken: der gute Kaffee. Denken: Vergiss den Kaffee, mein ganzes Leben ist ein halber Placeboeffekt, und dass ist inzwischen mehr als eine Vermutung. Im Sinne von; wenn ich nur fest genug daran glaube, hat es auch wirklich eine Wirkung.
Ich erwähne dass alles. Und schäme mich ein wenig.
Halim zeigt mir Bilder, da lachen noch alle. Da war ein Abschluss und eine lange Nacht, ein Kuss auf die Wange, seine Freundin dort, vor drei Jahren war das, und er meint solange ist es her seitdem er so richtig schwer verliebt war, er meint, das war die Zeit, wo er gemerkt hat, dass was in der Luft hängt, etwas, dass sich überall verfängt, zuerst in Ahnungen und dann in Blicken und Worten und Warnungen und an Orten, wohin man plötzlich nicht mehr gehen durfte. Er erzählt von Schritten, die erst schlurften und dann nur noch huschten, die am Ende rannten und irgendwann dann ganz verschwanden.

Halim fragt, ob ich die Geschichte von der Sintflut kenne und er meint, dass er sich genau wie Noah fühlt, als müsste er sich alleine mit einem selbst gemachten Schiff durch das Meer winden, sich plötzlich zwischen Hochwasser und verlorener Heimat zurecht finden. Dass er sich nicht mehr fragt, ob die Taube mit ihrem Zweig im Schnabel noch kommt, und vor allem: wann.
Dass er da nichts mehr sieht, keinen trockenen Berg, keine Spitze, keinen sauberen Spalt, keine Ritze in der man sich verstecken kann.
Und dass er lieber David gegen Goliath nachspielen würde, hätte er die Wahl.
Ich frage, ob da garnichts mehr ist, was er vermisst, und jetzt lacht er zum ersten Mal.
Und dann meint er: denk mal nicht an dass, was du im Fernseher siehst. Konzentriere dich mal auf jetzt, auf hier, stell dir vor, du wohnst in einem weißen Haus mit schönen Bildern, stell dir vor, du hast ein Studium und einen Grund, warum, stell dir vor, du hast eine Zukunft und einen Hund, stell dir vor, du hast einen christlichen Namen auf deinem Pass und keine Angst davor, stell dir vor, du hast immer einen Kopfhörer im Ohr und einen Blick auf das Handy, stell dir vor, du hast Markenjeans an und alle kennen die, stell dir vor du kommst abends heim und deine Schwester umarmt dich, stell dir vor, du hast eine Freundin und zwar eine, mit der willst du wirklich mal Kinder, stell dir vor du wohnst in einer Stadt in der gibt es keinen Winter und die ist von Kultur geprägt, stell dir vor, du würdest die Stadt kennen und dich weder dort verrennen noch in in fremden Herzen verlaufen. Stell dir vor, dein Vater ist dort angesehen, denk mal daran, wie er gerade erwägt, ein neues Auto zu kaufen.

Stell dir jetzt vor, du liegst nachts wach und zum ersten Mal hörst du es von draußen. Stell dir vor, du gewöhnst dich daran. Man kann gut ausblenden was stört, den Krach, die Schreie, zerplatzende Reifen und was man sonst noch so hört, man kann das wegblinzeln, man kann die Augen zukneifen, man kann es weglachen und dass geht euch hier doch hier auch so,, oder? Mit anderen Sachen?
Ja, meine ich, dass kann ich echt gut, nicht hinsehen, nicht reagieren, nicht verantwortlich fühlen, fast garnichts mehr spüren.
Ich bin nicht gerne so passiv benommen.
Aber in letzter Zeit scheine ich nicht viel mehr zu machen als abzuwarten. Ich warte darauf, endlich an die Hand genommen zu werden, wie ein Kind, wie etwas, auf das man aufpassen muss. Ich warte auf die Zukunft, auf Anrufe, auf Mails, Gefällt-Mir-Angaben, ich warte auf Feierabend-haben um vier, auf meinen neuen Lieblingsduft, auf den nächsten Kuss, auf woanders-sein-als-hier, ich warte auf Antworten, auf neue Orte, auf die Hände in der Luft, ich warte auf Motive auf die ich einen Filter setzen kann, die ich irgendwann mit Hashtag Freedom, Helldunkelkontrast, ‚das ist Freiheit’ hochladen kann. Ich warte außerdem auf Herzen, die meins aus dem Morast ziehen, ich warte auf verliehene Bücher aber ich weiß nicht mehr, von wem.

Dass sind also deine Gefühle, die einfach angefangen haben, dich zu nerven? Fragt Halim. Und dabei schaut er ein bisschen so wie ich, wenn ich überlege, die Blumen, die schon seit Wochen auf dem Küchentisch vertrocknen, tatsächlich wegzuwerfen.

Ich habe mir das abgeschworen, erwidere ich matt, seit ich bei Gefühlen fast immer verloren habe, seit ich verstanden habe, dass sich seit dem Urknall nichts verändert hat, und wenn es nun mal der Fall ist, dass sich alle Dinge nur auf andere vergängliche Dinge auswirken, eine Schramme auf dem Parkett zum Beispiel, von einer Vase, die mir auf den Boden viel, als ich die Blumen wegschmeißen wollte. Wenn jetzt aber das Parkett irgendwann verbrennt und unsere Erinnerung verschwindet, oder wenn überhaupt niemand diese Schramme kennt, ist es dann überhaupt von Bedeutung, ob sie zu irgendeiner Zeit an irgendeinem Ort überhaupt da war?
Offenbar nicht. Das ist meine Antwort.
Und, und, füge ich noch hinzu und beiße mir von innen auf die Wange. Obwohl ich weiß, dass alle Dinge ins Nichts führen, tue ich was ich kann und das schon viel zu lange. Weißt du, Halim, ich will einmal an meine Grenzen gehen, einmal tun, was ich nicht kann und für mein Versagen keine Konsequenzen spüren.

Wir sind vom Thema abgekommen, meint Halim, und ich nicke nur benommen und frage mich, wo er gerade stehen geblieben war, weil meine Gedanken schon wieder um mich kreisen.
Bei den Problemen, die man ausblenden kann, meint er, und bei im waren das: Kinder, die zu Waisen wurden. Täglich mehr Krawalle. Bei ihm war das Aufstand und Bürgerkrieg. Bei ihm war dass zusammenraffen, was noch vom Leben übrig blieb. Dass er jetzt seinen Ring noch hat, seinen Kummer und eine Uhr, dass er alles, verlor, Freunde, Bücher, ein Zuhause, ein Ziel. Dass er zur Nummer geworden ist, zum Asylanten, zu niemandem, zu einem mehr zuviel.

Stell dir vor, meint er, deine Schwester umarmt dich nicht mehr. Stell dir vor sie weint, und dann ist sie weg und stell dir vor, du denkst an Rache. Stell dir vor jetzt ist es nicht mehr möglich, wegzusehen, stell dir vor du bis gut darin Geld zu verschwenden aber plötzlich ist dass alles nur noch für diese eine Sache.
Stell dir vor dein Haus ist grau und deinen Hund musstest du verschenken, stell dir vor du trägst noch die Markenjeans, aber du trägst sie drei Monate am Stück bis sie zerfasern und verbleichen.
Denk an den Geruch von Leichen, stell dir vor du wirst verrückt, wirklich verrückt, wirklich so dass du denkst, soviel kann kein Mensch ertragen, soviel zu sehen, soviel Angst zu haben, damit kann kein Mensch weiterleben.
Und dann lebst du weiter. Und zwar Jahre und Tage. Und dann kämpfst du dafür. Und kann mir einer sagen was ich falsch gemacht habe?
Stell dir vor, meint er, du kommst über die Grenze, stell dir vor, das ist in Gänze alles, woran du die letzten Monate gedacht hast, stell dir vor, du kommst in eine Wohnung und du darfst dort bleiben und du bist in Sicherheit und weit weg von allem, wovor du seit Jahren ranntest aber auch weit weg von allem, dass du jemals kanntest, und hier bist du alleine. Stell dir vor, du bist nicht mehr dein Beruf, dein Studium und dein Wissen, stell dir vor, du bist nicht deine Frisur und nicht deine Geschichte, stell dir or du bist nur noch gleichzeitig taub und zerrissen.

Er sitzt da vor mir. Und zittert ein bisschen. Und ich weiß nicht, was ich sagen soll.
Wenn jetzt nur eine Kleinigkeit in seinem Herzen fehlen würde, das könnte ich mit einem Wort noch kleben. Ein netter Gedanke. Ein hübscher Satz. Etwas wie: „dabei habe ich an dich gedacht.“
Aber was mache ich mit seinem Fass ohne Boden, seinen leeren Ängsten und den hohlen Augen? Was ist, wenn sich hier die Grenze zwischen Überdruss und wirklicher Qual verwischt?
In fremdes Leid habe ich mich noch nie eingemischt.
Was muss er denn falsch gemacht haben, um alles zu verlieren, was er liebt? Da antworte ich lieber garnichts drauf, außer, dass ich schon die ganze Zeit überlege, wieso es keine Mehrzahl von ‚Zuhause’ gibt.

Halim meint, er liegt immer noch wach, bei Tag und bei Nacht, er meint, er bekommt die Augen noch zu aber nicht mehr die Gedanken geschlossen, er meint, er fühlt sich immer noch wie angeschossen, wie zurück geblieben, wie im freien Fall, er meint, jetzt fühlt er mehr als sonst und ihm geht es nicht mehr darum, ob die Dinge noch Bedeutung haben, er denkt nicht an den Urknall oder was in hundert Jahren, er denkt an sich, und seine Familie, und was sie mal waren, er hat immer die Boote im Kopf, hoffnungslos überfrachtet und während er redet bemerke ich, dass er nicht mehr mich, sondern seine Reflexion im inzwischen nachtschwarzen Fenster hinter mir betrachtet.
Halim meint, seine Gedanken können nicht einen Millimeter rutschen ohne auf Ecken und Kanten von früher zu stoßen. Sie schneiden sich daran und er bekommt Nasenbluten.
Sehr kurz und sehr heftig und er meint, seit er erkannt hat dass sich das Blatt sich für ihn nicht mehr wendet überlegt er sich nur noch Worte, die nicht wieder nur in einer Hand voll Erde enden.
Ich will noch etwas sagen. Über die Grenzgänge, über seine und meine, und wie es für mich ein guter Tag ist, wenn ich nicht in mein Frühstück weine und wie es für ihn gar keine guten Tage mehr gibt und auch nichts mehr, das beteuert er, nichts mehr, dass er jetzt noch liebt.
Aber, Halim, selbst wenn sich mein Herz jetzt schon zwischen den Rippen eingeengt fühlt, vielleicht kann da noch Platz für dien Zuhause werden. Und wenn ich so schon manchmal kaum Luft bekomme und die Knöchel weiß halte, vielleicht werde ich mich in Zukunft trauen, die Fäuste aufzumachen um dir aus meinen Armen einen Unterschlupf zu bauen.


Fünfter Platz: Rouvens Reise“, Wiete Lenk

Heute wäre mein Bruder siebzehn geworden. Er war sieben, als unsere Familie das erste Mal richtig verreisen wollte. Richtig weit weg. Ich werde das nie vergessen. Dieser Herbst Neunundachtzig. Das ganze Land war in Aufruhr. Menschen hatten auf der Mauer getanzt und gefeiert. Nichts war mehr so, wie vorher.

Wir wollten frühzeitig losfahren. Doch Rouven hatte sich unter dem Tisch verkrochen. „Der Pinguin will nicht … der hat sich versteckt.” Sabber tropfte aus seinem Mund. Genervt sah Mutter mich an. „Wo ist der Pinguin“, flüsterte sie. Ich verdrehte die Augen. „Weiß nicht.“ Gemeinsam durchwühlten wir Rouvens Spielkiste, den Wäschekorb, die alte Schleiflack- Kommode und Rouvens Kinderbett. Wir riefen: „He, Pinguin, melde dich, meeelde dich!“ Doch alles blieb still. Mutter ließ nichts unversucht. Mit hoher, kindlicher Stimme versuchte sie, Rouvens Plüschtier zu locken. “Pinguin, komm jetzt. Weißt du, wir sind schon spät dran. Wir haben uns so auf die Reise gefreut.” Mit offenem Mund verfolgte mein kleiner Bruder unser Tun. Ich bot ihm zwei Mosaik-Hefte, den Vierfarbenstift und das Glasauge meines Teddybärs an. Doch Rouven schüttelte nur seinen Kopf und rollte sich wie ein Igel zusammen. Auch die Aussicht auf Schokolade und jede Menge Lackritzstangen konnte ihn nicht überzeugen. Selbst Mutters Vorschlag, die ausrangierten Klettverschluss-Schuhe wieder hervorzuholen, fruchtete nichts. Dabei war Rouven erst gestern in einen Schreikrampf verfallen, als er seine Lieblingsschuhe nicht mehr an ihrer gewohnten Stelle im Schuhregal fand.

Rouven verweigerte sich. Wir hätten es wissen müssen. Immer, wenn das Einerlei seines Alltags gestört wurde, schaltete er auf stur. Er warf sich zu Boden und fing an zu schreien. Meist schrie er derart laut, dass Mutter eilig Fenster und Türen schloss. Die Leute redeten so schon genug.
Wir hatten gehofft, dass es dieses Mal anders sein würde. Dieses Mal! Meine Güte, Rouven musste doch spüren, dass so ein Ereignis nicht mit dem unverhofftem Auftauchen von Vaters Kollegen oder dem Umtopfen unseres blöden Gummibaums zu vergleichen war. Die Öffnung der Grenze hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Alle fuhren sie jetzt. In Scharen strömten sie an den Wachtürmen und Posten vorbei. Reisen! Raus hier! Das wollten wir auch.
Seit Tagen hatten wir unsere Siebensachen zurechtgelegt: Ich- meine Nietenhose, das Batik-Tuch und die Lederjacke. Mutter hatte sich eine neue Bluse genäht und nach den Ohrringen – ein Geschenk meines Vaters – gesucht, bei dieser Gelegenheit auch meine Umhängetasche durchforstet und die angerissene Schachtel F6 konfisziert. Vater war die Wahl seiner Kleidung weniger wichtig (wie immer würde er seine Cordhose und die gesteppte Jacke tragen). Es gab schließlich Dringenderes: So hatte er einen Kanister besorgt, für Benzin, auf der Karte die Route markiert und den Ersatz-Keilriemen im Handschuhfach deponiert. Und mit Mutter gestern die senffarbene Papp-Karosse unseres Autos geputzt. Mein Schild ließ ihn schmunzeln. Das brachte er auf der Heckablage unter. Wir kommen aus Kliensdorf und grüßen den Rest der Welt. Mutter fand den Spruch albern. Ich war gekränkt. Mit der Schablone hatte ich sämtliche Buchstaben vorgezeichnet. Der Cutter war unerwartet scharf gewesen. Auf diese Weise bekam der Rest der Welt ein paar Blutspritzer ab. Vater schob den Wackeldackel davor. „Das fällt nicht groß auf“, sagte er, als Mutter von peinlichen Ostdeutschen sprach. „Lass ihr den Willen, Rouven kriegt seinen auch jedes Mal.“

Wir waren also ziemlich verzweifelt. Seit einer Stunde kauerte Rouven nun schon unterm Tisch. Dicht vor ihm häuften sich Schokotäfelchen und Lakritzstangen. Mutter hatte begonnen, damit eine Stadt zu bauen: Lackritzzäune und Schokoladenhäuser. Rouven lief der Sabber vor Gier. Lackritze liebte über alles. Selbst, nachdem ihm Vater abschätzig mitgeteilt hatte, dass diese schwarzklebrige Masse getrocknetes Pferdeblut sei, ließ sich mein Bruder nicht davon abbringen, bei jeder Gelegenheit eine Lackritzstange in seinen Mund zu schieben und mit Behagen auf ihr herum zu kauen. Vater sagte katschen dazu: “Mein Sohn katscht mal wieder auf getrocknetem Pferdeblut.”

„Rouven, guck mal!“ Mit der Schuhspitze wollte ich gerade ein paar der Schokotäfelchen aufgabeln, als Mutter sich räusperte. Vater stand in der Tür. Er musterte unser Bauwerk und Rouvens Ich-will-nicht-Starre. „Das kannst du vergessen“, wandte er sich kurz darauf mit finsterer Miene an seine Frau und lockerte seinen Gürtel. „Nicht, Vater!“ Mit angewinkelten Armen marschierte ich um den Tisch und stimmte das Lied vom wanderlustigen Müller an. Vater fasste sich an die Stirn. „Ihr seid ja noch verrückter als er.“ Mutters Augen flackerten. Es war nicht das erste Mal, dass Vater so schroff reagierte.

Vater. Er konnte sich einfach nicht abfinden, mit diesem Sohn. Er hatte auf einen richtigen Jungen gehofft. Einen, wie ihn. Mit dem er Fußball spielen und draußen im See schwimmen konnte. Für den er die alte Märklin-Eisenbahn und seine Boxhandschuhe aufbewahrt hatte. Doch Rouven war anders. Ein schweigsames, schmächtiges Kind, das stundenlang in einer Ecke saß und die Blätter des Gummibaums zählte. Ab und zu lief ihm der Sabber und er gab Gluckslaute wie unser Puter von sich. War Rouven draußen, hockte er meist in unserem alten Apfelbaum. Hier hatte sich Vater als Junge ein Baumhaus gebaut. Wie durch ein Wunder schienen die alten Holzbretter noch immer stabil zu sein. Das Baumhaus besaß zwei Fenster und eine Tür. Innen gab es eine Sitzbank und an der Wand hing noch altes Jungenzeug (Schnüre, Katapulte aus rissig gewordenen Einweckgummis, ein Köcher für Pfeile).
Rouven hatte es durch einen Zufall entdeckt: Als ihn die Jungs von gegenüber gehänselt hatten und er in Panik auf den Apfelbaum geklettert war. Von diesem Augenblick an war das Baumhaus zu seinem liebstem Zufluchtsort geworden. Hier war er ungestört. Hier konnte ihn keiner bedrohen. Auch der Pinguin fühlte sich wohl. Der erhielt einen Extra-Platz, gleich am Fenster.
Ich benutzte die Leiter, wenn ich Rouven im Baumhaus besuchen wollte. Und bat auch den Pinguin höflich um Einlass. Bereitwillig rückte Rouven beiseite, um mir Platz zu machen. Dicht an dicht saßen wir auf dem schmalen Sitz und ließen die Füße baumeln. Einmal ging dabei ein Brett zu Bruch. Erschrocken klammerten wir uns aneinander. Die Holzplanken knarzten bedrohlich. Doch weiter geschah nichts. Bald darauf hatte ich diesen Vorfall vergessen.

Rouven. Vaters zunehmende Lieblosigkeit ließ ihn immer stiller und in sich gekehrter werden. Ich sehe noch seine Augen vor mir, die groß und dunkel wurden, wenn Vater heimkam. Gewöhnlich drückte der dann seinen Hut ins Regalfach und einen Gewohnheitskuss auf Mutters und meine Wange. Rouvens Kinderhand schob er beiseite. Auch nach dem Abendessen, zeigte er wenig Interesse für seinen Sohn. Die galt jetzt den Krieselsendern im Fernsehen. Krieselsender. So nannten wir jene Sender, die trotz der bewachten Grenze, der Selbstschuss-Anlagen und Minen, zu uns nach Kliensdorf gelangten. Das Schneegestöber, das über die Nachrichten-Menschen, die Sportreporter und sogar die Sesamstraße krieselte, hielt uns nicht davon ab, sie jeden Tag einzuschalten. Dass Rouven ebenfalls, reglos und unverwandt, allabendlich auf den Bildschirm starrte, schien Vater nicht zu bemerken.

„Komm schon, Kleiner.“ Mit halblauter Stimme begann ich, die Blätter des Gummibaums zu zählen. Vater straffte sich. Er schlug mit der Faust auf die Tischplatte. „Bei drei bist du oben.“ Rouven fing an zu zittern. „Eins!“ Vaters Stimme überschlug sich. „Zwei …“ Die Gläser im Schrank klirrten. Rouven hielt sich die Ohren zu. „Neiiiiin.“ Wütend verließ Vater den Raum. Wir hörten ihn im Korridor auf und ab gehen. Mutter seufzte. Sie sah auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Laut überlegte sie, ob dieser bockige Pinguin vielleicht in die Backröhre gekrochen sei. Wie damals, am Weihnachtsabend, als Vater, nach erfolgloser Suche, entnervt und hungrig, die Herdklappe öffnete und dort auf Rouvens Spielkameraden stieß.
Mutter lief in die Küche. Enttäuscht kam sie wieder. „Vielleicht dass du nochmal …?“ Leise schloss sie die Tür. Ich zog die Tischdecke glatt. Im Grunde verstand ich Rouven. Das Ziel unserer Reise sagte ihm nichts: Ein Städtename. Er hatte uns ungläubig angeschaut, als wir ihm sagten, dass dort alles schöner sei. „Wirklich Rouven, viel schöner.” Und hatte den Kopf geschüttelt, als wir erklärten, dass auch Vaters Schwester, sie hieß bei uns nur die Weit-weg-Tante, da wohne. Für meinen Bruder war die Tante jenseits der Grenze, die hin und wieder Pakete und Postkarten schickte, eine Unbekannte. Ihre Postkarten klemmte Mutter manchmal an unseren Spiegel im Korridor. “Von deiner Weit-weg-Tante”, erklärte sie Rouven einmal, als der einen Blick in den Spiegel warf. Rouven schlich näher. Auf dem Spiegelglas bildete sich ein runder Atemfleck. „Eine Weit-weg-Tante“, murmelte Rouven und trollte sich.

Je näher unsere Reise rückte, desto seltsamer wurde Rouven. Mehrmals am Tag zählte er sämtliche Blätter des Gummibaums, um anschließend im Apfelbaum zu verschwinden. Unbeweglich saß er im Baumhaus und ließ seinen Blick über Kliensdorf schweifen. Einmal beobachtete ich, wie sich ein Krähenscharm im Baum niederließ. Rouven schienen sie nicht zu stören. Mich fröstelte, als ich die schwarzen Schatten da hocken sah.

Ich ging zum Fenster. Vater hatte sich in sein Auto gesetzt und das Radio bis zum Anschlag aufgedreht. Musik dröhnte über den Hof. Kurz darauf stieg er aus, kraulte dem Hund das Fell und lief in den Garten. Ich presste die Stirn an die Scheibe. Mutters Überredungskunst war erfolglos geblieben. Vaters Wut sowieso. Er stand jetzt am Fuß des Apfelbaums. Prüfend sah er nach oben. „Rouven!” Ich senkte die Stimme. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten? Eins, bei dem du schwören musst, dass du es keinem erzählst?” Ich kroch zu ihm unter den Tisch. Rouven drängte sich an mich. Als ich ihm einen Satz, der mit Vater begann und Baumhaus endete, in sein Ohr raunte, gluckste er überrascht und fasste er nach meiner Hand. Triumphierend zog er den Pinguin unter seinem Pullover hervor.
Wir starteten mit zwei Stunden Verspätung. Vater ließ den Motor aufheulen. Mit Hundert raste er über die Autobahn. Die Pappkarosse vibrierte. Ich presste die Knie zusammen. Rouven saß neben mir. Er hielt eine Lakritzstange in der Hand und schien ein unsichtbares Orchester zu dirigieren. Auf einem Rastplatz hinter der Grenze holte Vater den Kanister aus dem Kofferraum. Ich hielt mir die Nase zu. Der Benzingestank war unerträglich. Mutter schälte die Eier. Frierend hockten wir auf einer Bank, die ausgepackten Brote im Schoß, und würgten die hartgekochten Eier hinunter. In der Eile hatte Mutter das Salz vergessen. Ohne Unterlass brausten die Autos vorbei. Rouven winkte. Sein Mund war mit Lackritze verschmiert. Das Dirigat war beendet.
„Ach Herrjeh“, entfuhr es Mutter bei unserer Ankunft. Es goss in Strömen. Überall stauten sich Menschenmassen und Fahrzeuge. Irgendwann kam der Verkehr zum Erliegen. Vater umklammerte das Lenkrad, während Mutter und ich die angelaufenen Scheiben blank rieben. Rouven schlief.
Die Parkplatzsuche vor dem Haus der Tante dauerte ewig. Halblaut schimpfte Vater vor sich hin. Mutter zog sich die Lippen nach. Unauffällig entfernte ich mein Schild von der Ablage. Wir mussten mehrmals klingeln, bis Vaters Schwester erschien. „Meine Güte! Wie ich mich freue!“ Sie umarmte zuerst ihren Bruder. Zuletzt trat sie auf Rouven zu. “Das ist also mein Neffe Rouven.” Sie hob sein Kinn an. Vater gab ihr ein Taschentuch. Meine Tante lächelte. “Kommt rein, meine Lieben. Kommt erst mal rein.” Wir zogen die Schuhe aus, ehe wir die Wohnung betraten.

Zehn lange Tage verbrachten wir in der Postkarten-Stadt unserer Tante. Wir bestaunten die U-Bahn, das Rathaus, das Stadion, das Nationaltheater, die Biergärten und den Justizpalast. Wir liefen durch volle Einkaufspassagen, spazierten an Designerläden und dem Lieblings-Café der Tante vorbei. Wir aßen Fastfood bei MacDonalds und ließen einige Ketchup-Päckchen mitgehen, beäugten im Obst- und Gemüsemarkt Früchte, die wir nicht kannten und deren Namen wir wieder vergaßen. Die Tante und der Baedeker hatten viel mit uns vor. Ich sandte Kartengrüße nach Kliensdorf. Ganz fetzig hier, teilte ich meinen Freundinnen mit.
Rouven zeigte sich von seiner besten Seite. Willig trottete er hinter uns her. Die Tante, die für uns im Café bezahlt hatte, umarmte er fast so stürmisch wie wir. Als Vater jedoch eines Abends mit seiner Schwester ein leises, langes Gespräch begann, gluckste er aufgeregt. Am Tag unserer Heimreise zog es uns nochmals ins Kaufhaus. Rouvens Verschwinden bemerkten wir erst, als an jedermann Stifte und Gratis-Kühltaschen verteilt wurden. Mutter glaubte, er spiele Verstecken. So, wie der Pinguin vor unserer Reise. Wir fragten die Leute. „Haben Sie einen kleinen Jungen gesehen? Einen mit Wuschelhaar. Einen, der gluckst und seine Telefonnummer nicht kennt, weil wir in Kliensdorf kein Telefon haben. Der möglicherweise von einem Baumhaus erzählt. Von Gummibäumen und Pinguinen.“ Die Leute betrachteten uns. Nein, so ein Kind sei ihnen nicht begegnet. Mutter wandte sich an das Verkaufspersonal. “Bitte, ich suche meinen siebenjährigen Sohn.” Die Dame schraubte ihr Mikrofon fester und ließ sich Rouvens Namen buchstabieren. Es war eine Männerstimme, die kurz darauf meinen Bruder ausrief und bat, dass sich der kleine Rouven aus Kliensdorf am Serviceschalter in der vierten Etage melden solle. Oder in der Kinderbetreuung neben der Änderungsschneiderei. Aber Rouven meldete sich nicht. Ich fragte mich, wie mein Bruder überhaupt wissen konnte, wo sich der Serviceschalter oder die Änderungsschneiderei befinden. Mutter brach in Tränen aus. Mit hochrotem Gesicht redete meine Tante auf ihren Bruder ein. Vater zählte sein Geld und ging, den Parkschein verlängern.

Am späten Nachmittag hatten wir die Grenze erreicht. Mutter drehte sich zu uns um. Ihre Augen glänzten. „Wir haben mit der Tante gesprochen. Es wird sich bald einiges ändern.” Ich nickte abwesend. Rouven hatte den Kopf an meine Schulter gelehnt und schwieg.
Es war Vater gewesen, der Rouven entdeckt hatte, nachdem er sein restliches Kleingeld in die Parkuhr gesteckt hatte. Rouven hatte im Auto gesessen. Mein Schild fest an sich gedrückt, hatte er auf uns gewartet.

Nach unserer Reise schien alles wie immer. Rouven hockte im Baumhaus. Stundenlang starrte er auf unser Dorf. Als er die Krähen entdeckte, winkte ihnen zu.

Dieses Jahr Neunundachtzig. Es brachte uns einen zeitigen Winter. Frost und Kälte. Es schneite noch immer, als Vater den Hund raus ließ. In der Nähe des Apfelbaums blieb der Hund stehen und winselte leise. Vater erstarrte. Mutterseelenallein hing der Pinguin in den Ästen. Unter dem Baum lag eine kleine, leblose Gestalt.
Rouven starb noch in derselben Nacht. Ein Jahr später zogen wir um. Die Tante hatte alles geregelt. Nach Kliensdorf kommen wir nur noch selten.


Fünfter Platz: Diese ganze Herzscheisse“, Sabine Bartsch

Er ist der Einzige, der keinen Bogen um mich macht. Er ist nicht mal besonders hübsch, oder so. Aber immerhin. Keinen Bogen. Manchmal setzt er sich neben mich und wir quatschen ein bisschen, wenn ich auf der Parkbank sitze und lese. Vielleicht ist er ja auch einsam, keine Ahnung. Jedenfalls quatschen wir dann ein bisschen. Gestern hat er mich gefragt wie ich heiße.

„Marie.“
„Und weiter?“
„Landmann.“
„Hm, Marie Landmann also, lass mich nachdenken. Klingt wie – Maryland. Hallo Maryland.“
„Mein Name ist Marie. Maryland ist ein amerikanischer Bundesstaat – ein ziemlich kleiner noch dazu.“
„Was liest du?“
„Nix.“
„Für nix ist das da aber ein ziemlich dickes Buch.“
„Nix, womit du etwas anfangen könntest.“
„Ach, und das weiß die kluge Maryland so genau?“
„Nenn mich nicht immer Maryland.“
„Für mich bist du aber Maryland.“

Na ja. So ging das dann noch eine Weile. Mir hat´s gefallen, dass er mich Maryland nennt. Klingt doch, als wäre ich etwas Besonderes für ihn, oder? Und etwas Besonderes zu sein, ist schon cool.

Heute sitze ich wieder hier. Ist ja schließlich meine Bank. Aber irgendwie ist das trotzdem total bescheuert.
Ich meine, ich warte auf den! Dabei kenn ich den doch gar nicht. Nur dass er Oliver heißt weiß ich, und dass er irgendwo in der Nähe wohnt.
Ich meine, wir sind nicht auf der gleichen Schule, oder so. Vor drei Wochen ist er das erste Mal mit dem Fahrrad hier vorbei gefahren. Dabei hat er so doof gegrinst. Ich grinste einfach doof zurück. Dann saß er plötzlich neben mir und wir quatschten ein bisschen. Dabei ist der nicht mal hübsch, oder so. Aber immerhin jemand, der mit mir redet. Hin und wieder.

Da kommt er ja. Auf seinem affigen Rad. Aber immerhin, er kommt. Ich lese einfach weiter. Mir doch egal, ob der kommt oder nicht. Er setzt sich neben mich und ich tue so, als ob nichts wäre. Kann ich doch nichts dafür, dass der sich neben mich setzt.

„Hallo Maryland.“
„Ich heiße Marie.“
„Für mich bist du Maryland.“
„Und warum bin ich für dich Maryland, wenn ich fragen darf?“

Ich sehe ihn nicht an.

„Nur so.“

Er sieht mich auch nicht an.

„Nur so ist keine ausreichend einleuchtende Antwort.“
„Vielleicht möchte ich einfach einen eigenen Namen für dich haben.“
„Ach nee, warum das denn?“
„Nur so … weil … ich dich mag eben.“
„Haha!“
„Das war kein Witz, Maryland.“
„Wenn du mich weiterhin Maryland nennst, dann … dann bist du ab jetzt für mich … warte mal, kurz nachdenken … Oliver … hm … dann bist du ab jetzt für mich … Ohio!”
„Ohio klingt cool. Ob Ohio und Maryland wohl nebeneinander liegen? Ähm, ich meine als Staaten?“
„Keine Ahnung.“
„Bestimmt liegen die nebeneinander. Ohio und Maryland. Ganz sicher! Hast du eigentlich einen Typen, du Bundesstaat an der Ostküste Amerikas?“
„Was für einen Typen soll ich denn haben?“
„Na, jemanden, mit dem du zusammen bist.“
„Willst du mich verarschen?“
„Nee, wieso?“
„Na, dann guck doch einfach mal genau hin.“
„Wie meinst du das?“
„Als der liebe Gott, oder wer auch immer dafür zuständig ist, Arsch und Titten verteilt hat, war ich gerade auf dem Klo.“
„Arsch und Titten werden völlig überbewertet.“
„Das ist ganz sicher gängige Meinung bei euch Jungs, oder?“
„Keine Ahnung, ist mir auch völlig egal, was gängige Meinung bei anderen Jungs ist.“
„Du stehst also auf die Fraktion Spargel auf zwei Beinen? Dann habe ich eine gute Nachricht. Da bin ich in meinem Alter ein ziemlich exklusives Model. Ansonsten gibt es in unserer Klasse noch die Dicke-Kinder-Fraktion und die Ich-hab-Titten-und-darf-deshalb-alles-Fraktion. Beide Gruppen sind ungefähr gleichstark besetzt.“

Er lacht, ich habe also einen Witz gelandet. Immerhin.

„Das mag ich an dir, Maryland.“
„Was magst du an mir, Ohio?“
„Deine Ironie.“
„Das ist keine Ironie, das ist Zynismus. Mit vierzehn habe ich beschlossen, eine ganz große Zynikerin zu werden.“
„Als der liebe Gott, oder wer auch immer dafür zuständig ist, den Witz verteilt hat, da warst du jedenfalls nicht auf dem Klo.“

Jetzt nimmt der Typ doch tatsächlich meine Hand. Hoffentlich ist die nicht verschwitzt.

„Erzähl mir von dir, Maryland.“
„Ich heiße Marie und da gibt es nichts zu erzählen.“
„Du könntest mir zum Beispiel verraten, wo du wohnst.“
„In dem Block am See.“
„In dem Hochhaus?“
„Exakt.“
„Da hat man bestimmt einen tollen Blick über die Stadt, oder?“
„Nicht, wenn man im 2. Stock wohnt.“
„Ooookay, dann natürlich nicht. Wohnst du da mit deinen Eltern?“
„Mit meiner Oma, wenn du es genau wissen willst.“
„Okay, mit der Oma also. Und warum wohnst du nicht mit deinen Eltern zusammen?“
„Geht nicht.“
„Warum nicht?“
„Als die Melodie des Lebens mich auf die Erde spülte, waren gerade alle Noten vergriffen, deshalb wurde das Lied etwas schief.“
„Du bist ja eine richtige Poetin.“
„Das war nicht poetisch, das war pathetisch!“

Streichelt der Typ jetzt etwa meine Hand?

„Warum wohnst du denn bei deiner Oma?“
„Ich wohne nicht bei meiner Oma, ich wohne zusammen mit meiner Oma.“
„Okay, okay.“
„Meine Oma ist cool.“
„Das ist gut.“
„Ja.“
„Aber trotzdem, warum wohnst du bei deiner Oma? Ich meine, was ist mit deinen Eltern?“
„Willst du meine ganze beschissene, kleine Lebensgeschichte hören, oder was?“
„Wieso beschissen, ich meine … “
„Einen anderen Ausdruck gibt es dafür nicht.“
„So schlimm kann es ja wohl nicht sein. Ich meine, außer diesem lästigen Pubertätsscheiß und so.“

Ich schweig einfach. Geht den Typen doch nichts an, mein Leben und der ganze Scheiß.
DER GANZE SCHEIß!
Dann rede ich aber doch, Schweigen ist irgendwie nicht so mein Ding.

„Meinen Vater kenn ich nicht, der ist abgehauen bevor ich geboren wurde.“
„Arschloch!“
„Kann man sagen.“

Der streichelt tatsächlich meine Hand, fühlt sich ganz cool an.

„Und deine Ma? Was ist mit der?“
„Die hat einige Probleme. Ist in einer Klinik.“
„Was denn für Probleme?“
„Die ist zu positiv, wenn du verstehst was ich meine.“
„Zu positiv? Du meinst, manisch oder so?“
„Nee, das meine ich nicht. Können wir das Thema wechseln?“
„Hattest du schon mal Sex, Maryland?“

Was ist das denn für eine Scheißfrage?

„Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Ohio!“
„Du wolltest das Thema wechseln! Komm, sag schon. Warst du schon mal mit einem Typen zusammen?“
„Können wir vielleicht das Thema wechseln?“
„Schon wieder? Komm, sag schon. Hast du oder hast du nicht?“
„Und was ist mit dir, werter Ohio? Hast du schon mal wen flachgelegt?“
„Madam scherzen, mach mal die Augen auf!“

Mach ich ja schon die ganze Zeit!

„Ich sehe einen normalen Typen vor mir. Zugegeben, nicht gerade der Ich-geh-der-Kleinen-mal-an-den-Arsch-Typ, aber ansonsten …“
„Ansonsten?“
„Ganz normal halt.“
„Du magst mich, oder?“
„Hab ich das gesagt?“
„Die Zeit der Wahrheit ist da, Maryland. Magst du mich oder magst du mich nicht?“

Der Typ hält immer noch meine Hand. Fühlt sich gut an. Ich nehme sie trotzdem weg, hole mein Smartphone raus und schaue drauf.

„Im Norden grenzt Ohio an den Nachbarstaat Kanada. Die angrenzenden US-Bundesstaaten sind Pennsylvania, West-Virginia, Kentucky, Indiana und Michigan.
Wikipedia!
Ohio liegt nicht neben Maryland!“

Er fasst sich ans Herz, ich sehe es nur aus den Augenwinkeln, muss aber trotzdem grinsen.

„Dann gibt es also keine Chance für uns, Maryland?“
„Hab ich nicht gesagt, Ohio.“
„Du magst mich also?“
„Kann sein.“
„Wusste ich doch.“
„Bild dir bloß nichts ein.“
„Du könntest mich ja mal küssen. Ich meine, nur so als Versuch.“
„Bild dir bloß nichts ein, hab ich gesagt.“
„Na komm schon. Tut auch gar nicht weh.“
„Haha!“
„Du bist ganz schön stur, Maryland.“
„Sagt meine Oma auch immer.“
„Deine Oma ist eine kluge Frau.“

Ich würde ihn echt gerne küssen. Aber da ist ja dieser … Scheiß.
Ich frage lieber noch mal mein Smartphone.

„Klugheit ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanten Faktoren, individueller Handlungsziele und sittlicher Einsichten. Seit Platon zählt die Klugheit zu den vier Kardinaltugenden. Kant hält sie für ein pragmatisches Wissen um die der Beförderung der eigenen Glückseligkeit dienlichen Mittel, womit der Begriff eher die Bedeutung der „Verständigkeit“ annimmt. Neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge sind nur weibliche Wesen zu wirklicher Klugheit fähig. Wikipedia!“

Er stutzt, dann grinst er übers ganze Gesicht, das sehe ich aber nur aus den Augenwinkeln.

„Das hast du dir gerade ausgedacht! Das mit den weiblichen Wesen! Das steht da niemals!“

Ich muss auch grinsen, versuche aber ernst zu bleiben.

„Das steht da exakt so und Wikipedia hat immer recht!“
„Zeig her.“
„Nein, mein Handy bekommst du nicht. Männer können mit so diffiziler Technik nicht umgehen. Mit euren großen Händen seid ihr nur zur Zerstörung fähig.“
„Mach dich nicht über mein Geschlecht lustig, du Hexe.“

Jetzt muss ich lachen, aber ich sehe ihn nicht an.

„Ach, ich bin eine Hexe?“
„Bestimmt bist du eine Hexe!“
„Soll ich dich in einen Frosch verwandeln, mein Prinz?“

Puh, hab ich das gerade wirklich gesagt? Ich traue mich nicht, ihn anzusehen. Er will mich küssen, glaub ich. Jedenfalls ist er mir ziemlich nah. Er riecht nach Himbeere. Kann aber auch sein, dass mir das mein verkitschtes Gehirn nur vorgaukelt. Ich hab noch nie geküsst. Schnell das Smartphone!

„Beim Küssen kann es aufgrund von Speichelaustausch zur Übertragung von Krankheiten kommen. Durch Speichel übertragene Krankheiten sind zum Beispiel das Pfeiffer-Drüsenfieber, Herpes und Hepatitis B. Die Übertragung von HIV beim Küssen ist theoretisch möglich, jedoch sehr unwahrscheinlich. Wikipedia!“
„Du bist ja eine richtige Romantikerin, Maryland.“

Seine Stimme hat sich verändert. Ich sehe ihm in die Augen, das erste Mal.

„Zynikerin! Ich bin Zynikerin!“

Meine Stimme hat sich auch verändert.
Er küsst mich. Fühlt sich komisch an. Ziemlich feucht. Und ich kann kaum atmen. Ist aber auch gut, irgendwie. Und er hält jetzt meine beiden Hände. Nicht nur eine. Könnte immer so weiter gehen. Tut es natürlich nicht.

„Das … war cool, Maryland. Sollten wir öfter machen.“

Jetzt klingt er verlegen.

„Vielleicht.“
„Nur vielleicht?“
„Na ja. Du weißt ja …“
„Was weiß ich?“
„Weißt du doch.“
„Hab ich was falsch gemacht?“

Er streichelt wieder meine Hand. Die ist jetzt wirklich verschwitzt. Er klingt ziemlich unsicher.

„Du hast nichts falsch gemacht.“
„Was ist denn dann?“
„Alles okay, wirklich.“
„Du hast einen anderen, oder?“
„Quatsch.“
„Was denn dann?“
„Weißt du doch.“
„Nein, weiß ich nicht. Was ist los, verdammt!“
„Hab ich dir doch gesagt, vorhin. Das mit meiner Mutter.“

Hab ich doch auch! Sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Also muss ich noch mal mein Smartphone bemühen.

„Das Humane Immundefizienz-Virus, zumeist abgekürzt als HIV, ist ein Virus, das zur Familie der Retroviren und zur Gattung der Lentiviren gehört. Eine unbehandelte HIV-Infektion führ nach einer unterschiedlich langen Inkubationszeit in der Regel zu Aids. Wikipedia!“
„Was soll das? Warum liest du mir das vor?“

Ich schweig jetzt einfach. Sag nichts mehr ohne meinen Anwalt. Haha!

„Willst du mir etwa sagen, dass du Aids hast, oder sowas?“
„Ich habe kein Aids!“
„Was soll das denn dann? Warum hast du das vorgelesen?“
„Weil ich positiv bin. Klingelt es jetzt endlich bei dem ach so klugen Ohio?“
„Damit macht man keine Scherze!“

Er hat meine Hand los gelassen und sitzt wortlos neben mir. Ich schweige auch, aber das bringt ja nichts. Also ziehe ich mein Smartphone ein letztes Mal zurate.

„´Das Risiko der Infektion eines Kindes durch eine HIV-infizierte Mutter während der Schwangerschaft oder Geburt ohne Behandlung wird auf 15 bis 30 Prozent geschätzt. Eine Übertragung des Virus beim Stillen ist ebenfalls möglich. Bei bekannter HIV-Infektion der Mutter kann das Risiko einer Übertragung auf das Kind durch die Gabe antiretroviraler Medikamente, die Geburt durch Kaiserschnitt und den Verzicht auf das Stillen des Kindes auf unter ein Prozent vermindert werden.´
Wikipedia!
Pech gehabt, würde ich sagen. Oder eine dämliche Mutter, ganz wie du willst.“

Er ist aufgestanden, sieht mich aber nicht an. Was jetzt wohl kommt?

„Das ist ein schlechter Scherz, oder?“
„Schön wär´s.“
„Du hast mich geküsst, obwohl du Aids hast? Wer bist du, ein verdammter Todesengel, oder so?“

Heule ich jetzt etwa? Nur das nicht! Das ist der Typ doch gar nicht wert, der ist ja nicht mal besonders hübsch, oder so.

„Tut mir leid, das … das wollte ich nicht sagen. Aber das ist so verdammt … Scheiße, Mann!“
„Ich weiß.“
„Scheiße! Scheiße! Scheiße!“
„Weiß ich doch!“

Ich kann ihn jetzt nicht mehr ansehen. Geht einfach nicht. Also starre ich auf meine Knie. Er legt mir eine Hand auf die Schulter. Hoffentlich merkt er nicht, dass ich heule.
Warum heule ich überhaupt?
Wir schweigen einfach doof vor uns hin.
Irgendwann räuspert er sich und wischt sich über die Stirn.

„Also es ist so, Marie …“

Was jetzt wohl kommt? Na ja, weiß ich ja sowieso schon.

„Ich mag dich wirklich gerne, aber …“
„Aber?“

Ist das wirklich meine Stimme?
Er bleibt sitzen und schweigt wieder.
Warum schweigt der so blöd vor sich hin?
Dann noch so ein dämliches Räuspern.

„Also Marie, ich hau jetzt ab. Hoffe, du …“
„Schon klar, hau einfach ab!“

Er sitzt noch einen Moment schweigend neben mir, dann geht er zu seinem Rad, schließt es auf und weg ist er.
Das Rad ist wirklich sowas von affig.

Ich heule immer noch.
Aber egal, der war ja nicht mal besonders hübsch, oder so.


Siebter Platz: Mirabellen und Kirschen“, Evamarie Kurfess

Der Mirabellenbaum steht am Steilhang, direkt über dem Eingang zur toten Unterführung. Der ganze Baum ist voll mit Mirabellen, über und über, ein kräftiger Ast ist runtergebrochen, hunderte Früchte liegen im Gras, kullern den Hang hinab und bleiben unten gärend und faulend liegen. Eule hockt in der Krone und kaut. Eule mag Mirabellen. Sie stopft sich den Mund ganz voll, der süße Saft ist lecker, und sie hat außerdem noch gar nichts gefrühstückt.
Die tote Unterführung ist tot. Die Stadt hatte zwar noch drei Stationen Straßenbahn geplant, aber dann ist denen plötzlich das Geld ausgegangen. Man kann reingehen in die tote Unterführung, aber man kommt nirgendwo mehr raus. Die Wände sind bunt, vollgesprayt, ACAB prangt in lila Buchstaben über die ganze Breite, All cops are basterds. Jucko hat es nicht so mit der Rechtschreibung. Alles ist vollgeschmiert. Durch die gegossene Betontreppe am hinteren Ende brechen Löwenzähne. Wenn man hochgeht, steht man vor einer Wand aus Brombeerdornen und Brennnesseln.
Von hier oben im Baum hat Eule Topaussicht auf die Punks, die hier in der toten Unterführung schlafen. Sehen aus wie schrumpelige Würstchen, wie sie da liegen in ihren Penntüten. Knacken alle noch. Grütze hat da unten sogar ne Glotze angeschlossen irgendwie. Voll der Fuchs. Die Kabel ziehen sich die Wand hoch, irgendwie muss er die Gleisleitung angezapft haben. Jetzt bewegt er sich als erster. Er rappelt sich aus dem Schlafsack und wankt in eine Ecke weiter hinten, wo Eule ihn nicht sehen kann. Es plätschert und Dampf steigt auf durch die Morgenkühle.
„Grütze, du Sau!“ ruft sie.
Grütze pisst weiter und grunzt. Eule spuckt die Kerne aus und versucht, den Hochleitungsmasten zu treffen.
Zum Glück muss sie da unten nicht mehr pennen. Hölle war das. Hölle! Ewig Blasenentzündung, echt ewig. Und jeder dämliche Kratzer hat geeitert.
Aber seit kurzem kann Eule bei der alten Trixi pennen. Sie muss halt raus, bevor morgens der Pfleger kommt.
Vor drei Wochen war das, da hat Eule die Trixi vom Kirchendach geholt. Die Kirche ist eingerüstet zum Renovieren. Keine Ahnung, wie die Alte da hochgekommen ist. Eule war mit Jucko im Busch im Kirchpark, hinter dem Kriegerdenkmal ist der Thuja ziemlich dicht und am Boden wächst weiches Moos. Da hat sie was oben flattern sehen, geblümt, rosafarben. Das war der Morgenmantel von der Trixi. Jucko war total knülle und ist gleich eingeratzt. Eule hat ihn zur Seite geschoben, ist hoch geklettert und hat die heulende Trixi runter gequatscht und heimgebracht.
Beatrix von Montanari steht in schnörkeliger Schrift auf dem Klingelschild. Aber wenn man reinkommt, ist nicht mehr viel mit Schnörkel. Vergammelte Möbel, die Küche voll dreckig. Bei der Trixi im Küchenschrank stand ne Dose Ravioli, die hat Eule warmgemacht und mit der Trixi gegessen. Da hat die sich langsam beruhigt. Die Trixi checkt kaum noch was, nimmt krasse Medikamente. Zwei riesige Kartons hat Eule auf dem Schlafzimmerschrank entdeckt. Alles drin. Benzos, Aufputschmittel, krasse Schmerzmittel. Wenn die Trixi das alles genommen hätt, wär sie wahrscheinlich schon tot. Eule vertickt ab und zu was davon an die Junkies. Die sind alle polytox, die fressen alles.
Eule wartet, dass Jucko aufwacht. Jucko heißt Jucko, weil er sich gleich in der ersten Woche auf Platte Sackratten eingefangen hat.
Grütze steht unter Eules Baum und stochert in den fauligen Mirabellen rum. „Da hats mich gestern im Suff hingehauen, seither fehlt mein Handy.“ brummt er.
„Soll ich dich anrufen?“ fragt Eule.
„Akku ist leer. Polizei!“ ruft er. „Hey, Polizei!“
Polizei sitzt auf Grützes Schlafsack und hechelt, aber er regt sich nicht. Fast alle Punks haben Hunde, die passen aufs Zeug auf und im Winter halten sie warm.
„Scheiße, Polizei, bei Fuß!“ brüllt Grütze.
Nichts.
„Blödes Viech.“ Grütze steigt den kleinen Abhang runter zu seinen Sachen, packt Polizei und zerrt ihn hoch zum Mirabellenbaum. „Such! Such das Handy!“
Polizei guckt treuherzig und winselt ein bisschen. „Bescheuerte Töle. Dich müsst ich mal gescheit vermöppen. Vielleicht spurst du dann besser“, sagt Grütze und krault Polizei am Hals.
Eule sagt nichts. Findet sie unter aller Sau, wenn die Punks ihre Hunde schlagen. Bloß im Suff, immerhin, aber trotzdem, die sind ja fast immer blau. Wenn Jucko sie mal schlagen sollte, macht sie Schluss, hundertpro. Wer einmal zuschlägt, machts immer wieder. Ist so.
Die Seniorenwohnanlage, wo die irre Trixi wohnt, mieft nach toten Körperflüssigkeiten. Eule fragt sich, was der Pfleger eigentlich macht, wenn er zur Trixi kommt. Die Trixi stinkt nämlich, und zwar immer. Außer wenn die Eule sie duscht. Dann duftet sie nach Kölnisch Wasser und hockt in ihrem Blümchenmorgenrock da und sieht selber aus wie eine kleine vertrocknete Rose. Aber das können sie bloß machen, wenn Pflegerwechsel ist. Auch mit Putzen muss Eule vorsichtig sein. Sonst fällts auf. Das wär voll scheiße.
Heut früh hat so ne giftige Vettel Eule vor Trixis Wohnungstür ertappt und gleich rumgekeift.
„Verwahrlostes Pack! Dreckiges!“
Die hatte so einen Unterton. Als ob sie gleich kotzen müsste. Beschimpft wird Eule als Punkfrau oft und viel, aber das hat sie total getroffen. Die Frau kennt sie ja gar nicht. Sie könnt ja gut auch Trixis Enkelin sein.
Verwahrlost. Verwahrlosung. Das Wahre ist lose geworden. Verwahre das lose. Eules Nase läuft, es ist kalt da oben im Baum. Schneuzi hat sie grad keins. Mit dem Ärmel wischt sie die Nase ab. Dann zieht sie das Smartphone aus der Seitentasche des Rucksacks. Hat sie ihrem Vater geklaut, bevor sie abgehauen ist. Seine SIM-Karte einfach weggeschmissen, mit all seinen Kontakten. Hat sie kein müdes Arschrunzeln gekostet.
Sie googelt ‚Verwahrlosung‘.
Wikipedia kommt immer als erstes. Voll der Rotz, Wikipedia. Ist so. Nimmt sie nie. Sie nimmt einen Link von weiter unten. Irgendein Psycholexikon.
-Äußerliche Verwahrlosung, Vernachlässigung von Körperpflege, Kleidung, Ordnung u.a.
-Innere Verwahrlosung, entsprechend zur äußerlichen Verwahrlosung, v.a. bei Kindern und Jugendlichen, Nachlassen der sittlichen Ordnung.
Eule kann bei der Trixi im Keller waschen. Juckos Schlafsack neulich war vor Dreck so steif gewesen, den musste sie richtig reinklopfen. Seit er gewaschen ist, ist er nicht mehr richtig warm, behauptet Jucko.
„Dreck isoliert! Ist so!“
„Dann kotz halt rein! Piss ihn voll! Kipp Wein drüber!“ Sie hatten gelacht.
Nachlassen der sittlichen Ordnung. Mit Jucko geht sie meistens ins Gebüsch. Oder ein öffentliches Klo. Bei der Trixi geht nicht.
Äußert sich in launenhaftem Fleiß, Unzuverlässigkeit, Lügen, Stehlen, Schulschwänzen, Fortlaufen, sexueller Haltlosigkeit, Prostitution u.a.
Launenhafter Fleiß. Na. Wer hat schon immer Laune, fleißig zu sein. Wenn Eule am Bahnhof am Schnorren ist, rennen Leute mit grantigen Gesichtern vorbei, zum Zug, vom Zug, zur Arbeit, zerren ihre Kinder hinter sich her und schnauzen sie an.
Unzuverlässigkeit. Eule bringt Jucko jeden Morgen seinen Rotwein im Tetrapack, damit der keinen Flattermann hat nach dem Aufwachen, da ist sie megazuverlässig. Heut hat sie eine Überraschung für ihn. Sie fühlt die kalte große Flasche in ihrem Rucksack. Rotwein mit Korken. Hat ihr die Trixi geschenkt! Sogar einen Korkenzieher hat sie dabei. Nicht, das Jucko einen bräuchte, um eine Weinflasche aufzubekommen. Der hat geübt, der drückt den Korken mit dem Finger nach unten durch. Voll krass. Aber dann schwimmt der Korken halt drin, das findet Eule irgendwie ätzend. Grütze kann Bierflaschen mit seinen Zähnen aufmachen. Hat Jucko auch probiert. Ist gleich ein Stück Zahn abgebrochen. Sein Krankenkassenkärtchen hat er schon lang nicht mehr.
Lügen, Stehlen, Schulschwänzen. Hm. Lügt sie mehr als andere? Eules Vater ist Versicherungsvertreter. Der lügt, sobald er das Maul aufmacht. Eule hatte nach der letzten Dresche Blut im Urin gehabt. Da ist sie abgehauen.
Stehlen. Mit dem Geld von der Trixi kauft sie in der Norma ein und kocht für sie beide. Sie kümmert sich auch drum, dass die nicht völlig einmüllt, ihre Medikamente nimmt und so. Ist quasi ne Art Bezahlung.
Schulschwänzen. Okay.
Fortlaufen. Pff. Das war Selbsterhaltung gewesen!
Sexuelle Haltlosigkeit. Haltlos ist man, wenn man keinen Halt hat. In der Klasse hatten sie mal eine Austauschschülerin aus Amiland. Alyssa wollte Jungfrau bleiben bis zur Hochzeit. Auf die waren alle total scharf, die sah ein bisschen aus wie Britney Spears. Als die nach nem Jahr wieder nach Wisconsin geflogen ist, hatte die der Hälfte der Jungs in der Klasse einen geblasen.
Prostitution. Katinka ist Eules beste Freundin. Die hängt auch immer am Bahnhof ab und trampt oft rum. Immer dahin, wo grad Chaostage sind. Katinka hat neulich erzählt, beim Trampen hätt ihr einer angeboten, ihr fünfhundert Euro zu geben, wenn sie mit ihm schlafen würde. Fünfhundert Euro! Der fuhr nen Porsche Cayenne. Hatte nen Kindersitz hinten drin.
„Ich hab echt überlegt.“ Hatte Katinka gesagt. „Das war ein netter Typ. Ich mein, ich hab schon mit totalen Deppen gepennt, weil ich verknallt war. Und ich hatte überhaupt gar nichts davon. Fünfhundert Euro. Ich habs nicht gemacht. Eigentlich bescheuert. Aber soweit bin ich irgendwie doch noch nicht.“
Geht meist mit Dissozialität einher, aber nicht immer: Beruht oft auf ungünstigem Milieu, mangelnder Aufsicht, versagenden Vorbildern. Bezeichnung ist für die Anordnung der Fürsorgeerziehung von Bedeutung. Wird umrissen als erheblicher Mangel an körperlichen, geistigen oder sittlichen Eigenschaften, die als Ergebnis einer ordnungsgemäßen Erziehung vorausgesetzt werden.
Jucko regt sich. Muss gestern endlos gepichelt haben. Schon halb neun. Er brummt was zu Grütze, der brummt zurück. Jucko guckt nach oben, sieht Eule und grinst. „Na?“
Eule rappelt sich. Rauf auf die Mirabelle war einfach, runter ist ihr der Rucksack im Weg. Sie wirft ihn in die Wiese. Der Rucksack landet und es klirrt. Der Lambrusco!
„Scheiße!“
Erschrocken guckt sie Jucko an, der mit wenigen Schritten zum Baum gekommen ist. Jucko hat das Klirren auch gehört. Eule ist schon fast unten, da schubst er sie hart und sie fällt den letzten halben Meter vom Stamm rückwärts in die Mirabellen. Die untere Hälfte des Rucksacks färbt sich rasch dunkelrot. Jucko tritt wütend dagegen, dreht sich um und rutscht den Abhang wieder runter.
Er ist verkatert und unterzuckert. Das sind die Punks morgens ja alle.
Sie hat ihn am Bahnhof kennengelernt. Hatte ihm erklärt, dass er beim Schnorren viel mehr kriegt, wenn er die Bierflasche weg tut. Sie hatten diskutiert. Jucko wollte, dass die Leute mitbekamen, dass er die Kohle versaufen würde, das fand er konsequent. Konsequent und doof, fand Eule. Mitten ins Gespräch von Eule und Jucko war ein Mann geplatzt.
Krawatte, Aktentasche, Brille auf der Nase. Ob Jucko kurz Zeit habe.
„Hast Du kurz Zeit?“
Eule hatte erst gedacht, der Mann wär schwul und wollt Jucko anmachen.
„Lass mich in Ruhe.“ Jucko war blass gewesen, so wie jetzt, noch nicht schlau genug, sich einen Schluck Bölk bis zum nächsten Morgen aufzubewahren. Das lernen die erst mit der Zeit. Morgens mit nem Kater schnorren ist echt hart.
„Wir könnten raus in den Wald fahren.“ Der Mann hatte böse Augen, schob sich die Brille weiter die Nase hoch und machte einen Schritt auf Jucko zu. Der wich zurück.
„Geh weg! Lass mich in Ruhe.“ Juckos Stimme hatte geflattert.
Der Mann war noch näher gekommen. „Dann könnte ich dir mal ordentlich deine beschissene dreckige Fresse polieren.“
„Hey, spinnst du?“ hatte Eule entsetzt gerufen. Der Mann schubste sie einfach weg und sie fiel hin.
Grütze war dann gleich rangekommen. Der ist riesig. Er überragte den Mann um einen Kopf und war doppelt so breit. Grütze kauft immer beim Aldi Käsescheiben, wickelt Knoblauchzehen rein und frisst das, dann stinkt der aber sowas von brutalo.
Der Mann war angeekelt zurück gewichen und hatte die Nase gerümpft. Mit dem Finger hatte er auf Jucko gezeigt. Und ganz ruhig gesagt:
„Totschlagen könnte ich Dich dann, weißt du, totschlagen. Dann wär Ruh.“
Ging Richtung Gleise und war weg. Das Ganze hatte höchstens eine Minute gedauert.
„Was war das denn? Kennst Du den?“ hatte Eule gefragt.
„Mein Vater.“
Juckos Gesicht war ganz fleckig gewesen.

Eule zerrt ihren Schuh aus der Astgabel und steht auf. Ihr Knöchel schmerzt, sie hat sich wehgetan. Ihre Hose ist voller Mirabellenschmiere. Sie nimmt den Rucksack, aus dem Rotwein tropft und macht sich an den Abstieg in die tote Unterführung. Bei Jucko angekommen zieht sie eine Dose Jim Beam Cola raus.
„Überraschung.“
Sie dreht sich um und humpelt weg, er soll nicht sehen, wie ihr die Tränen in die Augen schießen. Sie hört, wie die Dose zischt und schäumt, als Jucko sie öffnet.
„Eule!“ ruft er und rülpst. „Eule!“
Sie zögert, überlegt, dann geht sie weiter.
„Eule!“
Sie bleibt wieder stehen.
Er legt seine Hand an ihre Wange, als er bei ihr ankommt.
„Schatz!“ sagt er. „Hey, Eule!“ Und er kommt mit dem Gesicht ganz nah an ihres. „Hey, sorry. Tut mir echt leid.“ Seine Stimme ist rau und sein Atem riecht nach Kotze und Cola. Er zieht am Kragen ihrer Jacke und nimmt sie fest in die Arme. „Hey, du riechst krass nach Mirabellen!“ lacht er ihr ins Ohr. „Ich mag Mirabellen. Die sind nicht so arrogant wie Kirschen.“
Eule denkt an das Sofa von der alten Trixi und an die keifende Nachbarin und an eiternde Wunden, die nicht heilen. Sie macht die Augen zu. Ihr ist kalt und seine Arme sind so warm. Und sein Gesicht.


Siebter Platz: Die Stadt mit Dächern aus Gold“, Denijen Pauljevic

Der Mann, der mir gegenüber saß, deprimierte mich wie die meisten Menschen, die mein Büro betraten. Mit seinen Erwartungen und Ängsten, mit Unglück und Entsetzen. Das Einzige, was ihn erträglich machte, waren seine Hände. Ruhig und kaputt. Wie meine eigenen. Zwei Finger fehlten ihm. Er schwieg, schien dem eintönigen Quietschen des Filzstiftes in meiner Hand zu lauschen, während ich die Lücken im Formular mit gewohnter Gleichgültigkeit ausfüllte.
„Mein elfjähriger Sohn hat Einladung zu Anhörung nach Zirndorf bekommen. Wenn er nicht kommt, wird Asylantrag schneller abgeschlossen und er wird abgeschoben. Alleine kann er nicht reisen. Ich darf ihn nicht begleiten, weil ich ohne Genehmigung Stadt München nicht verlassen darf. Und Genehmigung bekomme ich nicht. Wie soll das funktionieren?“, fragte der Mann wieder.
„Das haben Sie heute schon drei Mal gesagt. Gestern ebenfalls. Das Problem ist mir schon klar.“
„Ich werde jeden Tag hier kommen.“
Er bemühte sich, ruhig zu bleiben.
„Sie sind bei der eigenen Anhörung nicht erschienen, Sie haben die Einladung einfach ignoriert. Deswegen wurde Ihr Antrag im Schnellverfahren…“
„Der Brief wurde mir zu spät gegeben! Wir waren in anderes Heim versetzt!“
Ich ließ mich von der aggressiven Stimme nicht beirren und kritzelte weiter in den Unterlagen.
„Und wieder sind Sie unangemeldet gekommen, ohne Termin, obwohl ich Ihnen erklärt habe, dass da nichts zu machen ist.“
Er suchte vergeblich in den Taschen.
„Die Wartenummer brauche ich jetzt nicht mehr“, sagte ich. Er sank in seinem Stuhl zusammen, schien nicht zu atmen.
„Ich werde diesen Raum nicht verlassen!“, rief er aus.
„So machen Sie die ganze Sache unnötig kompliziert. Letzten Endes werden Sie nur noch schneller abgeschoben.“
„Das wollt ihr doch! Zwei von uns weniger!“
„Es gibt Regeln, die ich einhalten muss, um meinen Job zu behalten. Das ist alles.“
„Ja, Job. Behalte deinen scheiß-Job!“
„Seien Sie vernünftig. In Ihrer Lage ist es besser, nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Sie sind ohnehin selbst dafür verantwortlich, dass Ihr Fall…“
„Was soll ich machen? Schweigen, nichts tun?!“
„Gehen Sie nach Hause und schauen Sie, dass Sie jemanden finden, der Ihr Kind begleitet. Dazu müssten Sie einfach eine Vollmacht schreiben.“
„Ich kenne im neuen Heim keinen! Da sind alle verrückt!“
Ich spürte, dass er, wie die meisten Menschen die mir in meinem Büro gegenüber saßen, nicht so schnell aufhören würde, mit der verbissenen Uneinsichtigkeit gegen die geduldig ausgesprochenen Argumente anzukämpfen.
„Ich verstehe Sie… Ich war auch einmal in einer ähnlichen Situation“, sagte ich nach einem kurzen Zögern. Er starrte mich an.
„Vor fünfundzwanzig Jahren bin ich selbst geflüchtet, während der Jugoslawien-Kriege.“
Ich zeigte ihm meine verformte Hand.
„Und zu meiner Zeit gab es keine unterstützende Programme für Asylbewerber, so wie heute. Keine Alphabetisierungskurse, keine Rückkehrprojekte und so weiter.“
„Du siehst aus wie Deutscher“, sagte er.
„Sie haben mich angestellt, weil ich das richtige Diplom habe und auch selbst Flüchtling gewesen bin.“
„Wie hast du es geschafft, hier zu bleiben? Ich bin seit vier Jahren in Deutschland, nichts geht.“
„Ich habe gearbeitet, Geld gespart. Und eine deutsche Frau geheiratet. So konnte ich bleiben.“
Sein Blick entspannte sich ein wenig. Wir schwiegen, ich blätterte in seinen Akten. ‚Bleib da sitzen und rühr‘ dich nicht von der Stelle! Hier hast du das Wasser, mehr brauchst du nicht. Hast du verstanden? Rühr dich nicht!“, hatte einmal meine Mutter gesagt, bevor sie einkaufen ging. Ihre Schritte verstummten allmählich. Eine Nachbarin hustete. Unser Hund knurrte. Draußen, in der Mitte des dumpfen Verkehrsrauschens, quietschende Bremsen. Ich war sechs Jahre alt. Ich starrte auf meine nackten Knie. Nur einmal warf ich einen Blick auf das Glas Wasser auf dem Tisch vor mir. Es waren schwere Zeiten, der Krieg, man musste für Grundlebensmittel stundenlang anstehen. Als meine Mutter nach Hause kam, packte sie mich an der Schulter und sah mich entgeistert an: ‚Du hast dich tatsächlich nicht bewegt! Ich war zwei Stunden weg! Nicht einmal das Wasser hast du angerührt, du Irrer!‘
„Kannst du mir sagen, was ich machen soll?“, fragte der Mann.
„Ich weiß es wirklich nicht. Ich bringe nicht solche Entscheidungen. Aber ich bin mir ziemlich sicher – weder Sie, noch ihr Kind haben eine Chance auf eine Anerkennung.“
Ich zögerte. Der Stuhl meiner Kollegin war leer. Aus dem Gang drangen Stimmen und Schritte Wartender in den Raum.
„Versuchen Sie es in einem anderen EU-Land. In den Niederlanden, zum Beispiel, sind die Chancen Asyl gewährt zu bekommen viel besser.“
Er senkte den Kopf.
„Damals war ich eine Zeitlang sogar illegal hier, ein geflüchteter Deserteur. Ich verstehe Sie, ich erinnere mich an das Gefühl“, log ich. Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich war abgestumpft. Ich war gerettet. Der Mann starrte mich angewidert an.
„Hast du Kinder?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Dann kennst du gar nichts, kein Gefühl“, sagte er traurig. Ich wanderte mit dem Blick über den Schreibtisch mit akkurat geordneten Büroutensilien. In der Mitte das Quietschen des Stiftes in meiner Hand, die wieder sinnlose Kreise drehte.
„Ich kann da wirklich nichts machen.“
Der Mann saß wie versteinert vor mir. Ich hörte auf zu schreiben. Als ich vor fünfundzwanzig Jahren den Asylantrag gestellt hatte, war mir ein bedrucktes Blatt Papier ausgehändigt worden, mit der Überschrift: ‚§10 Asylverfahrensgesetz vom 26.06.90‘. Unter ‚Zustellungsvorschriften‘ entdeckte ich einen besorgniserregenden Satz: ‚Der Ausländer hat während der Dauer des Asylverfahrens vorzusorgen, dass ihn Mitteilungen des Bundesamtes, der zuständigen Ausländerbehörde und der angerufenen Gerichte stets erreichen können. Kann die Sendung dem Ausländer nicht zugestellt werden, so gilt die Zustellung mit der Aufgabe zur Post als bewirkt, selbst wenn die Sendung als unzustellbar zurückkommt.‘ Und ein Satz war mir nicht verständlich, obwohl ich ihn mehrere Male gelesen hatte. Es gelang mir einfach nicht, seine Komplexität zu durchschauen: ‚Der Ausländer muss Zustellungen und formlose Mitteilungen anderer als der in Absatz 1 bezeichneten öffentlichen Stellen unter der Anschrift gegen sich gelten lassen, unter der er nach den Sätzen 1 und 2 Zustellungen und formlose Mitteilungen des Bundesamtes gegen sich gelten lassen muss.‘ Gegen, gelten – das klang beunruhigend. Und die serbokroatische Übersetzung darunter war wirr.
Ich war erstaunt, dass ich mich auf einmal so kristallklar an den Moment erinnern konnte, vor allem an das Schreiben der Ausländerbehörde. Wahrscheinlich, weil mir diese Sätze in den letzten Jahren immer wieder, in einer ähnlichen Ausführung, begegnet waren. Bloß, dass ich sie nicht bewusst wahrgenommen hatte.
Das Schweigen wurde unerträglich.
„Es ist alles so schwierig… Ich hätte gerne meine Ruhe. Angeln, weit weg von der Küste. Wo ich nur das Wasser um mich herum habe. Keine Berge, keine Wälder, Bäume, Menschen, Schiffe…“, erzählte ich. Plötzlich sprang der Mann schreiend auf und warf meinen Tisch um. Die Stifte und Blätter segelten durch den Raum.
„Angeln, Ruhe, Schiffe!“, schrie er. Er trat auf die Formulare, sah sich um und zog an den Schränken mit den Akten. Es gelang ihm nicht, sie zu bewegen, sie waren an der Wand festgeschraubt. Er begann, die Ordner rauszuziehen. Ich richtete mich auf. Die Tür schlug gegen die Wand, zwei Security- Leute stürmten den Raum. Sie warfen ihn auf den Boden und fesselten ihn, ohne ein einziges Wort zu sagen. Ihre Mützen schienen den Raum zu füllen und den Mann zu verdecken. Er ließ alles über sich ergehen, ohne sich zu wehren. Ganz kurz hörte man ihn wimmern.
Nachdem sie ihn hinausgeführt hatten, verließ ich das Büro und schloss die Tür ab. Der Warteraum war voll. Alle starrten mich an. Ich fühlte mich verlassen und orientierungslos zwischen den Blicken und Stühlen. Ich eilte auf die Toilette und schloss mich in einer Kabine ein. Aber ich fühlte mich immer noch entblößt. Wie früher, nachdem meine Mutter mich in den Kindergarten gebracht hatte. Im Schlitz unter der Tür sah ich ihre Schuhe auseinanderstieben. Schrille Kinderstimmen, blendendes Neonlicht, Geruch von abgestandenem Brei, buntes Spielzeug, darunter auch Panzer, Plastiksoldaten und Hubschrauber. Sie kreisten mich ein, schlichen sich an mich heran. Sie spürten, dass ich ihnen nicht entkommen würde. Je näher sie kamen, desto lauter wurde ihr Fauchen, sie ließen mich ihren Geruch spüren und zeigten mir ihre Farben. Aber sie berührten mich nicht, sie gönnten mir einen kleinen Kreis, in dem ich meine Runden drehen konnte. Ich fror und meine Haut wurde allmählich taub. Ich spürte sie kaum, als gehörte sie nicht zu meinem Körper. Ein dicker Lederanzug, der sich schwer auf mich legte…
In der Toilettenkabine roch es nach einem Zitrusputzmittel. Von der Decke hing eine Glühbirne. Die Wände waren grau und sauber. Es waren Konturen und Buchstaben eingeritzt worden, es hatte Zeichnungen gegeben, aber sie waren ausgebleicht und fast unkenntlich gemacht worden. Die Tür war ebenso grau und blank gescheuert. Plötzlich sah ich vor mir die Tür der Zelle, in der ich vier Monate verbracht hatte. Achtundzwanzig Schrauben. Keine Schlitze in den Schraubenköpfen. Der Boden mit Wasser bedeckt. Meine Stiefel waren durchnässt. Ich zog sie aus und legte mich auf die Holzbank. Mein Rücken entspannte sich, endlich würde ich einschlafen. Die Glühbirne blendete mich und ich bedeckte die Augen mit dem Arm. Seit sechs Stunden in Einzelhaft. Das Trinkwasser würden sie mir bald bringen, hatte der magere Soldat gesagt. In die metallene Toilettenschüssel in der Ecke konnte ich mich entleeren. Sie war zerbeult und verrostet. Aber kein Geruch. Der Raum wirkte harmlos. Ich dachte an nichts. Der Soldat kam herein und setzte sich neben mir auf die Bank. Seine Haut glänzte ungesund, leicht gelblich, als hätte er sich etwas eingeworfen.
„Ich war ein Schreikind. Ein Scheißkind. Ich drangsalierte alle“, erzählte er – „In der dritten Klasse wog ich fünfundvierzig Kilo, war einssechzig groß und verprügelte die Sechstklässler. Meine Mutter schenkte mir damals kleine Plastiksoldaten. Ich spielte Tag und Nacht mit ihnen. Ich war konzentriert, dachte mir Taktiken aus, ich war kreativ. Ich schnitt ihnen die Glieder ab. Und manches Gesicht. Hier eine Nase, dort ein Knie. Aber die Soldaten fielen nicht auseinander, die Reste ihrer Körper, die Füße und Hände, Unterschenkel und Unterarme, klebten an den Gewehren. Unzerstörbar. Sie wurden bloß unsichtbar. Lautlos verschwanden sie, nach und nach, ohne zu leiden. Sie waren immer noch da, irgendwo im Raum, um mich herum, bereit zum Angriff. Ich schnitt mir selbst die Glieder ab und wurde unsichtbar. Die Augen verabschiedeten sich von alleine. Blinde Soldaten schießen besser, das wusste ich sofort, ihre Kugeln haben Glück. Ich werde in den Krieg gehen. Ich will gestalten und beitragen. Ich bin ein guter Kerl. Keiner kann mich aufhalten, weil mir alles egal ist. Ich kann jedem Angriff ausweichen, denn mir fehlen die Augen, mir fehlen Körperteile. Ich bin unzerstörbar und schön. Keine Kugel trifft mich, kein Mensch sieht mich, kein Mensch liebt mich. Kein Mensch ist so gut wie ich.“
Plötzlich sprang er auf und sagte, dass die Einzelhaft beendet war und dass meine Mutter draußen auf mich wartete. Er erlaubte mir, mich zu rasieren und gab mir, zu meiner eigenen schäbigen Kleidung, ein neues Sakko, eine Krawatte und einen Hut. Ich zog mich schnell an und achtete darauf, dass so wenig Falten wie möglich zu sehen waren. Ich versuchte, eine tapfere Grimmasse aufzusetzen, damit meine Mutter sich so wenig Sorgen wie möglich machte wegen meinem Aussehen, wegen dem zerrnarbten Hals und der entstellten Hand. Ich übte, zwinkerte dem Spiegelbild immer wieder zu. Der Soldat und ein Militärpolizist begleiteten mich zum Ausgang, durch die langen, vermüllten Korridore. Wir schienen im Kreis zu gehen, immer und immer wieder durch die gleichen Gänge, die sich allmählich zu einem Labyrinth verflochten. Der Durchzug fegte uns Staub in die Augen. Ich machte mir Sorgen wegen meinem Anzug. An der Ausgangstür angekommen, sagte der Militärpolizist, er habe es sich anders überlegt. Diesen Prozess machte ich in den nächsten Wochen drei Mal durch, und jedes Mal glaubte ich bis zum letzten Moment, sie würden mich entlassen. Beim dritten Mal teilte mir der Militärpolizist, als ich das Sakko zurückgeben musste, dass meine Mutter umgekommen war.

*

Das Zugabteil war leer. Der Junge und ich sahen aus dem Fenster. Das verregnete Flachland. In der Ferne die zitternde Horizontlinie.
„Müssen mein Vater und ich aus München weg?“, fragte der Junge nach einer Weile.
„Gefällt es dir hier?“
„Eigentlich schon.“
„Warum?“
„Weil… Ich meine Ruhe habe.“
Ich lachte.
„Wozu braucht ein Junge in deinem Alter seine Ruhe?“
„Einfach so. Und ich mag die neue Schule.“
„Hast du schon Freunde gefunden?“, fragte ich. Er zuckte mit den Schultern.
„Vorgestern hat einer Sachen über meinen Vater gesagt, ich weiß nicht mehr genau, und ich bin los auf ihn, es war vor der Küche, ich wollte ihm auf die Fresse geben, aber es hat nicht geklappt, jemand hat uns auseinandergezogen.“
Ich nickte. Eine Zeitlang schwiegen wir.
„Wie ist Zirndorf?“, fragte er. Ich überlegte.
„Mein Vater hat von Honigstraßen und goldenen Dächern erzählt. Er spricht mit mir so, als wäre ich fünf Jahre alt“, sagte er noch.
„Mag sein, dass es im Sommer tatsächlich so ist. Aber jetzt, im November, sieht die Stadt eher wie eine Regenpfütze aus.“
Der Junge lächelte und sah mich prüfend an.


Siebter Platz: Fremde Sprachen“, Barbara Rindisbacher

An jeder Hand ein Kind, weicht Sofie dem Traktor aus. Die Bäuerin am Zaun winkt und lädt zu selbstgepresstem Apfelsaft. Die Kinder fliegen ihr entgegen, leeren Glas um Glas, schwirren durch den Garten. Sofie sitzt stumm, gefangen in ihrer Unruhe. Fängt den Blick der Nachbarin auf und ver¬sucht ein Lächeln. Jetzt den Kopf auf den alten Holz¬tisch le¬gen. Die raue Hand auf dem Haar spüren. Einen Augen¬blick nur. Sofie steht auf, ruft die Kinder. Verabschiedet sich.

Am Abend setzt Regen ein. Auf dem Herd Erics Lieblingses¬sen, ein Poulet Curry. Sofie wird es aufwärmen, wenn ihr Bruder duscht. Sie stellt sich ans Fenster, schaut in die Dunkelheit. Wartet auf Eric, wie jedes Wochenende seit er wieder in der Klinik ist. Die regelmäßigen Atemzüge der Kinder hinter der halboffenen Zimmertür machen sie ruhig. Sie stellt sich vor, wie Eric im Bus Men¬schen an¬redet. Wie die meisten verständnislos den Kopf schütteln. Sich ab¬wenden. Wie er innerlich trium¬phiert, denn je¬des Abwen¬den bringt ihm einen Punkt. Nach drei Punkten wechselt er die Spra¬che.
Was für ein Spiel, denkt sie. Erics Spiel.

Vielleicht hat er gar nicht den Bus genommen. Läuft ge¬rade über matschige Felder wie schon oft, verschwitzt und durch¬nässt vom Regen, der ihn nicht stört. Du könntest meinen, der Teufel stecke in den fremden Wörtern, hat er kürzlich grinsend zu ihr gesagt und das Essen in sich hineingeschaufelt. Sofie hat nicht bei ihm sitzen mögen. Sie fürchtet die Redeschwalle, die sich in ihrer Küche entladen. Ebben sie langsam ab, ist ihr, als klebten Erics Wörter auf den weißen Fliesen hinter der Spüle fest.

Als ihr Blick auf die Uhr fällt, erschrickt Sofie. Es ist spät. Sie sucht die zerknitterte Notiz in ihrer Nacht¬tischschub¬lade: Einmal komme ich vielleicht nicht. Nur damit du Bescheid weißt, liest sie. Sofie weiß Bescheid.

Nach Wochen endlich eine Karte aus Berlin. Vor dem Tacheles ein alter Trabbi. Wo einst Sitze waren, jetzt Unkraut und Erde. Wild leuchtet die Kapuzinerkresse. Eric schreibt, er arbeite als Parkwächter. Er habe ein Zimmer gefunden. Er nehme seine Medika¬mente. Er esse regelmäßig. Er trinke kaum. Er schlafe nachts. Er träume selten. Er grüße alle. Neben der Briefmarke grinst ein hin ge¬kritzeltes Toten¬schädelchen.
Am Telefon klingt der Bruder fremd. Sofie hört der Stimme nach. Achtet kaum auf seine Worte. Im Sonnenstreifen über dem Tisch tanzt der Staub. Sie schiebt Erics Karte in die Helle, schaut auf das Kapuzinerleuchten. Er komme bald zurück. Er nehme sein Stu¬dium wieder auf, hört sie. Auf der sonnenüber¬fluteten Terrasse springen die Kinder ins Planschbe¬cken. Die Hand über den Augen, tritt sie zu ihnen.

Der Anruf durchdringt Sofies dünnen Schlaf. Verkehrsunfall auf der deutschen Autobahn. Schädel¬hirn¬trauma, sagt die freundli¬che Stimme. Koma, hört Sofie. Und: nicht sicher, dass der junge Mann überlebe. Mit ei¬nem Fernfahrer auf dem Weg in die Heimat, habe er während einer Kaffeepause die Abschrankung überklettert und die Autobahn betre¬ten.

Zitternd macht sich Sofie eine Tasse Tee und betritt das Kin¬derzimmer. Der vertraute Duft nach aufgestoßener Milch und feuchtem Kinderhaar gibt ihr Sicherheit. Das Hämmern im Kopf stoppt er nicht. Sie setzt sich aufs Sofa und zieht eine Wollde¬cke über sich.
Glaubst du an all den frommen Kram, glaubst du an diesen da oben? Erics Stimme schneidet durch ihr Hirn. Sofie presst die Handflächen an die Schläfen. Gerne hätte sie einen Knopf gedrückt und den Wortfluss abge¬würgt. Wie die Stimme eines Radiosprechers, die einem lästig wird in ihrer vermeintli¬chen Dringlichkeit.
Sie sieht Eric vor sich wie er freudestrahlend auf sie zukam, als er zum ersten Mal in der Klinik war. Er redete und redete. Sie erfuhr seine Nacht¬gedanken und ging im Rhythmus seiner Schritte mit ihm über die Brü¬cken der Stadt. Er kannte jeden Flussübergang. Die Helvetiabrücke sei die beste. Das sei unzählige Male bes¬tätigt, sagte er beschwörend und fing mit schmalen Augen ihren angstvollen Blick auf. Mit langen Schritten durchmaß er das Zimmer. Als Sofie sich ihm in den Weg stellte, schob er sie zur Seite, wie eine Zimmer¬pflanze, die ungünstig platziert ist. Ihre Argu¬mente fürs Leben prallten an ihm ab. Sofie spürte den Strudel, in dem er sich drehte, ge¬dreht wurde, fühlte den Boden unter den eigenen Füssen wanken, kämpfte um festen Stand.
Die meisten anti¬ken Brücken waren reine Holzkonstruktionen, dozierte er. Da täuscht man sich leicht. Mit der Industria¬lisierung kamen Beton und Stahl. Die Verbindung der beiden wird durch einen ähnlichen Wärmeaus¬dehnungskoeffizienten ermöglicht. Mit großen Gesten unter¬strich Eric seine Ausfüh¬rungen. Sofies bisher unerschütterliche Hoffnung fühlte sich zum ers¬ten Mal dünn und brüchig an.

Sofie bezwingt die Bilder, trinkt den kalt ge¬worde¬nen Tee aus und fängt an zu packen. Während sie eine Bluse faltet, bellt Erics Stimme weiter in ihrem Kopf. Wo ist Mutter jetzt?, hört sie ihn ins knapp möblierte Kli¬nik¬zimmer hin¬ein schreien. Bei dem da oben vielleicht? Hat der ihr etwa ge¬holfen? Sag! Er hatte So¬fie mit dem Ellbogen grob angestoßen. Verrecken ließ er sie! Seine Stimme wurde lauter. Über¬schlug sich. Und du, was ist mit dir? Glaubst du an den ganzen frommen Kram? Hä? Er fuchtelte mit bei¬den Händen in Rich¬tung Zimmerdecke, be¬gann zu stampfen, zu brüllen und sein glaubst du?, glaubst du? knallte von den kühlgrauen Wänden zurück und krachte auf sie nieder. Die Tür flog auf, zwei Pfleger eilten mit Beruhi¬gungsspritzen auf Eric zu, zerrten ihn zum Bett, gurteten ihn fest. Ein Pfleger fasste Sofies Arm, geleitete sie zur Liege in der Zim¬mer¬ecke, half ihr, sich hinzule¬gen, breitete eine Decke über sie. Sie schaute in seine fremd geschnittenen Augen und hörte sich sa¬gen: Ich kann ihn nicht aufhalten.

Benommen geht Sofie durch die morgengraue Wohnung. In der Küche streicht sie sich ein Brot. Als die Nachbarin an die Tür klopft, ist der Morgen noch kühl. Sofie streicht den schlafenden Jungen übers Haar, die beiden Frauen umarmen sich und sie fährt los, um ihren Vater abzuholen. Er zittert, als er Sofie begrüßt. Sie hilft ihm in den Wa¬gen. Schwei¬gend passieren sie die Grenze.
Vaters Arm in ih¬rem ist stocksteif, als sie hinter der Pflegerin her¬gehen. Lang und sehr schmal ragt Erics Nase aus dicken Verbänden. Das winzige Totenschädelchen im rechten Ohr grinst.
Sofie löst Vaters Arm aus ihrem und tritt ans Bett. Mit zwei Fin¬gern streicht sie sachte über Erics rechte Hand, die wie arran¬giert auf der Decke liegt. Als sie sich nach ihrem Vater umdreht, schiebt der alte Mann seine Baskenmütze von der einen Hand in die andere. Tränen laufen ihm über Wangen und Hals und versickern im gestreiften Hemdkra¬gen. Sofie schaut ihn an. Er¬wartet ein Schniefen, Schlu¬cken. Aber Vater weint ganz und gar laut¬los und die Stille seines Weinens fügt sich ins Weiß des Raumes, passt zu Erics Hand, legt sich dar¬über wie eine Lieb¬ko¬sung.
Dass Eric sich jeder Arbeit widersetzte, muss Vater als Schwerarbeiter tief gekränkt haben, geht es Sofie durch den Kopf, die weiter immer vom Handgelenk her über Erics Handrü¬cken streicht. Der Vater glaubt bis heute an die Heilkraft der Ar¬beit. Doch der Junge trotzte seinem Poltern. Das Flehen der Mutter sperrte er aus. Nur seiner Schwester öffnete er aufs ge¬heime Klopf¬zeichen die Zimmertür. Zusammen saßen sie auf seinem Kinderbett. Erzähl mir vom Le¬ben, erzähl mir vom Tod. Was wusste sie schon? Sie war sechzehn. Sie wünschte sich einfa¬chere Fra¬gen. Sie wünschte sich sein lachendes Gesicht, dumme Streiche, leichte Lieder. Wie gerne hätte sie Fe¬derball gespielt mit ihm. Und gelacht. Richtig. Doch sie wusste nicht wie.

Nach Wochen erwacht Eric in einem Krankenhaus seiner Heimat¬stadt aus dem Koma. Als Sofie ihn besucht, drohen rauschende Wortkas¬kaden sie wegzuschwemmen. Mit ihrem Schweigen wider¬setzt sich Sofie den Schwallen. Dem aggressiven Blick hält sie stand. Zwingt den geifernden Bruder auf die mage¬ren Beine. Schiebt ihn unter die Dusche. Er lässt es zu, sinkt in einer Ecke zu¬sammen, wird still, als sie das Wasser anstellt und es ihn warm überrieselt. Sofie starrt auf die zusammengekauerte Gestalt, streckt die Hand aus, nimmt sie zurück. Sieht die Ma¬gerkeit des Kör¬pers und sein Weiß und an der Krümmung des Rückens, der zuckt und auf und ab stößt, die Verzweiflung, gegen die das Wasser nichts vermag. Durchs Rauschen drin¬gen Töne an Sofies Ohren, die sie an das Quie¬ken junger Wild¬schweine im Tierpark erinnern. Sie werden lauter, stei¬gern sich zu einem Heulen und ihr wird so weh, dass auch sie sich zusammenkrümmt und den Kopf in den Armen vergräbt. Sie kippt zur Seite hin, die Arme vor dem Gesicht, kann die Tränen nicht aufhal¬ten, das Wimmern nicht stoppen, kann nicht auf den Bru¬der horchen, ihn nicht im Auge behalten, kann nicht aufstehen, sich nicht kümmern. Kann nicht.
Als nasskalte Finger über Sofies Gesicht tasten, rappelt sie sich hoch. Holt Ba¬detuch und Schlafanzug für Eric. Hilft ihm ins Bett. Rub¬belt sein Haar trocken, cremt sein Gesicht ein, gibt ihm einen Kuss auf die Wange und verab¬schiedet sich. Gute Nacht, sagt er klar verständlich. Und danke. Für den Moment Weiß Sofie ihren Bru¬der geret¬tet.

Bewegungstherapie, Stimmtherapie, Ergothe¬rapie, Logopädie. Sofie gleicht ihren Tagesrhythmus mit Erics Programm ab. Die Kinder sind auf dem Bauern¬hof in guter Obhut. Meistens hastet sie die Treppen hoch in den siebten Stock des Krankenhauses. Ein Aufzug steht selten bereit. Sie will keine Zeit verlieren. Auch sie trai¬niert mit Eric.
In seinem Zimmer sitzen sie sich gegenüber. Wir sind Ge¬schwis¬ter, sagt Sofie. Du bist meine Schwester, sagt Eric und nimmt ihre Hand. Und du bist mein Bruder, ant¬wortet sie und legt ihre andere Hand darüber. Wir sind Ge¬schwister, sagt Eric und seine linke Hand kommt zu¬oberst auf den kleinen Hand¬berg zu liegen. Still schauen sie sich in die Augen. Manch¬mal spürt sie ein kleines Zittern in den Fingern. Eric merkt es und sagt langsam: Bonjour ma soeur. Sie beginnen von vorne und oft denkt Sofie dabei an den Philoso¬phiestudenten, der ihr Bruder einmal ge¬wesen ist. Der eines Tages überra¬schend sein Studium abbrach und wieder beim Vater einzog. Er wolle ihm im Betrieb hel¬fen. Der alte Herr soll endlich merken, dass ich ar¬beiten kann, sagte er.

Zu Sofies Überraschung ist ihr Bruder seit dem Unfall immer pünktlich. Pünktlichkeit erwartet er auch von ihr. Er will genau wissen, wann sie das nächste Mal komme und notiert die Zeit in ein Notizbuch. Ist sie ein paar Minu¬ten früher, spricht er nicht mit ihr, bis die Zeit stimmt. Again too late, massregelt er sie mit scharfer Stimme, wenn sie sich auch nur um ein paar Augenblicke verspätet. Staunend be¬trachtet Sofie ihren Bruder.

Herr der Sprache werden, will ich, schnaubt Eric sie wütend an, als sie eines Morgens in sein Zimmer tritt. Sofie greift begüti¬gend nach seinem Arm. Das bist du doch längst wieder, Eric, will sie sa¬gen, doch Eric schleudert ihre Hand von sich und schreit: Sag nichts, du! Bin NICHT ICH. Merkst du denn nichts, du dummes Huhn? Wo hast du deine Augen? Siehst du Eric? Nur noch Flickwerk aus zusammengekratzten Resten bin ich. So lebt keiner! Erics Verzweiflung ent¬lädt sich im splitternden Holz des alten Stuh¬les hinter der Tür.
Sofie verstummt. Mit verzerrtem Gesicht steht ihr Bruder mit¬ten im Zimmer. Als er jetzt auf sie zukommt, mit diesem staksigen Gang, den er seit dem Unfall hat, die Arme ausgestreckt, kostet es sie große Anstrengung, ihre eigenen Arme zu heben und um ihn zu le¬gen. Steif wie ein Brett steht er in ihrer Umarmung. Äußerlich beinah wieder hergestellt. Im In¬nern ein Fremder. Neu verkabelt, falsch ange¬schlossen, umgepolt, denkt sie. Nicht leb¬bar. Das hat sie jetzt verstanden.

Und versucht es doch noch einmal. Am nächsten Tag in der Cafeteria. So ist das doch nicht, Eric. Du bist kein Flickwerk. Du hast wieder gehen, sprechen, pfeifen ge¬lernt. Du kannst über¬legen, kannst deine Fremdsprachen noch, du weißt wieder, ob Morgen oder Abend ist und welcher Tag. Es braucht nur Gedu…
Da schlägt Eric zu.

Schmerzstiche im Kopf, steht Sofie benommen auf und taumelt an den dicht besetzten Ti¬schen vorbei zum Ausgang. Soll er doch…, die Brücken…, dieser Verrückte, soll er doch, sie mag nicht mehr, hat genug von diesem Frem¬den. Kann nicht länger an ihn glauben. Es gibt nichts mehr zu glauben.
Sie fährt mit dem Aufzug auf die Dachter¬rasse. Der Wind greift ihre Haare, reißt ihr Tränen aus den Augen. Sie setzt die Son¬nenbrille auf. Spürt nicht ihre eiskalt inein¬ander verknoteten Finger, nicht das warme Rinnen auf den Wangen, hört sich nicht schlucken, steht, ver¬steckt hinter den dunkel getönten Glä¬sern.

Ein paar Tage später kommt sie auf die Abteilung, sie kann es nicht lassen und sucht ihren Bruder ver¬geblich im Therapie¬raum. Im Gang ist es still, aus den Zimmern dringt kein Laut. Als sie endlich Erics Zimmer erreicht, ist der Bru¬der nicht da. Sein Nachttisch leer. Keine Tasche im Schrank. Ihr Herz rast, sie rennt durch den Korridor. Im Personal¬zimmer niemand. Sie fasst sich an den Hals, wo sind die Menschen? Endlich die blonde Pflegerin. Sie schaut Sofie in die Augen, bleibt vor ihr stehen und sagt leise: Es tut mir leid, wir konnten Sie noch nicht be¬nachrichti¬gen. Gerade sind sie abge¬fahren. Sofie schaut in graue Pupillen, kann das sein, nein, Pupillen sind doch schwarz, aber es gibt nichts was es nicht gibt. Eric? fragt sie und hört ihre Stimme krächzen. Er wollte sich aus dem Fenster stürzen. Er versuchte, die Sicherung zu öffnen, er ist in fremde Zimmer gegangen und hat an den Fenstern gerüttelt und weiter unten gibt es keine Siche¬rungen, da kann er es tun. Zum Glück konnten wir es ver¬hindern, sagt die Blonde und Sofie glaubt ei¬nen befriedigten Unterton her¬aus¬zuhö¬ren. Sie schaut immer noch in die fremden Pupillen und fragt leise: Wo ist Eric jetzt? In der geschlossen Ab¬teilung der Psychiatrischen Klinik. Sie ken¬nen sie ja. Sie können jeder¬zeit zu ihm.

Sofie schlingt ihren Schal fester um den Hals und steigt in den Bus. Die Klinik liegt am Stadtrand. Die Allee lang wie eh. Sie will ihren Bru¬der se¬hen, ihn in den Arm nehmen, ihm sagen, dass alles gut kommt. Will ihm die Zeichnungen geben, die ihre Kinder gemalt haben. Auf der einen steht: wir warten jeden Tag auf dich. Und Globi wartet auch.

An einem Tag im Herbst begleiten Sofie und ihr Vater Eric in die leer stehende Dachwohnung in Vaters Haus. Endlich frei, sagt er und lacht. Er findet eine Stelle bei der Post. Seinen Haushalt hält er in fast pingeliger Ordnung. Auf dem Küchentisch stets ein Blumenstrauß. An die Wand gepinnt die Zeichnungen sei¬ner Neffen. Er liest sämtliche philosophi¬schen Werke aus seiner Studienzeit und schreibt Gedichte. Er raucht viel. Er spricht we¬nig, manchmal liest er ihr ein Gedicht vor oder erzählt ihr seine Träume.
Wenn Sofie mit den Kindern durch den Nebel stapft, kommt Eric gern mit. Unter den raschelnden Blätterhaufen suchen sie nach den letzten matt gewordenen Kastanien, wel¬che die Buben vor sich her kicken. In den Gärten leuchten Astern. Die heiße Schokolade am großen Küchen¬tisch der Nachbarin viel süßer als Sofies.

Der erste Schnee.

Nach Vaters Anruf im Kopf die Stille. Die Hände eiskalt. Die Nebellichter des Busses durchpflügen dickes Grau. Im weit ab¬gelegenen Gebäude der Gerichtsmedizin der alte Mann allein im ungeheizten Vorraum, den Blick zu Boden gerichtet. Die Basken¬mütze geht von einer Hand zur andern. Als Sofie auf ihn zutritt und eine Hand leicht auf seine Schulter legt, hebt er den Kopf ein wenig an. Du bringst Nebel mit, sagt er. Und: Ja, sagt er. Ja. Und steht. Tränen¬los.


Zehnter Platz: Knallfrosch“, Elisa Helm

Nasse Blätter kleben am Fenster, es stürmt, und als der Knallfrosch nicht zur Schule kommt, nicht zur ersten Stunde, nicht zur zweiten, und zur dritten auch nicht, fragen seine Mitschüler sich erst gegenseitig und dann fragen sie Anton. Der hat ihn nämlich gestern noch gesehen. Hat ihn besucht, wegen der Schülerzeitung, wegen der Geschichte, die er dafür haben wollte, und die er sich so gut vorgestellt hat, weil es eine war, die auch richtige Journalisten interessierte.

„Hat er denn was gesagt? Irgendwas?“, fragen die anderen und bleiben auch nach dem Pausenklingeln im Klassenraum sitzen, weil es nicht nur stürmt, sondern auch regnet, Tropfen, Blätter, Eicheln, und Anton beginnt mit „Na ja …“ und spricht dann nicht weiter und schämt sich, weil, na klar hat der was gesagt und Anton hätte eigentlich auch was sagen sollen. Das weiß er jetzt.

Gestern um kurz nach halb sieben hat er beim Knallfrosch geklingelt. Ob er jetzt kurz vorbei kommen könnte, hat er vorher bei Facebook gefragt, bald war Redaktionsschluss, er bräuchte die Geschichte jetzt und na ja, weil er ja auch in der Nähe wohnte und überhaupt. „Passt“, hat der Knallfrosch geantwortet, kurz und knapp. Ob er es gut fand, oder nicht, oder es ihm ganz egal war, das konnte Anton nicht herauslesen.

Knallfrosch wohnte in einem wirklich, wirklich großen Haus. Einem Schloss fast. Alles ganz neu, Mit Kameras gesicherte Mauern und ein Tor darin, das automatisch und geräuschlos geöffnet hat, kurz nachdem Anton geklingelt hat, sauber geharkter Kies dahinter, zwei silberne BMWs, die vor fallenden Kastanien geschützt unter dem Carport standen und bodentiefe Fenster, hinter denen das Licht ganz warm war. Eine Mutter, die die Tür in schwarzem Samt geöffnet hat, freundlich aber nicht konzentriert gelächelt hat und dann zwei schlanken hellgrauen Hunden, die nur geguckt, aber nicht gebellt haben, gesagt hat, dass sie sich hinsetzen sollen. Sie haben aufs Wort gehorcht.

„Wir haben gerade Besuch da“, hat die Mutter von Knallfrosch gesagt und sich die langen dunklen Haare hinter die Ohren geschoben. „Ich weiß gar nicht, ob Tom da ist.“
„Müsste er“, hat Anton gesagt: „Wir sind verabredet.“
„Na dann“, die Mutter vom Knallfrosch hat eine einladende Bewegung ins Haus gemacht, in eins mit spiegelndem Boden, mit hohen Decken, mit Kronleuchtern, mit leiser Musik.
„Treppe rauf“, hat sie gesagt, sehr nett, und sich dann entschuldigt, um wieder ins Wohnzimmer zu verschwinden. Der Besuch.

Knallfrosch wird Knallfrosch genannt, weil er mal so einen angezündet hat, in der vierten Klasse. Der hat drinnen viel lauter geknallt als draußen und dann haben ein Heft und ein Turnbeutel gebrannt und alle mussten dann raus und ein paar Kinder haben geweint und der Knallfrosch hat ziemlichen Ärger bekommen. Seine Eltern wurden dann in die Schule gerufen, aber es hat ein bisschen gedauert, bis sie wirklich gekommen sind, weil sein Vater auf Geschäftsreise war und von der erst mal wieder zurück sein musste, und als die beiden dann doch kamen, sahen sie ganz neutral und nett aus, so, als würden sie an einem Wochentag ins Restaurant um die Ecke gehen und nicht zu einem Gespräch, von dem sie sich ja denken konnten, dass ihnen da ziemlich der Kopf gewaschen werden würde.
Sie mussten dann ganz allgemein ziemlich oft kommen. Der kleine Brand in der Schulklasse war ja nicht das Einzige, war ja nur der Anfang. Anton glaubte, und die anderen auch, dass der Knallfrosch das ganz gut fand, wenn seine Eltern ständig kommen mussten.

Antons Schritte auf den Treppenstufen sind leise und gedämpft, wegen einem tiefen teuren Teppich. Oben ist dann laute Musik hinter einer verschlossenen Tür. Hip Hop aus den allertiefsten 90ern. Der Knallfrosch hat Anton erst nicht gehört, dann doch, hat an seinem Schreibtisch gesessen, die Füße auf dem Tisch, barfuß in diesen weißen Nikes, die aussehen wie Stiefel, gewippt hat er damit und was auf seinem Handy gelesen und Dr. Pepper aus einer Dose getrunken.
„Hey“, hat er gesagt und: „Krass, schon wieder wegen dieser Bahngeschichte, oder? Ist doch jetzt echt schon ein Eckchen her alles.“
Er hat ihm eine Dose hingehalten und „Willst du auch?“, gefragt. Kapuzenpullover, kaputte Jeans an, Tuch um den Hals, die Stimme, wie immer, ziemlich heiser, was, das dachte Anton, ziemlich gut passte, zu jemandem, der ständig draußen ist nachts und überhaupt. Er dachte, dass er das ja vielleicht mit aufnehmen könnte, in seine Geschichte.
Anton hat „Cool, danke“, gesagt und dann für eine Einleitung viel zu weit ausgeholt.
„Hey“, hat Knallfrosch gesagt. „Ist blöd jetzt, aber um halb acht muss ich schon los. Also frag mal, was du fragen willst und dann, na ja.“
„Was haben denn deine Eltern dazu gesagt?“, hat Anton dann gefragt. Die Frage stand nicht auf seinem Zettel, passte auch nicht an den Anfang, war ihm aber so eingefallen, weil, dieses Haus, in dem es nach Apfelkuchen roch und seine Mutter und der Besuch und die Hunde und überhaupt.

Vor zwei Monaten war Knallfrosch in einer richtigen Zeitung gewesen. Oder in mehreren, genau genommen, wegen dieser S-Bahn-Geschichte, wegen der Bahn, auf deren Dach er mit Absicht gesprungen ist, von einer Böschung aus, an der der Zug wegen einer Kurve ganz langsam vorbei musste, von einer, die bekannt dafür war, und weil er später, weniger mit Absicht und mehr aus Zufall, blöd runtergesprungen und sehr blöd gelandet ist, so halb in was reingefallen ist, was jemand auf die Gleise geworfen hat, so eine Flasche und wegen der Blutspur, die er dann hinter sich hergezogen hat, ist das mit seiner Flucht mehr aufgefallen, als er wollte, und er wurde dann von so Bahn-Beamten festgehalten und dann kamen Polizei und Sanitäter, Bein genäht, Bein geschient und die Presse war dann ganz wild auf seine Geschichte. Seitdem musste er Sozialstunden machen und zum Schulpsychologen und jeder wollte ständig wissen, warum und wieso heimlich und wie überhaupt und warum er sich nicht mit ganz normalen Hobbys, so wie die anderen, und und und …

„Meine Eltern?“ Knallfrosch hat mit einem Stift gespielt, der von innen geleuchtet hat, hat ihn zwischen seinen Fingern gedreht, dann auf das Handy geguckt, das ständig auf dem Tisch vibriert hat und dann zu den geöffneten Fenstern, hinter denen der Wind mal leiser, mal lauter wurde, mal aggressiv und so, dass es klang, als würde er jeden Moment etwas vom Boden reißen und vorbei schleudern. Beim Warten auf eine Antwort hat Anton sich im Zimmer umgesehen. Groß war es, der Teppich eisgrau, die Möbel aus schwarzem Metall und alles war voll mit so „Glow in the Dark“-Sachen. Wo man auch hinguckte, gab es etwas Buntes, das leuchtete. Mit einem Verdacht hat Anton den Kopf gehoben und gesehen, dass er recht hatte, das an der Decke auch diese Sterne klebten, die nachts neongelb wurden, Sterne, Planeten, Monde.

„Ach, die haben eigentlich nicht so viel gesagt“, hat Knallfrosch gesagt, als Anton ein zweites Mal gefragt hat, hat eine Weile überlegt und dann gefragt, so ganz ehrlich interessiert: „Was hätten denn deine gesagt?“
„Oh“, hat Anton gesagt. „Weiß ich nicht. Ich denke: Komm nie wieder nach Hause, oder so? Oder sie hätten mich halt gar nicht erst reingelassen. Ja, wahrscheinlich Letzteres. Also die sind ganz okay. Aber irgendwo hört’s halt auch bei denen auf. Und nicht erst da.“
Der Knallfrosch hat gelächelt. So ein bisschen nachdenklich, ein bisschen, als wäre er mit der Antwort eigentlich ganz zufrieden. Sie kennen sich kaum, haben wenig mit einander zu tun, Anton und er. So richtig hat das eigentlich keiner, also was mit Knallfrosch zu tun. Der Knallfrosch hat seine Freunde anderswo, in der Schule traut sich keiner so recht. Sein Ruf und so. Das mit dem Zug war ja nicht die einzige Sache.

Anton hat auf seinen Zettel geschaut. „Und äh, hm, machst du so was denn öfter?“, hat er dann gefragt.
Knallfrosch hat gelacht. „Na ja, das kann ich ja jetzt schlecht sagen.“
„Wieso?“
„Na, wenn du das in dieses Schülerding da haben willst, meine ich. Wenn das dann jemand liest, ich mein, ich will mich nicht anstellen. Aber schwarz auf weiß ist halt immer schlecht. “
„Das heißt ja?“
„Ja schon, aber das kannst du halt nicht schreiben. Frag mich doch mal was, auf das ich auch antworten kann.“
„Was denn?“
„Na, wie es sich anfühlt oder so.“
„Wie fühlt es sich denn an?“
„Willst du das echt wissen?“
„Auf jeden Fall.“
„Dann solltest du mal mitkommen.“
Anton hat geschwiegen. Nur geschaut.
„Ich mein das ernst. Wenn du ´ne coole Geschichte haben willst, über das Gefühl, auf ´nem Zugdach zu stehen, dann solltest du mich nicht fragen. Dann solltest du es selber fühlen. So funktioniert das doch. Also ´ne Geschichte zu schreiben.“
Anton hat sich auf das Bett vom Knallfrosch gesetzt. Allein schon wegen dem Gedanken daran, das mitzumachen. Dann hat er sich nach vorne gelehnt. Den Arm auf sein Knie gestützt. Überlegt, was er sagen soll. Dann doch weiter geschwiegen.
„Na ja, heute Abend zum Beispiel. Um acht treffen wir uns. Fahren dann aber erst mal ein bisschen weiter raus. Ich kann dir auf dem Weg ja noch ein bisschen was erzählen. Wird ´ne geile Nummer diesmal. Letztes Mal wahrscheinlich, bevor der Winter kommt.“
„Wer ist eigentlich wir?“
Knallfrosch hat Anton angesehen. Kurz. Prüfend. „Na ein paar Leute und ich“, hat er dann gesagt. Hat gelächelt. Hat eigentlich immer gelächelt, nachdem er was gesagt hat, freundlich, aber so, als wäre das Lächeln im Prinzip für jemand anders bestimmt.
„Und woher kennst du die?“
„Ach, ich glaub, so Verrückte, die ziehen sich halt irgendwie an.“ Lächeln. Dann fragt er: „Und wie ist es? Willst du mal mit? Ich glaube heute wird wirklich ziemlich geil.“
Anton hat lieber wieder nicht geantwortet. Fand es ziemlich warm in diesem Haus. Viel zu gemütlich. Zum unten im Wohnzimmer in teure, antike, dick gepolsterte Sofas sinken und Kuchen essen und klassische Musik hören und Hunde streicheln. Ja, das wäre es, was er in so einem Haus machen würde, den ganzen Tag, doch nicht nachts raus in den Sturm und so viel riskieren, alles riskieren.

„Wieso …“, hat er eine Frage begonnen, die ihm dann doch zu platt erschien. „Ich mein, wie bist du eigentlich darauf gekommen? Auf so was kommt man doch nicht einfach.“
Auch diese Frage konnte er sich eigentlich selbst beantworten. Das Zugfahren war das mit dem BMX in metertiefe Löcher heizen, war das Sprayen an gefährlichen Orten mitten in der Nacht und dann das Flüchten vor der Polizei, war das auf Klassenreisen abhauen und per Anhalter die Stadt verlassen, war der Knallfrosch in der Schulklasse. Es ging um das, was andere festgelegt hatten. Um das, was eigentlich nicht ging, um das, was passierte, wenn man es trotzdem tat, um Antesten und das Überschreiten.
„Hast recht“, hat Knallfrosch gesagt. „Auf so was kommt man nicht. Man kommt plötzlich irgendwo hin, lernt irgendwen kennen, läuft irgendwem hinterher, läuft irgendwo mit. Und wenn man dann da, wo es hinging, richtig ist, dann weiß man das.“
Anton hat vor sich gesehen, wie das mit seiner Geschichte platzt.
„Komisch, so was freiwillig zu machen“, hat er gesagt. Noch einen Versuch gemacht. „So was krass Gefährliches. Ich mein, wenn du heute Abend losgehst, dann weißt du ja nicht, also nicht wirklich, dass du nachher wieder heil nach Hause kommst. Geht’s dir darum?“
„Überhaupt nicht“, hat Knallfrosch gesagt. Dann hat er ihm ein Video gezeigt. Mit einem teuren Handy aufgenommen und bei Youtube hochgeladen. Schnell, laut, mit so Musik im Hintergrund, halb elektronisch, halb Hip Hop. Bahngleise, Stadtlichter, Sprühfarben. Viele Kapuzen. Glückliche Gesichter.
„Wie fühlt es sich denn nun an?“, hat Anton gefragt, dann wirklich neugierig.
Knallfrosch hat erst auf seine Uhr, dann auf sein Handy gesehen. Die Fenster zugemacht, die Vorhänge zu, die Heizung aus. Ist dann wortlos losgegangen. Anton ist ihm nach. Unten hat Knallfrosch die Hunde gestreichelt, bevor sie das Haus verlassen haben.

Dann hat es richtig gestürmt. Bunte nasse Blätter flogen und klebten sich an das nächstbeste, an Autofenster, an Hosenbeine, an Fahrradkörbe. Der Abend war tiefdunkel, fast beunruhigend. Die Straßenlampen kamen kaum dagegen an.

Anton ist eine Weile neben dem Knallfrosch hergelaufen. Der hat einen schnellen, schwungvollen Schritt gehabt. Hatte seine Kapuze auf, das Wetter und der Wind haben eine Kulisse für seinen ganz eigenen Film gemacht. Knallfrosch hat geredet. Über das Gefühl unter den Füßen, das, wenn der Zug sauber und störungsfrei dahingleitet, das, wenn er hüpft, wegen einer kleinen Unebenheit, die das ganze Fahrzeug spürt. Wenn man drinnen sitzt, ja kaum, hat er gesagt. Wenn man draufsteht, fühlt man es im ganzen Körper. Dann entscheidet es darüber, ob man stehen bleibt oder fällt. Irgendetwas ganz Kleines. Ein Kieselstein vielleicht. Das wird auch heute so sein. Ohne ihn anzusehen, hat Anton gewusst, dass seine Augen beim Erzählen leuchten.

Nach drei Ecken ist Anton langsamer geworden. Wegen dem Gefühl, sich nur durch das Mitlaufen zu irgendetwas zu verpflichten und da dann nicht mehr rauszukommen. Er hat, unsinnigerweise, schon wieder an den Geruch von Apfelkuchen gedacht, an ein warmes Wohnzimmer. Das friedliche Lächeln von Knallfrosch vor Augen gehabt, ist noch langsamer geworden.

Knallfrosch war nicht überrascht, als Anton sich verabschiedet hat, kurz bevor der Bahnhof sichtbar wurde. Er hätte Hunger, müsse noch Hausaufgaben machen und überhaupt. Der Schülerzeitungsbericht.
„Oh, ja klar“, hat er gesagt, die Gedanken schon woanders, schon viel weiter voraus wahrscheinlich. „Dann dir noch ´nen nicen Abend. Hau rein, wir sehen uns morgen.“ Dann, nach kurzem Überlegen hat er noch mit seiner Faust gegen seine geschlagen. Ist dann im Dunkeln verschwunden. Seine Schritte sind schneller geworden, dann hat man ihn rennen gehört.

Anton ist dann nach Hause. Die Stadt im Rücken. Leute, die in der Nacht ihr Glück in ihr testen mussten, bevor der Winter kam, auch. Er musste daran denken, wie Knallfrosch sechs Wochen lang auf Krücken zur Schule gehumpelt ist, das Bein von oben bis unten eingegipst, das Beste vom Sommer ohne Wimpernzucken verpasst hat. Dass er jetzt wieder unterwegs war. Und überhaupt.

Zu Hause hat er dann diese Nachricht bei WhatsApp gelesen. Vom Knallfrosch. „Weil ich gerade warten muss, ganz kurz. Wie es sich anfühlt. Es fühlt sich gar nicht besonders an. So, wie andere Sachen auch. Bei denen was auf dem Spiel steht. Es gibt da diesen einen Moment. Diesen, an dem man über eine Grenze hinaus ist. Diesen Moment in dem dir niemand, nicht mal, wenn er es wirklich wollte, etwas sagen könnte, etwas zurufen könnte, „Lass das“ oder so, irgendwas, in diesem Moment bist du für niemanden erreichbar. Du fliegst jenseits der Grenzen, die mal jemand gesteckt hat. Und dieser Moment ist alles. Kostbar, vor allem im Nachhinein. Wenn du so einen Moment einmal hattest, brauchst du ihn wieder. Nur immer besser. Heute testen wir es schneller, windiger. Wenn’s klappt, beim nächsten Mal höher. Ja, wenn’s klappt. Drück die Daumen.“

Anton hat sich nicht so sehr gewundert, als der Platz von Knallfrosch am nächsten Tag leer geblieben ist. Keiner wusste was Genaues, nur so Gerüchte kannte jeder. Warum er gestern Abend nichts gesagt hat, fragt sich Anton jetzt. Oder mitgegangen ist. Aber, so komisch es ist, wenn jemand sagt, dass er fliegen kann, dann glaubt man ihm das irgendwie.


Elfter Platz: Selfmade-Superman“, Anke Laufer

Der Automat spuckte die Kreditkarte sofort wieder aus. Auf dem Bildschirm erschien die Mitteilung über ihre vorläufige Sperrung. Ich war fremd in der Stadt und so gut wie pleite. Hinzu kam dieses Wetter. Selbst aus einiger Entfernung konnte man hören, wie die meterhohen Brecher gegen die Deichmauern schlugen. Es wurde langsam dunkel. Die Straßen waren wie leergefegt.
Auf einem Abrissgrundstück in der Nähe des neuen Autobahnzubringers stand eine Imbissbude. Buttergelbes Licht schmolz durch die beschlagenen Scheiben und versprach Wärme und billiges Essen.
Drinnen zog ich die nasse Jacke aus und hängte sie an einen Haken neben der Eingangstür. Außer mir war der einzige Gast ein dicker Kerl, der auf sein Essen wartend an einem der drei wackeligen Klapptische saß. Der Budeninhaber nickte grüßend zu mir herüber und fuhr damit fort, ein Grillhähnchen vom Spieß zu schieben und mit einer Geflügelzange zu zerteilen.
Der Dicke hatte den Tisch neben dem Heizkörper. Er fing meinen Blick auf und sagte: „Kommen Sie, setzen Sie sich hierher. Sie sehen ganz durchgefroren aus.“ Das war ich tatsächlich, also ließ ich mich auf einen der Stühle fallen und streckte die Beine in Richtung Wärmequelle. Er begann sofort drauflos zu reden, eine Litanei über das miese Wetter und den trostlosen Anblick der Stadt zu dieser Jahreszeit und dass die Menschen jetzt näher zusammenrücken sollten. Er war beinahe zu freundlich, wenn Sie wissen, was ich meine. Wirkte auf mich wie ein Seelsorger oder einer von der Bahnhofsmission.
Als der Imbissmann ihm das Huhn mit Pommes, Ketchup und Mayo servierte, sagte der Dicke: „Fred, unser Freund hier hat Hunger. Bring das Gleiche noch mal.“ Ich wollte etwas sagen, aber er lachte nur. „Das ist schon in Ordnung. Sie sind eingeladen.“
Ich bedankte mich. Ich sagte mir: Ja, sei dankbar. Von den paar Münzen in deiner Tasche hättest du dir allenfalls noch eine große Portion Fritten leisten können. Trotzdem beunruhigte mich der Gedanke, dass der Dicke über mich Bescheid zu wissen schien. Ich dachte, dass er mich vielleicht vor dem Geldautomaten beobachtet hatte, dann aber wieder: Kann dir doch egal sein. Wenigstens vorläufig. Hauptsache, du bekommst etwas zwischen die Zähne.
Ohnehin würde ich die Zeit bis zum nächsten Morgen totschlagen müssen. Ich war mit einem Typen verabredet, den ich früher mal als meinen Freund bezeichnet hatte. Er war nie sehr zuverlässig gewesen, doch im Moment war der Gedanke an den nächsten Morgen alles, was ich hatte.

„Sie haben Glück“, sagte der Imbissmann, als er mir mein Essen über den Tresen schob. „Kommen hierher und der erste, den Sie treffen, ist Superman.“
„Superman?“
„Ja, so nennen ihn die Leute hier“, sagte er und deutete auf den Dicken. „Meint es gut mit allen. Streunende Hunde, alte Leute, Kinder, keiner ist sicher vor ihm.“
„Nicht mal Topfpflanzen“, grinste der Dicke.
„Nicht mal die“, sagte der Imbissmann und kippte gefrorene Pommes in einen Drahtkorb, den er in einer Wanne mit brodelndem Öl versenkte. „Sehen Sie die alte Karre da draußen? Damit fährt er herum, den lieben langen Tag. Spürt jeden auf, der in der Klemme steckt.“
Superman zuckte mit den Schultern. „Ich hab so eine Antenne dafür, wissen Sie. Die meiste Zeit halte ich bloß Türen auf, wenn die Leute die Hände voll haben. Gebe Starthilfe bei einer Autopanne. Sammle Münzen ein, die den Leuten aus der Börse fallen. Bringe im Supermarkt ein Kind zum Informationsschalter, das seine Mutter verloren hat. Solche Sachen. Winzigkeiten. Ich verschwinde, bevor sich jemand bedanken kann.“
„Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, Superman. Du hast schon manchen in letzter Minute ins Krankenhaus gefahren. Und bei mir hat er mal einen Brand gelöscht.“
Superman winkte ab. „Bloß eine Rolle qualmendes Küchenpapier.“
„Waren Sie bei den Pfadfindern oder so?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. „Ist nur so eine Macke von mir. Ich habe noch nie jemanden gerettet. Vor dem Tod oder so. Würde ich gerne, es hat sich nur noch nichts ergeben.“
„Hört sich an, als hätten Sie jede Menge Zeit.“
„Ich hab eine Spendenhotline und eine Mitgliedschaft.“ Er schob mir eine blaurote Visitenkarte über den Tisch. Fünf Pfund für Superman, las ich, dahinter eine Telefon- und eine Kontonummer.
„Er lebt davon, dass er ein netter Kerl ist“, sagte Fred, während er sich die Hände wusch.
„Neuartiges Geschäftskonzept. Es reicht gerade so, damit ich über die Runden komme. Die Arbeit macht nicht reich, aber dafür zufrieden. Die meiste Zeit, wenigstens.“ Jetzt schwieg er. Endlich.
Fred sagte: „Als vor ein paar Jahren diese Fünfjährige verschwunden ist, da ist er wochenlang durch die Gegend gelaufen und hat sie gesucht, länger als die Polizei mit ihren Spürhunden. War wie besessen davon.“
„Ist sie wieder aufgetaucht, die Kleine?“, fragte ich.
„Nein.“
Jetzt schwiegen beide und ich fragte nicht weiter, sondern konzentrierte mich auf mein Essen. Wahrscheinlich gab es nichts zu sagen.

Endlich erhellte sich Freds Gesicht: „Erzähl ihm von dem Fisch.“
„Das war kein Fisch, Fred, das habe ich dir schon hundertmal erklärt. Ein Wal ist kein Fisch“, sagte der dicke Superman
„Was soll er verdammt noch mal sonst sein?“, fragte Fred und wischte mit einem feuchten Lappen über die Theke.
Der Dicke verdrehte die Augen.
„Ist keine große Geschichte. Der Wal ist damals in der Bucht beim stillgelegten Kraftwerk gestrandet. Da oben, weiter westlich, in der Nähe der geborstenen Wellenbrecher und Betonpolder. Die Küstenwache hatte vorher lange versucht, ihn mit Booten wieder ins offene Meer zu drängen, aber er blieb stur und schwamm immer wieder auf die Kühltürme zu, so jedenfalls stand es hinterher in der Zeitung. Als ich dazukam, waren schon eine Menge Leute da. Der Wal war riesig. Er lag zwischen dem ganzen Plastikmüll und dem Muschelsplitt. Ich hatte noch nie sowas gesehen. Er hatte einen ganz schmalen Unterkiefer, wissen Sie. Der hing schlaff auf der Seite, so dass man die langen Zahnreihen sehen konnte. Mit einem Auge starrte er in den Himmel. Wir versuchten einfach, ihn feucht zu halten. Zu Beginn dachten alle noch, dass er mit der Flut vielleicht doch noch kehrt machen würde. “
„Haben Sie ihn gerettet?“, fragte ich.
„Lassen Sie ihn doch erzählen“, sagte Fred.
Superman schüttelte den Kopf. „Das war ein Pottwal, verstehen Sie, fast dreizehn Meter lang. So einer ist einfach zu schwer, um ihn zurück ins tiefe Wasser zu schaffen. Aber wir machten trotzdem weiter.“
„Und dann hast du Lea getroffen“, sagte Fred.
Der Dicke sandte ihm einen warnenden Blick. „Ja, dabei lernte ich Lea kennen, rein zufällig. Sie hatte schon jahrelang bei mir um die Ecke gewohnt, aber wir waren uns davor noch nie begegnet. Ist das nicht verrückt?“
„Prima Frau, die Lea“, warf Fred ein.
„Wir beide sahen irgendwann ein, dass da nichts mehr zu machen war. Lea gab mir ihre Telefonnummer, schrieb sie mir mit Kugelschreiber auf den Handrücken. Und ich gab ihr eine von meinen Visitenkarten. Sie sagte `Bis bald´ und ich sah ihr hinterher, wie sie in ihren Gummistiefeln und dem gelben Regenmantel über die Dünen zur Straße hinaufstapfte. Viele gingen jetzt, aber manche blieben auch da, streichelten den Wal und heulten, sangen ihm etwas vor, während sie um ihn herumstanden und sich an den Händen hielten. Sie wissen schon, sentimentale Spinner eben.“
„Die waren nicht von hier“, kommentierte Fred „Kamen von überall her, nachdem es in den Nachrichten war.“
„Nicht, dass mir die Sache nicht auch an die Nieren gegangen wäre“, fuhr Superman fort. „Das da war nicht mehr nur irgendein Wal. Man steht da und sieht ihn sich richtig an und er hört auf, bloß irgendein Wal zu sein. Er hatte so einen Ausdruck in seinem riesigen Gesicht. Überall so eine dunkelgraue, runzlige Haut, nur auf dem Kopf war sie glatter, als hätte ihn an der Stelle einer poliert. Ums Maul herum hatte er so weißliche Flecken. Und am Bauch war er heller und rosafarben gesprenkelt. Schwer zu beschreiben, wissen Sie.“
„Diese Klugscheißer von der Universität waren da, aber gemacht haben die auch nichts“, warf Fred ein.
„Das ist alles?“, fragte ich. „Das ist die ganze Geschichte?“
„Warten Sie´s mal ab“, sagte Fred
Superman sah von dem Häufchen abgenagter Knochen auf, die auf seinem Teller lagen.
„Wissen Sie, die Leute hier kannten mich, die meisten mochten mich auch. Aber nach dieser Sache, da kamen mir Zweifel an allem, da war mir hundsmiserabel zumute, da kam ich mir vor wie ein Betrüger, einer, der die Leute abzockt. Ich dachte: Kein Mensch braucht so einen selbsternannten Superman wie dich, der versagt, wenn es mal wirklich drauf ankommt.“
Er hörte sich jetzt ganz schön deprimiert an und ich dachte: Sag was, damit er sich besser fühlt. Er scheint tatsächlich in Ordnung zu sein. Also sagte ich: „Sie haben getan, was Sie konnten.“
„Schon. Aber wissen Sie, ich hatte mich quasi in den Wal verwandelt. Ich war ein fetter, an einem unangenehmen Ort gestrandeter Kerl, der die Orientierung verloren hatte. Das konnte man nicht mehr einfach rückgängig machen. Ich war in seine Haut geschlüpft.“
„Jetzt übertreiben Sie mal nicht.“
„Ich weiß, dass sich das verrückt anhört.“
„Was hätten Sie denn sonst noch machen sollen? Ihm doch ein Schlaflied vorsingen?“, fragte ich.
„Fred, unser Freund hier hat Humor“, sagte der Dicke und lachte.
„Mal sehen, was er zum Rest der Geschichte meint“, sagte Fred und zog eine volle Tüte aus dem Abfalleimer. „Bin gleich wieder da“, sagte er und ging mit der Tüte hinaus. Die Tür schlug scheppernd hinter ihm zu.
„Was ich meine ist: Mir wurde klar, dass ich allein war, verstehen Sie. Dass die meisten Leute ganz in Ordnung sind, aber trotzdem allein. Aber wenn man´s richtig anstellen will, dann braucht man Verbündete“, sagte Superman.
„Lassen Sie mich raten: Sie haben Lea angerufen?“
„Hat er nicht, unser Superheld“, seufzte Fred, der wieder hereingekommen war und einen Schwall kalter Nachtluft mitgebracht hatte.
„Jedenfalls: Drei Tage später erschien ein Artikel in der Lokalzeitung. Sie beschrieben die Arbeit dieser Experten, die man Cutter nennt. Ich meine, den Kadaver eines dreizehn Meter langen Pottwalbullen zu zerlegen, das ist keine Kleinigkeit. Als erstes schneiden die streifenweise die Speckschicht heraus und schälen sie vom Körper herunter, bevor sie sich an die Muskelbrocken und inneren Organe machen können.“
„Ich war da, ich hab´s selbst gesehen, mit eigenen Augen“, warf Fred ein, „Eine Riesensauerei. An Drahtseilen haben die mit Baggern die Fleischberge aus der Bucht gezogen. Dieser gottserbärmliche Gestank hing noch tagelang in der Stadt.“
„Wissen Sie, es ist das Fett. Sie haben es hauptsächlich darauf abgesehen. Die Zeitung rechnete vor, dass der tote Wal als Biokraftstoff fünfzigtausend Kilowattstunden Strom liefern würde. Vierzehn Haushalte kann man damit ein ganzes Jahr lang versorgen.“
„Das ist doch wenigstens was“, sagte ich.
„So gesehen schon. Wenn sie es nur dabei gelassen hätten.“
„Lea rief ihn an deswegen“, sagte Fred und schob sich die Daumen in den Hosenbund.
„Ungefähr vier Wochen später war das. Wir verabredeten uns. Ich freute mich darauf. Ich hatte keine Ahnung, was sie wollte, ehrlich nicht. Sie nahm mich mit in unser Stadtmuseum, in die Naturkundeabteilung.“
Fred, der währenddessen Tee aufgebrüht hatte, verpasste jeder Tasse einen großzügigen Schuss Rum, bevor er sie vor uns hinstellte. Superman erzählte weiter, nachdem er einen Schluck genommen hatte.
„Da war ein großer Glaszylinder. Um den drängelten sich die Leute. Manche posierten zu zweit oder zu dritt neben dem Behälter, während andere fotografierten. Es gab jedes Mal großes Gelächter dabei. Da drin, in der Präparationsflüssigkeit, da hing etwas, schwebte irgendwie, es sah im grellen Licht aus wie eine riesige Nacktschnecke oder ein Wurm, etwa anderthalb Meter lang und grauweiß gesprenkelt.“ Der Dicke starrte in sein eigenes Gesicht, das sich in der Fensterscheibe spiegelte. Die Nacht da draußen war unsichtbar. „Wissen Sie, ich begreife nie besonders schnell, ich kam erst darauf, als der Kerl mit Glatze neben mir sagte: `Sie haben sein Ding eingelegt wie eine Essiggurke´. Er machte eine obszöne Geste dabei und die Frau, die er dabei hatte, die brach in albernes Gekicher aus und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Ich war kurz davor, dem Kerl an die Gurgel zu gehen, aber Lea packte meinen Arm und zog mich weg. Draußen, auf dem zugigen Vorplatz, fragte sie mich: `Was meinst du?´ Ich dachte daran, wie der Wal ausgesehen hatte, als er noch lebendig war. Wie er in den Himmel gestarrt hatte. Mir wurde ganz schlecht. Ich dachte an die Leute, die für den Wal gesungen hatten und an den Kerl mit der Glatze. ´Das soll alles sein, was von ihm übrig ist? Ein mieser Witz?´, fragte ich.
`Wir müssen was unternehmen´, sagte sie. Dann sagte ich: `Das müssen wir. Auf jeden Fall.´ Sehen Sie, so ist das mit Lea, es gab kein großes Hin- und Hergerede, wir waren uns einig und damit war es abgemacht.“
„Sie haben das Ding doch nicht etwa geklaut?“, fragte ich.
„Genau das.“
„Nie im Leben.“, sagte ich.
Fred ging hinter die Theke. Er kam mit einem vergilbten Zeitungsartikel zurück und legte ihn vor mir auf den Tisch. Die Täter, so las ich da, hatten den Glasbehälter samt Inhalt an einem späten Nachmittag entführt, kurz vor der Schließung des Museums. Es bleibe wohl für immer ein Rätsel, wie man das Gefäß, das es wohl insgesamt auf ein Gewicht von fast drei Zentnern gebracht habe, unbemerkt aus dem Hinterausgang schaffen konnte, während sich der einzige noch anwesende Museumswärter auf seinem letzten Kontrollgang durch die oberen Stockwerken befand.
„Wie haben Sie das gemacht?“
Der Dicke winkte ab.
„Superkräfte“, sagte Fred.
„Verbündete“, sagte Superman.
„Aber was haben Sie hinterher damit angestellt?“ fragte ich.
Fred sagte: „Was glauben Sie denn? Wir sind gegen drei Uhr nachts mit meinem Lieferwagen auf den Pier rausgefahren, haben das verdammte Einmachglas aufgeschlagen und das Ding ins Meer gekippt, wo es hingehört.“
Die beiden kamen mir jedenfalls verrückt genug vor, um so eine Sache durchzuziehen.
„Und das erzählen Sie mir einfach so? Einem Wildfremden?“
Der Dicke lachte dröhnend.
„Er ist Superman“, sagte Fred. „Keiner verpfeift Superman. Früher oder später braucht ihn jeder. Sie auch.“


Zwölfter Platz: Innereien“, Eleonora Wicki

Ich blicke
in die Runde. Am Gate ins Land der Freiheit versammelt sich eine Passagierschar, die einzig anhand der Pässe kategorisierbar ist. Die Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika sind vielleicht noch daran zu erkennen, dass sie entweder dem subventionierten Corn Syrup zum Opfer gefallen sind, Apfelsaft trinken mit der Aufschrift Fat Free oder wegen ihrer Low Carb Diät ausschliesslich Nüsse und Trockenfleisch verzehren. Ich ertappe mich, dem Laster der voreiligen Verurteilung zu frönen und sortiere stattdessen die Menschen nach möglichen und unmöglichen Sitznachbarn aus. Das ist in keiner Weise eine noblere Tätigkeit als die Vorherige. Ich glaube aber, dass alle, die am Abfluggate warten müssen, sich diesem Zeitvertrieb widmen, was ihn im Grunde genommen noch verwerflicher macht.

Es staut
in der Röhre und mich befallen Zweifel. Kann ich in diesem Tunnel noch umkehren? Ich schelte mich selbst ob diesem pränatalen Gedanken. Ausserdem bin ich nun schon fast bei der Tür, wo eine sehr attraktive Flugbegleiterin mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt steht und lächelt, was zu erwarten war, aber diese Frau lächelt authentisch. Sie scheint sich tatsächlich darüber zu freuen, dass so viele Passagiere an ihr vorbeispazieren. Ich mustere sie von einigen Metern Entfernung und merke, dass ich nicht die einzige bin, die diese schöne Frau betrachtet. Als ich auf meinem Platz sitze kann ich nicht genau definieren, was an dieser Frau so schön war. Mir bleibt einzig das verschwommene Bild oder eher das undefinierbare Gefühl eines echten Lachens.

Ich habe
den Fensterplatz und hoffe, dass sich keiner neben mich setzt. Natürlich ist mein Hoffen vergebens und der Mann, der sich neben mich setzt, gutaussehend. Im Flugzeug will man keine attraktiven Sitznachbarn denn es kann vorkommen dass man einnickt und dabei den Mund offen lässt. Er setzt sich und fängt an, Cashewnüsse zu essen. Er drückt mit dem rechten Daumen auf sein Telefon und schaufelt mit der linken Hand Nüsse in den Rachen, als wäre er ein Eichhorn im Hyde Park, eines jener Tiere die sich das ganze Jahr auf die nie eintretende Winterknappheit vorbereiten. Ich schliesse die Augen.

Hätte ich
gewusst, welche Unannehmlichkeiten die vielstündige Intimität in der Flugzeugkapsel bescheren kann, hätte ich mich vielleicht in der Frustrationstoleranz geübt. Naiverweise begibt man sich aber im Normalfall ohne grosse Sorgen in ein Flugzeug denn Fliegen kann jeder, warum also sollte eine Person mit überdurchschnittlichen empathischen, soziokulturellen und kommunikativen Fähigkeiten sich speziell darauf vorbereiten. Eben gerade aufgrund solcher Fähigkeiten, merke ich bald, sollte man eine Vorbereitung dringend in Erwägung ziehen. Nirgends ist man so direkt und distanzlos denjenigen Menschen ausgesetzt, die in völliger Ahnungslosigkeit leben was die Existenz solcher Fähigkeiten anbelangt. Dass Flugzeuge tagtäglich ohne gewalttätige Zwischenfälle planmässig abfliegen und wieder landen ist rational nicht erklärbar.

Ich greife
zu meinen Kopfhörern, die mich schon öfter in der Enge moderner Transportmittel gerettet haben. Sie sind direktes Zeichen an die Sitznachbarn, dass man keine Lust hat, ihren Gesprächen zuzuhören oder gar sich mit ihnen über die wenigen Banalitäten, die man teilt, zu unterhalten.
Was hörst du, fragt mich mein Sitznachbar. Ich bin empört, dass er meine einzig verfügbare Barriere achtlos nieder reisst. Ich reagiere also nicht. Er tippt mich auf den Arm mit seinem Finger und sagt
Poke. Ich lächle gezwungen und ziehe mir den Stöpsel aus dem Ohr.
Was? frage ich ihn auf Deutsch, er stellt seine Frage noch einmal, auf Englisch.
Ich höre Andrew Bird, sage ich, und er schaut fragend.
Sollte ich ihn kennen, fragt er.
Unbedingt, sage ich.

Was hörst
du gerne? frage ich. Er lächelt und zieht die Schultern hoch. Etwas verlegen streicht er einige von der Sonne gebleichten Strähnen aus der Stirn.
Keine Ahnung, sagt er. Ich lache. Nur sehr selbstbewusste Menschen wagen es, jemanden anzusprechen auf ein Thema, über das sie nichts wissen, oder aber genuin Neugierige. Ich stopfe den Stöpsel wieder ins Ohr, diesmal demonstrativ. Mein Nachbar scheint die Geste falsch zu interpretieren, jedenfalls reisst er am Kabel und schwenkt den Hörer triumphierend lächelnd hin und her.
Hey! sage ich. Gib mir das Ding!
Ich möchte mit dir kommunizieren, sagt er. Ein bisschen schmeichelt mich die Aufmerksamkeit des Jungen, der aussieht, als würde er diese sonst hauptsächlich einem Surfbrett widmen. Andererseits nervt es, dass er davon ausgeht, jede Frau habe natürlicherweise Lust, mit ihm zu kommunizieren, wie er es nennt. Da mir nicht viel anderes übrig bleibt, wende ich mich ihm zu und sage
Okay. Bis zum Abflug können wir kommunizieren. Wenn das Flugzeug abhebt, will ich Stille. Ich liebe den Moment.

Er lacht
und sagt,
Das verstehe ich. Es ist fast, wie wenn man eine gute Welle erwischt. Ein Surfer also, denke ich und stöhne innerlich darüber, dass er es mir so schwierig macht, nicht auf meine Vorurteile zu achten.
Du surfst also? frage ich höflich und er sagt
Ja, genau. Ich mache nur die besten Spots der Welt. In Amerika haben wir nur ein paar wenige. Darum muss ich immer wieder nach Übersee. Aber ich liebe es sowieso, weisst du, reisen. Ich liebe andere Länder und andere Menschen. Ich liebe es, Grenzen zu überschreiten, weisst du? Leben heisst Grenzen überschreiten, in jedem Sinne des Wortes, weisst du, was ich meine? Wir denken immer, wir kennen die Welt, kennen die Menschen, weisst du? Aber dann gehen wir mal weg, und dann merken wir, wir haben keine Ahnung! Es gibt so viele Menschen da draussen, weisst du? Und alle haben andere Sprachen und anderes Essen, weisst du? Ich liebe das Essen, weisst du, am liebsten mag ich Fusionküche. Essen, das die Grenzen überschreitet, weisst du? Europa gefällt mir gut, aber es gibt nicht so viele Spots, weisst du. Ausserdem wird mir in Europa fast schon ein bisschen langweilig. Ich fühle mich wie ein Local in Europa. Ich spreche Spanisch, weisst du. Auf Gran Canaria war ich jetzt schon drei Mal, weisst du, und ich bin dort schon fast zuhause. Jedes Mal wenn ich da hin komme, machen sie mir einen Spezialpreis, weisst du. Weil sie mich kennen dort, sie kennen mich alle und ich spreche ja Spanisch, weisst du. Die Menschen dort sind sehr umweltbewusst, weisst du. Ich war mit denen auf einer Plantage, weißt du, wo Bäume gepflanzt werden. Alle, die in diesem Surfcamp sind, pflanzen einen Baum, weisst du, der hat dann deinen Namen. Es gibt also sogar einen Baum auf der Insel, der da wächst und wartet, bis ich wiederkomme. Ich werde wieder dahin gehen, weisst du. Es wird zwar ein bisschen langweilig, immer der gleiche Spot, aber die warten da auf mich, weisst du. Ich habe viele Freunde dort, alles Locals. Die warten darauf, dass ich wieder komme, weisst du. Und die Flüge sind billig, weisst du. Ich buche das lange im Voraus und dann kostet es praktisch nichts, weisst du.

Tut mir
leid, dich zu unterbrechen, sage ich. Aber ich glaube, wir starten.
Ach so, sagt er, Das heisst, ich muss jetzt schweigen?
Genau, sage ich, wende mich ab und starre aus dem Fenster. Der Typ übertreibt seine Vorhersehbarkeit. Beim Zuhören spüre ich ein Klemmen dort wo ich vermute dass mein Magen zum Dünndarm übergeht. Das verursacht eine leichte Übelkeit.
Ich liebe den Start auch, weisst du, sagt er. Ich reagiere nicht. Er stupst mich am Arm und sagt,
Poke poke. Ich wende mich ihm zu und verdrehe offensichtlich genervt die Augen.
Sorry, sagt er. Ich wollte ja nur kommunizieren. Frauen sind kompliziert. Ich sage,
Du hast Grenzen überschritten. Und auch wenn du das gerne tust, dann ist es im sozialen Kontext nicht immer angebracht, es zu tun, verstehst du? Menschen haben ihre Grenzen und das hat einen Grund. Bei uns ist diese Grenze zum Beispiel die Armlehne. Hier ist die Grenze zwischen deinem Sitz und meinem und du hast kein Recht, deinen Arm über diese Grenze hinweg zu manövrieren. Er schaut mich an und ist offensichtlich beleidigt.
Sprich nicht mit mir wie mit einem kleinen Jungen, sagt er.
Ich spreche mit jedem so, wie er es verdient, sage ich und merke, dass ich ein bisschen weit gegangen bin. So was erlaube ich mir normalerweise nie. Aber der Typ ist mir einfach zu arrogant.
Dann spreche ich gar nicht mehr mit dir, weil du es nicht verdienst, sagt er.

Das Flugzeug
hat längst abgehoben, wir sind im Steigflug und ich habe den Start nicht mal bemerkt. Das bringt mich aus der Fassung. Ich brauche den Start. Ich muss das Abheben physisch erleben, damit ich spüre, was ich verlasse. Ich muss die Landschaft unter mir sehen, die Häuser, muss die Wehmut in mir aufkommen lassen, die das Bild der immer kleiner werdenden Welt unter mir auslöst. Ich muss die Vergangenheit noch einmal aufleben lassen, muss mich an Menschen, an Momente erinnern, muss den Ort, von dem ich wegfliege, noch einmal durchleben. Dieser Zustand hält an bis wir uns in der Wolkendecke befinden. In der Wolkenmasse ist meine Melancholie eingebettet im undurchsichtigen Grau, ich selbst bin untätig, hänge verantwortungslos im Sitz und bin ganz und gar Trauer. Wenn wir die Wolken durchbrechen und uns über sie heben, dann bin ich bereit für so etwas wie Hoffnung. Dann drängt sich das, was kommt, mir auf und ich lasse mich ein auf eine scheue Vorfreude. Für diesen Prozess brauche ich das Abheben des Flugzeugs. Nun hat mich ein narzisstischer, endlos langweiliger Sitznachbar davon abgehalten. Ich verspüre eine innere Unruhe und plötzlich habe ich Angst.

Poke poke,
macht der Nebenan und ich sage
Go poke your fucking self.
Lass uns wieder Freunde sein, sagt er.
Ich wusste nicht, dass wir das mal waren, sage ich und starre aus dem Fenster.
Doch, das waren wir, sagt er. Du warst mir auf Anhieb sympathisch.
Ach ja, sage ich.
Ja, sagt er. Sehr sympathisch.
Dann bin ich ja froh, sage ich.
Ich habe viele Europäerinnen kennengelernt, weisst du. Aber du bist irgendwie anders. Du verstehst mich. Ich starre ihn an.
Du denkst ich verstehe dich?
Ja, ich habe den Eindruck. Du verstehst ziemlich gut Englisch.
Ach so meinst du, sage ich.
Mit vielen Europäerinnen ist es schwierig, zu kommunizieren, weisst du.
Ich weiss nicht, sage ich.
Darum sage ich es dir, sagt er. Es ist schwierig, als Amerikaner mit Europäerinnen zu reden. Sie verstehen dich nicht.

Bist du
spirituell? fragt er mich.
Wie meinst du das?
Ich weiss nicht, sagt er. Ich, zum Beispiel, bin sehr spirituell. Ich meditiere jeden Tag.
Machst du Yoga? frage ich.
Ich mache Yoga. Alle Arten von Yoga. Hatha ist mir zu langweilig. Bikram ist geil. Da schwitzt du, Mann. Ich wusste gar nicht, wo ich überall Poren habe, bevor ich Bikram angefangen hab. Ich lache.
Ich liebe es, weisst du. Meine Yogalehrerin war richtig hart. Die hat dich echt an deine Grenzen gebracht, weisst du. Entweder du machst es oder du bist eine Memme, weisst du. Strenger als mein Football Coach. Ich war nur noch Bikram, weisst du. Kein Tag ohne Bikram. Ich musste einfach schwitzen, weisst du. Dann habe ich mit der Meditation angefangen. Meditation ist der Weg, weisst du. Karma, weisst du. Du musst jeden Tag dein Karma verbessern.
Und, frage ich. Wie lange noch zum Nirvana?
Ich weiss nicht. Aber mein Karma ist schon ziemlich gut, weisst du. Ich fühle die Energie. Du, zum Beispiel, hast eine starke Aura.
Ach ja, sage ich.
Ja, sagt er. Sehr stark. Da ist viel Energie. Viel Leidenschaft. Aber nicht sehr kanalisiert.
Der Kanal ist anal, sage ich und lächle freundlich. Seine Lippen erstarren in halboffener Position. Ich lehne mich mit Genugtuung im Sitz zurück. Dass einzig und allein die Wortästhetik mich zu dieser Aussage verleitet hat würde ihn wohl gänzlich verwirren und darum lasse ich ihm Zeit, das Gehörte auf seine Weise zu verarbeiten. Immerhin wurde auf diesem ätzenden Flug mal etwas Überraschendes geäussert.

Ich schliesse
die Augen und meditiere auf meine Art. Meine Meditation läuft nach den immer gleichen Regeln ab: Sie ist im Konjunktiv verfasst. Sie sucht mit gänzlich unstatistischer Methode nach allen möglichen Möglichkeiten. Die unwahrscheinlichste Möglichkeit ist meistens auch die reizvollste und sie präsentiert sich vor meinem inneren Auge in ihrer ganzen Schönheit. Ich würde, dieser Möglichkeit nach, meinem Nebenan zeigen, wo die wahren Grenzen liegen. Ich würde ihm beibringen, was es wirklich heisst, Grenzen zu überschreiten. Ich würde ihm zeigen, wie man besser schwitzt als mit Bikram. Ich würde, nach der unmöglichsten aller Möglichkeiten, dem Typen einen Teller voller kohlehydrathaltiger Spaghetti entgegenhalten. Würde er sich weigern, die Spaghetti zu essen dann würde ich eine Handvoll nehmen und sie ihm in den Mund schieben. Ich würde ihn mit Spaghetti vollstopfen, würde ihm ins Ohr flüstern,
Verbessere dein Karma, du kannst es, Downward Facing Dog. Er würde den Hund machen. Ich würde ihm zeigen, was es heisst, Energie zu kanalisieren, würde ihm die brennende Kerze anal einführen und er würde schwitzen und dem Nirvana sehr nahe sein.

Poke poke
sagt er und klopft meinen Oberarm. Diesmal starre ich mit halboffenem Mund und schäme mich, ganz kurz, für meine ausufernden meditativen Fähigkeiten.
Kaffee oder Tee wiederholt er die Frage der Flugbegleiterin und ich bin sofort wieder indikativ.
Kaffee, sage ich, gerne. Ich widme mich einige Sekunden dem Zustand der Nachmeditation, auch diese fester Bestandteil meines meditativen Rituals: Ein Schwanken zwischen der Erleichterung darüber, dass es die Realität mit ihren sozialen Konventionen gibt und dem Zweifel am wahrhaft Guten im Menschen. Wie immer holt mich der Aktionismus um mich herum aus diesem schwankenden Zustand, und ich füge mich dankbar in die Geschäftigkeit ein, die sogar herrscht, wenn man stundenlang reglos auf einem Flugzeugsessel sitzt.


Dreizehnter Platz: Für immer war ich mit euch drüben“, Karim Dabbouz

1

Der eine Typ fragt mich, ob ich auf’s Gymnasium gehe und ich überlege kurz, denn wahrscheinlich wird er mich Streber nennen oder mir auf die Nase boxen, wenn ich ja sage. Ich sage es trotzdem.
Der Typ zieht an seiner Kippe und formt seine Augen zu kleinen Schlitzen, weil es cool aussieht oder weil der Rauch in den Augen brennt, genau weiß ich das nicht.
„Cool.“ sagt er und ich bin erleichtert. Normal wäre: Ich sage, ich gehe auf’s Gymnasium, er nennt mich Streber, ich sage, dass das nicht stimmt, er provoziert weiter, lockt mich aus der Reserve, es gibt Stress und ich kassiere. Ich kenne ihn und auch den anderen Typen, der sich jetzt neben mich auf die Kirchentreppen setzt. Auch er raucht eine Kippe, hält sie zwischen Daumen und Zeigefinger und immer, wenn er einen Zug nimmt, führt er den ganzen Arm nach oben und bewegt ihn nur aus der Schulter, als hätte man ihm den Ellbogen eingegipst. So rauchen sie alle, die Jungs von drüben hinter dem Bahndamm.
Der eine Typ steht vor mir und fragt mich, ob ich rauche. „Nein“ sage ich „hab kein Geld für Kippen.“
„Dachte du gehst auf’s Gymnasium?“
„Heißt nicht, dass ich Geld habe. Die anderen haben Geld, ich nicht.“ und er nickt und hebt seinen Kopf und die Brauen, dass sich die Stirn faltet, als wäre das etwas Neues, dass nicht alle vom Gymnasium Geld haben.
„Wo geht ihr hin?“ frage ich die beiden und spüre meine Stimme, etwas unsicher.
„Schweitzer.“
„Kollege von mir auch. Markus. Kennt ihr?“
„Ach, das der Eierkopf! Kenn’ ich.“ sagt der Typ neben mir und bläst Rauchringe in die Luft, hat dabei den Kopf im Nacken und formt die Lippen zu einem dicken Kreis und damit der Rauch nicht in den Augen brennt, zieht auch er sie zusammen zu kleinen Schlitzen und dabei legt auch er die Stirn in Falten. So rauchen sie wirklich alle, auch Markus.
„Ist ‘n korrekter.“ sagt der Typ vor mir.
„Warum dann Eierkopf?“ frage ich und lache.
„Guck dir den an, weißte Bescheid!“ sagt der Typ neben mir und lacht auch. Für einen Moment lachen wir alle und trotzdem kleben meine Hände vom Schweiß, weil ich nervös bin und weiß, wenn ich bei denen etwas falsches sage oder etwas falsches frage, dann kassiere ich richtig. Faruq heißt der Typ, der vor mir steht und mich das alles fragt. Er wohnt hinter dem Bahndamm und das ist das erste Mal, dass ich einen von drüben treffe und mit ihm rede. Normalerweise wäre ich gegangen, als sie die Straße herunterkamen, aber ich war beschäftigt mit meinem Handy und habe lange nicht aufgeschaut; und als ich den Kopf hob, waren sie schon fast da, dann hätte ich nicht einfach aufstehen und gehen können, denn das hätte ausgesehen wie eine Flucht und das ist das Dümmste, was du hier tun kannst. „Du darfst keine Angst zeigen!“ sagt Markus immer und er hat Recht, aber zwischen keine Angst zeigen und dem nötigen Respekt ist nicht viel Platz. Es ist ein schmaler Grat.
„Was bist du für Landsmann?“, fragt mich der eine, der vor mir steht und jetzt die Arme verschränkt.
„Marokkaner.“ sage ich. Er redet etwas auf arabisch, das ich nicht verstehe. Ich sage ihm, dass ich das nicht verstehe.
„Nie gelernt“, sage ich. „Mutter ist deutsch, mein Vater wohnt nicht hier.“
„Wo denn?“
„In Dortmund.“
„Cool.“ sagt der eine und zieht noch einmal an seiner Kippe und noch einmal bläst er Rauchringe in die Luft und setzt diesen kritischen, halbstarken Blick auf, den alle haben und den ich manchmal auch aufzusetzen versuche, wenn ich rauche und mir niemand dabei zusieht. Es braucht ein bisschen, bis der ganze Gossenkram einem ins Blut übergeht und gut schauspielern kann ich nicht, aber genau jetzt kommt es darauf an, denke ich, und wische meine verschwitzten Hände an den Hosenbeinen ab, so, dass die beiden es nicht merken.

Faruq ist ein Typ, den man im Viertel kennt. Er wohnt hinter dem Bahndamm, genau wie sein Kollege, der neben mir sitzt, und ist bekannt dafür, dass er ordentlich austeilt. Die ganze Zeit, während wir reden, schwirrt mir das durch den Kopf: Lass dich nicht aus der Reserve locken, denn so läuft es immer: Die kommen an, suchen einen Grund für Streit und boxen dir dann auf die Nase. Bei den Deutschen ist das ganz einfach. Da fragen sie dich, ob du Schweinefleisch isst oder ob du betest und dann haben sie ihren Grund, dabei sind die selbst nicht gläubig. Inzwischen habe ich ein wenig Übung und schon Nazis davon überzeugt, dass ich ja eigentlich zu ihnen gehöre, obwohl ich weite Hosen trage und schwarze Locken habe. Während der ganzen Zeit, in der wir reden, beruhigt mich dieser Gedanke, denn ich weiß auch, dass ich als Schwarzkopf erst einmal dazugehöre, zumindest irgendwie, wenn ich nichts wirklich Dummes sage. Und das tue ich nicht, bis Faruq mich nach meiner Handynummer fragt, die ich ihm gebe, obwohl ich eigentlich gar nicht will. Meine verklebten Hände hinterlassen Fettschlieren auf dem kleinen Display und ich muss nach meiner eigenen Nummer suchen, weil ich nervös bin, aber am Ende finde ich sie und die beiden sagen, sie schreiben mir morgen, gehen dann rechts herum, den Schotterweg entlang und ich gehe einfach nach Hause.

Ich treffe mich mit den beiden am Marktplatz, weiter die Straße herunter. Meine Hände schwitzen schon wieder, dabei ist es ein frischer Herbsttag und ich trage schon meine gefütterte Jacke, die mir viel zu groß ist und eine Beule am Bauch wirft, wenn ich an der Haltestelle sitze und auf den Bus warte. Faruq raucht wieder und auch sein kleiner Kumpel zieht seinen Ellenbogen schräg in die Luft, um sich die Kippe mit einer ausladenden Bewegungen an den Mund zu führen, die Augen zu Schlitzen geformt. Ich verzichte, weil ich Angst habe, dass es doof aussieht, wenn ich rauche und weil ich weiß, dass ich die Kohle für eigene Kippen sowieso nicht habe. Faruq klaut seine immer bei anderen Jungs oder direkt im Laden, sagt er. Er will mir zeigen, wie das geht, hat er gesagt, aber heute haben wir etwas anderes vor, das schrieb er mir in der SMS und also gehe ich einfach neben ihnen her.
Faruq sagt, niemand habe Respekt vor ihnen. Nur wenn er ihnen auf die Schnauze gibt, seien sie ruhig.
Faruq sagt auch, die Leute erwarteten das ja von ihnen, dass sie Stress machen und Klatsche verteilen und ein bisschen hat er Recht, denke ich, und deshalb nicke ich mit gutem Gewissen, denn da muss ich nicht lügen, da hat er wirklich Recht.
„Du siehst das in den Augen, dass die direkt was erwarten.“ sagt er. „Ich geh die Straße ‘runter, alle machen Platz, alle gucken nach unten. Sogar Erwachsene.“
„Vielleicht machen die das nur, weil sie Respekt vor dir haben.“ sage ich.
Faruq sagt, niemand respektiere ihn, und ich sage, das sei doch normal, dass man sich nicht in die Augen starrt.
„Scheiße ist das normal!“ Faruq schmeißt den Kippenstümmel wütend auf den Gehweg und ich merke, ich bin besser still, also gehe ich einfach weiter ruhig neben den beiden her.
Faruq sagt, die Deutschen haben etwas gegen Schwarzköpfe und ich nicke, denn ein bisschen glaube auch ich das, wirklich sicher weiß ich es aber nicht.

Auf dem Weg zur Bude erzählen die beiden von ihrer Gegend hinter dem Bahndamm. „Im Ghetto.“ sagen sie und ich weiß, was sie meinen, denn auch bei uns nennt man das Viertel Ghetto. Ich erinnere mich an die Eltern der Kinder von nebenan, die immer sagten, wir sollten uns von den „Blagen hinter dem Bahndamm“ fernhalten, denn die seien alle asozial und das taten wir: Wir hielten uns fern. Jetzt, einige Jahre später, tun wir das noch immer und wir versuchen, nicht mit den Jungs von drüben aneinander zu geraten. Es gibt ein paar im Viertel, die drüben gut vernetzt sind und einige der miesen Schläger kennen. Markus zum Beispiel, aber so wirklich hängt er da auch nicht mit drin. Er geht nur auf die gleiche Schule und nach dem, wie die beiden ihn nannten, kann er keine große Nummer sein. Faruq nennt ihn Eierkopf und Faruq sagt auch, dass das ‘ne ganz miese Gegend sei, da dürfe man sich nichts gefallen lassen. „Jeden Tag Klopperei.“ sagt er, aber er kenne Leute und man kenne ihn und seine Jungs.
An der Bude kaufen die beiden ein Feuerzeug. Die Verkäuferin pult eines aus dem Plastikständer, dabei fällt das ganze Magazin über die Theke und die Feuerzeuge verteilen sich auf dem Boden. Auf manchen sind nackte Frauen, auf anderen Männer mit einem Haufen Muskeln. Wir sammeln sie ein, Faruq nimmt sich ein schwarzes mit einem Tribal darauf, bezahlt, und dann gehen wir raus, rechts herum in Richtung meiner alten Schule, an der ein Schotterweg vorbeiführt. Es ist ein ekelhafter Herbsttag und das Laub pappt unter unseren Füßen und einmal rutsche ich fast aus, kann mich aber gerade noch halten. Die beiden lachen und auch ich lache mit. Peinlich ist es mir trotzdem.
„Hier war ich auch.“ sagt Faruq und zeigt auf meine alte Grundschule und ich sage, das wusste ich gar nicht, wir hätten doch im selben Jahrgang sein müssen, aber ich habe ihn nie gesehen.
„Keine Ahnung, ich war da ab der zweiten Klasse.“ behauptet er und wir gehen am Haupteingang vorbei, dem Ende des Schotterwegs entgegen. Faruq ist Libanese, sagt er. Die Eltern seines Kumpels Rachid kommen aus Marokko, wie mein Vater, den ich kaum kenne. Nach der Grundschule wechselte er auf die Hauptschule und ich als einziger Schwarzkopf meiner Klasse auf’s Gymnasium. Das ist jetzt vier Jahre her.

Als der Schotterweg zu Ende ist, kommen wir auf die Hauptstraße. Dahinter ist schon der Bahndamm. Die Eisenbahnbrücke steht da, rostig und kalt, ein Gerippe aus dicken Stahlträgern mit großen von Nieten besetzten Nähten, die man viele Male mit einer dicken, braunen Lackschicht überzogen hat. Sie ist von unten bis oben vollgeschissen und auch unter der Brücke liegt Taubenscheiße, weil die Viecher im stählernen Gerippe wohnen. Die Grenze zwischen meiner Welt und Faruqs, so deutlich muss man das sagen – meine und seine Welt – ist ein stählernes Gerippe voll Taubenscheiße. Und es klirrt, wenn ein Zug darüber fährt und wenn man darunter hergeht, so wie ich nun das erste Mal, dröhnt es vom Wind, der durch das Skelett pfeift und von den Autos und LKW, deren laute Motoren hier widerhallen.
Faruq sagt, seinem Bruder hätten die Tauben einmal auf den Kopf geschissen, und wir lachen.
Faruq sagt auch, jeder der hier langgeht, dreht spätestens jetzt um, weil die Brücke so hässlich ist und jeder Angst hat, dass die Tauben einem auf den Kopf scheißen.
Über die großen Flecken von Taubenscheiße hüpfen wir hinüber, blicken vorher kurz nach oben, um sicherzugehen, dass da keines der Viecher hockt.
„Sind keine Tauben, nur nachts. Tagsüber sind die am Markt und fressen.“ sagt Faruq und er wiederholt es laut, weil der Straßenlärm ihm die Stimme nimmt, während er unter der Brücke hergeht und die Flecken nicht beachtet. Das hier ist seine Gegend, das sieht man.

Faruq sagt, da müsse man unbedingt mal nachschauen, da gäbe es geile Sachen von Autos und Motorrädern und auch ein paar Fahrräder seien dabei. Er schiebt das Gestrüpp zur Seite, sodass sich eine Art Durchgang öffnet. Er schlüpft mit gesenktem Kopf hindurch. „Kommt leise.“ sagt er und ich folge ihm direkt auf den Fuß und halte mir einen Arm vor das Gesicht, weil ich Angst habe, dass mich ein Ast in der Fresse erwischt. Wir stehen jetzt auf einem großen Gelände, unter uns der Schotter und die zugewachsenen Bahngleise, zwischen denen kleine Birken emporwachsen. Das ist ein alter Rangierbahnhof, den die Bahn der Natur überlassen hat und die nimmt ihn sich nun zurück, zusammen mit ein paar Pennern und mit Faruq und seinen Jungs aus dem Viertel hinter dem Bahndamm. Ich spüre mein Herz schlagen, weil ich nicht weiß, wie es weitergeht, aber Faruq geht einfach weiter voran und ich folge ihm still.
Faruq sagt, wir müssten jetzt unbedingt leise sein und zeigt auf eine Baumreihe am anderen Ende des Bahngeländes, dort, wo die Gleise von Weichen wieder zusammengeführt werden und in eine schmale Trasse übergehen. Dahinter stehen Bäume und dahinter, sagt Faruq, ist das Gelände. Es fängt an zu dämmern und ich friere und zittere ein wenig, versuche mir meine Nervosität aber nicht anmerken zu lassen.
An einer Stelle der Baumreihe bleibt Faruq stehen und gibt uns kurz ein Zeichen, dass wir ruhig sein sollen. Dann verschwindet er zwischen den Bäumen. Wir hören es rascheln und dann klappert etwas und ich denke, das ist doch zu laut, wir sollten doch leise sein, aber dann sehe ich Faruq, wie er zwischen den Bäumen an einem Zaun hochklettert. Der andere folgt ihm auf dem Schritt und verschwindet zwischen den Bäumen. Ich ziehe meine Jacke aus, die im Dunkeln zu sehr auffällt, lege sie über eines der Gleise. Dann gehe auch ich zwischen den Bäumen entlang und klettere über den Zaun.

Ich finde Faruq zwischen einem Opel und einem alten Bulli, dem die Türen fehlen. Er hockt auf dem Boden und wühlt im Gras und macht sich an einem der Radkästen zu schaffen. „Ruhig!“ zischt er und ich frage, was er sucht.
„Warte kurz.“
Faruq sagt, man bekäme nichts geschenkt, das müsse man sich holen.
Faruq sagt auch, die Deutschen seien schuld, dass er nichts hat.
Er zieht eine kleine blaue Kiste aus Blech hervor, steht kurz auf und blickt sich um. Niemand da. Dann macht er die Kiste auf und holt die Knarre heraus.

Ich sehe Faruq fünf Jahre später beim Einkaufszentrum. Er trägt die Haare kurz und steht rauchend mit ein paar anderen vor dem Eingang, hält die Kippe zwischen Daumen und Zeigefinger und führt sie mit einer großen Bewegung an den Mund. Ich gehe auf die Gruppe zu und wieder spüre ich meine schwitzenden Hände, wie damals, als ich ein paar Tage lang Teil ihrer Clique war. Es surrt in meinem Kopf und ich frage mich, ob er mich erkennen wird und dann bekomme ich Angst, denn mir fällt ein, dass ich ganz anders bin. Ich ziehe mich anders an, ich habe andere Hobbies, ich treffe andere Leute. Ich gehe auf ihn zu und er raucht einfach weiter, mit seinem steifen Ellbogen, als wäre dieser eingegipst. Kurz schaut er mich an. Dann zieht er an seiner Kippe, schließt die Augen und ich gehe einfach an ihm vorbei.
Faruq sagte immer, er sei nicht schuld.
Faruq sagte auch, er könne nichts dafür, dass man Angst vor ihm hat und dass von drüben niemand etwas mit ihm zu tun haben will.
Faruq sagte, man sehe das direkt, ob jemand passt, oder ob jemand aus einer anderen Welt kommt. Man sieht das schon am Blick, sagte er, und daran, wie sich die Leute bewegen: Ob sie hastig an ihm vorbeigehen oder ob sie sich die Straßen mit ihm teilen.


Dreizehnter Platz: „Ab acht sollen die Züge rollen“, Kirsten Fuchs

Nermin sperrt den Regen aus.
„Mist das läuft schon wieder hier unten rein. Die sollen das dicht machen. Das ist doch Mist. Ich hol mal einen Lappen.“
Ihre Kollegin stützt ihren gesenkten Kopf in die Händen und richtet ihn, als wäre er ein gusseisernes Lesegerät auf die Ersatzfahrplänen. Dann schiebt sie ihn hin und her.
„Jadwiga. Hast du gehört? Ich muss mal in die Gemeinschaftsküche.“
„Ja, mit Milch!“ Jadwiga lächelt sie kurz an. „Danke!“ und schon schiebt sie ihren Kopf wieder hin und her.
Die Kommunikation zwischen beiden Frauen ist ein Zug und ein Gleis mit unterschiedlicher Spurweite und nicht ausreichender Spurweitentoleranz. Vielleicht weil sie zum ersten Mal zusammen arbeiten, vielleicht weil die Gleissysteme oft wechseln zwischen den Ländern. Da können nicht die selben Züge fahren, da muss alles was gesagt wird erst in ein Umspannwerk. Nermin und Jadwiga arbeiten in dieser Nacht zusammen weil Sonderbedingungen gelten und Sonderteams gebildet wurden, die sich an Sonderregeln halten. Das gut organisierte Land versucht weiterhin das gut organisierte Land zu bleiben.
„Ich gehe keinen Kaffee machen. Ich gehe wegen der Pfütze. Wegen dem Regen.“
„Wegen des Regens.“
Nermin verspannt sich. Weiß sie doch. Wegen des. Zum Beispiel Regens. Oder Mehrbedarfes an Zugeinsätzen. Wegen des anhaltenden Flüchtlingsstromes. Wegen des Krieges. Und wegen des Endes des Sommers. Da ist sie sich nicht so sicher, ob das richtig so ist. Wegen des Endes des Sommers. Das klingt übertrieben. Die Menschen müssen aus den Zeltlagern in Hallen oder Gebäude, in andere Lager. Von Osten nach Westen sollen Züge fahren. Und nach Süden. Nach München und Nürnberg. Und bis zur französischen Grenze.
Es ist sechs Uhr. Um acht müssen sie fertig sein mit den Notfallplänen für die Sonderzüge, da soll es rollen, sagt Jadwiga. „Viel zu tun“ sagt sie, aber lässt die jüngere Kollegin keine Entscheidung treffen. Sie lässt sich nicht mal über die Schulter schauen. Nermin denkt, dass Jadwiga bestimmte Anweisungen hat. Es ist vielleicht ganz gut, wenn Nermin nicht weiß, was Jadwiga weiß. Denn wenn sie nichts weiß, hat sie am Ende nichts gewusst.

Nermin geht den langen Flur entlang. Vor ihr her läuft das Taschenlampenlicht wie ein heller Hund. Im Flur sind weiteren Pfützen. Unter dem Fenster, an dem die Raucher oft stehen, ist eine, an dem Fenster mit der Vogelsilhouette auch. Ein Fenster war auf, als es rein regnete, das andere zu. Ist also egal, ob auf oder zu. Was rein will, will rein. Das Dach ist auch undicht, sagt der Hausmeister, aber der Keller auch, sagt er, als würde sich das aufheben. Das gesamte Haus ist kaputt, größtenteils steht es leer. In den oberen Stockwerken warten gestapelte Tagungsstühle mit Metallbeinen darauf, dass der Hausmeister immer den höchsten Stuhl vom Stapel nimmt und ihn aufstellt. Alle zur verschiebbaren Tafel vorne ausgerichtet. Nermin erinnert sich, wie sie damals bei Schulungen dort oben saß mit all den Mitarbeitern. Dieses Geräusch, wenn hundert Klapptisch an der Seite der Stühle aus der Metallschiene gezogen werden, dann umklappen und einrasten. Heute sind sie nur noch dreißig Leute hier im Haus.
Die Fenster werden nicht mehr repariert, so lange sie hier arbeitet. Die Pläne werden bald alle von Programmen aufgestellt und dann wird nur noch einen Techniker benötigt, der die Maschinen wartet. Vielleicht reparieren sie dann die Fenster, damit die Rechner nicht nass werden. Wenn Nermin Glück hat, kann sie wie Can und Aina von der Zweigstelle in die Zentrale wechseln und dort am Telefon arbeiten. Die bearbeiten die Anliegen aus anderen Bundesländern und wissen gar nichts. Sie nehmen auf und leiten weiter. Wir haben nur weitergeleitet, können sie sagen.

Nermin pfeift. Sie ist sich nicht sicher, welches Lied das ist und ob die Melodie nicht an der tiefen Stelle eine falsche Abzweigung nimmt. Tief pfeifen ist schwer.
In der Gemeinschaftsküche schaltet sie das Licht an. Die Energiesparlampe braucht eine Weile. Die Konturen werden langsam klarer. Fünfzehn Jahre arbeitet Nermin für die Bahn und nie vorher ist sie nachts hier gewesen. Nachts ist alles anders hier, hässlich und falsch. Die Pläne werden sonst immer tagsüber gemacht und weit im voraus, quartalsweise wird angepasst. Und da kam ihr immer alles richtig vor.
In den anderen Büros ticken die Funkuhren und die Standby-Augen leuchten im Dunkeln. Bente ist im Urlaub, Richard krank. Thomas behauptet, dass er krank wäre. Der wollte diese Aufgabe nicht übernehmen. DAS mache ich nicht, hat er gesagt und sich krank schreiben lassen.
Nermin findet nur drei Ersatzgeschirrtücher, und die sind für Geschirr. Sie nimmt einen Stapel von den Papierhandtüchern und pfeift das Lied auf dem Weg zurück gleich einen Ton höher, damit sie zu tief nicht falsch abbiegt. Ihre Mutter hat das Lied früher gesummt. Aus der Heimat, hat sie gesagt und Nermin hat sich diese Heimat bunt und windig vorgestellt. Alte Bäume, zahme Tiere, ein frischer Himmel ganz weit.
Sie kann den Text von dem Lied nicht. Sie ist ja hier aufgewachsen.
Unter die Fenster legt sie drei Lagen Papierhandtücher. Sie saugen sich sofort voll und sie legt noch einmal drei Lagen drauf. Die saugen sich genauso schnell voll. Wie lange könnte sie das noch machen? Hat es einen Sinn?
„Was machst du denn da?“
„Der Regen hat hier überall…“
„Du sollst mir helfen! Ich kann das doch nicht alleine machen.“
Wenn Jadwiga verärgert ist, sieht sie aus wie eine böse Trickfilmhexe, findet Nermin. Diese harte Schraffur der Diätwangen, der Urlaubsmangel auf den sie auch noch stolz ist und dieses Alleinerziehend um die Augen.
„Ich hab gedacht …“
„Nicht denken!“
Als es um die Beförderung ging, hat Hoffmann bestimmt Jadwiga zu sich gerufen und zu ihr gesagt: „So, Frau Krol, schimpfen Sie mal was. Einfach so eine kleine improvisierte Schimpferei… Wie Sie es auch mit ihren Kindern machen.“
Und dann hat er sie über Nermin eingeordnet, denn Nermin sagt beim Schimpfen zu viel „finde ich“ und „glaube ich“. Sie hat noch nie gesagt: „Ich zähle bis drei. Eins, zwei …“
Jadwiga fragt, wo ihr Kaffee ist.
„Ich war doch wegen dem Geschirrtuch. – Wegen des Geschirrtuchs.“
„Macht ja nichts. Diese Gleisbelegung muss jetzt ins Programm eingegeben werden. Erledige das bitte in der nächsten halben Stunde. Dann schaffen wir es bis halb.“
Nermin erledigt das. Sie tippt zahl um Zahl. Wenn sie es richtig versteht, fahren die Züge alle sehr dicht aufeinander. Zu dicht, findet sie, glaubt sie. Das hätte sie nicht so geplant. Das wird Chaos, glaubt sie. Noch dazu die Demonstranten, die es bis jetzt bei jedem Transport auf der Strecke gegeben hat.
Der Regen drischt draußen Sekundenlöcher in die Pfützen.
Angeblich sind die meisten Zelte in den Erstaufnahmelagern undicht und der Boden würde immer schlammiger werden. Genau weiß Nermin das nicht. Es ist nicht so, dass sie nichts weiß, sie weiß zu viel und darum gar nichts. Alles hebt sich auf. Das eine und das Gegenteil davon. Das andere und der Gegenbeweis. Wer am lautesten schreit und die meisten Fotos hat. Angeblich haben sie selbst die Zelte kaputt gemacht, um eine bessere Unterkunft zu erzwingen. Es ist nicht so leicht, ihnen zu helfen. Wenn man ihnen etwas schenkt, dann wollen sie es manchmal nicht. Sie gehören uns nicht, sagte letztens Nermins Mutter. Es sind nicht unsere. Sie müssen nicht machen, was wir wollen. Wir machen auch nicht, was sie wollen. Sie müssen nicht kriechen, verstehst du? So sagte es Nermins Mutter. Die sieht fast nichts und se liest keine Zeitung und trotzdem scheint sie als einzige durchzublicken. Die Angriffe auf die Lager häufen sich und darum sollen jetzt nur noch Lager außerhalb von Städte errichtet werden.

„Maximalauslastung“, sagt Jadwiga. Meint sich oder die Züge. „Das muss man erstmal hinkriegen“.
Sie oder die Züge. „Ich bin richtig stolz.“
„Ja?“, fragt Nermin.
„Ja!“ Jadwiga lehnt sich zurück, schließt die Augen, verschränkt die Arme und streichelt mit der linken Hand ihren rechten Oberarm und mit der rechten Hand ihren linken Oberarm. Wie ein Streichelautomat. Ganz kleine Streichelkreise. „Dass ist doch schön, dass wir helfen können“, sagt sie. „Bei dem Regen. Das muss doch jetzt schnell gehen.“
Nermin zuckt die Schultern, auch wenn es niemand sieht, nur für sich selbst.
„Wir transportieren innerhalb von drei Tagen sechzigtausend Menschen.“ Jadwiga unterbricht ihre
kleinen Kreise und öffnet die Augen. „Dass ich das noch erleben darf.“ Sie lächelt. „Dass so schnell etwas getan wird und so gut organisiert.“
„Wie viele sind denn pro Zug vorgesehen?“, fragt Nermin. Die Zahlen kommen ihr alle zu hoch vor.
Jadwiga strammt sich sofort aufrecht. „Du darfst nicht vergessen, dass die verzweifelt sind. Die freuen sich doch. Außerdem sind die nicht so dick wie du und ich. Die sind ganz dünn. Es sind ja auch viele Kinder dabei. Die können auf dem Schoß sitzen.“ Jadwiga beginnt wieder, ihre Kreise auf sich selbst zu ziehen. „Die wollen sowieso bei ihren Eltern sein. Die lange Flucht, das fremde Land und sie wissen nicht, wo es hingeht. Da wollen die sowieso auf den Schoß.“ Dann hat sie diesen Blick, den Leute mit Kindern haben, wenn sie Leute ohne Kinder ansehen. Nichts weißt du. Und das mag auch stimmen, dass niemand etwas weiß über etwas, dass er nicht erlebt hat. Woher will Jadwiga wissen, was die Kinder wollen, wenn sie in den vollen Zügen sind?
„Und wenn die Eltern schlafen wollen?“
„Ach, das geht auch mit Kind auf dem Schoß. Das habe ich sehr oft gemacht.“
Wieder dieser Blick. Was weißt du ohne Kind? Was weiß ich ohne Kind?, denkt Nermin. Was weiß ich ohne Flucht? Und ohne Krieg? Zu Hause zwei Katzen und gerade erst so ein Bauchweggerät bestellt für viel zu viel Geld aber mit Pfunde-Purzel-Garantie?
„Ich gehe mir jetzt einen Kaffee kochen.“ Jadwiga steht auf, geht raus, hinterlässt einen warmen Sitz, auf den sich Nermin setzt. „Mit Milch!“, flüstert sie.
Sie weiß nicht, ob sie das darf und was sie davon hat, wenn sie es weiß, aber jetzt will sie es wissen. Sie schaut in die Papiere auf Jadwigas Schreibtisch. Die Zahlen sind alle zu hoch. Das ist keine Maximalauslastung.

„Was ist das?“ brüllt Jadwiga plötzlich aus der Küche. „Was verdammt nochmal ist das?“
Nermin geht den langen Flur entlang, ohne Taschenlampe. Der Regen benimmt sich, als wolle er das Haus zerhacken.
Jadwiga steht zum Vorwurf aufgebaut in der Gemeinschaftsküche und zeigt auf ein kleines Schraubglas im Schrank. „Ist das die Spinne von letzte Woche?“
Was brüllt sie denn dann so, wenn sie es schon weiß? Die Spinne von letzte Woche war über die Pläne gelaufen und Jadwiga hatte gefordert, dass jemand sie erschlägt. Bente rannte gleich weg. Das gäbe einen großen Fleck, sagte Thomas. Nermin fand, dass ein so großes Tier nicht einfach so erschlagen werden konnte. Das war keine normale Spinne. Die war echt groß, richtig ein Tier. Nermin ekelte sich auch vor Spinnen, aber nur, wenn die so schnell rannten, aber die hockte bloß da. Also hatte sie ein leeren Marmeladenglas geholt. Und als sie wieder kam, hockte die Spinne immer noch auf den Plänen. Nermin begann mit ihr zu sprechen. „Du darfst dich jetzt nicht bewegen. Nicht! Wenn du dich jetzt bewegst, muss ich dich töten. Bleib genau da. Bleib!“. Dann hatte sie das offene Glas über das Tier gestülpt. Das blieb so hocken. Jetzt musste sie den Deckel irgendwie unter das Tier bekommen. „Nicht bewegen. Du hörst mich nicht, oder? NICHT bewegen! Wenn du eine falsche Bewegung machst, muss ich dich zerquetschen. Bitte, bitte, du darfst jetzt nicht ….“ Sie konnte das Glas leicht anheben, den Deckel rein schieben. Das Tier krabbelte auf den Deckel. Fast brav und teilnahmslos. Nermin drehte das Glas auf dem Decke und verschloss damit das Gefäß. Sicher. Aber was hieß das schon? Sicher? Für wen? Für die Spinne nicht. Dann ließ sie sofort das Glas los und dann schüttelte sie den Ekel und die Anspannung ab. Nermin beobachtete eine Weile, wie das Tier sehr langsam in dem Glas herum lief und dann begann, ein Netz zu bauen, aber ein ganz kleines, um sich herum. Wie um sich zu verstecken. Nicht, um etwas zu fangen. Es war wohl zu hell im Glas. Nermin wusste nicht, wie sie die Spinne freilassen sollte. Wenn sie den Deckel aufdrehte, dann rannte die Spinne ihr möglicherweise über die Hand und dann würde sie das Tier doch töten müssen, ganz schnell drauftreten.
Nermin brachte das Glas in die Küche und schob es hinten in den Schrank. Vielleicht würde sie es abends in den Keller bringen und den Deckel öffnen und weg rennen. Dann abends hatte Nermin nicht nachsehen wollen, wie weit sich die Spinne eingesponnen hatte. Sie bildete sich die nächsten Tage ein, dass sie es schon fast vergessen hätte. Das Tier. Das Glas. Im Schrank. Vielleicht müsste man sie füttern.

„Ich hab dir gesagt, du sollst die erschlagen.“ Jadwiga nimmt das Glas und schüttelt es. „Jetzt ist sie sowieso tot.“ Sie hält Nermin das Glas hin. Darin rollt eine schwarze Kugel herum. Die Beine der Spinne waren angezogen und die Spinne nicht mehr groß. Sie hatte versucht sich einzuspinnen, aber vermutlich ist so ein Glas dafür nicht geeignet. Oder ihre Kraft hatte nicht gereicht.
„Wenn ich sie erschlagen hätte, wäre sie doch auch tot gewesen.“
„Aber so ist sie verhungert oder erstickt. Kenn mich ja mit Spinnen nicht so aus.“ Jadwiga rührt in ihrer Tasse, zuckt die Schultern und geht zurück ins Büro. Als hätte sie nichts damit zu tun.

Nermin lässt die Spinnenkugel im Glas herumrollen. Dann wirft sie das Glas weg. Wie es ist. Ungeöffnet.
Es ist um acht.


Dreizehnter Platz: Artus“, Monika Buschweg

Artus kam vom Land. Schlimmer noch: Als er endlich sprach, sprach er Schwäbisch.
Sweeti stellte ihn vor – „Artus Schneider“, sagte Sweeti – und wir dachten, er hätte sich versprochen. Arthur, das hätte zu dem Jungen mit den klobigen Schuhen und dem hellblauen Rhombenmuster auf dem Pullover gepasst. Arthur – das klang zwar empfindlich altmodisch, nach Familientradition und Taufpate, nach Hervorhebung der männlichen Linie oder so, aber es war immerhin ein Name. Und kein Heiligenschein. Doch Sweeti hatte sich korrekt ausgedrückt: der Junge hieß Artus. Arme Sau, dachten wir. Und dass wir ihn – falls nötig – dazu machen würden, dachten wir wohl auch schon in diesem Moment.
„Artus, vielleicht setzt du dich erstmal hierher, zu Markus“, Sweeti bestand nicht darauf, mit dem Neuen einen kleinen Dialog zu führen – wie es sonst in solchen Fällen üblich war -, der Klarheit darüber brachte, woher einer kam und warum er kam. Und Artus drückte sich nach rechts weg in den Stuhl hinein, auf den die Pädagogenhand gewiesen hatte. Von hinten kam das Wort „Tafelrunde“, ohne Einbindung in einen Satz, einfach so, als der passende Deckel auf den Topf, den der Name darstellte. Aller Blicke switchten zu Barbara hinüber, denn Barbara wusste alles. Und Barbara nickte dezent. Auch Sweeti musste das Wort gehört haben, denn er griff es auf.
„Artus und die Ritter der Tafelrunde, ganz richtig. Genau so heißt euer neuer Klassenkamerad. Ein schöner Name.“
Der Neue war blond und hatte streichholzkurzes glattes Haar. Er war groß und dünn und wusste nicht wo hin mit sich. Das wenigstens einte uns. Beine und Arme schienen zu lang für den Rumpf, aus dem sie herauswuchsen. Wenn er leicht schaukelnd ein Bein über das andere legte, bestand die Gefahr, die Beine könnten sich verknoten – und er, bei dem Versuch aufzustehen – vornüber auf die Fresse fallen.
Zwei Tage lang sprach er kein Wort und verbrachte die Pausen offenbar auf dem Klo. Am dritten meldete er sich in Geschichte. Sweeti erzählte vom Wiener Kongress und war hocherfreut als Artus sich meldete. Er rechnete mit einer Frage, aber der neue Schüler wollte ihn korrigieren: „Des kamma so net sage“, hub er an. Ein kurzes, verblüfftes Schweigen, dann brüllten wir los. Und jeder weitere Brocken, den Artus in unsere Mitte warf, gab unserem Hohn frische Nahrung.
In der Pause nahmen wir ihn uns vor. Wir standen wie immer hinter den Fahrradständern und vollzogen das Rauch-Ritual. Die meisten drehten ihre Zigaretten selbst, aber es kreisten auch Schachteln. Filter wurden sorgfältig mit zwei Fingern abgekniffen und weggeschnipst. Zum Ritual gehörte es, jeder Witterung zu trotzen. Bei Kälte bot die Zigarette Schutz und Wärme. Bei Hitze Erfrischung für den Geist. Die Rauchenden bildeten kleine Gruppen, die sich – unsichtbaren Strömungen folgend – öfter auflösten und neu zusammensetzten. Ein leichter Ekel stand in unseren Noch-Kinder-Gesichtern, eine kaum abgelagerte Erinnerung an die ersten Zigaretten, an die Übelkeit, die sie verursacht hatten.
Artus stand dicht neben den Rauchergrüppchen und kaute einen Apfel. Einen seiner langen Arme hatte er angewinkelt und hinter dem Rücken versteckt. Die Hand kam in der Beuge des anderen Arms wieder zum Vorschein. Es sah aus, als wartete er geradezu auf den ersten Schlag. Als gehöre ein Schlag unausweichlich zu den Einweihungszeremonien. Als sei es ratsam, das Unvermeidliche zügig hinter sich zu bringen.
„Willste eine?“ Heiner eröffnete die Partie.
„Dank dir, i rauch net“, sagte Artus und seine Stimme drückte echtes Bedauern aus. Wir wippten von einem Fuß auf den anderen vor lauter unterdrücktem Lachen und setzten unseren Ehrgeiz daran, den Neuen mit Fragen und Bemerkungen zu provozieren. Dabei hielten wir ihm unsere Zigaretten unter die Nase oder bliesen ihm den Rauch ins Gesicht. Das war die Eröffnung. Von nun an waren der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
Artus war genau der Typ Mensch von dem man sich um jeden Preis abheben musste, einfach deshalb, weil man es sich schuldig zu sein glaubte. Im Kontrast zu ihm war man stärker man selbst als man es ohne ihn war. Allein sein Aussehen: Er trug Sachen, die offenbar Mutti für ihn aussuchte – weiße Hemden zum Beispiel, die oben am Hals und an den Handgelenken aus dem Pullover hervorsahen. Wir trugen eigentlich nur Parker und Jeans. Und wenn uns je ein T-Shirt gefallen hatte, dann das von Jochen. Er hatte es aus Amsterdam mitgebracht und es trug in schwarzen Lettern auf hellem Grund, die sich von klein nach groß hinbewegten, die Aufschrift: Kiss the future, fuck the past. Artus schien weder Parker, noch Jeans, noch andere als makellos weiße Hemden zu besitzen. Er ging im Vierzehntage-Rythmus zum Friseur – für uns war klar, dass wir unsere Haare in diesem Leben nur noch selten waschen und nie mehr schneiden lassen würden.
Im Unterricht war er gut, der Neue, nein: sehr gut. In Mathe fand er die originellsten Lösungen, in Deutsch lieferte er sich ein rasantes Wortduell mit Barbara über Wert und Unwert von Heroismus. „Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat“, zitierte er, und in unseren Ohren schnitze sein Dialekt daraus eine Volkslied-Zeile. Er also war ein guter Schüler – wir dagegen hielten uns zugute, pädagogisch uneinnehmbare Festungen zu sein. Auch wenn wir unter uns waren, sprach Artus artig von Herrn Sweetkowsky, wenn er Sweeti meinte, er ignorierte grundsätzlich die Spitznamen von Lehrern und Mitschülern, und wir sahen eine Art von Besserwisserei darin, eine Zurechtweisung, eine verdammte Anmaßung.
Vor allem aber umwehte den Neuen ein tiefes, melancholisches In-Sich-Gekehrt-Sein, das wir für den Ausdruck von Provinzialität und Angepasstheit hielten oder halten wollten, während wir uns als Rebellen fühlten. Rebellen, denen Freiheit und eine finstere, gegen alles gerichtete Wut für Synonyme galten, die niemals mehr als fünfzehn Schritte zu Fuß gingen, und denen der Sand, der angeblich unter dem Pflaster zu finden war, so egal war wie das Wetter.
Er – ein Einzelgänger, dem die Hoffnung, seine Disharmonien in absehbarer Zeit aus eigener Kraft in den Griff zu bekommen, auf der Stirn stand. Wir – ein Kollektiv, dessen Stärken besser vor dem Hintergrund einer Menge von Menschen zur Geltung kamen. Wir brauchten das Schweigen von vielen als passende Antwort auf unseren Lärm. Allein aus dem Umstand, in der Großstadt aufzuwachsen, leiteten wir Überlegenheit ab. Und Überlegenheitsgefühle brauchten wir dringend, denn natürlich dämmerte uns, dass in ihm, Artus, ein Potential schlummerte, das jeden von uns, sobald es sich entfaltete, in die Schranken weisen würde.
Einer von uns, Andy, dem auch in den finstersten Tälern der Pubertät ein Mindestmaß an Freundlichkeit und Sanftheit geblieben war, hatte sich mit Artus unterhalten und herausgefunden, dass er aus der Nähe eines Ortes kam, der Böblingen hieß und nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester hierher gezogen war, in die große Stadt. Wäre er vom Mond gekommen, der Weg hätte nicht weiter sein können. Ein Bruder seiner Mutter hatte sie als Buchhalterin in einem hiesigen Betreib untergebracht.
Drei von uns, Stefan, Markus und ich, hatten ein Stück weit den gleichen Schulweg wie Artus, das heißt, wir fuhren mit dem Bus eine kurze Strecke in dieselbe Richtung. Artus stieg immer zuerst aus, wenn wir mittags nach Hause fuhren. Wie in geheimem Einverständnis – ein Grinsen, ein Blick genügten – hinderten wir ihn eines Tages daran. Wir bauten uns vor ihm auf – Schulter an Schulter – wie eine Mauer. Er versuchte rechts, dann links an der Mauer vorbei zu kommen, aber die Mauer zeigte sich flexibel, und wo gerade noch ihre Ränder gewesen waren, war plötzlich ihre Mitte.
Artus lachte zuerst, er glaubte an eine scherzhafte Einlage, die gleich vorüber wäre. Aber schon hatten sich die Türen geschossen, der Bus fuhr weiter und als er das nächst Mal hielt, stand die Mauer wieder. Artus weigerte sich zu glauben, was ihm da widerfuhr. Er gab den Versuch, an uns vorbeikommen zu wollen, nicht auf, er brauchte allein drei Haltestellen, um zu begreifen, dass es uns ernst war.
„Jetzt lasset mich halt durch!“
Wenn je eine Verzweiflung echt war, dann seine. Und wenn Artus geglaubt hatte, das Spiel wäre vorbei, wenn wir an unseren jeweiligen Haltestellen angekommen wären, so irrte er. Der Bus, wir wussten es, fuhr bis in einen nördlichen Außenbezirk. Eine gute Dreiviertelstunde. Und Artus machte uns die Freude, immer von neuem gegen uns anzurennen, als könnte er nicht fassen, dass seine Kraft nicht ausreichte, uns beiseite zu schieben. Halb und halb war er sogar solidarisch mit uns, so kam es mir vor, so als würde ihm eine Aufgabe gestellt, deren Lösung ihn im Leben weiter brächte.
Die Endhaltestelle lag in einer öden Gegend mit flachen Industriebauten. Wir gingen auf die andere Straßenseite, wo schon ein paar Leute warteten, und stiegen nach ein paar Minuten in denselben Bus, der jetzt wieder zurück fuhr. Artus war einfach geradeaus weiter gegangen. Wir sahen ihn erst am nächsten Morgen in der Schule wieder.
Große Stadtrundfahrt nannten wir unsere Aktion und wiederholten sie von Zeit zu Zeit. Immer dann, wenn die Erinnerung an das letzte Mal zu verblassen drohte. Nicht jedes Mal fuhren wir bis zur Endstation, manchmal hielten wir Artus nur so lange fest, bis wir selbst aussteigen mussten. Dass er seinen Widerstand nie aufgab, dass er inzwischen schrie und schimpfte und die Aufmerksamkeit der Mitfahrenden auf sich zu ziehen versuchte, statt einfach zu kapitulieren und unsere Aktion dadurch ins Leere laufen zu lassen, wunderte uns. Und die anderen Fahrgäste schienen alle das Buch gelesen zu haben, worin es heißt, Jugendliche müssten ihre Konflikte unter sich austragen.
Heute glaube ich, er wollte uns die Chance zur Einsicht geben, zum Mitgefühl vielleicht sogar. Und er wollte uns, seine Demütiger, demütigen: Mochten wir uns, wann auch immer, der hässlichen Szenen erinnern, als wir vor ihm standen und ihn nicht gehen ließen – drei gegen einen. Wie sehr er auch bat, flehte, fluchte, weinte. Mochten wir uns erinnern und uns schämen bis auf den Grund unserer schwarzen Seelen, wenn wir denn irgendwann einmal, Jahre später vielleicht, begreifen würden, was das war: Scham.
Auf den Winter zu, als wir, die Rebellen, und Artus, unser Opfer, schon vertraut waren miteinander, nahmen unsere Angriffe an Schärfe zu. Wahrscheinlich begannen die bisherigen Praktiken uns zu langweilen. Es kam vor, dass wir ihm im Bus einen Schuh raubten oder seine Tasche, dass wir ihn zwangen auszusteigen, wenn er es nicht wollte, dass wir uns seiner Jacke bemächtigten und sie uns im Bus zuwarfen – hin, her über die Köpfe der Fahrgäste. Dass wir seine schwäbischen Hilfeschreie nachahmten und uns schlapp lachten über ihn.
Jeder einzelne von uns war sich selber peinlich, das war der Hintergrund: Ein gewisses Gefühl sagte uns, dass wir in unserem gegenwärtigen Zustand nicht hineinpassten in die Welt, und wir wussten, dass es eine Welt, in die wir gepasst hätten, nicht gab. Was jedem von uns allerdings noch peinlicher war als das eigene Selbst, waren die Eltern. Eltern bildeten in der Pyramide der Peinlichkeiten die Spitze.
Wenige Tage vor Beginn der Weihnachtsferien betrat Magdalena Schneider unsere Klasse. Artus’ Mutter. Sweeti hatte sie ohne Vorbereitung auf uns losgelassen. Sie stellte sich kurz vor. Dann beschimpfte sie uns mit der ganzen Wucht aufgestauter schwäbischer Wut, bezeichnete uns als Feiglinge, Dummlinge, Hundlinge, warf uns Gemeinheit, Feigheit, Frechheit vor. Ihr seid mir schöne Helden, war ihr letzter Satz, ihr Ausrufungszeichen gewissermaßen, danach ergriff sie die Henkel ihrer Handtasche, die sie neben sich auf den Boden gestellt hatte, klemmte sich die Tasche unter den Arm und verließ den Raum.
Artus saß da: beide Arme umeinander und die verschlungenen Arme wiederum um die übereinander geschlagenen Beine geschlungen – wie immer er das hinbekam. Abgewandt, mit schmalem Mund und einem Ausdruck von so innigem Ekel im Gesicht, dass den ganzen Tag über keiner wagte ihn auch nur anzusehen, geschweige anzusprechen.
Nach den Ferien kam er nicht mehr.
Wir rauchten wie gewohnt, wir steckten eine Hand in die Tasche, wir spuckten auf den Boden und zogen die Schultern zusammen. Wir grinsten. Wir versuchten zu sein, wie wir waren, bevor Artus gekommen war.
Ich habe den anderen nichts davon gesagt, dass ich ihn angerufen habe. Habe ich aber. Nach einer Woche habe ich ihn angerufen. Ich hatte sagen wollen: Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Das hatte ich sagen wollen. Aber als ich seine Stimme hörte, konnte ich nicht.
Mensch, Artus, habe ich gesagt, Mensch Artus.
Dann habe ich aufgelegt.


Dreizehnter Platz: Schmorgericht“, Andreas Daams

I.

Der Tag, an dem Beau das Ragout anbrennen ließ, begann mit einem Ge-schlechtsverkehr vor dem Zähneputzen. Sorgsam achtete Beau darauf, seinen nach Zwiebeln und Bier stinkenden Atem an Miriam vorbei zu len-ken, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, sie nicht anschauen zu wollen oder dabei gar an eine andere zu denken. Er kannte Miriam schon seit drei Tagen, seit Donnerstag, als man sie ihm als Praktikantin zugeteilt hatte.
“Hallo, ich bin Miriam”, hatte sie gesagt, ihm ihre Hand hingestreckt und ihm dabei geradewegs in die Augen geschaut. Ihre Theaterstimme passte so gar nicht zu ihrem kleinen, filigranen Körper.
In der Firma duzten sich alle, Teil des Leitbildes, das darauf hinauslief, ein Leben für die Firma sei ein erfülltes Leben, obwohl es genau andersherum formuliert war, also: Die Firma unterstütze die Mitarbeitenden bei ihrer indi-viduellen Suche nach einem guten Leben. Es gab im Dachgeschoss auch ein hübsches kleines Bistro, in dem man vegetarische Wraps bekam und Gemüsesaft. Man hatte es kürzlich umgebaut, die Hocker an der Theke weggenommen und stattdessen Caféhausstühle mit kleinen Tischchen eingepasst, weil eine langjährige Angestellte sich beschwert hatte, dass einige Kollegen im Sommer fortwährend auf ihre nackten Beine starrten, wenn sie auf einem Hocker saß.
Beau und Miriam hatten ihren ersten gemeinsamen Drink in diesem Bistro eingenommen. “Hochprozentig”, hatte Beau über den Gemüsesaft gespot-tet, den er gar nicht so ungern trank. Er machte diesen Scherz immer, und er nutzte auch diese kleine Pause am ersten Arbeitstag einer neuen Prakti-kantin immer aus, um eine gehörige Dosis Gönnerhaftigkeit zu versprühen. “Ich habe auch mal als Praktikant hier angefangen”, log er, “und ich bin gerne hier geblieben.” Manchmal schob er ein, dass er zwischendurch ja auch ein oder zwei Jahre in den Staaten gewesen sei, um ganz etwas an-deres zu machen, Gitarre spielen, Straßenmalen, in einer Blindenschule aushelfen oder was ihm sonst gerade einfiel. “Nachher war es kein Prob-lem, wieder hier anzufangen”, sagte er.
In Wirklichkeit hatte die Firma zwischendurch mal ein paar Monate Kurzar-beit angemeldet, weil sie damals nahezu bankrott war, aber diese Phase hatte die Geschäftsführung mit jungen Gesichtern und einem neuen Büro-design erfolgreich übertüncht.
Beau hieß eigentlich Christian, doch ein paar ältere Kollegen nannten ihn immer Beau, wegen seiner Frauengeschichten und weil er so auf sein Out-fit achtete, Pastelltöne, immer ein Schuss Rosa darin, blitzblank gewienerte Schuhe aus Italien. Beau hatte nichts dagegen, dass sie ihn so nannten, im Gegenteil, und als die Chefs vor einem Dreivierteljahr das Firmenlogo et-was abgeändert hatten, ein bisschen retromäßig vergröbert, wie es jetzt alle taten, da hatte er seinen Firmenrufnamen sogar auf seine neuen Visi-tenkarten drucken lassen. Beau Treibel. Seitdem vergaß er die Visitenkar-ten nie mehr, egal wo er hinging.
Beau liebte es, junge Mädchen zu verführen. Wobei ihm der Geschlechts-akt als solcher gar nicht so viel bedeutete. Klar, er freute sich immer, wenn er eine erwischt hatte, die bekannte, oral fixiert zu sein, denn das genoss er am meisten. Ansonsten reizte ihn vor allem dieser etwas umständliche Prozess, der ins Bett führte, dieses Reden, Schauen, leichte Berühren, dieses mal vorsichtige, mal draufgängerische Küssen. Dann, in der Nacht, fotografierte er die Mädchen, wenn sie schliefen. Anfangs hatte er auch versucht, heimlich ein paar Schamhaare zu ergattern, um damit eine Sammlung aufzubauen. Aber seit die meisten sich untenrum rasierten, war es damit ohnehin vorbei. Außerdem bemühte er sich aufrichtig, die Beson-derheiten der jungen Frauen in seinem Tagebuch festzuhalten, die körper-lichen ebenso wie die ihres Charakters, das Schüchterne, Wilde, Gehemm-te oder Hemmungslose, das Gewöhnliche, Versponnene oder Verruchte. Ja, er nummerierte sie gar durch, und das nicht ohne einen gewissen Stolz. Wenn er abends allein in seinem Bett lag, blätterte er manchmal in seinem Tagebuch wie in einem heiligen Buch, langsam, andachtsvoll und voller Sorgfalt.
Jetzt lagen sie also nebeneinander, Beau und Miriam, es war Samstag-morgen, die Sonne schien an den Rändern der Vorhänge vorbei ins Zim-mer. Der faulige Geschmack im Mund trieb Beau aus dem Bett. “Bin gleich wieder da”, murmelte er. Gleich würden sie frühstücken, dachte er, wäh-rend er seine elektrische Munddusche anwarf, und dann ginge sie irgend-wann nach Hause, und er, Beau, würde seine Wohnung aufräumen, ein bisschen Musik hören, das Hasenragout ansetzen, Rezept seiner Mutter, denn abends wollte ein langjähriger Freund zum Essen kommen. Er blickte in den Spiegel, nachdem er die Munddusche zurückgestellt hatte. Einmal die Haare kämmen, ein bisschen Wasser ins Gesicht, eine frische Unterho-se anziehen, dann noch kurz in die Küche, die Hasenkeulen aus der Tief-kühlung holen.
Miriam lag noch im Bett, als er ins Schlafzimmer zurückkam. Sie hatte die Arme hinter dem Kopf verschränkt, das Bettlaken bedeckte ihren Körper bis knapp über den Bauchnabel. Sie hatte kleine, feste Brüste. Beau mochte kleine, feste Brüste.
Sie schaute ihn an und lächelte. Er lächelte zurück.
„Zieh deine Unterhose aus“, sagte sie.
„Hm?“, machte er.
„Ich möchte dich nackt sehen“, sagte sie.
Sie lächelte immer noch. Sie hatte ein süßes Lächeln.
„Sollen wir nicht lieber frühstücken?“, fragte er. „Ich koche uns Kaffee.“
Miriam setzte sich auf, strich ihre langen braunen Haare zurück, dann spiel-te mit ihren Brustwarzen. Die ganze Zeit lächelte sie ihn an. Beau wollte sich umdrehen, um in die Küche zu gehen. Unmöglich, dass sie noch Lust verspürte. Er jedenfalls hatte keine mehr.
Beau wollte sich umdrehen, um in die Küche zu gehen. Doch dann lächelte auch er und zog mit einem Ruck seine Unterhose aus.
„Zufrieden?“, fragte er.
„Kriegst du ihn nochmal steif?“, fragte Miriam zurück.
„Wie jetzt?“
Miriam lachte. „Bitte, bitte“, flüsterte sie dann. „Und bleib bitte stehen, wo du bist.“ Ihre rechte Hand wanderte von ihrer Brust langsam nach unten. Sie zog die Beine an. Er sah, wie ihre Hand sich unter der Bettdecke be-wegte.
Beau war ratlos. Nicht, dass ihn die Situation nicht erregte. Aber dass jetzt die Praktikantin nach all den sexuellen Aktivitäten der letzten Stunden auf eine so ausgefallene Idee kam und nicht er, irritierte ihn. Trotzdem machte er sich mechanisch an die Arbeit.
Wenn Beau später an die darauf folgenden Minuten dachte – und das tat er oft –, dann hatte er zwei Versionen zur Auswahl, die in seinem Gehirn ab-gespeichert waren. In der ersten sah er eine völlig verzückte Miriam, die vor Lust die Augen verdrehte. In der zweiten nahm Miriam auf dem Höhe-punkt ihre Maske ab und enthüllte eine Hexenvisage wie aus dem Bilder-buch, mit Runzelhaut, Riesennase und Triefaugen. Natürlich wusste Beau, dass diese Version nichts als Einbildung sein konnte. Aber ob die erste der Wirklichkeit entsprach, bezweifelte er genauso. Dabei hatte er Miriam doch die ganze Zeit über angestarrt, während sie im Bett laute Lustschreie aus-stieß, wie sie es weder in der Nacht oder während des Beischlafs nach dem Aufwachen getan hatte.
An sich selbst erinnerte er sich überhaupt nicht. Am Nachmittag untersuch-te er den Fußboden und das Bettzeug auf etwaige Spuren seiner Mannes-kraft. Aber er fand keine eindeutigen Belege; letztlich spielte das auch gar keine Rolle. Denn er brauchte nur daran zu denken, wie er nackt vor dem Bett gestanden haben musste, dümmlich vor sich hinglotzend und noch dümmlicher mit seinem Penis beschäftigt, um vor Peinlichkeit zu erstarren.
An das, was nun folgte, erinnerte sich dagegen ganz genau.
Miriam griff nach dem Büstenhalter, der neben dem Bett lag. Während sie ihn anzog, sah sie Beau an, diesmal kalt und abweisend, schräg von unten, vielleicht ein bisschen lauernd.
„Ich schlafe normalerweise nicht mit alten Männern“, sagte sie. „Vielleicht später, wenn ich selber alt bin.“
Dann stieß sie die Bettdecke zur Seite, stand auf und suchte auf dem Bo-den nach ihrem Slip. Er sah, wie sie sich ein Kleidungsstück nach dem an-deren überstreifte, ganz ruhig, ohne große Geräusche, und als sie damit fertig war, holte sie aus irgendeiner Tasche ein Haargummi und band sich einen Pferdeschwanz. Wieviel Zeit war vergangen? Eine Minute? Fünf? Sie stellte sich vor ihn hin und wackelte mit ihrem Kopf hin und her, während sie ihn stumm anblickte. Es war ein Blick ohne Bedeutung, als ob sie durch ihn hindurchschaute. Ihr Pferdeschwanz sprang durch die Luft.
Beau stand immer noch nackt am Bett, als die Tür ins Schloss fiel. Nur ganz allmählich fiel ihm ein, dass er einen Körper hatte, mit dem er sich bewegen konnte, sich erlösen aus dieser absurden Situation. Er machte einige Schritte, und siehe da, er hatte das Gehen nicht verlernt. Laut atme-te er aus und wieder ein. Dann ging er ins Badezimmer, stellte die Dusche an und wartete auf warmes Wasser.
Irgendwie musste er sich angekleidet haben, sogar seinen teuren Regen-schirm hielt er in Händen, als er auf der Straße wieder zu sich kam. Er stell-te fest, dass er zum Feinkostladen lief. Er lief oft hierher, mehrmals wö-chentlich, vermutlich hatte er ganz automatisch diese Richtung eingeschla-gen. Jetzt nur noch um die Ecke, dann war er da. Die Besitzerin, eine großgewachsene Italienerin mit feinen Gesichtszügen, begrüßte ihn mit Namen. Sie unterhielten sich oft über die italienische Küche, ihr gemein-samer Nenner war kalt gepresstes Olivenöl und Majoran. Die Italienerin kannte ihn als dandyhaften Hobbykoch, leutselig, höflich und ehrlich inte-ressiert, aber jetzt war er nichts von alledem. Sein „Guten Tag“ verlor sich zwischen kleinen Türmchen aus Büffelmozzarella, und er selbst verdrückte sich sogleich in die Ecke mit teuren Rotweinen.
Während er so tat, als mustere er die Etiketten, überlegte er, wie er hier wieder herauskommen sollte. Warum hatte er den Laden überhaupt betre-ten? Er wäre besser in seine Wohnung geblieben und hätte in Ruhe die Episode mit Miriam eingeordnet in die Reihe der Misserfolge seines Le-bens. Es war ja leider nicht so, dass ihm alles geglückt wäre. Im Gegenteil, wenn er gewollt hätte, hätte er seine Biographie in Form deprimierender Betrachtungen über das eigene Scheitern schreiben können, unterbrochen nur von verzweifelten Samenergüssen in diverse Vaginas und Münder. Er machte sich da nichts vor, dachte er jetzt, zwischen den Regalen mit all diesen maßlos überteuerten Rotweinen stehend, aber eigentlich, dachte er gleich darauf, hatte er sich sehr wohl immer etwas vorgemacht. Er war alt geworden, ein alter Mann, das hatte Miriam gesagt, als alter Mann also näher am Rollator als am Dreirad, seine Zukunft waren Gicht, Zahnprothe-sen und Impotenz. Es gibt keine Grenzen der Selbsterkenntnis, niemals und nirgends, und das ließ ihn verzweifeln.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte nun die Geschäftsinhaberin mit einem ver-trauensseligen Lächeln. Beau sah nicht das Lächeln, er sah nur die Falten, die es einrahmten.
„Die Preise sind eine Unverschämtheit“, brach es aus ihm heraus, er deute-te dabei auf die Rotweinflaschen. „Ich bin von Ihnen sehr enttäuscht“, hörte er sich mit tiefer Stimme sagen.
Abrupt wandte er sich ab, um nicht in den zusammenstürzenden Ge-sichtsausdruck der Italienerin blicken zu müssen, und mit schnellen Schrit-ten verließ er das Geschäft, das ihn doch immer mit all den wunderlichen Döschen, Tübchen und Fläschchen so sehr angezogen hatte. Vielleicht kann ich mich irgendwann entschuldigen, dachte er, aber er wusste schon im selben Augenblick genau, dass es nie dazu kommen würde.
Ziellos lief er nun durch die Stadt, durch Seitengassen vornehmlich, die Sonne bestrich die Schaufenster mit spätsommerlichem Glanz. Beau schaute sich manchmal um, weil er die Idee hatte, dass irgendwer ihm fol-gen könnte, aber da war niemand, und außerdem gab es für eine Verfol-gung auch gar keinen Grund. So ziellos, wie er durch die Stadt irrte, so ziellos waren auch seine Gedanken. Immer wieder sah er Miriam im Bett liegen, lächelnd, wie sie an ihren Brustwarzen rieb. So ein verflucht schö-nes Mädchen, dachte er. Und was war eigentlich derart Schlimmes pas-siert, dass er sich fühlte wie ein geprügelter Hund? Es hatte Sex gegeben und außerdem noch ein paar Worte und Blicke. Konnten Worte und Blicke die Höhepunkte der Lust im Nachhinein zerstören?
Irgendwann war er dann wieder zuhause, es war schon fast Nachmittag. Alles war hier unverändert, sogar der schwache, süßliche Parfümduft Miri-ams lag noch in der Luft. Nur dass ihm seine Wohnung kleiner vorkam als sonst, ein bisschen wie eine Puppenstube. Ohne rechten Hunger bereitete Beau alles für das Hasenragout vor, entkorkte den Rotwein, schälte Zwie-beln und Knoblauch, hackte Möhren und Sellerie, schnitt die Hasenkeulen in Stücke und rieb sie mit Salz ein. Er machte das alles ganz ruhig, aber sein Kopf war wie abgeschaltet. Er briet die Hasenstücke an, gab das Ge-müse und die Kräuter hinzu, Pilze und Rotwein. Dann, er wollte gerade die Kochplatte herunterschalten, klingelte das Telefon.
Ihn überraschte nicht, dass Miriam am anderen Ende war. Er hatte auf ir-gendetwas gewartet, hier war es nun also.
„Wenn ich dir sage, dass ich dich gefilmt habe, würdest du es glauben?“, fragte sie.
Er schwieg.
Sie schwieg auch.
Dann legte sie auf.
Beau blieb stehen. Ihm fiel ein, wie er sich als Kind beim Versteckspiel einmal so gut hinter einem Mülleimer verkrochen hatte, dass die anderen Kinder irgendwann die Suche aufgaben. Sie riefen, er habe gewonnen und solle herauskommen, aber er blieb einfach sitzen, als hörte das Spiel nie-mals auf, und vielleicht, dachte er, hockte er ja immer noch dort.
Dann roch es auf einmal angebrannt.

Am Montagmorgen betrat Beau die Firma. Ein Kollege stand am Aufzug.
„Guten Morgen“, sagte Beau.
„Hallo, Christian“, gab der Kollege zurück. „Schönes Wochenende gehabt?“
Beau sah ihn an.
Der Kollege schaute zurück.
Dann öffnete sich die Aufzugstür.


Siebzehnter Platz: „Eine Bar für's Leben“, Bernhard Horwatitsch

Stegner saß an der Bar. Langsam hob er sein Glas, führte es an seine Lippen, trank und stellte es wieder zurück. Der Barkeeper kehrte ihm den Rücken zu, wusch und füllte in methodischem Tempo Gläser. Die Bar war nicht besonders belebt. Aber Stegner war keineswegs der einzige Gast. Unauffällig blickte er sich um. Vielleicht zehn oder zwölf Männer, jeder allein an einem Tisch sitzend. Er beobachtete einen Mann, der langsam sein Glas hob, es an seine Lippen führte, trank und es wieder zurück stellte. Dann sah der Mann zur Decke. Stegner folgte seinem Blick. Stegner und der Mann senkten ihre Blicke wieder. An der Decke war nichts. Stegner schaute auf seine Uhr. Aber sie war stehengeblieben. Er klopfte mit dem Finger auf das Glas über dem Ziffernblatt der Uhr und hielt sie sich ans Ohr. Nichts. Kein Ticken. Stegner starrte auf den Rücken des Barkeepers. Ganz leise lief Hintergrundmusik. Ein Stück von Tom Waits. Stegner bemerkte nun, wie ein Mann spontan aufstand und die Bar verließ. Es sah aus, als hätte der Mann eine innere Uhr, die ihm präzise signalisierte, wann er gehen sollte.
„Noch einen?“, hörte er die Stimme des Barkeepers, der jetzt lächelnd vor ihm stand. Stegner nickte und schob zum Zeichen seines Einverständnisses das Glas ein wenig zum Barkeeper.
„Wissen Sie wie viel Uhr es ist?“, fragte Stegner.
„Ach“, sagte der Barkeeper und machte eine abwehrende Geste. „Da machen Sie sich mal keine Gedanken. Wir haben noch lange geöffnet.“ Dann zwinkerte er Stegner bedeutungsvoll zu. Seltsamerweise reichte Stegner die Auskunft. Dass die Bar noch länger geöffnet hat, beruhigte ihn. Denn er hatte nichts Besonderes vor, keinen Termin einzuhalten. Es wäre ihm unangenehm gewesen, die Bar in der nächsten Zeit verlassen zu müssen. Er hatte genug getan, dachte er. Dabei überlegte er kurz, ob „genug“ bedeutete, genug getan zu haben, oder das Richtige. Es erschien ihm aber nicht wichtig genug, länger darüber nachzudenken.
Regelmäßig kamen und gingen Männer. Nicht so, dass Hektik entstand. Ganz und gar nicht. Es geschah so nebenbei, als sei das stete Kommen und Gehen Teil der Hintergrundmusik. Und Stegner gefiel diese Atmosphäre. Manche Männer die gingen, kamen nach einiger Zeit wieder und setzten sich an ihren alten Platz. Manchmal stand auch ihr Glas noch am Tisch. Andere Männer kamen nicht mehr zurück. Dafür kamen immer wieder auch mal neue Männer. Und wenn die Eingangstür zur Bar etwas länger offen stand, weil der neue Mann am Eingang stehen blieb, um sich erst einmal zu orientieren, konnte Stegner ein wenig davon erkennen, was da draußen war. So wie er es sah, handelte es sich draußen um einen weiteren Raum, eine Art helle Vorhalle. Stegner war zwar selbst über diese Vorhalle in die Bar gelangt, aber er hatte da überhaupt nicht drauf geachtet. Erstaunlich, dachte Stegner, wie sehr man mit offenen Augen blind sein kann. Da die Bar ja weiter geöffnet hatte, überlegte sich Stegner, könnte er doch mal raus gehen und sich diese Vorhalle genauer ansehen. Stegner war kein übermäßig neugieriger Mensch, aber durchaus interessiert. Und das Stück Vorhalle, das er durch den Türspalt gelegentlich sehen konnte, lockte ihn irgendwie. Einerseits wollte er die Bar gar nicht verlassen, andererseits kam er sich etwas lächerlich und provinziell vor, wenn er nur hier sitzen würde. Und es ärgerte ihn auch ein wenig, dass er sich nicht mehr an das Aussehen dieser Vorhalle erinnern konnte. Ein intellektueller Anspruch, den Stegner in sich spürte.
Als der Barkeeper kurz zu ihm herüber sah, winkte ihn Stegner zu sich.
„Ich geh nur kurz raus“, sagte Stegner. „Ich komme gleich wieder.“
Der Barkeeper lächelte und nickte. „Wie gesagt, wir haben geöffnet und Sie haben alle Zeit der Welt. Gehen Sie nur. Wer hier neu ist, der kann der Versuchung kaum widerstehen.“ Und wieder zwinkerte der Barkeeper bedeutungsvoll und das wirkte fast obszön. Und es verwirrte Stegner ein wenig. Was sollte denn da draußen Besonderes sein, dass man derart zwinkert? Aber egal. Stegner stand langsam auf und ging durch die Tür nach draußen.
Die Vorhalle war allerdings wirklich beeindruckend. Sie war hell, in perfektem Weiß, und riesig, hoch. Nachdem die Tür hinter ihm zugefallen war, blieb er einen Augenblick stehen, um sich zu orientieren, blickte nach oben. Er wollte wissen, wo das Licht herkommt. Aber es war nirgends eine Lichtquelle zu sehen. Es war einfach eine riesige, hohe und strahlend weiße, helle Vorhalle. Ein absurder und beinahe komischer Kontrast zur Bar, in der er vorher gesessen war. In der Bar war es etwas schummrig, zwielichtig und durch die Bestuhlung und die Tische wirkte alles überschaubar eng. Jetzt war alles weiß und beinahe raumlos. Ja, raumlos. So kam es ihm vor, als sei er in eine vollkommene weiße Wolke hineingeraten. Mit kleinen Schritten bewegte sich Stegner voran. Er fühlte sich heiter und gelassen. Nicht, dass er sich vorher in der Bar unwohl gefühlt hatte, ganz und gar nicht, aber jetzt hatte seine Heiterkeit beinahe etwas Rauschartiges. Aber gut, dachte Stegner, er hatte ja auch ein paar Gläser getrunken. Vielleicht spielten seine Sinne ein bisschen verrückt. Denn er hätte sich doch an diese Vorhalle erinnern müssen. Tat er aber nicht. Und merkwürdigerweise störte ihn diese kognitive Dissonanz auch nicht. Er war heiter, und fing an, seine Schritte zu beschleunigen. Er fing zwar nicht an zu rennen, aber ging deutlich schneller, so wie ein Mann eben geht, der gute Laune hat. Als er eine knappe Minute gegangen war, sah Stegner am Ende der Vorhalle jemanden an einem weißen Schreibtisch sitzen. Ganz klein war er noch. Also weit weg. Aber Stegner sah deutlich, dass es sich um einen Mann hinter einem Schreibtisch handelte. Ohne es direkt zu wollen, ging Stegner auf diesen Mann zu. Er ging beschwingt auf ihn zu. Aber er kam ihm nicht näher, zumindest hatte er den Eindruck immer gleich weit entfernt von dem Mann hinter dem Schreibtisch zu bleiben, obwohl er seine Schritte beschleunigte. Aber auch das störte ihn nicht und es senkte auch nicht seine gute Laune. Der Raum war so eigenartig und so wunderte sich Stegner über nichts, oder vielmehr fühlte er sich vom Wunder umflossen. Außerdem dachte er, dass er eben ein paar Gläser getrunken hatte. Und da erscheint einem so Manches oft anders als es womöglich ist. Und während er über all das nachdachte, stand er plötzlich unmittelbar vor dem Schreibtisch. So abrupt, dass es ihn ein wenig schwindelte. Hinter dem Schreibtisch saß ein Mann mit einer Kippah auf dem Kopf, und den Kopf gesenkt auf Papiere, die vor ihm lagen. Der Mann las aufmerksam in ihnen, bewegte ganz leicht die Lippen dazu. Ohne seinen Kopf zu heben machte der Mann eine Geste, die bedeuten sollte, Stegner möge sich setzen.
„Warum nicht?“, sagte Stegner, während er sich auf einen weißen Stuhl setzte. „Ich bin ja nur mal kurz raus. Und Sie arbeiten hier?“, versuchte Stegner einen Smalltalk zu beginnen. Aber der Mann mit der Kippah antwortete nicht und blickte auch nicht von seinen Papieren hoch. Kaum hörbar raschelte er in ihnen.
„Nun ja“, redete Stegner weiter. „So ist das, nicht. Die Taten des Menschen. Was meinen Sie: Eher wie viel oder was wir tun?“ Aber der Mann reagierte nicht darauf, sondern las weiter aufmerksam in den Papieren. Stegner störte das nicht und es hinderte ihn auch nicht daran, weiter gute Laune zu haben. In heiterem Ton sprach Stegner weiter. „Ich glaube ja eher, wie viel. Die Menge der Taten. Nicht was wir tun. Ich glaube, das ist es nicht. Weil wir oft gar nicht wissen können, was wir tun. Aber zählen können wir. Nicht. Statistik. Buchführung machen.“
„Taten spielen hier keine Rolle“, sagte der Mann mit der Kippah trocken, ohne von seinen Papieren aufzublicken.
„Ach?“, sagte Stegner. „Dann haben die Taten gar keine Bedeutung? Dann ist es eher…“
„Ich habe nicht gesagt, dass die Taten keine Bedeutung hätten“, unterbrach ihn der Mann mit der Kippah, und sah zum ersten Mal von seinen Papieren auf. Er hatte ein weiches Gesicht, aber eine sehr grobe und körnige Nase. Seine Lippen sahen trocken und spröde aus. „Ich habe gesagt: Taten spielen hier keine Rolle, und nicht, dass sie keine Bedeutung hätten. Das ist ein erheblicher Unterschied. Stegner? Andreas Stegner?“
Stegner nickte und streckte dem Mann mit der Kippah seine Hand entgegen. Aber der Mann ignorierte sie und blickte bereits wieder in seine Papiere.
„Gut“, sagte der Mann ohne aufzublicken. „Es ist so. Ich bin Ihr Berater. Kühn. Habakuk Kühn, mein Name. Über mich läuft das hier in der Regel. Hier wird das alles notiert. Ist das für Sie in Ordnung?“
Stegner zuckte mit den Achseln ohne zu berücksichtigen, dass der Mann mit der Kippah, Habakuk Kühn, wie er jetzt wusste, das gar nicht sehen konnte.
„Sind Sie mit mir als Berater, sind Sie überhaupt einverstanden?“, hakte Kühn nach und blickte nun streng zu Stegner.
Stegner nickte, deutete mit den Händen an, dass ihm alles recht sei. Ansonsten war Stegner weiter sehr heiteren Gemüts. Die Situation kam ihm in keinster Weise seltsam vor. Auch nicht natürlich. Vielleicht hatte er wirklich zu viel getrunken? Oder hatte man ihm Drogen in sein Glas getan? Hatte der Barkeeper deshalb so gezwinkert? Zwar stellte sich Stegner durchaus diese Fragen gedanklich, aber sie berührten ihn nicht. Er war einfach guter Laune und es war ihm recht, so wie es war.
„Also gut“, sagte Kühn. „Dann schauen wir mal.“ Kühn blätterte nun etwas intensiver in den Papieren. Alles war weiß, die Decke, die Wände, der Schreibtisch, der Stuhl, die Papiere. Dass Kühn in den Papieren blätterte war nur ersichtlich, weil er sie mit seinen hellbraunen Händen etwas vom Schreibtisch hoch hielt. „Da zum Beispiel. Ein Fabrikbesitzer, selbst ein Erbe. Deutsche Herkunft. Er würde Sie in eine Privatschule schicken, vermutlich Internat. Sie erhalten eine gute, sehr gute Ausbildung. Der Fabrikbesitzer wird allerdings vorzeitig sterben. Ein Herzleiden, wie ich hier sehe.“
„Herzleiden“, wiederholte Stegner und der Fabrikbesitzer tat ihm jetzt ein wenig Leid.
„Also nicht. Gut.“, sagte Kühn sofort und blätterte weiter. „Kein Herzleiden also. Hier. Ein Schlosser. Definitiv kein Herzleiden. Sie würden eine staatliche Schule besuchen. Nicht sehr lange. Wäre gar nicht nötig. Hm…“ Kühn stutzte und hielt den Zeigefinger an eine Stelle des Blattes, in dem er grade las. „Also gut. Ja. Schlosser. Ich sehe hier. Er hat ein kleines Alkoholproblem.“
Zum ersten Mal seit er in die Vorhalle getreten war, kam seine Heiterkeit ein wenig aus dem Gleichgewicht. Ein Hauch von Scham und Schuldgefühl huschte durch seine Nervenzellen. Hatte der Mann mit der Kippah, Habakuk Kühn, das Wort „Alkoholproblem“ mit Absicht gesagt? Roch Stegner nach Alkohol? War das nachteilig in der augenblicklichen Situation? War seine gute Laune, seine Heiterkeit unnatürlich, gar nicht angebracht? Aber das kurze Aufflackern von Scham und Schuldgefühl blieb nicht lange. „Probleme“, murmelte Stegner. Etwas an diesem Schlosser störte ihn, etwas lehnte er an diesem Schlosser ab. Obwohl er ihn gar nicht kannte. Und erfreulicherweise führte diese Ablehnung bei Stegner dazu, dass er wieder ins Gleichgewicht kam, seine gute Laune wieder fand.
„Also auch nicht.“, sagte Habakuk Kühn. „Naja. Schwierig, schwierig“, murmelte er und strich mit der flachen Hand gedankenverloren über das Papier. „Ach hier! Ein Beamter. Sie schaffen es selbst über den zweiten Bildungsweg. Sprichwörtlicher Fleiß ist ihnen angeboren.“
„Vielleicht ein anderes Mal?“, sagte Stegner heiter.
„So?“ Kühn blickte auf. „Ein anderes Mal. So, so.“ Dann nickte er auf etwas undefinierbare Art, und kramte wieder in den Papieren.
Aber für Stegner war dieses „ein anderes Mal“ so erfreulich, ohne dass er so recht wusste, warum, dass er spontan aufsprang von seinem Sitz. Das veranlasste Kühn, überrascht aufzublicken. „Also ein anderes Mal?“ sagte Kühn. „Werde ich vermerken. Wird vermerkt.“ Sagte er abwesend. Dann machte er mit seiner Hand eine verscheuchende Bewegung.
„Hat mich sehr gefreut“, sagte Stegner, der jetzt fast außer sich war vor Glück. Als sei irgendein schlimmer Befund doch nicht so schlimm wie befürchtet. Ein Glücksgefühl das auf Entlastung basiert. Stegner streckte die Hand zum Abschied hin, aber Kühn registrierte die Hand nicht, blickte nicht mehr von den Papieren auf. Also drehte sich Stegner um und ging wieder zur Bar zurück. Er war sehr schnell zurück und setzte sich an die Bar. Sein Glas stand noch dort.
„Ein anderes Mal oder?“ fragte ihn der Barkeeper, und schenkte in Stegners Glas nach. Stegner nickte. Die schummrige Beleuchtung und die still und einzeln sitzenden Männer mengten etwas Melancholisches in sein noch immer heiteres Gemüt. Stegner hob langsam sein Glas und führte es zu den Lippen. Melancholische Heiterkeit oder heitere Melancholie in ihm. Stegner blickte sich in der Bar um. Hier würde er nun nicht mehr so schnell raus gehen. Hier konnte er sitzen und über alles in Ruhe nachdenken. Der Barkeeper wusch und füllte Gläser, weiter methodisch, ohne Hektik. Ein beruhigendes Gefühl, dass da ein Barkeeper war, der stets auf Wunsch nachfüllte. Ein beruhigendes Gefühl, dass die Bar noch lange geöffnet hat. Ein beruhigendes Gefühl, dass man auch jederzeit (ein anderes Mal) wieder in die weiße Vorhalle gehen konnte. Und in gewisser Weise – so dachte Stegner nun – hatte er sich diese Ruhe auch verdient. Egal, ob die Taten eine Rolle spielen oder nicht. Egal, ob sie Bedeutung haben oder nicht. Egal, was man getan hat oder nicht getan hat. Stegner ließ sich noch einmal das Glas auffüllen und genoss das spielerische und sanfte Lächeln des Barkeepers.


Achtzehnter Platz: „Befreiungsschläge“, Lisa Kaufmann

Als du vorhin diesen jämmerlichen Schrei ausstießt, als sei deine Nase frisch gebrochen, wusste ich, dass es vorbei war. Ich habe dich aus deiner eigenen Wohnung geworfen und du bist tatsäch-lich gegangen. Neben mir liegt noch immer der feuchte Waschlappen, mit dem du das Blut aus meinem Gesicht waschen wolltest als könntest du meine Wut einfach mit Wasser verdünnen bis sie nicht mehr sichtbar ist, das Tuch von meinem Kopf wickeln und mich in ein geringeltes H&M T-Shirt stecken. Bis ich wieder bin, wie du mich gerne hättest. Wer bist du, dass du glaubst, dich zu meinen Füßen setzen zu dürfen und einfach so an mir herumzuwerkeln? Ich war nicht nett zu dir und habe Tränen in deinen blassen Augen gesehen, als du gegangen bist. Was würde es brauchen, um dir ein bisschen Zorn abzuringen? Was würde dich zum Mann machen? Wo ist das Ende deines scheinbar endlosen Verständnisses? Ich schulde dir nichts, außer einer Erklärung. Nach vier gemeinsamen Jahren hast du ein Recht darauf zu erfahren, wie die gute Deutsche von heute Morgen zu der jihadistischen Furie von heute Abend werden konnte.

Um kurz nach vier wachte ich auf und versuchte mir einzureden, dass das nichts mit dem Morgengebet zu tun hatte. Dass ich zufällig pünktlich zum Gebet erwachte, und das seit Wochen. Ich lief ins Wohnzimmer und lehnte meinen Kopf an das kühle Glas des Fensters als hätte ich kein Gotteserlebnis, sondern einen Migräneschub.
Im Licht des Morgengrauens entdeckte ich in dem Häuserblock auf der anderen Straßenseite einen Nachbarn, der sich gerade zum Gebet auf seinen Teppich fallen ließ. Er neigte sich beim Beten in meine Richtung und mein erster Impuls war, aus dem Weg zu treten, als könne ich sein Gebet verunreinigen, wenn ich in der Einflugschneise zu Mekka stünde. Aber dann erinnerte ich mich an den Koranunterricht in einem muffigen Raum im Essener Norden der 90er Jahre. An Rania, die mit uns über den Islam als unser Geburtsrecht und das Paradies, das uns erwartet, sprach. Sie erklärte uns, dass unsere Gebete in Allahs Augen mehr zählten, wenn wir zusammen beteten. Und so entschied ich meinen Nachbarn zu unterstützen, gab nach, sackte zu Boden und betete. Ich war nicht gewaschen, ich habe nicht die richtigen Worte in der richtigen Sprache gefunden, ich habe keine Abfolge eingehalten und konnte nicht einmal sicher sein, ob ich mich überhaupt richtig positioniert hatte. Aber das erste Mal nach vielen Jahren, war Allahs Stimme klar in meinem Herzen und diese Klarheit schien wie Kleber einer Heißpistole das Loch in meiner Seele in Sekunden zu stopfen. Eine Stunde später, nachdem die Sonne aufgegangen war und ich mich geduscht hatte, war ich wieder das Ich, das ich in den letzten zehn Jahren sorgsam kreiert habe.
Später schaute ich in meine Hand, die wie ein kleines totes Tier in deiner lag, auf die Tasse mit dem spindeldürren Kaffee in meiner anderen Hand, schaute mich in dem Lehrerzimmer um, das nach Desillusionierung, Burnout und geplatzten Träumen roch. Ich wusste, dass ich fort von dort musste. Nicht nur aus diesem Raum, der noch dem engagiertesten Referendar, also dir, seinen Ehrgeiz aussaugen wird, sondern weg aus diesem leidenschaftsfreien Leben. Wenn das, was wir haben Liebe ist, verzichte ist. Ich will Liebe mit Leidenschaft, wie die, die ich zu Allah fühle. Eine heiße Liebe, die wie jede heiße Liebe Gewaltpotenzial hat.
Ich ließ dich zurück, für immer übrigens, falls das noch nicht deutlich geworden ist, und lief aus dem Lehrerzimmer. Ich lief aus dem Gebäude, lief vom Schulhof, vorbei an der Straßenbahnhaltestelle. Ich lief und lief, bis ich zu Hause war. Mein Schlüssel war noch immer in meiner Tasche in der Schule.
„Ja?“, hörte ich meinen Bruder, außer Atem, durch die Gegensprechanlage.
Ich habe dir nie erzählt, dass Ismail meine Wohnung nutzt, um Sex zu haben, wenn ich nicht da bin. Denn dann hätte ich mit dir auch über muslimische Familien reden müssen, über Jungs, die sich austoben bevor sie Jungfrauen heiraten, und Mütter, die weggucken und Allah bitten dies auch zu tun. Es sind doch Männer…die Triebe…sie können nichts dafür…sonst wird er noch schwul…sobald er verheiratet ist….
Du hättest voller Verständnis Fragen gestellt, mir erklärt, warum das alles nicht halb so sexistisch ist, wie es nun einmal ist, und dann hätten wir das Thema gewechselt.
Isi öffnete mir halbnackt die Tür. Die Erektion war durch seine Boxershorts deutlich zu sehen. Ihn als Mann vor mir zu sehen irritierte mich.
„Ich dachte du würdest nicht vor vier nach Hause kommen“, sagte er verlegen und wurde wieder zu meinem kleinen Bruder.
„Und ich dachte du würdest Allah mehr lieben, als irgendein blondes Flittchen. Da haben wir uns wohl beide getäuscht“, sagte ich und gestikulierte in die Richtung seiner Freundin, die mit hochrotem Kopf in meinem Wohnzimmer umherirrte und ihre verstreuten Kleidungsstücke suchte.
„Ey, red nicht so mit ihr. Ich liebe Jessica“, er starrte mich an, keiner von uns schien zu wissen, was nun zu tun war.
“Ist schon okay. Haut jetzt einfach hier ab, okay?“ sagte ich aber dachte, dass Isi uns verrät, so wie ich uns verrate.
Schließlich allein in der Wohnung starrte ich auf den Fußboden, auf dem ich heute Morgen gebetet hatte und auf dem nun eine Kondompackung lag.
Ich lief in mein kleines Schlafzimmer und suchte einen dünnen Schal. Leicht raffte ich ihn mit meinen Fingern auf, legte ihn mir in den Nacken und wickelte Richtung Stirn. Ich richtete mich wieder auf, überkreuzte die beiden Enden des Schals, überkreuzte sie noch einmal im Nacken und verknotete sie dann auf meinem Kopf. Die Zipfel steckte ich schließlich links und rechts unter den übrigen Stoff. Ich genoss das Gefühl von kühlem glattem Stoff auf meinem Kopf. Der Druck gab meinen Gedanken Form. Apropos, erinnerst du dich, als wir vor einigen Wochen bei Anne und Markus zum Essen eingeladen waren? Es gab Paella (die vegetarische Version natürlich) und Bio-Rotwein und es war für unsere Verhältnisse ein fröhlicher Abend. Kurz hat Markus das Burkaverbot in Frankreich angesprochen, das er sehr unterstützt. Anne hat etwas von der Unterdrückung der Frau gemurmelt, du hast wahrscheinlich von „Maß“ und „Kompromiss“ und „aufeinander zugehen“ geredet. Ich habe geschwiegen. Hier sind, verspätet, meine Gedanken:
Jede Frau hat das Recht zu entscheiden, was von ihrem Körper sie der Welt zeigen möchte. Dafür haben Frauen wie deine Mutter gekämpft – warum gilt dieses Recht nicht auch für Muslimas? Wa-rum hat jeder Gothic und Punk und Veganer das Recht sich zu kleiden, wie er will, unabhängig davon, ob sich die Mehrheit der Bevölkerung dabei unwohl fühlt oder nicht, aber für muslimische Frauen gilt dieses Recht nicht? Woher habt ihr die Idee, dass Burkaträgerinnen grundsätzlich un-terdrückt sind? Mit wie vielen Burkaträgerinnen habt ihr denn in letzter Zeit geredet? Und was glaubt ihr, was mit denen passiert, die tatsächlich gezwungen werden, sich komplett zu verhüllen? Glaubt ihr, dass ihre Männer ein staatliches Burkaverbot lächelnd annehmen und ihnen ein schi-ckes Kopftuch zu ihrer neuen Garderobe kaufen? Oder ist es nicht wahrscheinlicher, dass es die-sen Frauen fortan verboten ist, das Haus zu verlassen? Die einzige Veränderung wäre dann, dass
ihr sie nicht mehr sehen müsstet. Denn darum geht es doch eigentlich, oder? Diese Frauen zeigen euch die Grenzen eurer Toleranz auf. Ihr fühlt euch befangen beim Anblick von Frauen, die kein Vorne und Hinten haben, deren Gesichter ihr nicht seht, die mit schwarzen Handschuhen schwar-ze Schleier halten. Und das hat nichts mit uns Muslimen zu tun, sondern ist euer scheiß Problem! Okay, das tat gut.
Zurück zu heute: Frisch verschleiert wusste ich instinktiv, was zu tun war. Ich lief hastig zu meinem Kleiderschrank, riss alte Schuhkartons und Gästedecken heraus und fand schließlich die kleine Schachtel mit meinem alten Koran. Ich strich über das heilige Buch, bei dem ich im Alter von 16 Jahren alle Zeilen, die nicht von meinem Gott für mich geschrieben sein konnten, durchgestrichen habe.
Das Buch, nun beinahe unleserlich, weil die Farbe des Eddings durch die Seiten gedrückt ist, lag schwer in meinen Händen. Ich hielt es, wie man ein Neugeborenes hält, als könnten Allahs Worte kaputt gehen, wenn ich nicht sorgsam mit ihnen umgehe.
Vielleicht bin ich damals falsch abgebogen. Vielleicht hätte ich, statt Ihn zu verleugnen, nachdem Er nicht mehr mit meinem Leben zu vereinbaren schien, nach einem anderen Weg zu dem All-mächtigen, dem Allgegenwärtigen suchen müssen. Ich schlug meinen Koran auf, den ich mit Allah an meiner Seite zum Unikat gemacht habe. Zeile für Zeile, bis es wirklich Seine Worte für mich waren, nicht Seine Worte an Männer des sechsten Jahrhunderts.
Ich blätterte, spürte Seinen Blick auf mir ruhen und wusste, dass ich angekommen war. Nie mehr würde ich Ihn verleugnen, nie wieder würde ich „Agnostiker“ murmeln, und versuchen aus dem Raum zu sein, bevor jemand nachfragen konnte, was genau das für mich bedeutete.
Mein Gott ist groß und Sein Name ist Allah. Ich liebe Ihn, der die Weltmeere und die Menschen erschaffen hat, über deine bourgeoise Scheiße nur müde lächeln kann, und dich trotzdem mehr liebt, als du dir jemals erträumen kannst.
Ich las in meinem Koran und weinte. Eine Weile betrachtete ich mein großes türkisches Gesicht, mit der starken Nase und den selbstbewussten Augenbrauen im Spiegel. Dann nahm ich einen schwarzen Kajalstift und umrandete meine Augen großzügig damit. Mit meinem leicht irren Blick sah ich aus wie eine Wilde und genauso fühlte ich mich.
Plötzlich wollte ich allein sein. Mehr noch als allein in meiner Wohnung, in der wenige Meter ent-fernt andere Menschen ihre Leben leben, essen, streiten, lieben und man immer im Dunstkreis ihrer Gedanken und Gefühle watet. Sondern allein in einer kargen, schönen Landschaft, die mich nachdenken lässt.
Ich lief aus dem Haus, lief vorbei an der Dönerbude, dem Wettbüro, der Schneiderei. An der Ecke, vor dem Club deutsch-türkischer Freundschaft. Nur für Mitglieder saßen ein paar alte Türken und tranken Tee. Einer musterte mich und schüttelte verächtlich den Kopf. Endlich war es mir gelungen auszusehen, wie ich mich sonst nur fühlte. Das Stück Stoff auf meinem Kopf hatte das Wunder vollbracht: Für Moslems zu wenig. Für Deutsche zu viel.
Ich lief weiter, vorbei an der Haltestelle Abzweig Katernberg und zur Zeche Zollverein. Ich ließ die leuchtende Rolltreppe hinter mir, die sauberen Wegen, die schlichten Wegweiser zu Ausstellungen und allem anderen, das man in den letzten zehn Jahren an die Zeche gebaut hat, bis unsere Väter die Zeche, wegen der sie einst in dieses graue Land gekommen sind, nicht wiedererkannten. Ich lief an den großen Becken vorbei, bis ich schließlich allein in der Mondsteinlandschaft meiner Kindheit stand, in einer Ecke, die noch niemand kunstvoll ausgeleuchtet hatte, die noch dreckig und tot und schön sein durfte.
Ich ließ mich für mein Abendgebet auf den Boden fallen, bat meinen Herrn um Vergebung, bat ihn darum, mich zurückzunehmen, nachdem ich ihn so viele Jahre geleugnet hatte. Ich dankte Ihm für Seine Liebe und seinen Beistand, dankte ihm, dass er bereit war, auf mich zu warten, mich zu be-obachten bei meinen Irrwegen und mich zurückzunehmen. Ich richtete mich wieder auf, verbeugte mich und hoffte auf sofortige Erlösung, aber meine rastlose Wut schien endlos. Ich musste weiter-laufen, lief zurück zu der schönen neuen Welt, Kulturhauptstadt Europas 2010, und weiter zu der Haltestelle Zeche Zollverein, die so viel besser aussah als in meiner Kindheit. Endlich entdeckte ich meinen Täter. Er hatte eine Glatze und den Blick des hässlichsten Mädchens der Klasse, das niemals jemand zum Tanzen auffordern wird. Er trug eine Pitbull-Jacke, eine Glatze und schwarze Springerstiefel. Auf seiner Hand prangte eine 18. Du, mein früheres Ich und alle, die wir kennen, hätten Mitleid gehabt. Aber mein Mitleid war erschöpft. Ich wollte nichts wissen, von seiner harten Kindheit, seinem prügelnden Vater, seiner trinkenden Mutter, seinem schlechten Umgang.
„Ey Nazipenner!“
„Was?“
„Ich hab gesagt Nazipenner. Du bist doch ein Nazi, oder?“
„Schon irgendwie. Aber ist doch meine Sache, Alte. Beruhig dich mal.“
„Ich will mich aber nicht beruhigen. Fick dich, du Schwanzlutscher!“
„Ey, Türkenbraut. Beruhig dich mal, ist doch nur unsere Einstellung“, sein Kumpel, der hinter ei-nem Busch hervortrat, kam auf mich zu, schloss dabei den Reißverschluss seiner Jeans und hob mit gespielter Beschwichtigung die Hände.
„Ich hab aber nen Problem mit eurer scheiß Einstellung. Sie ist eine Beleidigung für mich und ich will, dass ihr immerhin dazu steht, ihr Hurensöhne.“
„Okay, meine Fresse. Beruhig dich, wir haben dir doch gar nichts getan.“
„Natürlich nicht, ist ja auch keiner eurer breitschultrigen Freunde da, hinter denen ihr Pussies euch verstecken könnt. Traut euch wohl nicht, wenn ihr zwei dürren Jungs alleine unterwegs seid, oder? Was eure Kumpels wohl zu euch sagen würden, dass ihr hier von ner Moslemschlampe wie mir die Schwänze einzieht?“
„Ey, sei mal vorsichtig, was du sagst, ja? Wir können dich fertig machen, wenn wir wollen.“ Ich lächelte. Ich wollte fertig gemacht werden, einen blutigen Schlussstrich ziehen, ich brauchte einen Befreiungsschlag, im wörtlichen Sinne und sie würden mir dabei helfen.
„Traut euch, traut euch doch! Ihr wollt alle Türken kaputt hauen? Dann fangt doch an, ihr jämmerli-chen Witzfiguren! Ihr wollt Männer sein? Ich hab männlichere Hauskatzen als euch zwei Schwuch-teln gesehen!“
Der Größere hatte endlich genug, holte aus und boxte mir seine Faust mit Schwung ins Gesicht. Ich fühlte Blut in meinen Mund laufen und mich stärker werden. Er sah beinahe erschrocken aus, als könne er nicht fassen, dass sein einer Schlag ein so blutiges Ergebnis hat. Es war ein guter Anfang, aber ich brauchte mehr. Und so sammelte ich unter Schmerzen das Blut in meinem Mund und spuckte es ihm ins Gesicht.
„Das ist alles, was du draufhast?“ rief ich und starrte ihm in seine verunsicherten Augen. Ich fing an laut zu lachen. Einen Moment lang schien er nicht sicher, wie weiter vorzugehen war, aber dann sah er seinen verängstigten Kollegen neben uns stehen und hatte keine Wahl. „Halt sie fest, du Feigling“, rief er ihm zu und der kleine Nazi trat wie in Trance hinter mich und hielt mich an den Schultern, als wolle er mir den Rücken stärken.
Ich spürte einen Stollenschuh in meinem weichen braunen Bauch, aber das war nur meine Hülle, verstehst du? Um meine Seele war ein Panzer, der mich schützte. Ich spürte eine weitere Faust in meinem Gesicht, spürte, wie ich zu Boden ging, fühlte die heisse Pisse des kleinen Nazis, der sich nun endlich wie ein Großer fühlen konnte, auf meinem Gesicht. Aber hinter meinem Panzer war ich sicher. Ich lag in meinem Viertel, auf meinem Boden, unter den Augen meines Gottes. Ich schluckte Blut und Pisse und die Welt konnte mir gar nichts. Ich hatte mich geopfert und war rein.


Nehnzehnter Platz: „Das Nilpferd“, Anne Müller

Irgendetwas war anders geworden, wann genau da was gekippt ist, kann er, Becker, nicht sagen.
Frühschicht. Diese Viertelstunde gehörte ihm. Becker liebte es, morgens kurz nach sechs mit einem Becher Kaffee auf dem Schwimmmeisterturm zu sitzen. Die Stille, das glatte Wasser, das war die Idylle pur. Da gehörte das Bad noch ihm, da war noch alles in Ordnung. Er war der Gott vom Schwimmmeisterturm. Er trug einen Flies, der Kaffee wärmte, er tankte Kraft für den Tag. Um sieben öffneten sie für die Frühschwimmer. Gleich musste er noch die Wasserqualität prüfen, das Becken putzen, es gab immer viel zu tun, aber diese Viertelstunde gehörte ihm ganz allein. Unvorstellbar, dass das, was ihm passiert war, hier vor drei Tagen stattgefunden hatte. Dass das dasselbe Bad war, in dem es morgens noch so friedlich begann und abends nach der Spätschicht waren sie abgekämpft wie nach einer Schlacht. Doch diese Woche hatte Wuttke ihn früh eingeteilt. Die Frühschicht war ruhiger und sein Chef wollte ihn schonen, nach allem was passiert war. Vermutlich war Wuttke froh, dass er, Becker, sich nicht krankgemeldet hatte.
Gestern Abend war er das erste Mal auf Youtube gewesen, um den Clip anzusehen. Was sollte er sonst auch auf einem Videoportal. Becker glotzte den ganzen Tag auf Menschenmassen im Sommerbad, hatte genug gesehen am Ende seiner Schicht. Nicht mal mehr auf Fernsehen hatte er abends so recht Lust. Ihm fielen die Augen zu vor Müdigkeit, noch ein paar Bierchen gezischt und dann ab ins Bett. Allein, seit der Scheidung, immer allein und auch ohne Hoffnung, dass sich das noch mal ändern werde, bei seinem Alter und Aussehen.
Ja, er war dick geworden, nachdem es dicke gekommen war, ganz dicke. Marianne weg, Scheidung, die Probleme im Job mit dem neuen Oberboss, der auf mehr Erlebniskultur und Action in den Bädern setzte. Na Danke, Action war hier nun wirklich mehr als genug. Allein am vergangenen Wochenende über 5000 Besucher. Bei 32°. Und sie waren wieder mal unterbesetzt gewesen. Einsparungen am Personal an allen Ecken.
Becker bemerkte an heißen Sommertagen eine gewisse Beruhigung der Gemüter, wenn sie den Sprungturm öffneten und die Jugendlichen sich dort abreagieren konnten. Blieb der Turm dicht, stieg das Adrenalin in der Luft an. Becker roch das förmlich, nach drei Jahrzehnten als Schwimmmeister bei den Bäderbetrieben. Im Winter Hallenbad mit den Rentnern, im Sommer Freibad. Immer hier in Kreuzberg an der Grenze zu Neukölln, der Kiez, aus dem er selbst kam und den er kannte. Der Kiez, in dem er wusste, welchen Ton man anschlagen musste. Das galt zumindest bisher immer. Aber irgendetwas war anders geworden, wann das gekippt ist, kann Becker nicht sagen. Auch nicht, seit wann sein Ton nicht mehr genau der richtige war. Vielleicht war es auch so: Sein Ton war derselbe geblieben, wurde aber immer weniger verstanden. Die anderen, die Welt da draußen hatten sich verändert.
Becker und seine Kollegen hatten einen Versorgungsauftrag. Sie versorgten die Badegäste mit Spaß. Seit der Sache vom Sonntag war Becker jedoch klar, dass er seine Haltung zu allem überdenken musste. Zeitung und Lokalradio hatten berichtet, sogar die „Abendschau“ wollte ihn interviewen zu den Vorgängen, doch er und Wuttke, sein direkter Vorgesetzter, hatten sich darauf verständigt: Keine Interviews oder Statements. Weil es für Becker alles noch schlimmer gemacht hätte und den Araber noch mehr zum Helden.
Dabei gab er, Becker, doch jeden Tag sein Bestes, damit der Laden hier lief und die Kids ihren Spaß hatten, aber sie sahen ihn als Feind, als Gegner, als Stellvertreter für etwas, was sie verachteten.
Es war Zufall, dass es Becker erwischt hatte.
Die mitleidigen Blicke der Kollegen seit dem Wochenende. Einige hatten ihn auf die Sache angesprochen, ihm gesagt, was für eine Sauerei das war. Sie wussten, dass es genauso gut auch sie selbst hätte treffen können und waren vermutlich insgeheim froh, dass es einem Kollegen passiert war.
Angefangen hatte alles mit einer Rangelei auf dem 5-Meter-Sprungturm zwischen ein paar Halbstarken, die zu eskalieren drohte. Eigentlich war das eine Sache für den Wachdienst. Doch der ließ sich nirgendwo blicken.
Er, Becker, hatte daher seinen Beobachtungsposten oben auf dem Schwimmmeisterturm verlassen, was er nur in Notfällen durfte, war hingeeilt und hatte einschreiten müssen, weil kein anderer es tat. Er hatte doch nur das Schlimmste verhindern wollen. Doch oben auf dem Turm, hoch über dem in der Sonne leuchtenden, türkisen Sprungbecken und unter einem hellblau flirrenden Himmel, schien es keine zwei Lager mehr zu geben, sondern nur noch eine Front und zwar gegen ihn. Er hatte es dann irgendwie geschafft, sie alle vom 5-Meter-Turm nach unten zu bugsieren. Dann hatte er den Turm geschlossen. Die Sache war im Vergleich zur Woche davor, als alles außer Kontrolle geraten war, ja noch harmlos gewesen. Da hatten sich die Jugendlichen übers Internet und Handys regelrecht zu einem flash mob verabredet und alle drei Sprungtürme besetzt und waren kreuz und quer ins Wasser gesprungen, vielleicht 100 Jungen. Lebensgefährlich war das gewesen. Die Polizei musste mit Hilfe des Sicherheitsdienstes das Bad komplett räumen. Gab natürlich mal wieder negative Schlagzeilen.
Am Sonntag, nachdem er die Jugendlichen alle vom Turm runter gekriegt hatte, wollte er, Becker, gerade wieder zurück auf den Schwimmmeisterturm, da war einer der Halbstarken ziemlich aggressiv auf ihn zu. Er war vielleicht 15, 16 Jahre alt, noch ohne Bartwuchs, aber durchaus schon kräftig und trug eine fette, silberne Halskette. Das nasse, schwarze Haar glänzte in der Sonne. Vielleicht auch Pomade.
„Isch mach dich Messer, du Nazi!“ sagte der Junge und Becker hatte geantwortet: „Und ich mach dich Hausverbot, du Ratte, wenn du so mit mir redest!“
Da hatte es ein lautes Hoohh und Haahh gegeben.
„Du hast meine Ehre beleidigt, Bademeister!“
„Schwimmmeister!“
„Du hast mich Ratte genannt!“
„Und du mich Nazi!“
„Aber biste doch. Wallah.“
Wallah war arabisch und bedeutete „echt“.
Das Lachen der anderen, die um den Wichser herumstanden, Becker kannte diese Mischung aus Dummheit und Verklemmtheit, Pubertät eben, immer gleich, egal welcher Nationalität. Die Sache mit der Ehre, das war jedoch typisch für die Araber und Türken. Ständig laberten sie was von ihrer Ehre und forderten sie ein. Schon die Knirpse. Bei denen machte Becker sich dann manchmal noch die Mühe zu erklären, dass auch ein Schwimmmeister eine Ehre hatte und sich wünschte, dass sein Bad gut funktionierte, alles friedlich blieb und die Badegäste sich wohl fühlten. Aber diese Halbstarken hier respektierten im besten Fall noch ihre Väter und älteren Brüder. Sonst niemanden. Die Bezeichnung Badegäste wollte auf sie nicht so recht passen. Sie verhielten sich nicht wie Gäste. Die Berliner Sommerbäder galten als Kampfzone. Und Leute wie er, Becker, durften ausbaden, was in der Gesellschaft, schon seit Jahrzehnten und sehr grundsätzlich, falsch lief. Es war ein stressiger Job und die Scheidungsrate hoch unter den Kollegen.
Es waren immer mehr schaulustige Jugendliche gekommen, auch Mädchen, vorwiegend türkischer und arabischer Herkunft, die typische Klientel des Sommerbades eben, und sie hatten im Kreis um ihn und den Jungen herumgestanden. Wahrscheinlich weil dieser Streit real war und es versprach spannend zu werden, vielleicht sogar eine kleine Schlägerei zu geben, und die ersten begannen mit ihren Handys zu filmen. Das hatte Becker bei allem Stress irgendwie noch registriert. Er hatte die Menschenmenge um sich herum rein körperlich wahrgenommen, dass seine Masse von einer größeren Masse umringt war und auch gesehen, dass er gefilmt wurde, während der Junge auf ihn einzuschlagen begann.
Er, Becker, war völlig perplex gewesen, dass da ein junger Araber auf ihn einschlug mit einer seiner Badelatschen. Das tat nicht wirklich weh, dazu war er dann doch zu gepolstert mit seiner Leibesfülle, aber die Häme der Menge um ihn herum und das Gefühl, dass alle auf der Seite des Jungen und alle gegen ihn waren, das war schmerzhaft.
All das hatte Becker gestern Abend auf diesem Clip bei Youtube sehen können. Der verbale Schlagabtausch war nicht drauf, auch nicht das, was dann passierte.
Der Araber hatte ihn nach der kleinen Diskussion am Arm gehauen, er hatte daraufhin den Jungen gepackt und womöglich etwas zu fest zugepackt. Der Junge schrie vor Schmerz, aber auch das vielleicht etwas übertrieben. Jetzt kamen andere bedrohlich auf ihn, Becker, zu und er fragte sich, wo die Jungs vom Sicherheitsdienst nur abblieben, die ihm nun wirklich mal hätten helfen können in dieser heiklen Situation. Vermutlich waren sie vorn am Eingang dabei, bei allen Gästen die Taschen zu kontrollieren und Messer einzusammeln. Das konnte dauern.
Becker ließ daher den Jungen los. Er hatte bereits eine Grenze überschritten und gegen die Dienstanweisung verstoßen. Als Schwimmmeister durfte er die Kids nicht anfassen. Immer schön Deeskalieren. Er wollte wieder zurück zum Schwimmmeisterturm und seinem Kollegen gehen, doch dann spürte er den ersten Schlag auf seinem Rücken. Er drehte sich um und es folgten weitere Schläge, nun von vorn, immer wieder auf Brust und Arme. Voller Wut schlug der junge Araber auf ihn, Becker, ein, mit einer Badesandale, nicht diesen leichten Flip-Flops, sondern mit einer stabilen Badelatsche mit einer harten, festen Gummisohle. Es tat zwar nicht besonders weh und doch war dieses Abgeklatschtwerden vor versammelter Mannschaft wie eine Ohrfeige nach der anderen. Und immer wieder das klatschende Geräusch der Gummisohle auf seinem Bauch, seinen Armen, der Klang war immer anders, je nach Körperteil. Das bekam er, Becker, noch mit, dass das Klatschen auf dem Bauch anders klang als auf der Brust oder Schulter oder am Arm. Er tat cool, durfte sich vor dem Mob keine Blöße geben, doch er spürte, wie er auf Stirn und Glatze zu schwitzen begann. Angstschweiß, das erste Mal in über dreißig Berufsjahren.
Das war zum Glück auf dem eher schattigen Clip nicht zu erkennen, es war im Grunde nur ein kurzes Filmchen, das zeigte, wie ein junger Araber mit seiner Badesandale auf einen Bademeister einschlägt. Immer wieder, nicht zu bremsen in seiner Wut und wie er, Becker, die Schläge abbekommt, Schläge, die in Wirklichkeit gar nicht ihm galten. Aber er, Becker, musste die Rübe hinhalten.
Die Szene allein war schlimm genug, aber nun hatte sie jemand festgehalten und bei Youtube eingestellt. In nur zwei Tagen schon über 9.000 Klicks. Einer dieser Witzfilme, von denen es, so hatte ihm ein Kollege gesagt, unendlich viele im Netz gäbe. Er war zum Idioten in einem Clip geworden. Und das Netz vergaß nicht.
Wenn das ein anderer gewesen wäre auf dem Video, auf den diese Badelatsche einklatschte, er hätte vielleicht sogar selbst geschmunzelt über die absurde Szene. David gegen Goliath, pubertärer Nichtsnutz mit Migrationshintergrund greift die Obrigkeit an. Als er, Becker, gestern Abend den Clip wieder und wieder angesehen hatte, auf der Suche danach, was das Peinliche daran ausmachte, da war ihm beim zehnten oder elften Mal aufgefallen, was es war. Es war die Tatsache, dass er mit einer Badesandale attackiert wurde, als wäre es ein Baseballschläger, mit einer Heftigkeit, die im Gegensatz zum Material stand, es war ja nur die harte Gummisohle einer Markenbadelatsche gewesen, die dieses klatschende Geräusch auf seinem Körper erzeugt hatte. Es war die Hilflosigkeit des Jungen und seine eigene, die aufeinanderprallten in diesem Moment, den irgendjemand festgehalten und später ins Netz gestellt hatte. Noch schlimmer als all das aber war für Becker, dass er auf dem Video von den Schlägen vollkommen unberührt wirkte, als würden sie gar nicht durchdringen durch den Panzer, den er sich zugelegt hatte, schon während der Ehe und vor allem nach der Scheidung. Man hörte auf dem Video das Klatschen, aber er, Becker, zeigte keinerlei Reaktion, als könne man mit ihm machen, was man wolle, als wäre er ein Nilpferd, wie Bulette und Knautschke, die Marianne so gern mit ihm besuchen ging, damals. Sie hatten sogar Jahreskarten für den Zoo gehabt. Und waren immer als Erstes zu den Nilpferden gegangen. So einem fetten Nilpferd, vermutete Becker, hätte der Schlag mit einer Badelatsche auch nichts ausgemacht. Er musste an die Vorwürfe seiner Frau denken, warum sie die Scheidung wollte. „Du bist so dumpf geworden“, hatte Marianne gesagt und genau das, seine eigene Dumpfheit, sah Becker in dem Clip vor sich. Wenn er doch wenigstens Empörung, Entrüstung oder Wut gezeigt hätte, aber nein, er schien ohne jede Emotion. Es war seine eigene Resignation, die auf die Wut des Jungen traf, ja, dessen Wut immer mehr anzustacheln schien, als wolle der endlich irgendeine Reaktion in ihm, Becker, hervorrufen. Becker sah seinen eigenen Panzer, auch den, den er um seine Seele gelegt hatte und auch wenn er sich wahrlich nicht wünschte, dass Marianne auf den Clip stieß, er verstand das erste Mal, warum sie sich von ihm hatte scheiden lassen und dass es neben einem Mann wie ihm nicht länger auszuhalten war. Dass das kein Leben mehr war so.
Wann genau das bei ihm gekippt ist, seit wann er so geworden war, Becker kann es beim besten Willen nicht genau sagen.


Zwanzigster Platz: „Der Wake-Up Hof“, Dirk Kudla

Sie hatte einen Rentenantrag gestellt. Dieser wurde abgelehnt. Dagegen hatte sie Widerspruch eingelegt. In diesem Widerspruch hatte sie geschrieben: Können Sie sich eigentlich vorstellen, was es heißt, wenn man ständig in irgendeine Schublade gesteckt wird? Was es eigentlich bedeutet, wenn man mit 34 Jahren Rente beantragen muss, weil einem nichts anderes mehr zugetraut wird? Wissen Sie eigentlich, wie schlimm es ist, wenn die Tage unberechenbar sind? Wenn man an einem Tag Bäume ausreißen kann und am nächsten nur völlig erschlagen versucht, den Tag zu überleben? Wissen Sie, wie man lebt, wenn man unfähig ist, Beziehungen zu knüpfen oder über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten? Wenn Nähe Panik auslöst und Flucht in Rückzug und Isolation die einzig möglichen Auswege darstellen?
Daraufhin war es zu einem zweiten Termin bei dem noch jungen Gutachter gekommen, der sich gerade als Psychologe selbstständig gemacht hatte. Sicher hatte er sich eine ganz andere Person vorgestellt als sie, und es hatte Ulla schon ein wenig Spaß gemacht, ihn mit ihrer fachlich-intellektuellen Kompetenz zu verwirren, die so gar nicht zum Bild der lebensuntüchtigen, hilflosen Borderline-Patientin passen wollte
„Ich bin kein Simulant“, hatte sie zu ihm gesagt. „Ich lüge nicht, wenn ich zugebe, dass ich einen normalen Arbeitsalltag nicht schaffen würde bzw. nur unter großen Einschränkungen. Wenn es aber ohnehin nichts nützt, meine Schwächen einzugestehen, wenn es nur dazu führt, wieder einmal voller Häme abgewiesen und abgestempelt zu werden, warum soll ich dann meine wenigen Stärken verleugnen, mit denen es mit bisher wenigstens gelungen ist zu überleben und mich nicht unterkriegen zu lassen von Menschen, die vermutlich nicht wissen, was es bedeutet, zwischen die Räder von Bürokratie, Verordnungen, Regeln, Beurteilungen und Abqualifikationen zu geraten.“
Natürlich hatte er sie daraufhin als voll arbeitsfähig eingestuft und ihren Widerspruch damit erledigt. Er war von ihrer Leistungsfähigkeit überzeugt, wenn er auch von den Schwierigkeiten wusste, die mit ihrer Diagnose Borderline-Schizophrenie zusammenhingen. Er wusste, dass die Rentenkasse auf andere Gutachter zurückgreifen würde, wenn er zu oft im Sinne der Patienten urteilte, und er hatte sich blenden lassen von ihrer aufgesetzten Normalität.
Ihr Widerspruch endete mit den Worten: Krankheit beinhaltet immer auch Kompensation, Diagnose immer auch Dagegensein und Durchhalten, und Gutachten setzt sich zusammen aus gut und achten.

Ihre letztverbliebenen drei Hunde scharten sich schwanzwedelnd um sie. Einen hatte sie vor einem Jahr einschläfern lassen müssen wegen eines chronischen Hüftleidens. Am Anfang hatte sie noch daran geglaubt, in der Beziehung zu ihren Hunden das Beziehungsdefizit, das sie im Verhältnis zu Menschen aufwies, irgendwie kompensieren zu können. Doch das hatte sich als Trugschluss erwiesen, als ihr klar wurde, dass die Hunde sie in allererster Linie als einen Zweibeiner sahen, der ihnen regelmäßig die Futterschüsseln hinstellte, und nicht als ein liebenswertes Individuum.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, in ihrer frühen Kindheit Schwierigkeiten mit ihren Mitmenschen gehabt zu haben. Sie war die ältere von zwei Schwestern. Ronja war sieben Jahre jünger als sie, psychisch vollkommen stabil, Lehrerin, verheiratet, Mutter.

Im Kindergarten war Ulla nicht gemobbt worden. Da war sie noch nicht diejenige gewesen, die alle ein wenig komisch gefunden hatten. Aber vielleicht hatte sich auch nur der gnädige Mantel des Vergessens über diese Zeit gelegt, wer weiß das schon.

Einmal, bei Onkel Helmut auf dem Schoss hatte sie seine Erektion gespürt. Reflex oder Absicht? Männliche Erektionen waren noch heute angetan, sie in Panik zu versetzen. Sie hatte es einmal versucht und den armen Jungen dann voller Panik weggestoßen. Etwas in sich eindringen zu lassen, versetzte sie in Angst und Schrecken. Dabei war sie schon über 40. Und an Beziehungen nach wie vor interessiert, wenn sie auch nach außen hin so tat, als habe sie mit dem Kapitel längst abgeschlossen. An reiner Zärtlichkeit des Sichberührens wäre sie schon sehr interessiert gewesen. Aber an mehr eben nicht. Welcher Mann würde sich mit einer solchen Einschränkung schon zufrieden geben? Aus diesem Grunde und aus noch ein paar weiteren war sie irgendwann dazu übergegangen, sich selbst ( vorübergehend ) als lesbisch einzustufen, aber in Wirklichkeit war sie in der Wahl ihrer potentiellen Partner ungebunden, geschlechtsneutral, wenn man so will. So sah sie sich selbst übrigens auch seit ihrer letzten unglücklichen Liebe.
Dabei hatte alles mal so verheißungsvoll begonnen…

Mit dem Wechsel von der Grundschule auf die Gesamtschule geschah etwas, das mit der Pubertät zu tun hatte, die viele aufregende Veränderungen mit sich brachte, aber aus vorher netten, verträglichen Zeitgenossen auch ziemliche Arschlöcher machen konnte. Während der Sportstunde wurde sie immer als letzte in eine Mannschaft gewählt, im Bus auf Klassenfahrten riss man sich nicht gerade darum, an ihrer Seite zu sitzen. Nur wenn es darum ging, bei ihr die Hausaufgaben abzuschreiben, war sie gefragt. Woran das gelegen hatte, war ihr damals schleierhaft geblieben. Sie war eigentlich immer freundlich zu allen gewesen. Wenn es darum ging, beim Wichteln oder so kleine Geschenke zu basteln, hatte sie sich immer große Mühe gegeben. Auch wenn eine Freundin Geburtstag hatte, bastelte sie stets etwas Aufwändiges, schrieb ein kleines Gedicht oder so. Selbst erhielt sie meist nur eher schmucklose Ding, die nicht so aussahen, als habe sich jemand tatsächlich Mühe damit gegeben.
Sie teilte auch nicht die Vorliebe für die typischen Mädchensachen in dieser sensiblen Zeit des Heranwachsens. Fürs Schminken, Hairstyling, Mode und den ganzen Kram interessierte sie sich bis heute nicht. Das Wort `Mobbing´ war zu dieser Zeit noch nicht erfunden, aber wie man sie damals behandelt hatte, fand sie trotzdem richtig doof.

In der Oberstufe hatte sie dann zu einer Mitschülerin erste zarte Bande geknüpft. Sie waren beide von sprühendem Intellekt, warfen sich in Diskussionen die Bälle zu, spielten mit Ironie und feinen Anspielungen, dass die anderen oft nur daneben sitzen und staunen konnten. Das ging so lange gut, bis Ulla ihre Gefühle nicht länger verbergen wollte. Mit den hingeschmetterten Worten „Ich bin doch keine Lesbe!“ beerdigte die andere ihre Freundschaft und zertrat damit ihre aufkeimende Liebe zu Staub. Was Ulla hinterher am meisten ärgerte, war, als sie bei einer Internet-Recherche darauf stieß, dass ihre ehemalige Mitschülerin nun mit einer Frau verpartnert war. Dieser Stachel saß tief.

Ullas Eltern – die Mutter im Haushalt präsent, der Vater, wie so häufig, nur auf seine Ruhe bedacht und auf sonst nichts – hatten sie immer großzügig unterstützt. Das hielt bis heute an. Es fiel ihr schwer, darin den Fehler zu sehen, denn damit hätte sie alles in Frage gestellt, worauf ihr Leben fußte. Und gäbe es heute schon das garantierte Grundeinkommen für jedermann, für das sie flammend plädieren konnte, dann bliebe ihr auch die Peinlichkeit erspart, mit 44 noch am Tropf ihrer Eltern zu hängen. Immerhin lebte sie ganz bescheiden auf einem alten Bauernhof und nicht im Luxus. Sie hatte keine teuren Hobbies, nicht mal ein Auto und versuchte, ein guter Mensch und Nachbar zu sein. Ein funktionierender Bauernhof war das hier sicher schon seit 40 Jahren nicht mehr gewesen. Dafür hatte sie ihn mit seinen 90.000 EUR noch einigermaßen preisgünstig von der alten Dame erworben, die zuletzt alleine dort gewohnt hatte. Obwohl der Hof alt und renovierungsbedürftig gewesen war, bedauerte Ulla den Kauf trotzdem nicht. Jedenfalls nicht, wenn sie nicht gerade wieder einen ihrer sehr dunklen Momente durchlebte, in denen sie daran zweifelte, ob überhaupt irgendetwas in ihrem Leben in den letzten Jahren einen Sinn gehabt habe. Sie hatte sich den Traum von ihrem `Wake up!-Hof´-Projekt eben dann erfüllen wollen, als sie in noch in ihren Dreißigern war und nicht erst mit Ende Sechzig oder so. In dieser Phase ihres Lebens war sie voller Zuversicht und Euphorie gewesen, wie selten zuvor in ihrem Leben, was auch dem Selbstfindungskurs geschuldet war, den sie besucht hatte. Dort war ihr vermittelt worden, darauf zu achten, was sie sich wirklich vom Leben wünschte und dann konsequent danach zu handeln. Auf diese Weise war sie an den Rand eines abgelegenen Dorfes mitten in der Seenplatte von Mecklenburg-Vorpommern gekommen, wo es ihr gut gefiel, ihr Traum sich jedoch nicht erfüllt hatte. Die Euphorie war mittlerweile verflogen wie das Laub vom letzten Herbst. Da sie vor allem anderen reichlich Zeit hatte und über einen Internetanschluss verfügte, beteiligte sie sich an zahlreichen Initiativen, Petitionen und was es sonst noch so alles im weltweiten Netz gab. Oft saß sie, wenn die wenigen Tiere, die sie jetzt noch hatte, längst versorgt waren, drinnen im „Herrenhaus“, wo der Putz von der Wand bröckelte und wo sie nicht wusste, wie sie die Rattenlöcher zuverlässig stopfen sollte, weil nichts wirkte außer Ziegelsteine davor zu stellen, und sagte sich, dass das alles so sinnlos sei, dass am Ende doch diejenigen Recht behalten würden, die ihr vorher schon gesagt hatten, der Hof war Scheiße, ihre Geschäftsidee war Scheiße, der Ort war Scheiße, sie war Scheiße, alles war Scheiße, sie saß in der Scheiße ( letztlich sogar in Wortsinn, als sie in der Not den Klempner rufen musste ). Am liebsten hätte sie in diesen schlimmen Phasen alles hingeworfen. Dann kroch einem Ungeheuer gleich die Verzweiflung in ihr hoch und wollte sie in ihr dunkles Loch hinabziehen, und für Stunden, Tage manchmal war sie völlig außerstande, irgendetwas Vernünftiges zu tun. Später dann genoss sie wiederum das Glück, sich an einer kleinen Sache wie einem Gänseblümchen freuen zu können wie andere nur an einem Lottogewinn. Vielleicht war das der Preis, den sie zahlen musste…

Sie wurde monatlich von ihren Eltern mit Geld unterstützt, ja, sie war über vierzig und stand wirtschaftlich nicht auf eigenen Beinen. Ja, und?! Aber sie tat wenigstens etwas! Nicht jeder Hartz IV- Empfänger baute schließlich so etwas wie diesen Hof auf. Und ganz nebenbei hatte sie vom NABU auch noch das Prädikat `Nutztier-Arche´ verliehen bekommen. Die Orpington-Enten, Poitou-Esel und Guteschafe und was sie sonst noch so hatte, würden allerdings auch ohne sie überleben. Geld verdiente sie mit den Tieren eh nicht. Ihr war nie klar, was sie verlangen durfte, wenn sie etwas verkaufte.

Ein `alter Freund´ war in der Anfangszeit zu Besuch auf den Hof gekommen und war darüber entsetzt gewesen, wie sie lebte und am meisten über sie selbst. Mit seinem rücksichtslosen Niedermachen wäre es ihm beinahe gelungen, den Zauber zu zerstören, den sie in dieser Zeit in sich gespürt hatte. „Du hast ja gar nichts Weibliches an dir“, hatte er ihr entgegen geschleudert. Vermutlich hatte er sich eingebildet, er könne sie `zur Frau machen´ oder so was. Nachdem er wieder gefahren war, hatte sie tagelang das Gästezimmer nicht mehr betreten können, ehe sich ihre Wut wieder gelegt hatte.

In ihrem Dorf war sie sehr aktiv. Sie war bei allen abendlichen Sitzungen dabei, als es um die Aktion `Unser Dorf soll schöner werden´ ging, sie half beim Formulieren von Flugblättern, um die am Ort noch befindliche Grundschule vor ihrer Schließung zu bewahren ( was leider nicht gelang ), sie sang im Shanty-Chor, spielte in einer Theatergruppe, war politisch engagiert, selbstverständlich bei den Grünen. Stärker einbringen als sie konnte man sich selbst als Bürgermeister nur schwer.

Ab und zu konnte sie jetzt in der Dorfgaststätte beim Tellerwaschen helfen, wenn Not an der Frau war. 100 Euro extra im Monat haben oder nicht haben machte für sie einen großen Unterschied. Doch das ganze Dorf-Engagement hatte ihr nicht die Erfüllung gebracht, nach der sie sich eigentlich sehnte. Ihr waren nur selten Augenblicke in ihrem Leben vergönnt gewesen, in denen sie sich einem Menschen ganz nah gefühlt hatte und dieses Gefühl erwidert wurde. An der Uni war sie immer die gewesen, die man zuverlässig in der `Caféte´ hatte antreffen können. Rückblickend schien es ihre `Aufgabe´ gewesen zu sein, anderen Frauen mit Liebeskummer ihr Ohr und dabei auch ein wenig ihr Herz zu leihen. Wenn dann alles wieder gut war und diejenige erneut frisch verliebt, zählte Ulla anscheinend nicht mehr. Endlose Sitzungen und Therapiestunden hatte sie nun schon hinter sich gebracht und dabei vielleicht etwas mehr über sich erfahren. Aber geändert hatte sich für sie dadurch fast nichts.

In ihrer Studienzeit in Hamburg war sie gegen ihren Willen in die Psychiatrie eingeliefert worden, weil sie sich die Arme geritzt hatte und irgendein Richter, der vom wilden Affen gebissen war, seine Zustimmung dazu gegeben hatte. Da hatte sie zum ersten Mal gefühlt, was es mit dem Wort Freiheitsberaubung wirklich auf sich hatte.

Aus ihrer Sicht hatte jeder Mensch seine individuellen Stärken, die es hervorzuheben und auszubauen galt. Und diesen Hof hatte sie als Begegnungsstätte – auch wenn das Wort irgendwie komisch klingt – geplant, wo Menschen in Umbruchsituationen sich treffen und sich gegenseitig austauschen und einander bei der Realisierung ihrer Wünsche und Träume helfen können. In einem Flyer hatte sie um ca. 500.000 -700.000 Euro für einen guten Start gebeten. Die einzigen Spenden, die sie jemals erhalten hatte, waren jedoch von ihren Eltern und ein paar Freunden gekommen. Damals hatte sie das außerordentlich wütend gemacht. Für alles in der Welt war offensichtlich genug Geld da, aber nicht für ein gemeinnütziges Projekt wie ihres. Mit vielen Projekten, die sie gut fand und unterstützte, verhielt es sich ebenso. Sie hatte das Gefühl, ihr wurden überall Knüppel zwischen die Beine geworfen.

Nachdem sie bemerkt hatte, dass sie ihre ursprüngliche Idee nicht würde realisieren können, war aus dem Projekt des `Wake up!-Hofes´ eine Heimstätte für ein paar Tiere und sie selbst geworden. Auch wenn ihr die Landwirtschaft niemals ein Einkommen sichern würde, fühlte sie sich hier viel wohler als in der Stadt.
Anfangs hatte sie noch peinlich genau darauf geachtet, dass sie auch im Hochsommer stets Sachen mit langen Ärmeln anhatte, um die Narben der Schnitte an den Armen zu verbergen, die sie sich vor Jahren selbst zugefügt hatte. Nachher war es ihr scheißegal gewesen, ob jemand daran Anstoß nahm oder nicht. Jeder hatte sie so zu nehmen wie sie war.

Eines Montags war sie versehentlich zwischen eine der Black Welsh Kühe, deren Kalb und einen der Poitou Esel geraten. Die Kuh hatte ihr Kalb bedroht gesehen und vernehmlich geschnauft, was Ulla eine Warnung hätte sein müssen. Die Kuh holte kurz zu einer heftigen Bewegung mit ihrem Kopf aus, und ehe Ulla sich’s versah, war sie vom Horn der Kuh so unglücklich getroffen, dass es ihr die Halsschlagader aufriss, und sich ein Strom von Blut auf die Wiese ergoss. Obwohl Ulla es unter den unbeteiligten Blicken der Tiere noch bis in die Nähe der Tür schaffte, die unter dem niedrigen Dach ihrer Behausung fast immer offen stand, und obwohl die Hunde irgendwann nervös wurden und abwechselnd sie und das Blut beschnüffelten, das sie verlor, wurde sie viel zu spät von einem Nachbarn gefunden, der auf die aufgeregt hin und her laufenden und seltsam verstört jaulenden Hunde aufmerksam geworden war, und der das letzte Wort vernahm, dass sie ächzend hervorbrachte:
„Shit.“


Einundzwanzigster Platz: „Die Anderswelt“, Daniel Bachmann

Niemand stirbt in Afrika. Die Toten kehren immer als Geister zurück.
David Livingstone

„Herz der Finsternis“ nannte Joseph Conrad seine berühmte Afrikaerzählung, die später Francis Ford Coppola zum Film „Apocalypse Now“ inspirierte. Das Fremde, das Rätselhafte, das Unbegreifliche an den Rändern der Welt, das den Reisenden auf sich selbst zurückwirft. Daran muss ich denken, als wir die südafrikanische Grenzstadt Komatiepoort erreichen. Es ist kurz vor Mitternacht, der Zoll liegt im Schein heller Strahler. Hinterm Schlagbaum dagegen ist alles in Dunkelheit gehüllt.
„Mosambik“, sagt Ibraimo Alberto, „Land der Schatten. Das Andersland.“ Was die Grenzstation angeht, hat er schon einmal Recht. Nicht eine Glühbirne weist den Weg zur Passkontrolle.

Ibraimo lernte ich vor wenigen Monaten kennen. Da sagte er: „Ich bin in Mosambik auf einer Sklavenfarm aufgewachsen.“ Wir saßen in einer Kneipe in Karlsruhe, ich trank ein Bier, er Mineralwasser. Früher, in der DDR, war Ibraimo Boxer gewesen. Die Handschuhe hat er an den Nagel gehängt, doch Alkohol rührt er noch immer nicht an. Nach der Boxkarriere wurde er erster schwarzer Ausländerbeauftragter der Bundesrepublik, ausgerechnet in Schwedt an der Oder, einer Hochburg der Rechtsradikalen. Mit ihnen lieferte er sich blutige Kämpfe, bis sie ihn am Ende vertrieben. So wurde er zum ersten Staatsbürger, dem man innerdeutsches Asyl gewährte. Auch hat nur er als Schüler das Massaker von Nyazonia überlebt, bei dem Söldner aus Südafrika nach der Schlachterei einen fünf Meter hohen Hügel aus 1200 abgeschlagenen Kinderköpfen anhäuften. Und noch immer ist er der Einzige seines Stammes der Mateúe, der überhaupt eine Schule von innen gesehen hat. Es gibt viele „Erste“ und „Einzige“ in Ibraimos Leben, aber das mit der Sklavenfarm konnte ich erst einmal nicht glauben. Ich zog das Handy heraus und googelte. Mosambik, las ich, war eines der letzten Länder der Welt, das sich vom Kolonialismus befreien konnte. Am 25. Juni 1975 endeten 500 Jahre portugiesische Fremdherrschaft. Ibraimo ist 50 Jahre alt, es könnte stimmen „Unser Patron hatte 80 Sklaven“, sagte er. „Frauen, auf die er Lust hatte, nahm er sich. Er schwängerte meine Schwester und bestimmte über Leben und Tod. Gut möglich, dass du nichts davon in Wikipedia findest.“

Zu selben Zeit drohte der weit entfernten DDR die Staatspleite, was Honecker und Konsorten auf die „Afrikaoffensive“ brachte. Von nun an wurden Kohle- und Kaffeeimporte nicht mehr in Dollar bezahlt, sondern gegen Waffen eingetauscht. Damals waren Mozambik und Angola Spielbälle im Kalten Krieg zwischen dem Westen und dem Warschauer Pakt. Neben Geld fehlten der DDR auch Arbeiter, und man schloss mit Mozambik den Vertrag über „Freundschaft und Zusammenarbeit“ mit dem Ziel, Arbeitssklaven ins Land zu schaffen. Die Tinte war noch nicht trocken, als die ersten Mosambikaner zusammen getrieben wurden. Sie sollten jung sein, kräftig, ihren Namen schreiben können. Keiner von ihnen wusste, auf welchem Kontinent die DDR lag, vor der auf einmal die Rede war, doch das kümmerte auch niemanden. Der Krieg, den die „Resistencia Nacional Mocambicana“, kurz RENAMO, im Auftrag der USA auf brutalste Weise führte, machte aus diesem unbekannten Land das Paradies auf Erden. Als Ibraimo davon erzählte, kam der Gedanke, dass Geschichte nichts anderes ist als sich ständig wiederholende Ereignisse.

Im Juni 1981 wurde Ibraimo auf einen Lastwagen gepackt, zum Flughafen gekarrt, und in die DDR gebracht. Dort verteilte man ihn und die anderen auf die Volkseigenen Betriebe.
„Ins Kombinat Chemische Werke Walter Ulbricht, ins Kombinat Plaste und Chemie Wolkenstein, ins Petrolchemische Kombinat Schwedt, ins Kombinat Industrielle Mast Karl-Marx-Stadt. Ich landete im Fleischkombinat Berlin“, erzählte er. Sein Vater Alberto Guira Kriche, ein angesehener Medizinmann im Stamm der Mateúe war, hatte das alles vorhergesagt: „Die verkaufen euch. Was immer sie versprechen, es ist nicht wahr.“

Er sollte Recht behalten. Bis zum bitteren Ende holte sich die DDR 20.000 Mosambikaner ins Land, die den Laden irgendwie am Laufen halten sollten. Sie schufteten unter widrigen Umständen und wurden in Ghettos wie Berlin-Gehrenseestraße gesperrt. Nach der Wende brachte man alle, die sich nicht aus dem Staub machen konnten, in Nacht-und-Nebelaktionen außer Landes. In der neuen Bundesrepublik war kein Platz für DDR-Arbeitssklaven.

Ibraimo blieb. Er war zu einem schlagkräftigen Boxer geworden, und hatte dafür die Staatsbürgerschaft erhalten. Als durch den Jugoslawienkrieg die erste Flüchtlingswelle auf Deutschland zurollte, engagierte er sich, denn mit Bürgerkrieg und Vertreibung kennt er sich aus. Bald war er Zielscheibe der Neonazis, dagegen half auch die Auszeichnung „Botschafter für Demokratie und Toleranz“ nicht, die ihm der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble verlieh. In diesen schweren Tagen kam eine alte Frage zurück: „Wenn mein Vater alles vorhersah, warum wollte er dann, dass ich aus seinem Leben verschwinde?“

Diese Frage brachte uns nach Komatiepoort. Mit 50 Jahren fühlt sich Ibraimo dafür reif, seinen Vater zur Rede zu stellen. Das Problem ist, der Medizinmann ist längst tot. Aus Ibraimos Sicht ist das kein Problem.
„In Mozambik gibt es Leute, die sprechen mit den Toten“, sagte er.
Seine Worte sorgten dafür, dass ich den Rucksack packte. Das Fremde, das Rätselhafte, das Unbegreifliche – ich kann es kaum erwarten, bis wir den Medizinmann treffen, der mit den Toten sprechen kann.

Ein paar Tage später holpern wir auf schmalen Feldwegen über die Trockensavanne. In der Region von Gorongosa stand in Ibraimos Kindheit üppiger Dschungel, jetzt kann ich die Bäume zählen. Rund 100 Kilometer entfernt, in der Stadt Chimoio, errichteten die Chinesen zwei Holzfabriken. Die Lizenz zur Abholzung bekamen sie von der Regierung. Deshalb wurde die RENAMO wieder aktiv. Es geht jetzt darum, wer von den Schmiergeldern welchen Anteil erhält.

Wir sind seit Stunden unterwegs, und ich habe die Orientierung verloren. Dann taucht ein Streifen Grün am Horizont auf. Es sind Bäume.
„Die Chinesen kommen hier nicht her“, sagt Ibraimo. „Sie fürchten sich vor dem Andersland.“
Als sich über uns ein Dach aus dichtem Grün ausbreitet, schlägt mein Herz höher, wie immer, wenn ich einen Wald betrete. Falls darin das Andersland verborgen liegt, kann es nur gut sein.

Es ist eine kleine Hütte im Schatten großer Bäume. Ein Dutzend Hühner gackern umher, ein paar Leute sitzen reglos auf der Erde. Wir warten. Ob einer dieser Menschen der Medizinmann ist, kann ich nicht sagen. Seit wir angekommen sind, hat keiner ein Wort gesagt. Auch mein Mund ist verschlossen. Ich schaue einem Mann zu, der den Reifen am Vorderrad eines Motorrads wechselt. Mit kräftigen Fausthieben schlägt er den kaputten Mantel herab, dann hebelt er mit einem einfachen Metallstück den neuen Reifen auf. Als er fertig ist, wischt er sich die Hände an den Hosen ab. Er kommt auf uns zu und sagt ein paar Worte zu Ibraimo. Der steht auf.
„Wir sind dran“, sagt er.
Ich folge ihm in die Hütte. Dort ist es dämmrig, und es dauert eine Zeitlang, bis sich meine Augen daran gewöhnen. Ich sehe einen großen, sehnigen Mann. Er trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Hose mit messerscharfen Bügelfalten. Für einen Augenblick fällt sein Blick auf mich, dann setzt er sich in eine Ecke. Dort stehen drei große blaue Eimer, randvoll mit Wasser gefüllt. Ein frischer Packen Kopierpaper liegt davor. Wir setzen uns gegenüber. Der Motorradmechaniker zündet vier Zigaretten an, und legt sie kreisförmig aus. Das ist alles. Mehr Zeremonie gibt es nicht.

Ich habe lange Reisen durch Indien unternommen, und viel Zeit in heiligen Orten wie Vārānasi und Puri verbracht. Dort war ich in der Palmblattbibliothek, von der es heißt, das Schicksal jedes Menschen steht darin auf einem Palmblatt geschrieben. Hinduistische Zeremonien können Stunden, Tage, manchmal Wochen dauern, es wird gesungen und Blumen gestreut, Räucherkerzen entzündet, getanzt, gebetet und meditiert. Für all das hat man in Afrika keine Zeit. Später finde ich heraus, dass dieser Mann pro Woche bis zu 600 Patienten aus dem ganzen Land behandelt; für alle Beteiligten eine gefährliche Situation, seit die RENAMO wieder aktiv ist. Den Kontakt zur Anderswelt nimmt er dabei nur in seltenen Fällen vor. Er wird mir sagen, dass man es damit nicht übertreiben soll.

„Fangen wir an“, sagt er jetzt auf Portugiesisch. Er will von Ibraimo wissen, welche Fragen er an seinen Vater hat. Dann reißt er den Packen Papier auf, entnimmt ein Blatt und legt es ins Wasser. Mit ungeduldiger Gestik gibt er dem Mechaniker ein Zeichen. Der nimmt das Papier mit einer Zange heraus. Der Medizinmann mustert es, schüttelt den Kopf, nimmt das nächste Papier, die Prozedur wiederholt sich. Und dann passiert es. Auf einmal erscheint ein Schrift. Ich kann vier Worte erkennen.
„Quem está me chamando?“, liest der Medizinmann vor. „Wer ruft mich?“
Neben mir antwortet Ibraimo: „Ibraimo Alberto.“
Der Medizinmann legt das nächste Blatt ins Wasser. Im Bruchteil einer Sekunde erscheinen die Worte: „Kommst du aus Deutschland?“
Er sieht Ibraimo fragend an. Der nickt. Der Automechaniker schreibt „Ja“ auf ein frisches Papier und heftet es an die Innenwand des Eimers. Dann legt er ein neues Blatt auf die Wasseroberfläche. Dieses Mal dauert es, bis sich Worte bilden. „Was willst du von mir?“, fragen sie.
Wer ist „mir“? Wer spricht da? Ist das ein fauler Zauber? Es gibt den Trick mit der Geheimtinte, jedes Kind kennt ihn. Botschaften auf Papier, mit Essig oder Milch geschrieben, werden über einer Kerzenflamme wieder sichtbar. Die moderne Chemie bietet sicher noch bessere Möglichkeiten. Ich werde ein paar Wochen später in Deutschland einen bekannten Zauberer aufsuchen. Der wird mir viele Fragen stellen und am Ende sagen: „Der Trick wäre machbar. Allerdings, in Mozambik, in einer Hütte im Dschungel? Man muss sehr viel Aufwand betreiben, um den Effekt hinzukriegen.“

Die nächste halbe Stunde spricht Ibraimo über den Medizinmann mit dem Geist seines verstorbenen Vaters. Viel Papier schreibt sich voll, am Ende ein paar Hundert Seiten, mittlerweile in Ibraimos Stammessprache Chiuté. Manche Antworten benötigen zwei oder mehr Blätter. Immer wieder erklärt der Medizinmann einen Satz, von dem er glaubt, dass er in die Irre führen könnte. Er spricht laut und dröhnend und scheint nicht mehr er selbst zu sein – Ibraimo sagt später, er sprach mit der Stimme seines Vaters. Die Atmosphäre in der Hütte wird hitzig. Offenbar geht es um ein Geheimnis, eine schlimme Sache. Dann bricht der Kontakt in die andere Welt ab. Die Blätter bleiben unbeschrieben, der Medizinmann erhebt sich. Der Mechaniker begleitet uns nach draußen. Benommen nehmen wir vor der Hütte Platz. Doch Zeit für eine Pause gibt es nicht. Ibraimo soll ein Ritual absolvieren. Wir wandern auf schmalen Pfaden durch den Dschungel. Irgendwann nimmt der Mechaniker ein Stück Bambus. Den muss Ibraimo zwischen die Zeigefinger der gefalteten Hände nehmen. Er soll zu den Ahnen zu beten.
„Sag ihnen, was du von ihnen willst. Sag ihnen, was du dir von deinem Leben erwünscht. Sag alles, lass nichts aus. Dann bitte sie um Verzeihung für all deine Verfehlungen.“
Ibraimo beginnt vor sich hinzumurmeln. Erst in Chiuté, dann auf Portugiesisch. Den letzten Satz sagt er auf Deutsch: „Ich will, dass alle Menschen gleich sind und gleich behandelt werden, egal, welche Hautfarbe sie haben.“
Schon drängt der Mechaniker zum Aufbruch. Wir erreichen ein seltsames Gebilde, eine Hütte ohne Wände mit einem Dach aus Bambus. Von dort baumeln unzählige beschriebene Blätter herab. Darunter stehen Hunderte großer und kleiner Flaschen, die mit bunten Flüssigkeiten gefüllt sind. Ein bizarrer Anblick, mitten im Dschungel.
Nun muss sich Ibraimo ausziehen. So, wie er auf die Erde kam, soll er vor die Ahnen treten, und erneut Verfehlungen beichten. Auf einmal steht der Medizinmann vor uns. Er heftet die Antworten von Ibraimos Vater ans Dach der Hütte. Dann gießt er aus mehreren Flaschen ein Gebräu zusammen. Ibraimo soll sich damit einreiben. Das wird ihm helfen, sich von dem Schatten zu lösen. Was es mit dem auf sich hat, erfahre ich erst später.

Auf der Rückfahrt schweigt Ibraimo, und auch in den kommenden Tagen kommt kein Wort über seine Lippen. Wir haben uns in Chimoio in einem billigen Hotel einquartiert, es gibt keine Eile. Eines Morgens sagt er: „Mein Vater hat einen Mann getötet. Zusammen mit seinem Bruder. Es ging ums Verlobungsgeld für die Schwester. Jemand machte ihr den Hof, hat aber nicht bezahlt. Sie haben ihn mit einem Spaten erschlagen.“
Das Verlobungsgeld, erfahre ich, ist für die Leute vom Stamm der Mateúe heilig. „Mein Vater nahm einen Finger des Toten“, fährt Ibraimo fort. „Sein Bruder die Hoden. Daraus hat Vater Talismane gemacht.“
Auch in der katholischen Kirche werden Reliquien verehrt: Finger, Beine, Zehen, Augen und Knochen unzähliger Heiliger sind in Kirchen und Kathedralen aufbewahrt. Schon immer glauben Menschen daran, dass Körperteile getöteter Menschen magische Kräfte enthalten.
„Der Geist des Ermordeten forderte Tribut. Sein Schatten wurde auf mich übertragen.“
„Niemand stirbt in Afrika“, schrieb David Livingstone in einem seiner Bücher. „Die Toten kehren immer als Geister zurück.“ Der Geist dieses Toten verlangte eine Behausung, und dafür wurde Ibraimo ausgewählt.
„Normalerweise“, sagt er mir, „überlebt man das nicht. Es kommt zu unerklärlichen Unfällen und Krankheiten. Doch mein Vater war Medizinmann. Er hat mich zwar geopfert, aber er hat mich auch beschützt.“
Deshalb überlebte Ibraimo das Massaker von Nyazonia oder den Tag, als ihn Neonazis in der Innenstadt von Schwedt mit Totschlägern und Messern attackierten, und keiner zu Hilfe kam.

Wir bleiben noch eine Woche in Chimoio. Ich mache den Sklavenfarmer ausfindig. Er heißt Antonio Ferreira, ist 82 Jahre alt, und hat vor drei Monaten eine seiner ehemaligen Sklavinnen geheiratet, die ein strenges Regime über Haus und Hof führt. Ein paar Jahr zuvor trat er auf eine Mine, es fehlt ihm ein Bein. Ansonsten ist er bei guter Gesundheit. Er freut sich über Ibraimos Besuch, erkundigt sich nach Kindern. Ibraimos Tochter studiert Philosophie, sein Sohn ist Techniker in der chemischen Industrie.
„Dann sind sie zur Schule gegangen“, sagt Ferreira, und Anerkennung schwingt in seiner Stimme mit. „Das haben meine nie getan.“
Er hat 27 Kinder. Sie leben verstreut in Südafrika, Simbabwe und Mosambik. Er zählt sie alle auf, vergisst aber den Sohn, den er mit Ibraimos Schwester gezeugt hat. Als ich später Ibraimo darauf anspreche, winkt er ab. Dass er durch das Kind mit dem Sklavenfarmer verwandt ist, ist für ihn nicht der Rede wert.
„Wir sind alle miteinander verbunden“, sagt er. „Auch die Toten mit den Lebenden.“

Ein paar Tage später sitze ich in der Abflughalle des Flughafen Beira. Eine Gruppe Soldaten lungert herum, sie haben den Check-in übernommen. Einer schlendert zu mir herüber.
„Hi, my friend“, sagt er. Dann erzählt er, dass wir Freunde sind. Miteinander verbunden, irgendwie. Weil das so ist, will er mein Geld. Ich habe noch 400 Meticals in der Tasche, die gebe ich ihm. Umgerechnet macht das ein Euro, ein guter Zahltag für einen Soldaten, von dem ich nicht weiß, ob er zur RENAMO gehört und zur anderen Seite.


Zweiundzwanzigster Platz: „Bahnhöfe einer Zugreisenden“, Kristiane Kondrat

Inzwischen sind andere Fahrgäste eingestiegen, die sich vom Flur auf die benachbarten Abteile verteilt haben. Wo der Bahnhof der schlafenden Frau sein mag, kann Beate nicht beurteilen, sie vermutet ihn weit hinter ihrem. Eigentlich besitze sie gar keinen Bahnhof, sagt sie sich, jener Teil von ihr, der im Abteil sitzt, rede nur dummes Zeug: Das behauptet jedenfalls ihr auswärtiger Teil, der hinter der Fensterscheibe.
Beide Teile verstummen, als die Schiebetür des Abteils mit einem dumpfen Anschlag aufgeht, und ein neuer Fahrgast hereintritt. Ein kleinwüchsiger, vollschlanker bebrillter Mann in den mittleren Jahren mit einem schwarzen Lederkoffer in der linken Hand:
“´Tag, ist hier noch was frei?”
Da Beates diesseitiger Teil nicht sogleich antwortet, zeigt der kleine Mann mit einem kurzen Zeigefinger auf den Fensterplatz:
“Hier?”
“Ja”, antwortet schlicht Beates diesseitiger Teil, jener, der den Mann als “vollschlank” bezeichnet hat. Der auswärtige Teil denkt: “fetter Arsch”. Der kleine Mann streckt sich mit dem hoch gehobenem Koffer an die Ablage heran, und es gelingt ihm tatsächlich, die Kante seines Koffers auf die Gepäckablage zu hieven. Dann schiebt er mit den Fingerspitzen den Koffer an die Wand. Geschafft! Mit einem stolzen Lächeln nickt er Beate zu, bevor er seine Hosenbeine über den Knien mit den Fingerspitzen hochzieht und sich umständlich hinsetzt. Nun sitzt er, ist zufrieden und nickt ihr noch einmal zu, so als erwartete er Beifall dafür, dass er nun so gemütlich sitzt. Beate verweigert ihm den Beifall.
Ihr auswärtiger Teil hat den neuen Fahrgast die ganze Zeit argwöhnisch beobachtet. Nun hat auch ihr diesseitiger Teil bereits gemerkt, dass der neue Fahrgast dabei ist, ein Gespräch in die Wege zu leiten. Und tatsächlich: Nachdem er einen verstohlenen Blick auf die schlafende Frau geworfen hat, beugt er sich etwas vor und flüstert Beate zu:
“Sehr warm da drinnen.” Der diesseitige Teil der Zugreisenden hat nun die Regie übernommen und bestätigt dem jovialen Herrn, dass es im Abteil tatsächlich sehr warm sei, worüber ihr Gesprächspartner, denn das ist er wohl jetzt, äußerst erfreut zu sein scheint. Ein breites Lachen zieht über sein Gesicht und drückt seine Wangen an die Ohren. Darüber rücken die Ohren erschreckt auseinander, legen sich dann aber gleich wieder an, nachdem ihr Besitzer sein fröhliches Lachen zu Ende gebracht hat.
In dem Augenblick, als Beates Gegenüber sich erneut vornüberbeugt, und sich seine Lippen schon zu einem neuen Wortbeginn gerundet haben, fällt die Handtasche der schlafenden Frau auf den Boden. Der neue Fahrgast beugt sich nun in die andere Richtung, hebt die Damentasche auf, indem er sie mit denselben Fingerspitzen am Griff anfasst, mit denen er den Koffer an die Wand geschoben und seine Hosenbeine über den Knien hochgezogen hat. Er stellt die Tasche behutsam auf den leeren Sitz nebenan. Dann zieht er ein weißes Taschentuch aus seiner Rocktasche und wischt damit sorgfältig den Griff der Handtasche ab, beseitigt alle Fingerabdrücke. Er faltet das Taschentuch wieder zusammen und steckt es zurück in die Rocktasche.
Inzwischen scheint er vergessen zu haben, dass er etwas sagen wollte, vielleicht auch denkt er, Beate sei an der Reihe etwas zu sagen, denn er schaut sie erwartungsvoll an. Ihren beiden Teilen jedoch fällt nichts ein, der diesseitige Teil lächelt verlegen, während der auswärtige dem diesseitigen schadenfroh die Zunge herausstreckt.
In dem Moment, als ihrem diesseitigen Teil etwas Brauchbares einfällt, das sie dem Herrn gegenüber sagen könnte, hört sie harte Schritte, harsche Töne und dünnes Klirren auf dem Flur. Sie trampeln an der Abteiltür vorbei: Der Schaffner führt einen Fahrgast in Handschellen ab, sie zwängen sich nebeneinander durch den engen Flur, wobei der Delinquent vergeblich versucht, sich vom Schaffner, an den er gekettet ist, loszureißen.
“So passiert es, wenn man unvorsichtig ist”, kommentiert Beates Gesprächspartner den Vorfall.
“Ja, Sie haben gut daran getan, die Fingerabdrücke zu beseitigen”, entgegnet sie anerkennend.
“Er kommt gewiss auch zu uns herein, haben auch Sie alles beseitigt?”, fragt er sie in einem komplizenhaften Ton.
Sie antwortet ihm, sie hätte auch alles sorgfältig beseitigt, man würde nichts bei ihr finden.
“So ist es richtig”, stimmt er ihr gönnerhaft zu, beugt sich noch etwas weiter nach vorne und säuselt:
“Aufpassen, dass er Ihnen nichts in die Tasche hineinschmuggelt, das tun die nämlich gerne. Und immer lächeln”, belehrt er sie noch.
Kaum dass er ihr seine Warnung mit der gutgemeinten Belehrung zugesäuselt hat, erscheint vor der Tür des Abteils statt eines Schaffners eine junge Schaffnerin mit langem blonden Haar und einer Zange in der Hand. Da springt der rundliche Herr beflissen auf und öffnet galant die Tür. Die Schaffnerin jedoch scheint nicht beeindruckt zu sein. Sachlich, ja sogar etwas unterkühlt im Vergleich zu dem hurtigen Entgegenkommen des dicklichen Herrn, jedoch korrekt und höflich fordert sie die Fahrgäste auf, ihr die Fahrscheine zu zeigen. Während die Schaffnerin vergeblich versucht, die Frau mit der danebenliegenden Handtasche zu wecken, macht der neue, rundliche Fahrgast Beate verzweifelte Handzeichen, die sie nicht deuten kann.
“Die Fahrkarte der schlafenden Dame hat Ihr Kollege bereits gesehen und gezwickt”, informiert er die Schaffnerin. Daraufhin gibt diese es auf, die schlafende Frau zu wecken und wendet sich dem dicklichen Herren zu.
Zuerst denkt sich Beate nichts dabei, zumal sie mit dem Wühlen in ihrer Handtasche beschäftigt ist. Sie kann ihren Fahrschein nicht finden. Die Schaffnerin jedoch dreht sich um und geht aus dem Abteil, ohne ihren Fahrschein gesehen zu haben.
Vertrauensselig lässt sich Beate in ein Gespräch verwickeln. Sie sprechen über Nichtigkeiten wie die Heilwässer der Kurorte, an denen sie vorbeifahren und das voraussichtliche Wetter in Hamburg, der Stadt, in der dieser Zug seine Fahrt beenden wird. “Sein Heimatbahnhof sozusagen”, meint der freundliche Herr.
“Ihre Tochter wird schon auf Sie warten”, fährt er fort. Erst mit einer Verspätung von einigen Minuten wundert sich Beate über diese Worte und versucht gleichzeitig, sich daran zu erinnern, ob sie im Laufe des Gesprächs mit dem freundlichen vollschlanken Herrn erwähnt hatte, dass sie eine Tochter habe. Sie kann sich nicht daran erinnern. Dann aber sagt der Mann:
“Sie wartet gewiss schon ungeduldig auf Sie.”
Also weiß er nichts über meine Tochter”, schlussfolgert sie. Sie hatte sich von ihrer kleinen Tochter verabschiedet, bevor sie zum Bahnhof fuhr.
“Hat Ihre Tochter demnächst Geburtstag?”, fragt er sie plötzlich. Beates Tochter hat tatsächlich in fünf Tagen Geburtstag. Sie wartet darauf, dass er fragt, wie alt sie werde, er tut es aber nicht. Mag sein, dass er ihr die Irritation vom Gesicht abgelesen hat, denn er versucht es wiedergutzumachen, indem er ihr mitteilt, dass auch er eine Tochter habe, die feiere allerdings erst im Winter Geburtstag. Da es draußen, jenseits des Waggonfensters, Spätsommer ist, Anfang September, beruhigt sich die Zugreisende.
Jetzt sind sie in Frankfurt am Main. Ins Abteil tritt ein junger Mann, noch sehr jung, vielleicht noch Schüler, in Jeans und einem schlichten weißen T-Shirt ohne jedwelche Beschriftung, Zugehörigkeitsbekenntnis oder steckbriefliche Formulierung. Bevor noch der junge Mann eintritt, beugt sich Beates Gegenüber so weit nach vorne, dass er nur auf einer Pobacke sitzt, hebt seine linke Hand bis vor den Mund und raunt ihr hinter vorgehaltener Hand zu: “Tun Sie bitte so, als würden Sie mich nicht kennen”.
Sie will ihm antworten, dass sie ihn gar nicht kenne, kommt aber nicht dazu, der neue Fahrgast ist schon eingetreten und fragt, ob der leere Platz neben der schlafenden Dame frei sei. Sichtlich zufrieden mit der bejahenden Antwort des dicklichen Herren, nimmt er mit einer selbstgerechten Gebärde die Handtasche der schlafenden Frau und legt sie auf den leeren Sitz gegenüber. Dann setzt er sich auf den freien Platz. Er nimmt einen Fahrplan von der Gepäckablage, faltet ihn auseinander und vertieft sich darein. Die Frau schläft weiter, während Beates Gegenüber verzweifelte Blicke zwischen ihr und dem neuen Fahrgast wandern lässt. Sie glaubt die Botschaft zu verstehen: Der neue Fahrgast hat Fingerabdrücke auf dem Griff der Damenhandtasche hinterlassen.
Sie sprechen wieder über Heimatbahnhöfe, der junge Mann tut so, als interessierte ihn das Ganze nicht, tut so, als läse er den Zugfahrplan, scheint aber, mit dem ihnen zugewandten Ohr zuzuhören.
Wo denn ihr Heimatbahnhof sei, fragt sie ihr Gegenüber. Wobei unklar ist, ob er den Bahnhof des Ortes meint, in dem sie wohnt, ihren Geburtsort oder den Bahnhof, auf dem sie eingestiegen ist. Sie antwortet ihm, dass “Heimatbahnhof” ein sehr verwirrendes Wort sei und ein vager Begriff, man könne ja schließlich überall ein- und aussteigen, und wenn man irgendwo auf einem Bahnhof in einen Zug steigt, ist es auch nicht unbedingt der Heimatbahnhof.
“Mein Heimatbahnhof ist ein fahrender Zug”, schießt es Beate durch den Kopf. Als sie diese plötzliche Erkenntnis ihrem Gegenüber mitteilen will, kommt der Zug ruckartig zum Stehen. Ohne dass sie es gemerkt hat, sind sie wieder in einen Bahnhof eingefahren. Es ist Limburg. Die schlafende Frau ist aufgewacht. Als sie sich von ihrem Sitz erhebt, piepsen dort fünf dottergelbe Küken zwischen zertrümmerten Eierschalen.
Da die Frau ihre Pflicht getan hat, nimmt sie ihre Handtasche vom Platz gegenüber und steigt aus. Es ist vielleicht ihr Heimatbahnhof, sollte sie im Besitz eines Heimatbahnhofs sein. Ein Schaffner kommt herein und sammelt die Küken ein, setzt sie in seine Mütze und entschwindet ins nächste Abteil. Anscheinend sammelt er in jedem Abteil die verlassenen Küken ein.
Jetzt fahren sie schon eine ganze Stunde, ohne dass der Herr gegenüber noch irgendein Wort gesagt hätte. Als der Zug immer langsamer fährt – Beate hat es überhört, in welchen Bahnhof sie jetzt einfahren -, rückt ihr Gegenüber wieder vor, hält sich, auf einer Pobacke sitzend, im Gleichgewicht und streckt ihr seine linke Hand mit der Armbanduhr entgegen:
“Seit Vorgestern zeigt sie Viertel nach neun. Und wie spät ist es bei Ihnen?”
“Wir haben jetzt…”
“Nein, wir haben nicht”, unterbricht er sie schroff, “S i e haben.”
“Bei mir ist es sieben Uhr fünfundvierzig”, antwortet sie, überrascht und ziemlich irritiert von der plötzlichen Heftigkeit in der Stimme des bisher so freundlichen Herrn.
“Dann haben Sie noch anderthalb Stunden”, schlussfolgert er, diesmal mit einer ernsten, ruhigen Stimme.
Sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie ihrem Gesprächspartner anvertraut hätte, wann sie ankomme und wo ihr Reiseziel sei. Ja, richtig! Erst jetzt fällt ihr auf, dass er sie im Laufe ihres Gesprächs kein einziges Mal gefragt hat, wohin sie fahre. Nur wo ihr Heimatbahnhof sei, hat er gefragt, von ihr jedoch keine brauchbare Antwort bekommen. Auch hat er ihr sein Reiseziel nicht verraten. Seltsam. Sonst fragt man sich als Erstes nach dem Reiseziel, wenn man in einem Waggonabteil ins Gespräch kommt. Beate fragt, nur um die eingetretene Stille zu verscheuchen:
“Zeigt Ihre Uhr Viertel nach neun am Vormittag oder am Abend?”
“So genau weiß ich es nicht, das werden wir in anderthalb Stunden sehen”, antwortet er ihr. “Mit Sicherheit weiß ich nur, dass heute ein Donnerstag ist”, fügt er noch hinzu.
Beate rekapituliert: “Ein Fahrgast wird vom Schaffner in Handschellen abgeführt. Man muss alle hinterlassenen Fingerabdrücke sorgfältig beseitigen. Mein Gegenüber weiß alles über mich. Er will mir vermutlich eine Warnung zukommen lassen, die ich jedoch nicht verstehe. Ich bin umzingelt.” Sobald der Zug auf dem nächsten Bahnhof zum Stehen kommt, packt Beate ihren Koffer, verlässt fluchtartig das Abteil, stürzt auf die Waggontür zu und steigt aus.
Sie weiß nicht, was für ein Bahnhof es ist. Sie sieht nach der Aufschrift mit dem Namen des Bahnhofs. Ein ihr unbekannter Name. Ein Name, den sie bisher nirgendwo gelesen hat. Der Zug fährt ab. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass sie hier gar nicht aussteigen wollte, dass sie weiter hätte fahren müssen, um ihr Reiseziel zu erreichen. In anderthalb Stunden wäre sie dort gewesen. Anderthalb Stunden? Hat der seltsame Fahrgast, der ihr gegenüber gesessen hat, nicht gesagt, in anderthalb Stunden werden wir…werden wir was? Was hat er nur gesagt? Sie weiß es nicht mehr. Es fällt ihr ein, dass sich ihr Kopf nicht mehr im Waggonfenster spiegeln wird, sollte der Zug wieder durch einen Tunnel fahren. Nur die Köpfe der anderen werden sich darin spiegeln. Dieser Gedanke macht sie ein Bisschen traurig.
Aus der sülzigen Abenddämmerung tauchen zwei Gestalten auf. Es sind zwei uniformierte Eisenbahner. Sie kommen auf Beate zu und stellen sich vor sie auf. Der eine hat Fischaugen unter der Uniformmütze, und unter der Nase einen borstigen Schnurrbart. Der zweite hat ein großes, rundes, leeres Gesicht. Alles, was er denken mag, ist hermetisch abgeschlossen.
“Guten Abend”, sagt der mit dem borstigen Schnurrbart und den Fischaugen, “wir haben auf Sie gewartet. wir werden Sie zu ihrem Zug begleiten”.
“Aber mein Zug ist gerade weggefahren!”
“Sie irren sich. Ihr Zug steht schon lange dort drüben auf Gleis fünf und wartet auf Sie.”
Dabei weist er geradeaus mit einem Zeigefinger, der immer länger wird und erst aufhört zu wachsen, als er, über mehrere Gleise hinweg, an einem langen Zug mit beleuchteten Waggonfenstern angekommen ist.
“Kommen Sie!”, fordert sie der andere auf.
Beate schrickt auf: Das kann doch nicht sein, dass das große runde Gesicht gesprochen hat! Das Uhrengesicht ohne Zeiger. Sie kann sich nicht vorstellen, wie aus diesem Gesicht Worte herausfallen können, da ist doch nirgendwo eine Öffnung oder eine Ritze. Es müsste ein anderer hinter ihm stehen, der das gesagt hat. Es steht aber keiner hinter ihm.
Die beiden uniformierten Herren von der Bundesbahn nehmen sie in ihre Mitte und führen sie ab. Zu ihrem Zug.


Dreiundzwanzigster Platz: „Offenbarung“, Corinna Antelmann

Zeit, meinem Schädel-Gefängnis zu entkommen, denke ich und denke außerdem: zulange schon lebe ich hinter diesen beiden Löchern, in denen die Augäpfel kleben, um ihren minimalen Bruchteil an Welt zu erschauen. Alle leben sie in ihren Köpfen, stecken darin fest, und versuchen nur selten, aus diesem beengten Nest heraus mehr als die zerhackstückten Ausschnitte zu erhaschen, die sich um den Kopf herum scharren, immer nur um den Kopf herum. Ein kurzes Blinzeln, ansonsten hübsch geborgen zwischen den Schädelknochen, denn dort mag es zwar unbequem sein, aber sicher, und die anderen sind immer die anderen und bleiben die anderen.

Mittags treffe ich Gerhard im Non Solo Vino, und er gesteht, dass er sich in eine Siebzehnjährige verliebt habe. Ich bin schockiert, deshalb schaue ich Gerhard scharf an, da wird er traurig, denn er hatte nur ehrlich sein wollen mir gegenüber und sagt es jetzt auch: dass er eben gedacht habe, wir wären befreundet und könnten einander alles sagen, was wir fühlen, und dass die Liebe zu der Siebzehnjährigen ohnehin platonisch bleiben werde und außerdem trage sie aufreizende Shorts, da dürfe sich niemand wundern, selbst ich nicht, und selbst wenn nicht: kein Grund zur Panik.
Dass ich mich nicht wundern solle, könne ich nicht akzeptieren, so sage ich ihm, während ich an meinem Gespritzten nippe. Die Kleidung eines jungen Mädchens verantwortlich machen zu wollen für das Zutagetreten ungeahnter Sehnsüchte, das wirke wie ein Argument aus prä-feministischer Zeit, in einer solchen wir uns möglicherweise ja auch immer noch bewegen, und was das überhaupt heißen solle: aufreizend?
Da lacht er und meint, das wisse ich jawohl sehr genau, aber sein Lächeln wirkt abstoßend, nicht in dem Maße charmant, wie ich es sonst von ihm kenne, und auch, wenn er mein Freund ist, so widert mich sein Ausdruck jetzt an. Die kurzen oder langen Shorts eines anderen Menschen gehen ihn im Grunde genommen ebenso wenig an wie mich, und überhaupt: warum muss er seine Wünsche an eine Siebzehnjährige heften, die doch unschuldig ist und auf ihre Weise Kind, aber letzteres glaubt er mir nicht, weil er meint, ich sehe nicht, was er sieht, also den Blick, den sie ihm zuwirft undsoweiterundsofort, aber eigentlich möchte ich das auch nicht sehen.
Ich verabschiede mich übereilt, er weiß, dass es übereilt ist, und schaut mir nach wie ein zu Unrecht Verurteilter. Meine Laune wiederum schludert zwischen den Papiertüten hin und her, die vor mir auf dem Gehsteig gammeln, warum kann nicht einmal jemand kommen und Ordnung schaffen, verdammt nochmal. Solche Gedanken sind mir neu und ein Hinweis auf das eigene Unsortiert-sein, denke ich, das habe ich bereits als Siebzehnjährige mit der Siebzehnjährigen eigenen jugendlichen Arroganz meiner Mutter entgegen geschleudert: sie mit ihrem Ordnungswahn, das zeuge allein von innerer Unaufgeräumtheit, denn wer im Inneren den Frieden spüren würde, dem mache das äußere Chaos nichts aus, sagte ich und warf meine ausgelesene Zeitung zum siebenundsiebzigsten Mal auf den Fußboden, wo sie liegengeblieben wäre, wenn nicht die Mama (…-)), immer die Mama.
Jetzt aber denke ich: warum räumen die nicht mal die Papiertüten weg, ohne zu wissen, wer DIE in diesem Falle sein sollen, vielleicht die anderen Mamas, aber Mamas treiben sich nicht auf den Straßen herum, nur solche, die immer noch oder wieder auf der Suche nach dem junggebliebenen Ich sind, das ja da ist, nur aus dem Spiegel blickt es dir nicht länger entgegen oder zumindest anders, als du es erinnerst, beziehungsweise von innen her siehst, und das reißt eine merkwürdige Diskrepanz zwischen dem Sein und dem Fühlen der jetzt Vierzigjährigen auf, die dann vermutlich zu eben solchen Verirrungen führt, mit geiferndem Blick auf Siebzehnjährige von Liebe zu quasseln. Die Sehnsucht des älter-werdenden Ichs nach dem jungen mit der Liebe zu einem tatsächlich jungen Menschenkörper zu verwechseln, ist mir persönlich fremd, denn was sollte ich als Vierzigjährige mit einem Bubi?
Dass Frauen nie solche Verwirrungen dieser Art verspüren, wie sie zum Beispiel Gerhard empfinden mag, wird jedoch nur deshalb angenommen, weil niemand sich dem anderen, der anderen gegenüber offenbart und niemand dem anderen, der anderen zuhört, also niemand von der Verwirrung des jeweils anderen weiß, anders als zum Beispiel ich, die ich jetzt über Gerhards Verwirrung informiert bin, ansonsten wollen alle lieber und immerzu in dem Glauben bleiben, dass Mamis im NORMALFALL Frieden verspüren, zumindest solange, bis die Kinder das Wohnzimmer verwüsten. An diesen Frieden zu glauben erschafft eine gewisse Orientierung, aber keine Wahrheit und ohne Wahrheiten keine Veränderungen und ohne Veränderungen kein menschliches Wachstum und da hocken wir bereits mittendrin im Schlamassel, in dem wir langsam verschlamasselt werden, weil all die einmal entstandenen und lang gehegten Bilder von Mann und Frau und Mutter und Vater via Magazinen und facebook-Profilen über ihre Halbwertzeit hinaus aufrechterhalten werden, um ein Minimum an verlorener Stabilität zu suggerieren. Und neben diesen ganzen gequirlten Bildern, die auf uns einhämmern, gibt es noch die zu Wackersteinen verklumpten, selbst gemachten Erfahrungen, die in all unseren verschieden geformten Köpfen aneinander scheppern und einen, eine in den Wahnsinn treiben, da weiß ich Bescheid, weil ich plötzlich eine sogenannte reife Frau geworden bin, deren Reife niemals als solche, also als Merkmal neuer Macht, betrachtet wird, sondern immer nur als abzulehnender Altersprozess innerhalb eines auf Unterdrückung basierenden Systems, in dem die Machtfrage ohnehin geklärt scheint, nur nicht zugunsten der Frau und auch nicht zu Gunsten der Menschheit, und deshalb: als reife Frau in Europa, nein, danke, das ist kein Spaß heutzutage und vollkommen uninteressant obendrein, also nicht einmal als Thema für Literatur geeignet, die ja ohnehin keine Socke mehr interessiert, so dass es wenig Sinn macht, sich mit möglichen Inhalten möglicher Literatur den Kopf zu beschweren, der schon unter dem Gewicht der oben genannten Klumpen auseinanderzubrechen droht, und deshalb bereits Papiertüten als unüberwindbares Hindernis wertet, beispielsweise.

Ich schicke Gerhard eine böse SMS, um mich zu erleichtern, und mit dieser neuen Leichtigkeit hüpfe ich über das aufgeweichte Papier hinweg und bleibe vor der Auslage eines Buchladens stehen, wo ich unfreiwillig auf dieselbe Grütze stoße, wie sie uns überall entgegen wabert, will sagen: die ausgestellten Bücher eignen sich bestenfalls als Papier zum Tüten-kleben, denn da fängt es ja schon an mit den sexualisierten Siebzehnjährigen, ach was: Siebenjährigen, die aus geschminkten Lilly-Fee-Augen um Liebe betteln.

Du magst reif sein, behauptete Gerhard letzte Woche, aber interessant, weil du erotisch bist. So hat er das tatsächlich formuliert, das fällt mir jetzt ein, erotisch soso, achjaachja, aber glaubt er im Ernst, DAS sei irgendwie WICHTIG: erotisch sein zu wollen, womöglich in den Augen von jemandem, der nicht weiß, wohin mit seiner Sexualität, sobald er die Vierzig überschritten hat, weshalb es ihm als eine gute Idee erscheint, an der Jugend schmarotzen zu wollen, statt über seine Ehefrau herzufallen, nur so zum Beispiel. Ich bezweifle, dass er ihr noch gut tut, also der Ehefrau, oder, Gerhard, he, sag: tust du ihr noch gut?
Aber das habe ich ihn nicht gefragt, denn bei diesem letzten Gespräch vor einer Woche ist von seiner nennen wir es: neuen Liebe, noch keine Rede gewesen, und außerdem (…-)) bin ich verdammt nochmal diskret und beiße mich für diese Diskretion gleichzeitig in den Hintern, denn die Frage nach der Ehefrau wäre wirklich eine interessante Frage gewesen und ein Grund für Offenheit, denn hier gäbe es endlich einmal etwas zu lernen, das spüre ich: über Mann und Frau, die Ehe, das Abkapseln, die Hinwendung, Distanz und Verbindung, den Menschen als solchen, das Hin-und-Herschieben menschlicher Sehnsüchte von dem einen zum anderen, von einem Platz auf den nächsten, auf Leerstellen, die unbesetzt sind von allem anderen und erobert werden wollen, dadurch, dass du das Maul auftust, wenn es angezeigt ist: der Frau gegenüber, der Freundin, den Kindern, den Enzymen oder auch dem Atom.

Es hat angefangen zu regnen, mein Haar ist bereits nass, und mein Handy piepst, das wird Gerhard sein, um mich für meinen Konservatismus zu verhöhnen, und deshalb nehme ich es erst gar nicht aus dem Rucksack heraus, sondern gehe stattdessen in den Buchladen hinein und gleich hinüber zum Antiquariat, um etwas zu finden, was unter Klassiker einsortiert wird, segmentiert, so sagen sie gern in den Verlagsetagen: nein, dieser Text passt nicht in das Segment soundso, äh, wie bitte, haben Sie gerade Fragment gesagt; nein: Segment, heißt, in welcher Schublade wir etwas einsortieren, damit die Vertreterin, der Vertreter sich orientieren kann, wenn sie, er eine Lade aufzieht, ja aber was hat denn die Vertreterin, der Vertreter in den Schubladen herum zu wühlen; nein, eben nicht wühlen, sie, er soll wissen, was sie, er finden wird; nicht suchen; nein: finden.
Undsoweiterundsofort.
Also, in dem Segment: Klassik, da könnte es ein Buch geben, das nicht von Vorneherein auf die jeweilige Schublade hineingeschrieben ist, sondern sich auf die Suche gemacht hat, um die Offenbarung zu finden.
Die hehre Literatur, oder wovon redest du jetzt? Und vor allem: mit wem?

Der Klassiker meines Denkens scheint zu sein, dass ich das Hehre zu finden versuche oder die vor-entdeckte Offenbarung, könnte auch heißen: vor-sortiert, von Autoren-Männern so um die Vierzig, nehme ich an, also vermeintlich reifen Persönlichkeiten mit temporär unerfüllter Sehnsucht, das meint: Weitblick aus verlässlichen Quellen, haha, und ich selbst stecke so fest drin in meinem Schädel, dass es langsam unbequem wird, eng ist noch ein euphemistischer Ausdruck, wenn du auf diesen Wackersteinen hockst und dir von oben die Schädeldecke auf den Kopf fällt. Von den Seiten quetschen die Schläfen, und dann glotzt du aus den beiden Löchern hinaus in die Welt und verurteilst sie, statt dich ihr zu öffnen und sie verstehen zu wollen, indem du nämlich aufhörst, um dich selbst zu kreisen und um wenig fein-stoffliche Fragen wie das Verlagswesen oder die unbestimmte Reife oder den Sinn von Ordnung, diesen ganzen Kleinmist, der nichts weiter ist als das Produkt überzüchteter, westlicher Gedanken-Fresserei, mit der wir uns durch unsere Zeit und Zeilen mästen.

So gesehen freue ich mich im Grunde über Gerhards emotionale Offenheit, jungen Mädchen hinterher zu starren, ja, was gibt es daran herum zu werten, so als sei es verworfen, als habest du selbst nie etwas getan, gedacht, gefühlt, was in den Augen einer anderen, eines anderen verwerflich oder sündhaft oder schuldbeladen, oder wie das alles heißt, erscheint, was uns davon abhält, einander zu sagen, was los ist, und wo die Schwachstelle sitzt, momentan, immer nur momentan, sie verschiebt sich ja gern, von hier nach dort, je nach Alter, Geschlecht, Gewohnheit. Und Gerhards Gewohnheit ist es immer schon gewesen, sich eine Liebe zu suchen, im Außen, dann, wenn er nicht mehr wusste, wie er sein Leben gestalten sollte, das kenne ich von ihm, zumindest aus Erzählungen, seinen Erzählungen.

Ich werfe einen Blick auf mein Handy, der Anruf war nicht von Gerhard, vermutlich ist er sauer wegen meiner letzten SMS, sondern von meinem Verleger, der ebenfalls sauer sein dürfte, weil ihm nicht einfällt, in welches Segment mein nächster Text passen könnte und mich verrückt findet, aber das ist nichts Neues; wir alle schauen auf diese Art auf die anderen und ihre Ver-rücktheiten, aus der eigenen geschützten Höhle heraus, ohne dass es möglich wäre, mit denen in Kontakt zu treten, außer vielleicht über die Sprache, aber die Sprache ist ja nur Ausdruck von den jeweils bestimmten Gedanken des jeweils Bestimmten, der Bestimmten, und damit Ausdruck der Einsamkeit, solange du in der Einsamkeit feststeckst, also in dir selbst. Und dann wirst du böse auf die anderen, weil sie so anders sind als du, zum Beispiel, weil sie sich in Mädchen verlieben, und damit auf ihre Weise unverständlich werden, was wiederum dich und deine unverstandene Einsamkeit zementiert, da dich nichts mit denen verbindet, denn du bist dort, und sie sind woanders.
Immer woanders.
Nur manchmal machst du eine kleine Tür auf, um die Grenze zu durchbrechen, und das ist wohl auch der Grund, warum Gerhard mir jetzt böse ist, weil ich ihn schließlich eingeladen habe, aus sich hinaus zu treten, gegebenenfalls sogar in mich hinein (…-)) und dann schreibe ich ihm als Reaktion auf den versuchten Austausch, dass ich ein grundsätzliches Misstrauen gegen Mädchenficker hege, kein Wunder, dass er beleidigt ist und vermutlich meint, ich würde ihn kriminalisieren. Ich verstehe den Knall der Tür, mit dem er sie hinter sich zuzieht, und versinke in ungute Grübeleien, will heißen: den Gram darüber, tatsächlich ein solches Wort an ihn adressiert zu haben, der bereits ein langjähriger Freund ist. Also schicke ich ihm jetzt eine weitere Nachricht, mit dem Inhalt, dass ich ihn nicht für einen Kriminellen hielte, aber er bitte erklären solle, was es meine, in eine Siebzehnjährige verliebt zu sein. Augenblicklich bekomme ich eine Antwort, das erleichtert mich, denn es wurde schon wieder ein wenig stickig in mir drin. Es gehe um eine allgemeine Sehnsucht, erläutert er, um die Vorstellung, sich erlauben zu dürfen, alles zu denken, was denkbar sei, immer wissend, wo die Grenze zu dem verläuft, es auch zu TUN.
Das besänftigt mich, und wir schreiben so hin und her, darüber, dass es mehrere Formen der Liebe gäbe, und wie es sich dann verhalte mit der Ehe, denn wir sind beide verheiratet, mit einem jeweils anderen, einer jeweils anderen, und wissen, wovon wir sprechen, also, dass die Ehe ihre natürliche Grenze hat, und der Sache als solcher ein systemischer Fehler zugrunde liegen muss, weshalb es vielleicht nicht von ungefähr kommt, dass jemand wie Gerhard einem Mädchen hinterher glotzt, mit dem er, jetzt schwört er es, nie etwas anfangen werde, überhaupt würde er NORMALERWEISE nichts anfangen mit einer anderen als seiner Ehefrau, das ehrt ihn auf der einen Seite und macht ihn unglaubwürdig auf der anderen.
Unser Mitteilungseingang ist voll und der Buchhändler kritisch bis erbost, da es mir nicht gelingt, das Mitteilungssignal leiser zu stellen, als es vom Hersteller, der Herstellerin mit wohl schwerhörigen Ohren eingestellt worden ist, obwohl es einen Hersteller, eine Herstellerin in diesem Sinne ja nicht mehr gibt, und deshalb auch niemanden, den du verantwortlich machen könntest für deren Taubheit.
Als Gerhard nun vorschlägt, lieber eine Pause einzulegen mit dem Entwurf zu unserem neuen Hochgatterer-Roman, stimme ich zu, weil meine Finger schmerzen, und weil es nichts mehr zu schreiben gibt und es ohnehin lächerlich ist, per Handy über die Ehe und über Systeme als solche philosophieren zu wollen, ohne zu einem Schluss kommen zu können, weil der Fehler, wie gesagt, ein systemischer ist und deshalb nicht ohne weiteres zu beheben.

 

 

 

 

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