Kurzgeschichtenwettbewerb 25.11.2017_0532

Siegergeschichten des 22. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerbs

Der 22. Münchner Kurzgeschichtenwettbewerb ist durchgeführt, knapp 1000 gültige Einreichungen, 23 in der letzten Runde und vier Siegertexte auf der Publikumslesung.

Alle Texte der letzten Runde (knapp 200 Stück) sind in der Storyapp nachzulesen. Storyapp downloaden (kostenlos), aufmachen, links oben auf Themen gehen, nach unten zum 22. Münchner Kurzgeschichtenwettberb scrollen, loslesen.

Frontberichte unser Thema: der Umgang mit der Wahrheit im gesellschaftlichen Raum hinterlässt oft das Gefühl, dass es gar keine Wahrheit mehr gibt. Wir können uns nicht mehr informieren, wir werden informiert – oft tendenziös. Aber auch im persönlichen Bereich ist die Wahrheit eine Frage der Perspektive. Wir wollten die persönlichen Wahrheiten der sich beteiligenden Autorinnen und Autoren. Aus allen Bereichen. Wo verlaufen Frontlinien? Geschichten von den Fronten zwischen Mann und Frau, Mensch und Gesellschaft, Gemeinde und Staat, Hund und Katz. Der Wettbewerb als Botschaft im Feindesland, sicherer Rückzugsort für Geheimnisse, die nur die Schreiber/innen kennen. Rosenkriege, Geheimdienstlügen, nachbarschaftliche Stellungskämpfe. Ein literarisches Wikileaks, mal ganz privat, mal gesellschaftlich, mal kommunal, mal international.

Hier sind die drei bestplatzierten Texte (der vierte Text musste leider aufgrund nachträglich festgestellten Verstoß gegen die Wettbewerbsbedingungen (war schon veröffentlicht) wieder aus dem Wettbewerb genommen werden) – alle Geschichten der letzten Runde auf storyapp. Über die außerordentliche Qualität der Geschichten haben wir uns sehr gefreut, über die phantasiereichen Bearbeitungen genauso. Ob die Front zwischen Zukunft und Vergangenheit lief, zwischen politischer Partei und ihrer Werbeagentur, zwischen Arbeitgeber und Abseiler, es gab eine Menge phantasiereicher, überraschender Bearbeitungen eines aktuellen Themas.

 


Erster Platz (Jury- & Publikumspreis): „Aschehäufchen“, Andrea Will

„Hier knistert nichts.“ Ich will genau diese Worte so laut ich kann in sein viel zu nahes Gesicht hineinflüstern.

„Hörst du? Nichts.“ Es sollte aber. Es sollte etwas knistern. Herzen sollten klopfen und es sollten Funken  zwischen den Körpern hin und her fliegen, immer mehr, je näher sie sich kämen. Sie sollten uns kleine elektrische Schläge verpassen, diese Funken, sich entladen, wenn unsere Körper sich tatsächlich, endlich berührten, ganz so wie die gummierten Geländer der Rolltreppen in den Kaufhäusern es mit einem machen, nur in angenehm. Doch hier knistert nichts und ganz ohne elektrische Schläge winde ich mich gequält, als würde ich meine Hand stoisch auf eine Herdplatte legen, die er soeben eingeschaltet hat und die sich nun langsam erhitzt.

Raoul. Mein Online Date.

Er setzt seine Brille ab und das Gefühl, weswegen ich mich winde, wird schlagartig stärker. Unbeholfen liegen wir nebeneinander auf meinem Bett. Setz sie wieder auf, denke ich, bitte setz die Brille wieder auf. Du siehst so merkwürdig aus ohne. Seine Brille hat so viel von dieser Merkwürdigkeit verschluckt, die jetzt so ungeschützt, so entblößt und viel zu nah vor mir liegt. Ohne die Brille, die sich schützend dazwischengeschoben hatte, habe ich nichts mehr, woran ich mich festhalten könnte.

„Manchmal weiß man es noch gar nicht, bevor man es nicht ausprobiert hat“, sagt er, als wir voreinander im Flur stehen und ich mich zaghaft am dritten Versuch einer Verabschiedung abmühe. Dabei blickt er mich so enttäuscht an, wie er ist, aus traurigen Hundewelpenaugen, legt seine Enttäuschung behutsam auf meine Schultern und ich streife sie mir über, als sei sie ein maßgeschneiderter Mantel.

Es liegt nicht an den vielen E-Mails, die wir uns in den letzten Tagen hin und her schickten, oder an dem tatsächlichen Stattfinden dieses Treffens, etwas, was seinen Schilderungen nach scheinbar nicht so häufig vorkommt. Es liegt nicht an den paar Stunden, die wir uns so gut unterhalten haben, was ich tatsächlich sehr genossen hatte und an deren Ende wir nun schließlich noch auf einen Tee in meiner Küche gelandet sind. Er findet mich zwar toll, aber auch damit hat seine Enttäuschung in diesem Moment nichts zu tun. Ich glaube ich habe diesen Tag genossen und daran liegt es. Natürlich ist das viel weniger Raoul geschuldet als meinem Vermissen all dieser Dinge, seit Nik nicht mehr an meiner Seite ist. Aber es zu genießen, von ihm toll gefunden zu werden, und mich darin zu rekeln, als läge ich in der Sonne am Strand, oben ohne, versteht sich, das ist es gewesen. Heilige Scheiße, wie konnte ich nur so naiv sein. Ja, ich bin wirklich selbst schuld, erkläre ich mir in einem einsamen Monolog.

Nach drei, vier Stunden des Rekelns habe ich genug davon und möchte die Verabschiedung initiieren. Das ist nicht leicht und mir wird klar, meine sorglose Bejahung seiner Frage „Kann ich noch mit hochkommen, auf einen Tee?“, auch wenn „Kaffee“ durch „Tee“ ersetzt wurde, was in meinen Ohren harmlos und unverbindlich klingt, könnte auch ganz anders gedeutet werden. Wurde ganz anders gedeutet. Es scheint Raoul unmöglich geworden, von diesem Deutungsmuster wieder abzuweichen und er wird taub auf dem Ohr. Meine Worte, die eine Verabschiedung herbeiführen sollen, wollen es unbedingt erreichen, aber sie fallen ungehört zwischen uns zu Boden.

„Wir sollten uns jetzt verabschieden.“

„Ich will mit dir schlafen.“

Wahrscheinlich ist er einfach schon eine Weile allein. Eine viel zu lange Weile.

Ich wünschte, ich könnte nur ein kleines bisschen so sein wie Alex, mein allererstes Onlinedate. Der mich nicht wollte. Ob er auch in der ersten Sekunde schon gewusst hat, mich eigentlich gar nicht zu wollen?

„Ich glaube, da wird nichts Weiterführendes draus. Es endet jetzt  und hier.“ So hat Alex das gesagt. Und mir, mir will es einfach nicht über die Lippen kommen, dabei sollte ich genau das sagen, genau jetzt.  Aber ich weiß nicht, wie das läuft, ich weiß nicht, ob man das darf. Einen maßgeschneiderten Mantel in den Dreck werfen und einfach davongehen.

Eine Weile tänzeln wir auf den knarrenden Dielen unbeholfen in meinem Flur hin und her. Einen Schritt Richtung Tür, einen zurück.

„Es war ein sehr schöner Tag.“

„Ja.“

„Die Gespräche waren so tief und ehrlich.“

„Ja, das stimmt.“

„Irgendwas muss doch da sein.“

„Ich weiß nicht, vielleicht, irgendwas.“

Aber was auch immer da ist, Erotik ist es sicher nicht, denke ich. Und dann quatscht er mich in das Berührungsexperiment. Ausprobieren, damit man es dann weiß. Ich lasse mich in das Berührungsexperiment hineinquatschen, als sei ich es ihm schuldig.

„Lass es uns ausprobieren“, bittet er, fleht er, als ginge es um sein Leben. Als sei ich die letzte Frau auf dieser Erde. „Aber ich weiß es doch schon!“, will ich rufen. Ich wusste es schon in der ersten Sekunde. Ich sah ihn am ausgemachten Treffpunkt mit leicht nach vorn gebeugten Schultern auf mich warten, sah diese Brille, die er jetzt einfach beiseitegelegt hat, als wäre sie unbrauchbar geworden, selbstbewusst auf seiner Nase sitzen, ein auffälliges Modell mit breitem Rahmen, die mir sofort gefiel, und ich merkte schnell, diese Brille war das Einzige, das mir an ihm gefiel. Ich erkannte ihn gleich als die Person, mit der ich verabredet war, und wusste im selben Moment, es würde nicht passieren. Und weil ich das wusste, konnte ich entspannt den Tag genießen. Kein Gefallen-wollen-müssen. Und das ist vielleicht unfair, weil ich mir einfach genommen habe, was mir guttat, und ihm nun nicht zu geben bereit bin, was er brauchen könnte.

Jetzt schweige ich, und statt zu sagen, ich wusste es schon, statt es einfach zu sagen, lasse ich das Ausprobieren zu. Darum liegen wir nun unbeholfen nebeneinander auf meinem Bett.

Während er seinen Arm vorsichtig um meinen Körper legt wie ein trockenes Hölzchen, das über ein anderes Hölzchen gestapelt wird, will sich seine entblößte Merkwürdigkeit, die ich so genau gar nicht kennen lernen wollte, meinem Gesicht nähern. Ich mache mich bereit, das, was da nun kommen mag, über mich ergehen zu lassen, höre auf, mich zu winden, und erstarre schweigend.

 

Mit dem Schweigen kenne ich mich aus. Damit hatte ich bei Nik schon früh begonnen, kurz nach unserem Kennenlernen. Anfangs sorgte ich mich, etwas Dummes sagen zu können und mich damit als seiner nicht würdig zu enttarnen.

Später schwieg ich an seiner Seite aus anderen Gründen. Wenn er flirtete, mit der Bäckersfrau, bei der er seine Brötchen kaufte, oder mit der mütterlichen Kassiererin im Supermarkt bei uns an der Ecke, mit den überaus attraktiven Mittvierzigerinnen an der Tramhaltestelle, egal ob mit oder ohne Kinderwagen. Wenn er flirtete, während ich danebenstand und zusehen musste, als sei ich seine kleine Schwester.

Manchmal heizte er sich an jeder gelungenen Kontaktaufnahme ein bisschen mehr auf, bis seine Drähte heiß glühten. Es sei doch nur ein Spiel, wollte er mich beschwichtigen. Doch es schien, als würde er sich selbst jeden Augenblick daran entzünden, als Leuchtfeuer brennen, jede Reaktion dieser Frauen ein kleiner Scheit, der nachgelegt würde, um es am Brennen zu halten. Ich konnte beobachten, wie sich diese Frauen, eben noch Nahrung für das Feuer, rasend schnell vor unseren Augen zu kleinen Nachtfaltern verwandelten, die er ins Licht lockte, um anschließend, nämlich sobald sie die züngelnden Flammen erreicht und knisternd darin zu kleinen Klümpchen organischer Masse zusammengeschmolzen waren, selbst zu einem Häuflein Asche zu zerfallen. Ich schien niemals auszureichen, um dieses Feuer zum Leuchten zu bringen. Ich reichte immer nur aus, um die Asche am Ende zusammenzufegen. Ich wusste, sie waren nur unbedeutende Scheite, kleine Motten, beliebig und auswechselbar. Ich hielt den Mund und redete innerlich mit mir selbst, lernte zu dieser Zeit das führen einsamer Monologe. Ich solle nicht so kleinlich sein oder kindisch, sagte ich mir, ich solle vernünftig sein, gelassen, sagte mir selbst, die Klügere gibt nach, fragte mich, ob es wirklich so wichtig sei, was er da tue, sagte mir, lass ihn los, sei ein Freigeist und bloß nicht so spießig. Wenn sie schon lange verzehrt sein würden, ich wäre noch da und würde ihn wieder zusammenfegen. Ich schwieg also und ließ ihn leuchten. Er braucht das, sagte ich mir. Schwieg, weil ich meine Bedürfnisse zurückstellen konnte, bis zu diesem Moment, wenn es so weit sein würde, wenn er zusammenfiel und dann endlich mich brauchen würde.

Mit der Zeit verschob sich etwas zwischen uns, unter der Oberfläche, wie Kontinentalplatten, ungesehen, doch gewaltig und spürbar, und ein Erdbeben wurde unausweichlich, auch wenn ich durch mein Schweigen noch lange versuchte, es zu verhindern. Vielleicht nachdem wir zusammengezogen waren. Vielleicht, nachdem wir schon eine Weile kaum noch miteinander schliefen. Vielleicht als mir klar wurde, es ging ihm nicht mehr nur um das Leuchten. Er wollte sie. Er wollte sie wirklich. Jede einzelne. Jeden einzelnen Körper. Eine Panik erfasste mich, als ich erkennen musste, wie beliebig und sehr wohl austauschbar jeder Mensch ist. Diese Panik raubte mir die Stimme. Als er dann, um meinetwillen vielleicht, keine Scheite mehr nachlegte, und immer öfter das Aschehäufchen abgab, was mich tückischerweise genauso erfreute, wie es mich erschreckte, wurde es heikel, etwas zu sagen. Ich schwieg, weil ich mich fürchtete, ihn zu kränken, etwas zu sagen, was ihn dazu veranlassen würde, mich auszutauschen. Es schlich sich also ein, dass er sprach und ich schwieg. Wenn ich nicht schwieg, dann redete ich nur, um die Stille zu vertreiben, jedoch ohne etwas zu sagen.

Als ob Schweigen irgendetwas einfacher machen würde. Dieses Schweigen zwischen uns hatte lediglich die Macht, etwas Unausweichliches hinauszuzögern. Er wollte das gar nicht. Und ich wollte das auch nicht. Aber wir konnten nicht anders.

 

„Ich will das nicht.“ Meine Stimme klingt schrill. Ich breche das bizarre Experiment abrupt ab, bevor sich seine Lippen ebenfalls wie Hölzchen auf meine legen können, schraube mich rechtzeitig aus dieser Umarmung heraus. Hastig greift er nach seiner Brille, um sie wieder aufzusetzen, und ich atme erleichtert auf, als ich das Gesicht, das ich doch erst seit ein paar Stunden kenne, langsam unter der Brille wiederentdecke.

Ich kehre ihn  mit meinen Worten hinaus, zuerst aus meinem Bett, dann den langen Flur entlang aus meiner Wohnung, bis zur Tür. Hinaus. Ich will nicht, es tut mir leid. Ich will nicht. Es tut mir leid. Es ist harte Arbeit und die Anstrengung des Nichtwollens und die Last des Leidtuns lassen die gemeinsamen Stunden schal werden, wie den letzten Schluck des einen Bieres, das nicht mehr hätte sein müssen, am Ende einer langen Nacht.

 

In den folgenden Tagen und Wochen erhalte ich immer wieder Nachrichten von Raoul. Über das Dating Portal, auf dem wir uns kennen gelernt hatten oder auf meinem Handy. Ich antworte immer höflich, aber bestimmt. Ich bedanke mich. Ich entschuldige mich. Ich bin verständnisvoll. Ich übe mich in Abgrenzung. Ich wünsche alles Gute. Ich werde deutlich. Ich versuche mich wieder und wieder an der Formulierung einer letzten Nachricht, und jedes Mal, wenn ich davon überzeugt bin, endlich seien mir die richtigen Worte geglückt, finden sie erneut Beantwortung. Es ist wie ein unendliches Pingpongspiel. Ein unangenehmes. Ich vermisse die Kontrolle. Die Kontrolle über den Affekt, die den Menschen vom Tier unterscheidet. Ich vermisse meine Kontrolle über die Situation. Schluss jetzt, sage ich, wieder und wieder. Doch es hört und hört nicht auf.

Während ich Raouls Nachrichten beantworte, überkommt mich die Erleichterung darüber, Alex keine Nachricht geschickt zu haben. Dieses Mal hatte ich mich nicht zum Hündchen gemacht habe oder machen lassen, wie schon so viele Male davor. Denn das passiert sehr leicht, wenn die Bedürfnisse, sei es auch nur für eine Weile, weggesperrt werden. Irgendwann wollen sie raus, wollen sich nicht länger einsperren lassen und werden zu Naturgewalten, die sich ihren Weg bahnen, wie ein Wirbelsturm. Das ist der Moment, in dem du die Kontrolle verlierst. Oder das verlierst, was du mit Kontrolle verwechselt hattest. Denn wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, niemals die Kontrolle über den Wirbelsturm gehabt zu haben. Nur weil die Meteorologen ihn ungefähr vorhersagen und seine Stärke messen können oder weil wir Häuser gebaut haben, in die wir uns zurückziehen können, wenn er sich ankündigt. Er kommt, wann er will, wann er muss, da gibt es nichts zu kontrollieren. Und wehe, er überrascht dich auf freiem Feld.

 

Ich tippe eine Nachricht in mein Handy: „Raoul, bitte hör auf, mir Nachrichten zu schreiben. Ich kann deine emotionalen Löcher nicht stopfen und ich will es auch nicht.“

Der leichte Druck meines Daumens löscht die schweren Worte aus dem kleinen Display.

Das Aktion-Reaktion-Spielchen. Jede Antwort von mir wird unweigerlich eine Antwort von ihm nach sich ziehen. Und als maßgeschneiderter Mantel noch immer über meinen Schultern liegen. Er hat ihn mir übergelegt, denke ich voller Groll, obwohl ich das gar nicht wollte. Und jetzt schaffe ich es nicht, ihn wieder abzulegen. Nein, ich habe ihn mir angezogen. Weil es schmeichelhaft ist, einen maßgeschneiderten Mantel geschenkt zu bekommen, einen, der nur für mich gemacht ist.

Dann kommt mir das Schweigen als Option in den Sinn, das ich viel zu lange an falscher Stelle geübt habe. Ich kann schweigen, denke ich. Ich habe es jahrelang geübt, als wäre es um mein Leben gegangen. Ich beginne also zu schweigen, so lange, bis es zwischen Raoul und mir endlich wieder still wird.


Zweiter Platz: „Wenn du schreist“, Ruth Kornberger

8.4.2057, das Datum prangt in rosa Ziffern auf dem handgeschöpften Papier. Meine ältere Tochter hat mir die Hochzeitseinladung bei ihrem letzten Besuch persönlich überreicht, und ich bewahre sie in einer Schublade der Anrichte auf, damit die Tinte aus Rote-Bete-Saft nicht verblasst. Jeden Morgen nehme ich die Karte heraus, fahre mit den Fingern über die Zeilen, die Hannah mit einem Gänsekiel verfasst hat, und lege meine Wange auf den Kussabdruck neben ihrer Unterschrift. Trotz der Liebe, die aus der Karte spricht, ist mir, als berühre ich einen Grabstein.

Deine Kleidung von der Stange zu räumen, fiel mir nicht schwer. Hannah hat alles genommen. In dem Offline-Dorf, in dem sie lebt, ist nur Selbstgemachtes und Gebrauchtes erlaubt. Darum besitzt jede Familie eine Scheune voll Kram, der irgendwann einmal nützlich werden könnte.

Du und ich waren Minimalisten, wie alle Digitalos. Unser Besitz passte in zwei Koffer. Bei jedem materiellen Wunsch prüft der Algorithmus, ob die Ware uns nachhaltig Freude machen wird. Kommt er zu einem positiven Ergebnis, wird geordert. Dafür müssen wir nicht einmal etwas sagen. Mussten. Nein, müssen. Du kannst immer noch sprechen, wenn auch mit meinem Mund. Aber Wünsche hast du keine mehr. Wünsche brauchen eine Zukunft, und du hast nur noch eine Vergangenheit. Doch die ist in guter Qualität erhalten. Ich zog dir das Reality Shield von den Augen, als du meine Hand dreimal drücktest. Man darf nicht warten, bis die letzte Energie aus dem Körper gewichen ist. Seitdem trage ich dein Shield Tag und Nacht. Wenn ich mein eigenes benutze, schiebe ich deines auf den Hinterkopf und laufe wie ein doppelgesichtiger Dämon herum. Nach deinem Tod riet man mir, Pausen einzulegen, damit dein Shield sich langsam entlädt und ich mich verabschieden kann. Aber dazu werde ich noch früh genug gezwungen. Heute ist der 6. April. Mir bleiben nur noch zwei Tage mit dir. Ich werde sie für einen Retro-Trip nutzen.

Mit einer Schachtel Energieriegel und zwei Wasserflaschen setze ich mich in das Luftkissensofa. Du hast in deinem Shield aufgeräumt, die Jahre deiner ersten Ehe belegen kaum Speicherplatz. Trotzdem warten noch viele Erinnerungen, die ich nicht teile.

Ich wähle einen Segeltörn und kreuze mit Malte vor der holländischen Küste. Zweimal lasse ich mich nachts unter Deck von den Wellen in den Schlaf schaukeln. Malte hat eine Flasche Genever dabei. Nach dem ersten Schluck schüttele ich mich, schmecke aber nichts. Die Sensorikerfassung war damals noch nicht voll entwickelt. Als Sturm aufzieht, klingelt es an der Tür. Meine jüngere Tochter ist gekommen, um mich abzuholen.
„Habe ich dich aufgeweckt?“, fragt Ina. Dann bemerkt sie deinen Shield. „Die sind im Dorf verboten.“

„Weiß ich. Mach dir keine Sorgen. Ich schaff das schon.“

Die Shields ziehen ihre Energie aus den elektrischen Strömen der Hirnaktivitäten, und weil sie individuell angepasst sind, kann niemand sie so effizient laden wie der Besitzer. Der Akku deines Shields hält, weil ich nur vier Stunden täglich schlafe. Wenn ich es für einen ganzen Tag abnehme, wird sich der Akku leeren und dann wird der Speicher gelöscht.

Aber ich habe mir vorgenommen, diese Hochzeit mitzufeiern. Ich ziehe mich um, und Inas Auto bringt uns zu dem Treffpunkt, an dem die Kutschen warten. Aus einer davon winkt meine Enkelin Zora.
„Oma, ich hab dir einen Platz frei gehalten!“
Ihre blonden Haare sind zu einem Bob geschnitten.
„Neue Frisur?“, frage ich.

„Damit ich morgens schneller fertig bin. Ich komme doch nächsten Monat in die Schule.“
„Bist du aufgeregt?“

„Nö. Du hast das ja auch geschafft.“
„Stimmt.“

„Und Mama sagt, in meiner Schule ist es wie in deiner früher.“
„Alle Sechsjährigen lernen dasselbe.“
„Wie denn sonst?“
Ich schweige. Offenbar möchte Hannah ihrer Tochter nichts über die Welt außerhalb des Dorfes erzählen. Dabei war Hannah ein glückliches Kind. Die Algorithmen identifizierten sie schon früh als mathematisch begabt und reservierten für sie einen Platz in einer Spezialklasse. Dort fand sie Gleichgesinnte, lachte über mir unverständliche Witze und entdeckte Logikfehler in Science-Fiction-Filmen. Nicht ein einziges Mal kam sie weinend nach Hause, weil Mädchen mit Glitzerturnschuhen sie auslachten oder ein Junge sie wie Luft behandelte. Mit sechzehn Jahren schrieb sie sich für Biochemie ein und löste noch vor ihrem Abschluss das Trinkwasserproblem der Dritten Welt. Mit zwanzig lernte sie einen Schafhirten kennen, warf alle Pläne über Bord und zog mit ihm in die Einöde.

„Entschuldigung.“ Jemand tippt mir auf die Schulter. „Wir kennen uns doch.“

Ich drehe mich um. Auf der hinteren Bank sitzt ein Herr in meinem Alter. Sein unregelmäßig gestrickter Pullover verrät ihn als Dorfbewohner. Auf seiner Nasenspitze klemmt eine Brille, und ich meine nicht etwa eine Datenbrille, sondern eins von den ganz alten Drahtgestellen mit geschliffenen Gläsern. Selbst unter den Greisen des Dorfes benutzt so etwas niemand mehr. Permanente Kontaktlinsen sind als medizinische Hilfsmittel erlaubt. Aber dieser Herr war offenbar auf einem Ausflug in meine Welt und trägt die Brille als Ausdruck seiner extremen Rückwärtsgewandtheit.

„Ich erinnere mich nicht an Sie“, sage ich.

Würden Sie ein Shield tragen, wüssten Sie, wer ich bin und wo wir uns zum ersten Mal trafen. Sie könnten abrufen, worum es bei unserer letzten Unterhaltung ging und vorbei wäre das peinliche Schweigen.

„Spielen Sie Tennis?“, fragt der Herr.

Ganz kalt. Ohne technische Unterstützung werden wir keine Gemeinsamkeiten finden. Mein Shield ist zwar eines der neuesten Generation und an die Universaldatenbank angeschlossen, aber um Berührungspunkte zu identifizieren, müsste auch der Herr eines besitzen.

Seit Einführung der neuen Shields ist die Anzahl der Kriege auf der Erde zurückgegangen. Verfeindete Diktatoren entdecken, dass ihre Nannys Schwestern waren, und Soldaten greifen nicht mehr an, weil ihnen die Partnervermittlungsfunktion in der gegnerischen Armee ein hundertprozentiges Match anzeigt. Im Supermarkt erfahre ich, für welchen Anlass andere Damen Schokoladenstapel in den Einkaufswagen wuchten. Jetzt weiß ich, dass jede Religion ein Fest hat, zu dem man seine Enkel mit Süßigkeiten überschüttet. Indem wir auf solche Ähnlichkeiten hingewiesen werden, rücken wir zusammen. Nun ja, zumindest der fortschrittliche Teil der Menschheit.

„Ich bin unsportlich“, sage ich und drehe mich wieder um.
Am Horizont tauchen die Pappeln auf, hinter denen das Dorf liegt. Viel Zeit bleibt mir nicht mehr. Doch Zora hat eine Frage.
„Warum hast du zwei von den durchsichtigen Augenbinden?“
„Die heißen Shields“, sage ich. „Und das vordere ist von deinem Opa. Ich kann damit er sein.“
Zora klatscht in die Hände. „Zeig!“
Also schalte ich den Unterhaltungsassistenten an. Dabei lauscht das Shield einem Gesprächspartner und schlägt individuell zugeschnittene Antworten vor. Mir gibt die Funktion das Gefühl, berechenbar und langweilig zu sein, aber du spieltest gern damit herum.

„Erzähl, wie es zu Hause geht“, sage ich zu Zora.

Daraufhin plaudert sie über ihre Schwester, die ihr Haarspangen und Spielzeug klaut.

Meine Schwester hat zuhause niemanden geärgert“, sage ich in dem bedächtigen Tonfall, mit dem du Witze erzähltest. „Sie war Einzelkind.“
„Häh?“ Zora verdreht die Augen. „Das geht ja gar nicht.“

„Dein Opa mochte unsinnige Sprüche.“     

„Omi.“ Sie boxt mich mit ihrer kleinen Faust. „Sei nicht traurig.“
„Das bin ich nicht. Bloß finden alle, ich sollte es sein.“

Ich fühle mich dir jetzt sogar näher. Zum Beispiel wusste ich zu deinen Lebzeiten nicht, dass du im Auto manchmal Orgelmusik hörtest. Leider hast du andere Aufzeichnungen vor deinem Tod vernichtet. Alle Streitigkeiten zwischen uns sind von deinem Shield gelöscht, und weil es sich um geteilte Erinnerungen handelt, habe auch ich sie verloren. Blöde Datenschutzregel! Seit Wochen suche ich nach einem Spruch, den du immer gemacht hast, wenn ich auf dich wütend war.
Wenn du schreist …
Weiter weiß ich nicht. Das Shield nimmt mir so viel ab, dass meine Merkfähigkeit darüber verkümmert.

Die Kutsche wird langsamer. Um mich herum streifen die anderen Hochzeitsgäste ihre Shields von den Köpfen.

„Jetzt gibt es nur noch das richtige Leben“, scherzt ein Mann. 

Solche Bemerkungen ärgern mich. Richtiges Leben, was soll das sein? Bedeutet es, zu hausen wie im Mittelalter, auf Fragen keine Antworten zu bekommen und sich mit Dingen abzumühen, die leicht sein könnten?
Die Kutsche hält. Eine junge Frau mit einem Weidenkorb empfängt uns.
„Willkommen in Birkenhain. Dies ist eine technikfreie Zone. Bitte gebt mir eure Ihr-Wisst-schon.“

Sprich es aus. Das sind Shields.

Die anderen werfen ihre in den Korb, als sei nichts dabei.

„Oma“, sagt Zora mahnend.

Ich hebe eine Hand zur Schläfe.
Nein, ich kann das nicht.

„Wir müssen aussteigen, Oma, sonst kommen wir zu spät. Ich soll Blumen streuen.“

Sie greift nach mir, aber ich rücke weg und presse deinen Shield gegen mein Gesicht. Die Berührung bringt etwas durcheinander. Vor meinem linken Auge öffnet sich der Kalender. Ich höre ein Glöckchen und die Weisheit des Tages: „Jemand ist erst tot, wenn wir ihn vergessen haben.“

Was sofort der Fall wäre. Ich vergesse alles. Hätte ich nur mein biologisches Gedächtnis, würden mir die Namen der Enkel nicht mehr einfallen.

Wenn du schreist …

„Oooma!“

Ich könnte die Hochzeit von hier aus verfolgen. Zwischen den Holzhäusern hindurch führt ein Weg zur Kirche. Ich zoome näher heran. Ein Blumenbogen ist aufgebaut, davor mehrere Reihen weißer Holzstühle. Die Sonne scheint und die Kameras des Shields liefern ein einwandfreies Bild. Wahrscheinlich könnte ich sogar Hannahs Sommersprossen unter dem Schleier erkennen. 

„Ich bleibe hier“, sage ich.
Zora stampft auf.

„Du sollst mitkommen.“

„Ach Kleine, es ist wegen deines Opas. Er fehlt mir schrecklich.“
„Und wir? Du hast uns seit einem Jahr nicht mehr besucht.“

Ein glühender Sonnenball schiebt sich vor die Hochzeitskulisse. Ich schalte den Zoom ab und sehe Zoras Gesicht vor mir. Ihre Wangen sind rot und zwischen ihren Brauen hat sich eine steile Falte gebildet.

„Du versteht das nicht“, sage ich.
„Wohl. Mama glaubt auch nicht, dass du es schaffst. Darüber hat sie mit Ina gesprochen. Ich hab gelauscht. Abends redet sie über Probleme und morgens tut sie, als wäre alles in Ordnung.“ Sie schnaubt. „Als ob ich blöd wäre.“

„Du bist schlau, aber deine Mama auch. Sie wusste, was passieren würde.“
„Nein, nein, nein!“ Stampfen und Schnauben. „Wenn du hierbleibst, bleibe ich auch. Und dann kann ich keine Blumen streuen, und sie können nicht heiraten.“

„Wenn ich das Shield deines Opas absetze, geht es kaputt.“

„Na und? Ist doch nur ein Ding.“ Die Zornesfalte glättet sich. Ein nachsichtiger Ausdruck erscheint auf Zoras Gesicht. Sie betrachtet mich, als sei ich das Kind. „Man darf Dinge kaputt machen, wenn man damit jemandem hilft. Papa hat mal eine Vase zerschlagen, weil meine Hand drin feststeckte. Als er mit dem Hammer kam, hatte ich Angst, aber er hat mir versprochen, dass es nicht weh tut. Und das hat es auch nicht.“

„Wenn wir jemanden vergessen, ist er tot.“
„Quatsch. Wenn jemand stirbt, ist er tot. Außerdem vergesse ich Opa nicht. Wenn dir was nicht mehr einfällt, kannst du mich fragen. Ich weiß noch alles. Er hat meinen Mäusen aus Papprollen einen Spielplatz gebaut, und er hat er mir verraten, wie man Bratkartoffeln knusprig bekommt.“
„Man geht raus und lässt sie anbrennen.“

„Siehst du, du weißt das auch noch.“
„Aber dieser eine Spruch ist mir entfallen. Ich finde ihn nicht auf der Datenbank. Es war etwas, das er sich ausgedacht hat, etwas Blödsinniges.“
Doch inzwischen scheinen mir diese Worte der Schlüssel zu deiner Person zu sein. Dein Witzchen hat mich bei jeder Wiederholung mehr genervt. Umso schlimmer, dass ich jetzt nicht mehr darauf komme.

„Lass mich nur noch ganz kurz suchen“, sage ich. „Wenn ich fündig werde, gehen wir sofort.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Wenn du schreist …

Ich stöbere durch Szenen, in denen wir gestritten haben könnten. Vielleicht ist dir bei deiner Löschaktion etwas durch die Lappen gegangen. In sechsfacher Geschwindigkeit sehe ich mir einen Vormittag im Möbelhaus an.

„Papa winkt mir“, sagt Zora. „Wir müssen jetzt wirklich los.“

„Augenblick.“
Ich erhöhe auf zwölffache Geschwindigkeit. Eine Verkäuferin zappelt vor dem Ausstellungsstück eines Luftkissensofas herum und rattert die Merkmale herunter. Du und ich bewegen uns kaum. Schließlich einigen wir uns auf Modell und Farbe. Es ist schrecklich harmonisch.

Aber vielleicht finde ich im Weihnachtsordner, was ich suche.
„Lauf schon mal vor“, sage ich zu Zora.

„Nur mit dir.“

Ihre Augen glitzern gefährlich. Sie ballt die Fäuste. Als Kleinkind waren ihre Trotzanfälle legendär. Zora warf sich gegen Wände und spuckte Schaum. Einmal brach sie einen Zeh, als sie gegen einen Bettpfosten trat. (Später sagte sie, sie habe geglaubt, der Pfosten würde nachgeben).

„Du warst nicht mehr bei uns, seit Opa gestorben ist.“ Zoras Stimme zittert. „Ich hab mich auf dich gefreut.“

„Aber der Shield ist meine letzte Chance, noch auf diesen Satz zu kommen. Oder sag du mir, wie er weitergeht: Wenn du schreist …?“

Das ist unfair. Sie kann es nicht wissen.
Auf dem Weg nähert sich mein Schwiegersohn mit einer Schale voll Blüten. „Zora!“

Meine Enkelin rauft sich die seidig gestriegelten Haare.

„Du … sollst … mitkommen“, stößt sie hervor.
„Nicht.“ Ich halte ihre Arme fest.

Mit wutverzerrter Miene sieht sie zu mir auf. Inzwischen hat sie gelernt, den Vulkan nicht mehr ausbrechen zu lassen, aber löschen kann sie ihn nicht. Ein besonders niedliches Blumenmädchen wird meine kleine Zora in dem Zustand nicht abgeben.

Ob ich auch so aussehe, wenn ich sauer bin? Die Augenbrauen hat Zora von mir und die Lücke zwischen den Schneidezähnen auch. Und wie sich die Haut auf ihrer Nase kräuselt …

Plötzlich tauchen die Worte auf. Sie kommen nicht in der blauen Schrift, mit der das Shield Suchergebnisse anzeigt, sondern als eine Erinnerung des Körpers, so wie eine vergessene Melodie zurückkehrt, wenn einem jemand die ersten Takte vorsingt. Ich blicke in Zoras Gesicht und weiß, dass ich den Satz nun beenden kann.

„Wenn du schreist, kannst du mein Lächeln nicht sehen“, sage ich.

Bevor ich den Mut verliere, schiebe ich die Zeigefinger unter die Shields und löse sie von meiner Haut. Mein Kopf wird leichter und mein Herz wird schwer.


Dritter Platz: Wärme deinen Nächsten“, Arina Molchan

Rosa steht im Flur und starrt zur Decke: Um die Lampe sammelt sich ein Heiligenschein aus Rauch und sie hört Kai in der Küche lamentieren. Aus dem Wohnzimmer sprudelt das Klavier irgendeinen Chopin, der sich allmählich in Stimmen auflöst und die Luft erstickt an Melanies Parfüm, verklebt Rosa die Lungen.

Jetzt wäre die Gelegenheit, zu gehen. Jetzt, bevor Kai zurückkommt und sie in dieses Zimmer mit dem Klavier schiebt, bevor sie mit den Menschen Wein trinken muss, mit denen sie sich während des Studiums eine Altbauwohnung mit Durchgangszimmern teilen durfte. An guten Tagen. An den anderen waren es verkrustete Pfannen, vergessener Müll und Melanies Haare im Abfluss gewesen.

Rosa setzt einen Fuß in Richtung Wohnungstür. Ihre bunten Zehensocken auf Kais ernstem Teppich. Jetzt. Leise.

„Rosa!“ Sie erstarrt. „Kannst du mir mal kurz helfen?“ Kais gerötetes Gesicht kommt im Hohlkreuz aus der Küche, beladen mit zwei Glasschalen, der Weinflasche und dem Korkenzieher. „Schnell, sie fallen!“

Rosa nimmt ihm die Flasche und eine Schale ab. Darin ist Halbverdautes.

Guacamole.

„Kai, ich fühle mich nicht…“, versucht sie.

Kai pafft etwas Unverständliches und deutet zur Küche. „Braucht noch ein bisschen. Wegen der Kruste.“ Er geht zur Chopin-Tür, die bis jetzt erfolgreich Rosa das Vergangene vom Leib gehalten hatte.

Er öffnet sie.

Das Spektakel beginnt.

 

„Rosa! Wir haben dich schon vermisst!“ Nikita Osimov fläzt auf dem Klavierstuhl, die langen Beine von sich gestreckt, die Ellbogen auf den Deckel des Instruments gestützt. Seine Finger beugen und strecken sich – er spielt Chopins unsichtbare Läufe zu Ende.

Der Raum ist voll – Melanie steht in der Mitte und nimmt mit ihrem Parfüm den ganzen Platz ein und versperrt die Sicht auf das Sofa. Sie deutet auf Rosa und lacht:

„Oh, Gott. Die Socken!“

Oh, Gott. Die Melanie.

Kai nimmt Rosa die Schüssel und die Flasche ab und arrangiert alles präzise auf dem Tisch, an dem bereits Samuel sitzt und Rosa ansieht, als wüsste er, dass sie fliehen wollte. Sie senkt den Blick und setzt sich auf den Stuhl gleich neben der Tür.

Das Sofa hüstelt. Ein großer Schal ist auf ihm gefaltet, mit einer Tasse Tee und Wollsocken. Heraus schaut Babsi mit großen Rehaugen und fragt: „Warum warst du eigentlich nicht auf der Hochzeit, Rosa?“

„Welche Hochzeit?“ Melanie greift in die Schale mit den Tortilla-Chips und beginnt zu krümeln.

„Hast du das nicht mitbekommen?“ Babsis Augen weiten sich. Sie beugt sich vor und versucht nicht zu grinsen. „Chris hat geheiratet.“

Das Kauen hört auf. Melanie sieht zu Babsi. Sieht zu Nikita. Zu Rosa. Zu Babsi. „ – Chris?“

Kai versucht die Weinflasche zu öffnen. Mit jeder Umdrehung des Korkenziehers wird die Stille enger.

Nikita ächzt, kreuzt seine Knöchel und sinkt noch tiefer in die Schultern. „Wir dachten, du weißt es?“, sagt er und beginnt mit einem Fuß zu dirigieren. Er hat ein kleines Loch in der Socke.

„Mir hat er auch keine Einladung geschickt!“, sagt Kai und dreht gereizt die Spirale tiefer in den Verschluss. Schräger. Samuel erlöst ihn schließlich von seinem Leiden und übernimmt das Flaschenöffnen.

Kai überprüft jedes Weinglas im Licht, bevor er es Samuel zuschiebt. „Ich habe ihn heute trotzdem eingeladen.“

Rosa schnappt den Kopf in Kais Richtung. Eingeladen? Melanie setzt sich.

Irgendwann stottert der Wein in die Gläser. Gl-gl-gl. Nächstes.

Er hat Chris eingeladen. In Rosas Ohren beginnt es zu rauschen. Er hat wirklich Chris eingeladen. Über dem letzten Weinglas treffen sich Samuels und ihre Blicke, nur kurz. Als hätte er das Rauschen gehört. Er weiß es. Weiß er es? Was, wenn er es weiß?

Er reicht Melanie das Glas und Rosa schiebt ihre Hände unter die Oberschenkel. Chris, Chris, Chris … sie war darauf nicht vorbereitet. Sie sollte jetzt gehen. Jetzt.

 

Irgendwo piept es und Kai eilt zurück in die Küche. Kaum ist er weg, entfaltet sich der Schal auf dem Sofa. Babsi bewegt die ganze Wolle zum Tisch und setzt sich zu Melanie. „Kai ist doch furchtbar“, sagt sie. „Keinerlei Fingerspitzengefühl.“

Gefühl in den Fingerspitzen. Rosa nimmt ihr Weinglas, schaut hinein und versucht, nicht daran zu denken, wie Finger … Sie schaut zu Samuel, er zu ihr. Sie schluckt und ihr ist wieder, als könnte er ihre Gedanken lesen.

„Ich gehe“, sagt Melanie.

„Ach, komm.“ Nikita setzt sich zu Babsi an den Tisch, legt einen Arm um sie und beginnt, ihr am Ohr herumzuspielen.

Aus der Küche hört man Kais Selbstgespräche.

„Was ist eigentlich mit deinem Kleinen, Rosa?“, fragt Nikita nach einer Weile .

Sie lässt fast ihr Glas fallen. „Er …“, sie schaut wieder zu Samuel. „Er ist bei meiner Mutter.“

„Hat er immer noch keinen Vater?“ Melanies Zähne beißen in das Weinglas um das gehässige Grinsen zu verdecken.

Rosa antwortet nichts.

„Du hast einfach ein großes Herz, nicht wahr?“ Melanie beugt sich über den Tisch, um Rosa die Hand zu tätscheln. „Da ist Platz für viele.“

Babsi rückt ihren Schal zurecht, lehnt sich an Nikitas Schulter und beäugt Rosa nochmal abschätzend, bevor sie fragt: „Warum warst du nicht auf der Hochzeit? Er ist doch dein Bruder.“

„Stiefbruder“, korrigiert Rosa. Und bevor sie sich eine Ausrede überlegen kann, kommt Kai zurück und bringt einen Schwall Ofenduft mit.

„Bald ist er so weit“, sagt er und setzt sich zu ihnen an den Tisch. „Wo waren wir?“

Rosa nimmt zwei große Schlücke. Sie sollte gehen. Sie kippt ihren Stuhl auf zwei Beine und zwingt sich, sie alle anzuschauen, als wäre nichts. Das Fenster hinter ihnen sieht aus wie ein schlecht gemaltes Bühnenbild.

 

(Vier Menschen sitzen am Tisch. Einer rückt die Tortilla-Schale zurecht.)

MELANIE: … Wen hat er geheiratet?

BABSI: Eine Russin.

NIKITA: Eine Kasachin.

BABSI: Ist doch das gleiche.

NIKITA: Nicht ganz, Pfötchen.

BABSI: Eine Frisöse.

MELANIE: Arschloch.

NIKITA: Ach, Meli. Du weißt ja … die Liebe.

MELANIE: Pf.

KAI: Er bringt sie heute mit.

MELANIE: Du hast sie auch eingeladen?

KAI: Natürlich.

(Längeres Schweigen)

SAMUEL: Mehr Wein?

(Es klingelt.)

 

Rosas Stuhl kippt zurück auf alle vier Beine. Sie ist nicht bereit. Köpfe drehen sich. Noch nicht bereit. Sie meidet Samuels Blick. Sie will nicht raten, was er denkt.

Wieder die Klingel.

 

Im Treppengang hallen Absätze und Schuhsohlen. Die Schritte sind wie die Sekunden vor der letzten Prüfung. Rosa ist blank, Zurechtgelegtes vergessen. Zu nervös, um zu schwächeln. Adrenalin in den Haarspitzen.

Und dann ist er da.

Er schenkt allen seine Grübchen.

Seine Backen und Nase sind noch rot von der Kälte draußen. Er ist laut, er ist herzlich. Nikita, Babsi, Kai – alle müssen auf die Grübchen antworten. Man kann nicht anders.

Und dann sieht er Rosa. Er hüllt sie ein in den Geruch nach Schnee, in die feuchte Kälte seiner Jacke. An den Haaren hängen noch Schneeflocken, die sich in Kais Heizungsluft in Tränen auflösen. Er lässt sie gar nicht mehr los. Und sie ist versucht, zu versinken.

„Also bei Kai hast du dich versteckt?“ Er lacht ihr in die Haare und wiegt sie in der Umarmung hin und her. Dann lässt er los und betrachtet sie, seine Handflächen auf ihren Schultern.

„Seit wann bist du zurück?“ Die Grübchen. Die Lachfältchen. Es wäre so leicht, mit den Knien nachzugeben. Bevor sie antworten kann, fällt ihm etwas ein und er lacht.

„Frau Maman hat sich sehr über deine Postkarte gefreut.“ Grübchen und Lachfältchen. „Aber hast du nicht etwas vergessen?“

Ihre Knie geben doch etwas nach.

Er stupst ihr in die Backen und zieht ihr die Mundwinkel hoch.

„Wie geht es ihm?“ Es ist schwer zu reden, wenn er sie zum Lächeln zwingt.

„Wunderbar. Ich habe ihm gezeigt, wie er an die Süßigkeiten herankommt.“ Er wendet sich halb um und deutet endlich auf die Frau, die immer noch auf der Fußmatte vor der Schwelle steht. „Lass uns nachholen, was du verpasst hast: Das ist Oxana.“

Auch ihre Nase ist rot, die Haare eine gelb-blonde Traurigkeit. In den Händen hält sie einen großen Kuchenbehälter aus Plastik. „Khallo.“

Bevor jemand sie willkommen heißen kann, mischt sich das Parfüm ein.

„Hallo, Chris.“ Melanie lehnt im Türrahmen, die Arme verschränkt.

„Melanie!“

„Die bin ich.“

„Du siehst wie immer gut aus.“ Chris schenkt ihr die Grübchen. Und die Lachfältchen.

„Wie immer.“

Nikita scherzt irgendetwas. Ablenkungsmanöver. Rosa nutzt die Gelegenheit, um unbemerkt in die Küche zu verschwinden. Sie schließt die Tür und holt erst einmal Luft.

 

Der Backofen schnurrt. Die Tür öffnet sich und Melanie kommt herein, das Parfüm dunkelherb. Sie setzt sich an den Küchentisch und schweigt. Irgendwann holt sie sich eine absurd dünne Zigarette heraus.

„Kannst du das glauben?“ Das gerollte Papier in ihrer Hand zittert leicht.

„Er. Mit dieser…“ Ihr fehlt ein Wort. „Weißt du, ich habe immer gedacht, dass wir …“ Sie beißt auf den Nagel ihres Daumens und lässt ihn dann von den Zähnen abgleiten.

Rosa kratzt Rillen in die Tischplatte. Sorgenfalten im Holz.

Melanie betrachtet ihre Zigarette, dann schnalzt sie mit dem Feuerzeug. Nach zwei Zügen ist die Luft in der Küche tot. Rosa hält es nicht länger aus und verlässt den Raum, nimmt nur einen kleinen Schweif Bitternis mit in den Flur. Sie schaut zur Lampe auf. Sie sollte gehen. Sie hat ihn wieder gesehen. Das reichte.

Sie schleicht zur Garderobe. Irgendwo hier hängt ihr Mantel. Sie beginnt zu wühlen – da kommt Kais bemühter Rücken aus dem Wohnzimmer.

„… langsam auftischen“, sagt er noch. Dann dreht er sich um. „Rosa! Kannst du mir beim Tragen helfen?“

„Ich wollte gerade …“

„Der Truthahn müsste jetzt fertig sein.“ Er öffnet die Küchentür. Lässt den Rauch in den Gang. Stiert hinein. Dann wird sein Mund zu einem Fischmaul: hilfloses Schnappen.

„Entspann dich“, sagt die Küche.

„ – .“

Rosa flieht ins Wohnzimmer.

 

Oxana steht einen halben Schritt hinter Chris, lächelt und versucht, hineinzupassen zwischen all die vermeintlichen Freundschaften.

Nikita und Chris sind wieder Bengel – sie freuen sich über die Wodkaflaschen, die Chris aus einem Beutel holt und strategisch auf dem Tisch platziert. Eine kristalline Mauer, um sich später dahinter verschanzen zu können.

Nikita beginnt aus Vorfreude zu wippen.

„Mach dich schon mal bereit, Schwester!“ Chris zieht Rosa zu sich heran. „Du schuldest mir noch eine ordentliche Feier!“ Er küsst ihr die Wange und vergisst seinen Arm um sie. Rosa weiß nicht, was sie tun soll. Von der anderen Seite der Mauer missbilligen sie Samuels Blicke.

Dann zerplatzt Ärger im anderen Teil der Wohnung.

„Melanie hat in der Küche geraucht“, erklärt Rosa.

Röhrendes Gelächter.

„Lasst uns sie retten“, sagt Chris und schiebt Rosa an den Schultern wieder in die Richtung, aus der sie gekommen war. Nikita federt ihnen hinterher – ganz wie früher.

 

In der Küche regieren Kälte und Unmut. Es schneit auf den Fenstersims, auf den gerupften Kräutergarten.

Kai steht in der Küche und übt Trockenfliegen. Seine Arme klatschen immer wieder gegen die Seiten seiner Schenkel. Er dreht sich zum Backofen, legt die Hand auf den Griff, lässt wieder los, dreht sich zur Melanie, die mit verschränkten Armen auf dem Stuhl sitzt und ihre geknickte Zigarette noch in den Fingern hält, dann lässt er die Arme wieder hilflos fallen, hebt sie wieder auf.

„Meli, Meli…“ Nikita schnalzt mit der Zunge und wackelt grinsend mit dem Finger.

„Ist ja schon gut.“ Melanie legt zum Beweis die Kippe auf den Tisch.

„Der Rauch bleibt doch in den Wänden hängen!“ Kais Stimme kippt fast. Er sieht sich verzweifelt in der Küche um. Chris reicht ihm die Salatschüssel, damit er etwas zum Festhalten hat.

„Ich wüsste da etwas, das dich lockern würde, Kai“, sagt Nikita und klopft ihm auf den Rücken. „Aber lass uns zuerst auftischen. Wir brauchen dafür Basis. Viel Basis.“

„Ich nehme den Vogel.“ Chris kippt die Backofentür und lässt eine kleine Wolke heraus.

„Und ich das Messer“, sagt Melanie. Chris lacht und reicht ihr einen Löffel. Sie schnaubt nur und verlässt die Küche.

„Nimm den Löffel mit!“, ruft Nikita ihr hinterher. Sie lachen und bahren dann den Vogel auf einer Porzellanplatte auf.

 

Wieder im Wohnzimmer löst Chris die Schnüre um die Füße des Geflügels und die Schenkel springen für ihn auseinander.

„Halte mal“, sagt er und Nikita versenkt den Spieß an der richtigen Stelle, während Chris mit dem Messer das Fleisch teilt. Die Füllung quillt heraus, schmatzend, in Schüben.

„Äpfel und Orangen“, sagt Kai. Rosa glaubt ihm kein Wort und sieht dem Massaker zu. Fettige Finger, schmierige Klinge, Duft und Wärme. Nachgiebiges Fleisch. Chris legt ihr das erste Stück auf den Teller.

Etwas sickert aus dem Fleischstück. Winzige Fettaugen, Flöckchen aus geronnenem Blut.

Babsi verzieht das Gesicht und sagt, sie sei jetzt Vegetarierin. Chris schneidet durch die Knorpel und Samuel schaut ihm zu und runzelt die Stirn wenn es knackt.

 

Melanie kreischt mit dem Messer über die Telleroberfläche. Chris schenkt Wodka ein, aber auf der anderen Seite der Mauer aus Flaschen trinkt keiner. Kai erzählt von seiner Forschung. Niemand hört zu.

Rosa denkt an ihre Kindheit, an das Zelthaus zwischen Sessel und Sofa das sie zusammen mit Chris immer bauten. Hatte er schon als Kind diese Grübchen?

Dann beugt sich Oxana zu Rosa vor.

„Dein Sohn ist sehr schön“, sagt sie. An ihren Zähnen klebt ein Stück Salat und sie riecht nach Amoniak. „Er lacht so viel.“

Rosa nickt und versucht das herunterzuschlucken, was sie schon seit einer Weile von der einen Backe in die andere geschoben hat.

„Schwiegermutter hat mir Bilder gezeigt“, versucht Oxana weiter. „Er sieht sehr ähnlich dem Opa … Die Löcher sind in der Familie“, sie lächelt und zeigt auf die Stellen neben ihren Mundwinkeln.

Rosa kann nicht schlucken. Auf ihrem Teller schwimmen Fettaugen in der Soße und schauen sie an.

„Welche Löcher?“ Melanie beobachtet alles von der anderen Seite der Mauer aus. Oxana zeigt nochmal mit den Fingern auf ihr Lächeln.

Melanie schnaubt nur. „Rosa ist gar nicht mit Chris’ Vater verwandt“, sagt sie und kaut. Dann erstarrt ihr Gesicht.

„Wer ist verwandt?“, fragt Kai. Samuel runzelt die Stirn.

Und da beginnt Melanie zu lachen. Sie lacht, und hört nicht mehr auf.

„Was ist so witzig?“, fragt Chris. Sein Lächeln ist zu breit. Die Augen zu glänzend.

Melanies Lippe wölbt sich, umrundet das „Du.“ Ihr Kopf kippt und der Gaumen glänzt feucht. „Du hast deine Schwester geknallt.“

Die Worte dröhnen in Rosas Kopf. Sie steht auf, stolpert zurück.

„Stimmt das?“, fragt Babsi zwischen den unverständlichen Mündern, Kehlköpfen, bleckenden Zähne, bleckenden Grübchen.

„Was?“

„Ba-Babsi hatte auch was mit Chris“, ist das einzige, das Rosa aus dem Mund kommt. Der Vogel bleibt irgendwo unter der Drosselgrube stecken.

Immer noch schallendes Gelächter, Melanies Hände auf dem Tisch, beringte Fächer, Schatten auf der Tischplatte. Haare.

„Sie lügt!“ Finger am Ohrläppchen, Arm um den Bauch. Zwischen ihnen der Tisch, eine gläserne Mauer.

„Chris?“

„Sie lügt!“

Und immer noch die Grübchen. Seelig entblößt.

Nikitas Finger, die leise, liebevoll die Tischkante entlang fahren, auf der Suche nach einer Klaviatur. Ein gebeugter Finger. Nachdenkliches Klopfen. Takt. Herzschlag.

„Ich verstehe nicht“, sagt ein Rücken. Der Nachtisch wabbelt in der Schale. Vor dem Fenster Samuels Augen. Rosa tastet nach der Tür, nach irgendwas, hinter ihr nur Leere.

Nikita streichelt den Tisch und schaut, schweigt. Dann springt er auf, die Tischdecke zieht sich unter seinen Füßen zusammen. Der Tisch ächzt. Dann knallt ein Kopf gegen das Klavier, immer wieder, bis alle Töne fluchen. Alles Hurensöhne. Die Glühbirne erlischt. Schnaufende Dunkelheit. Dann Schlussakkord.

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