26. MÜNCHNER KG-WETTBEWERB // EINGEREICHTE KURZGESCHICHTEN

Adi Traar

Übern Berg sein, und übern Fluss

Nichts ist, wie es einmal war.

Und was nicht sein kann, das ist auf einmal.

Irgendwie fatal.

Von wo ich denn herkäme, weil das sei nicht so einfach heutzutage mit dem Corona, sagt meine Gastwirtin in spe am anderen Ende der Leitung. Aha, da hätten wir es ja, aus der Stadt. Da seien sie im Dorf viel aufrechter, da hätte der Virus keine Möglichkeiten. Aber ihretwegen solle ich halt kommen.

Reichlich sauerstoffgeschwächt, nicht nur von meinem Städter-Sein, sondern auch von der Maskenpflicht im Zug herrührend, stehe ich vor einem Wesen hinter zerbeultem Plexiglas. Aus bestimmten Perspektiven gibt es ein drittes Auge und ein sehr breites Maul frei. Das muss die aufrechte Gastwirtin sein. Mache ich einen Schritt auf sie zu, macht sie einen von mir weg, begleitet von einem rinderhaften Schnauben, das man sonst von der Fliegenabwehr kennt. Mit Zeigefinger und Daumen, die, wie die übrigen Finger, in grelles Rosa von Haushaltshandschuhen gesteckt sind, überreicht sie mir einen Plastikbeutel. Darin befinden sich der Zimmerschlüssel und meine morgige Frühstücksration. Ich öffne die verschweißte Naht, fische den Schlüssel heraus und weiß, wonach die Frühstücksration schmecken wird.

Ich mache einen Spaziergang durchs Dorf, das an den Breitseiten von steilen, bewaldeten Bergflanken bedrängt wird. Obwohl hier eine Bankfiliale fehlt (sonst ist alles da: Kirche, Fingernagelstudio, Lebensmittelgeschäft), laufen lauter Bankräuber mit Masken durch die Straßen, vermutlich auf der Suche nach einer Bankfiliale und einem Job.

Von einer Frau im schwarzen Nikab kann man nicht viel ausmachen, nur gerade soviel, dass ihre Augen freudig funkeln. Halblaut triumphiert sie hinter vorgehaltenem Tuch: That’s what we say all the time. Mantraartig wiederholt sie das noch einige Male. Ihr zum Strandshorts-und-Badelatschenträger degenerierter Mann drei Meter vor ihr schmollt hinter einer Mohammed-bin-Salman-Maske. Blöde Sache in blöden Zeiten. Bei ihm verhält sich’s nämlich umgekehrt: Indem er eine Maske trägt, gibt er sich eine Blöße.

Anderntags, auf dem Weg zum Kaffeeautomaten, der mitten im menschenleeren Frühstücksraum aufgestellt ist, fällt mir – wie konnte das nur passieren – ein Taschentuch aus dem Hosensack. Ich registriere es auf dem letzten Drittel seines flatterhaften Luftwegs, bevor es weich aber demonstrativ zur Landung aufsetzt. Ich solle das sofort aufheben, schrillt die Gastwirtin wie aus dem Nichts hervor. Ich erkenne sie an ihrer Stimme, denn sie trägt einen ABC-Schutzanzug mit Vollvisier. Wie besessen besprüht sie die Landefläche des Taschentuchs mit einer Desinfektionslanze. Spiralenförmig erweitert sie den Sprühradius und erreicht dabei meine Schuhspitzen.

In den kommenden Tagen werden die Gäste in der Pension deutlich weniger. Diejenigen, die geblieben sind, scheinen ihren Königsstatus als Gast mitsamt ihrem Schlüssel an der Rezeption abgegeben zu haben. Als Gästegeister schleichen sie auf leisen Sohlen oder Socken durchs Haus. Ängstliche Blicke treffen sich, wenden sich voneinander ab. Schnurstracks verschwindet man im Zimmer und schließt sich ein, den Schlüssel verdreht bis zum Anschlag.

Ich wage einen Spaziergang durchs Dorf und sehe, wie die Kaufleute des Ladens haufenweise Lebensmittel hinters Haus kippen. Es scheint kein Zwang dafür zu bestehen, im Gegenteil, sie erwecken den Anschein, als hätten sie eine regelrechte Freude an dem vegetarischen Gemetzel; das, was die Masken freigeben, signalisiert gar Schadenfreude. Ich wage es, vorsichtig nachzufragen, was das Treiben denn zu bedeuten habe. Die Ladenbesitzerin herrscht mich an, dass dieses fremdländische Zeug jetzt niemand mehr bräuchte. Frutti e verdure aus bella Italia verrotten unwürdig im Hinterhof.

Außer mir gibt es seit heute nur mehr einen einzigen Gast in der Pension. Als dieser beim Kaffeeautomaten seine eingeschüchterte Stimme erhebt, läuft mir der Kaffe in meinem Wegwerfbecher über, ich lasse die Hand nicht vom Zapfhahn. Es hätte einen Übergriff auf einen Touristen gegeben. Wegen der Lokalsperre sei er, wie die anderen verbliebenen Urlauber auch, ein wenig planlos in den Straßen umhergeirrt. Eine Gruppe junger Männer hätte ihn angegriffen, zu Fall gebracht und ihm eine Injektion mit Desinfektionsmittel verabreicht. Wie es ihm nun gehe, wisse man nicht, weil er umgehend abgereist sein musste; jedenfalls wurde er nicht mehr gesehen. Ich verschwinde in meinem Zimmer und schließe mich ein, den Schlüssel verdreht bis zum Anschlag.

Die bankraubenden Touristen sind nun gänzlich aus dem Straßenbild verschwunden. Dafür sieht man zunehmend die Dorfeigenen in historisch anmutenden Kostümen wie aus dem Bauernbühnefundus. Stolz marschieren sie über den Dorfplatz. Trachtenweibchen und Trachtenmännchen wie vom Getränkeetikett geflutscht. Allein mit ihren argwöhnischen Blicken vertreiben sie mich vom Dorfplatz.

Unvorsichtigerweise habe ich gestern Nacht den Schlüssel meiner versperrten Zimmertüre abgezogen. Erst hat es an die Tür gescharrt wie von einem Nagetier, dann ist die Gastwirtin eingedrungen und hat mir mit den Worten, geschlafen werde ab jetzt auch nur mehr mit Maske, einen Kartoffelsack über das Gesicht gestülpt. Mir reicht es langsam, ich sollte diesen unsäglichen Ort verlassen.

Das Letzte, was der Fernseher von sich gibt, bevor er ins weiße Rauschen abdriftet, ist ein beunruhigender Bericht. Ein Urlauber in der Seenregion hätte auf einmal einen heftigen Nies- und Hustenreiz verspürt und sei mit seiner Frau in die nächstbeste Umkleidekabine geflüchtet. Lautstark sprudelten die Körpersäfte nur so aus ihm heraus. Wie die Frau weiters aussagte, senkte sich ein Gewehrlauf langsam über den oberen Rand der Holzwand und richtete sich auf ihren Mann. Ob Absicht oder nicht, die Kugel grub sich zielsicher über die Nasenhöhlen in den Rachenraum und trat von dort über den Nacken wieder hinaus. Zum Anschlag bekannten sich die sogenannten Alpenrebellen 19. Mir bleibt die Nachricht im Halse stecken. Ich plane nun endgültig meine Abreise.

Als ich das Dorf klammheimlich über die Hauptstraße verlassen will, stoße ich auf eine Horde bewaffneter Männer. Sie haben eine Straßensperre aus Schrottautos errichtet –  bemerkenswert hierbei die vielen deutschen Kennzeichen. Ich mache kehrt und schlage mich mit dem Notwendigsten im Rucksack in die Wälder. Sie sind dicht bewachsen und durchsetzt von schmalen Lichtungen; darauf grasen Kühe, denen Haifischmasken aufgesetzt sind. Auf ihrem Hinterteil tragen sie eine merkwürdige, flickgeschusterte Konstruktion, aus der sich eine Gasmaske reckt. Vermutlich wegen der Methangase. Rund 200 Meter über dem Tal entdecke ich einen Heustadl. Er leidet, wie die meisten hier, an einem Sonnenbrand, die Wände komplett geschwärzt davon. Innen gibt es genügend Heu. Hier werde ich erst mal bleiben, um die weitere Lage zu checken.

Alle paar Tage einmal schleiche ich nach Einbruch der Dunkelheit ins Dorf und fülle meinen Rucksack mit den Restbeständen Frutta e verdura aus bella Italia. Dann mache ich einen Abstecher zur Amtstafel vor der Gemeinde. Hier versorge ich mich mit Neuigkeiten. Prämien würden gezahlt, nicht nur für die Ergreifung von Touristen, sondern insbesondere für Hochzeiten von Paaren, deren Partner aus dem gleichen Tal stammten. Des Weiteren werden manuell zu betreibende Landwirtschaftsgeräte, wie Milchzentrifugen, Mohnmörser, Schnitzböcke, Heuschwänze und Spinnräder gesucht. Im Gegenzug wird die Liste mit zum Kauf angebotener Gegenstände immer länger: Waschmaschinen, Mobiltelefone, Fernseher, deutsche Autokennzeichentafeln. Inserate, die Dengler, Dreher, Gießer, Böttcher, Flegel suchen – wie und an welchen Materialien die auch immer zugange sein mögen. Eines Tages sind die Aushänge verschwunden. An ihrer Stelle streift nun allabendlich ein Mann mit Hellebarde und Laterne durchs Dorf und verkündet lautstark Brisantes aus der Welt der Verordnungen. Einmal hätte er mich beinahe über den Haufen gerannt, ein Sprung ins italienische Gemüse hat mich in letzter Not davor gerettet. Obwohl ich den Dialekt kaum noch verstehe – er verliert sich immer mehr in Unkenntlichkeit, verflucht auch seien diese Schutzmasken –, kann ich den schroffen Wortfetzen entnehmen, dass sich künftig die landwirtschaftlichen Erträge würden steigern lassen, wenn die Bauern ihre Selbstständigkeit aufgeben und ihre Anwesen den selbst ernannten Gutsherren überlassen würden.

Jemand muss von meiner Existenz wissen. Neben den Lebensmitteln hinterm Laden sind jetzt immer ein frischer Brotlaib und eine Kanne Milch auf einem dreibeinigen Tischchen für mich bereitgestellt. Ich nehme das dankend an. Zu meiner Freude hat sich bald eine Art Pfandsystem eingebürgert; ich hinterlasse die ausgetrunkene Kanne und nehme eine neue mit.

Einmal bekomme ich im Dorf ein mutmaßliches Mitglied der Alpenrebellen zu Gesicht. Hoch zu Ross, mit einer Andreas-Hofer-Maske, dazu ein riesiger schwarzer Hut, der sich um den Kopf wirft wie ein Patzen Heiligenschein; grüne Jacke, roter Brustfleck, Bauchgurt mit Federkielen, bestickt mit dem Namen Alpenrebellen 19. Eine lederne Kniehose, blaue Strümpfe und weit ausgeschnittene Schuhe sind über eine heißblütige Pferdeflanke gestreckt. Eine imposante Erscheinung, wie ich zugeben muss.

Die Nächte werden immer kälter und die entsorgten Lebensmittel weniger. Das Milch- und Brotservice endet auch unvermittelt, was mich nicht wenig verunsichert. Ich denke, es ist an der Zeit, zu gehen. Ich sollte möglichst bald das Tal über die Berge verlassen.

Eines Morgens wage ich es und breche auf. Ich vermeide die ausgewiesenen Pfade, was sich gar nicht so einfach darstellt, hat man doch das Wegenetz bis zur Unkenntlichkeit zerstört. Die Markierungen wurden größtenteils beseitigt, ganze Felsen hat man gekippt, gedreht oder in die Tiefe gestoßen – neue, kleinräumige Geröllhallen sind die Folge. Wie so ein Tarzan-Super-Mario kämpfe ich mich durch ein Mikado aus Bäumen, jene, welche als Wegmarken dienten, wurden gefällt, sie liegen kreuz und quer über den Waldboden verstreut. Man könnte sinnieren, ich mache mich auf die Suche nach Markierungen, um diese zu meiden. Ich komme aus dem rauen Gelände nicht heraus, Dornen und Gestrüpp tun das Ihrige, an ein zügiges Weiterkommen ist nicht zu denken. Nach Stunden erreiche ich einen Rücken, der selbigen bald dem Wildwuchs zukehrt, das Unterholz wird lichter; dafür lässt sich der Rücken von Unmengen Geröll zumüllen, ich mich auch in gewissem Sinne, ich holpere und stolpere über Stock und Stein, bald nur mehr über Stein. Der Rücken geht nun in einen Grat über, der mich über zahlreiche Erhebungen in ein Tal an der Grenze führen soll.

Zwischen die Hänge eines schroff abfallenden Seitentals ist eine imposante Staumauer gezwängt. Sie bringt jeglichen Talfluss zum Erliegen. Auf der Zufahrtsstraße zum Damm taucht plötzlich ein Trupp Reiter auf. Vermutlich Alpenrebellen 19, durchs Fernglas erkenne ich die Andreas-Hofer-Masken. Sie laden etwas von einem Pferdefuhrwerk ab. Eine riesige Kabeltrommel. Sie wickeln den Draht von der Trommel und beginnen damit, die Dammkrone zu verkabeln. Dann seilen sie sich vom Geländer ab und verlegen die Böschung des Damms.

Das verheißt nichts Gutes.

Bald wird der Grat zum Kamm, er lässt sich zügig begehen. Wenn alles gut läuft, sollte ich noch heute die Grenze erreichen. Es eröffnen sich neue Perspektiven. Unter mir die entvölkerten Badeseen, wie Fußstapfen in feuchtem Schlamm sind sie ins Land gestreut. Die Straßen dazwischen autolos, funktionslos gewordene Adern der Zivilisation. Als Einziges pulsieren noch die Dörfer. Als ob man sich auf etwas vorbereitete, die Bewegungen wirken auch aus der Entfernung eifrig und rastlos, Ameisen ähnlich.

Am Ende eines Seitentals, das sich vor mir auf den Gebirgskamm schwingt, tauchen dominoartig aneinandergereihte Klötze auf. Sie ergeben eine gewisse Ordnung. Nach einer Weile, als ich dem Areal näherkomme und einen kantigen Aussichtsgipfel besteige, erkenne ich darin einen Schriftzug. Noch ein Stück weiter kann ich ihn entschlüsseln, geschrieben steht: Abgang I Und die Dominosteine sind Särge. Dem anschließenden Rufzeichen fehlt der Punkt. Vielleicht wartet ja das Rufzeichen auf seine Vollendung durch mich und meinen Sarg. Lange nicht mehr habe ich derartig lachen müssen, ich muss aufpassen, dass ich nicht vom Gipfel falle, derartig schüttelt es mich.

Der langatmige Kamm verflacht zunehmend und verliert sich in der Ebene. Ich stoße auf einen verwaisten Hochseilgarten. Wiederum muss ich laut lachen; von einer Hängebrücke herab baumeln kopfüber die leblosen Körper deutscher Touristen, erkennbar an den Angela-Merkel-Masken in Rautenform – Letztere sind der Grund meiner Erheiterung.

Ich gelange zum Grenzfluss, über den ich dieses ungeheuerliche Land verlassen will. Inmitten des träge dahingleitenden Stroms sehe ich ein dicht besetztes Boot. Unter den Menschen – es sind offensichtlich Einheimische, die Männer durchwegs mit langen Bärten und massiven Heiligenscheinen aus Hüten – tummeln sich ein paar Tiere; Rinder und Schafe; ab und zu flattert ein Huhn auf und verfängt sich in einer Hutkrempe.

Wild gestikulierend und in heftigen Selbstgesprächen verfangen watet ein Mann mit aufgestrickten Hosen den Uferbereich entlang. Ansatzlos stürzt er sich ins Wasser und schwimmt in erstaunlichem Tempo auf das Boot zu. Er greift nach der Reling, will an Bord, wird aber mit Stöcken und Mistgabeln daran gehindert. Verzweifelt versucht er es eine Zeit lang, wechselt dann auf die andere Seite des Bootes. Er hat keine Chance. Die Hände in die Höhe gestreckt taucht er unter und nicht mehr auf. Er wird wohl ertrunken sein.

Plötzlich eine Detonation – derartig wuchtig, dass mir das Hören vergeht.

Und dann kommt die Flut.

Am Ende ist immer das Wasser.

Fatal irgendwie.

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