26. MÜNCHNER KG-WETTBEWERB // EINGEREICHTE KURZGESCHICHTEN

Felix Rieckmann

Stadtpark, Ho Chi Minh City, April 2019.

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Keiner nennt diese Stadt Ho Chi Minh City. Saigon, so ist es korrekt, das hört und liest man überall. Saigon, die Stadt des Wandels, die verwidderte französische Schönheit, der Motor des neuen Vietnams, mit ihren Wolkenkratzerparks und dem Wildwuchs ungezählter Gassen, getriebener Menschen auf Scootern und Zukunft, Zukunft, überall Zukunft: eine ungeformte Zeit, in der Syntax der Sprache nicht einmal vorgesehen, doch in den Köpfen ihrer Kinder fest verankert. Saigon, aus den Ruinen des Amerikanischen Krieges und nordvietnamesischen Terrors emporgestiegen, die Stadt und ihre zwölf Millionen Menschen, alle 20 Jahre alt, alle verdienen heute zwei Dollar in der Stunde und in 25 Jahren acht Dollar in der Stunde und in 50 Jahren nennen sie sich Destroyer of the Lion City, weil sie die Zukunft sind.

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Ich saß im Stadtpark, am 1. April 2019, es war wohl ein Montag. Ich weiß noch, dass es schwül war, so wie jeden Tag, und doch war mir etwas unangenehmer zumute als üblich. Die Bäume des Parks sind eher lose verteilt, und die Gräser begnügen sich mit einer Nebenrolle als Unkraut zwischen den Betonplatten, auf denen wenige Menschen entlanglaufen. Flanieren tut hier allenfalls ein österreichischer Rucksackschlawiner, der an seinem ersten Gedichtband verzweifelt und nachts nach der Massage für ein glückliches Ende sein ganzes Geld lässt. Ich bin kein Flaneur, ich bin ein Bänkepupser, mit meinem durchschwitzten Hemd und der 3200 US-Dollar teuren Kamera, die hier niemand stehlen wird; wir sind ja nicht in Brasilien.

Ich saß im Stadtpark, zwei Tauben waren auch da, die Häuserreihe vor mir eine geläufige Kohorte – ein McDonalds, ein KFC, ein Starbucks mit Oolong Latte auf dem Menü – als eine junge Frau auf mich zusteuerte.

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„Hello“, sagte sie, und schon das verstand ich kaum, „my name is Mia. Can I talk to you?“ Sie war sehr schön, und ich mindestens 20 Jahre älter, also sah ich mich zunächst einmal nach allen Seiten um und fühlte mich dann immer noch unbehaglich. Ich finde Asiaten ja erst schön, seit ich sie auseinanderhalten kann – die fröhlichen Kambodschaner mit der südamerikanischen Note, Nordinder mit diesem Teint aus zartbitter mit einem Klecks saurer Sahne, Vietnamesinnen mit ihrer unverschämten Leichtigkeit – aber mittlerweile sind sie schön, und ich komme da nicht drumrum. Die junge Frau, die ich, auch wenn es nicht der Etikette unserer Zeit entspricht, in meinen Gedanken stets als Mädchen befand, trug ihre langen, glatten und schwarzen Haare offen, und sie strich sie selten mit den Händen zurecht, da sie sich gerade hielt und die zierlichen Schultern kaum bewegte. Die unteren Lider ihrer Augen waren fast gerade, wie ein gezogener Strich, das linke Auge dabei wohl etwas näher zur ebenen Nase als das rechte. Ihre Zähne waren der einzige Makel an ihr, welcher unförmig und kaum, aber doch merkbar schief geraten war, doch da sie aussahen wie Milchzähne, konnte es einen unmöglich stören.

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Mia war Studentin, und das wusste ich, bevor sie es mir in ihrem gebrochenen Mix singlischer, australischer und britischer Ausdrücke sagte. Es sind immer die Studenten, die einen im Stadtpark ansprechen, es ist eine lustige Tradition, man kann das in den Reiseführern finden, in gut recherchierten jedenfalls: Sie wollen ihr Englisch verbessern, ein bisschen palavern und die gutherzigen Touristen für sich nutzbar machen, so wie das im ganzen Land, von den Reisfeldern Sapas bis an die zermüllten Strände Mũi Nés, mittlerweile Volkssport ist.

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Die vietnamesische Regierung ist ein lustiger Haufen, ein echtes Schenkelklopferparlament aus Präsident und Lakaien. Im Jahr 2022 sollen in District 1, dem Zentrum Saigons, keine Scooter mehr fahren. Dafür wurde eine japanische Firma beauftragt, statt der ersten U-Bahn-Linie der Stadt lieber gleich acht zu bauen, und als ein paar Tranchen den üblichen Weg des Geldes in Vietnam nahmen, holte man noch chinesische Investoren ins Boot, die irgendwie mit der Regierung in Peking zusammenarbeiten oder auch nicht; Vietnamesen und Chinesen vertrauen sich in etwa so wie Perser und Juden, und Korruption nährt sich nicht von alleine, und es ist schwül in Saigon, aber wir harren alle aus bis ins Jahr 2022 und schauen dann mal, wer nicht mehr ums Eck biegt.

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Mia sagte mir, dass sie nach England wolle. Wieso das denn? fragte ich, also auf Englisch, und sie meinte, England sei ein tolles Land, Great Britain, und ich erwiderte, dass das in Europa noch niemandem aufgefallen sei. Subtext erwies sich ob der Barriere einer Sprache, die ich selbst eher bescheiden beherrsche, als schwierig, doch Mia lächelte und fragte mich auf einmal, ob ich gerne Cheeseburger esse. Ich meinte, ich möge Mangosalat und Phở Bò, aber weder das noch mein Einwand, dass Grossengländer Fisch und Chips oder Chicken Tikka Masala oder was immer Jamie Oliver ihnen vorsetzt bevorzugen, konnte sie beeindrucken. Also brachte sie mir bei unserem nächsten Treffen einen Cheeseburger vom McDonalds mit, der an der Ecke beim Starbucks guten Umsatz machte.

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Sie hatte bald den Bogen raus, dass ich nämlich nun fast jeden Tag um die Mittagszeit auf meiner Bank im Stadtpark sass, auch wenn sie mich dort nur ab und an besuchte. Einmal lachte sie und meinte, „silly man!“, doch ich erwiderte nur, ich verstehe nicht, was sie in Europa wolle. Ich fühlte mich besser, sobald wir über ein Thema diskutierten, auch wenn es jetzt zunehmend dies eine war. Ich konnte ihren Blick nicht ganz zuordnen, wenn wir darüber sprachen, aber sie sah irgendwie spöttisch aus, fror das für den kleinen Mund viel zu große Lächeln ein und zählte ihre Gründe auf wie ein Referat vor der Klasse, auswendig gelernt für Eltern, Geschwister, Familie, vielleicht auch sich selbst. Und als ich ihr zuhörte, da wollte ich auf einmal auch nach England: das Land von David Beckham und Queen Elizabeth und lauter standesgemäßen Menschen, von Rosen und Scones und lustigen Draufgängern, von Nebel und der Substanz Schnee, bei deren Erwähnung sich meine Studentin fast von unserer Parkbank kringelte.

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Einmal Mitte April erzählte ich ihr von Deutschland. Ich weiß nicht, ob Mia begriff, dass das mein Heimatland war. Aber sie verstand den Namen, „Dsher-men-ie“, und ihr katastrophaler Frohsinn überschlug sich noch einmal der Länge nach um die eigene Achse. Und dann hörte ich zwei Namen, so sauber intoniert wie nach drei Jahren Volkshochschulkurs: „Mesut Özil“, zirpte Mia und legte ihre linke Hand in die meine, „Adolf Hitler“. Und dabei streckte sie den rechten Arm aus so weit, wie der flüchtige Körper es ihr gestattete, und reckte den Daumen empor, einmal für den großen Künstler, und einmal für den großen Mann. Dann küsste sie mich auf die Wange für das, was ich mir unter einer Nanosekunde vorstelle, und huschte eilends davon, „Adolf Hitler“ auf die Melodie von „I feel pretty“ trällernd.

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„Boris Johnson“, sagte Mia und aß pflichtbewusst ihren Mangosalat, „he is president!“ Ich sagte, „like Donald Trump“, und sie nickte begeistert.

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Sie zeigte mir, wie man in Saigon richtig Scooter fährt. Ich hatte den Firmenwagen und meist einen Fahrer, spottbillige Taxis und, wenn ich mir wagemutig vorkam, saß ich auch mal hinten auf einem „moto taxi“. Mia ließ das nicht gelten: „Paperlapapp!“ rief sie, in einer Sprache, die auf einmal aus lauter Tönen bestand. Sie saß vor mir und nahm meine Hände und legte sie sich auf die Taille, damit ich mich festhielt. Sie lachte dabei, denn sie wusste genau, dass ich mich das ohne ihre Hilfe nicht trauen würde. Und dann fuhr sie einhändig in das Chaos und drehte sich zu mir um und fragte, ob ich okee sei, obwohl sie die Antworten, ja, und nein, beide schon wusste. „Now you!“ rief sie.

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Ich hielt ganz am Ende der Pasteur und stellte meinen linken Fuß auf den Boden. Mia schrie, ich müsse jetzt nach links abbiegen. Das Problem mit ihrer Anweisung, durch ein mehrfaches Boxen in meinen Magen unzweifelhaft akzentuiert, war, dass „left“ zunächst vier Spuren Gegenfahrbahn waren, bevor ich mich in die korrekte Richtung einreihen konnte, und von Ampeln nichts zu sehen: Man nennt das auch „Saigon Roulette“. Ich sagte mir halblaut, es gäbe tausend schlimmere Wege, zu sterben, schloss die Augen und drehte nach links ab. Mia schrie, aber auf vietnamesich jetzt, und ich lenkte unsere 1970er Yamaha im letzten Moment an der Kühlerhaube eines Maserati vorbei und schlängelte mich zwischen die erste und zweite Spur der Gegenfahrbahn, wo mir Einheimische auf ihren viel schickeren Hondas ein paar lokale Ausdrücke entgegenschleuderten, die ich sogar verstand; dass ich eine lange Nase besäße, war wohl die charmanteste Umschreibung der Tatsache, dass sie meiner Schlangenlinie nicht folgen konnten und nun gezwungen waren, etwas zu tun, was dem Saigoner Scooterfahrer das Repertoire überhaupt nicht hergibt: bremsen. Mia schrie, ich übertönte sie noch, dann riss ich den Lenker nach rechts und überquerte drei Spuren auf einmal, mit Flüchen und genug Hupgeräuschen für drei Tinnituse bedacht, und auf einmal waren wir: in der richtigen Spur. Ihre Arme schlangen sich um mich, ihr Schreien verwandelte sich in ein nochmals lauteres Lachen, direkt an meinem Ohr: „Crazy man“, frohlockte sie, „I show you this, you show me England!“

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Ein paar Dinge, die ich ihr sagen wollte.

In England wirst du keine gute Arbeit haben.

In England wirst du dich verstecken müssen.

England gehört zu Großbritannien, und Großbritannien hat einst die halbe Welt beherrscht. Das lastet auf der Seele der Engländer und ist zugleich ihr größter Stolz: Sie behaupten, es sei Shakespeare, aber die meisten mögen Shakespeare nicht so sehr.

Es ist gefährlich. Keiner weiß, was passieren kann: Alle Welt schaut ein bisschen auf Mexiko, auf Kinderarbeiter in Bangladesch oder minderjährige Prostituierte auf den Philippinen. Niemand interessiert sich für ein Mädchen vom Mekong, die sich noch nie die Frage gestellt hat, was sie mit ihrem Leben tun könnte, die nur weiß, wo sie dieses Leben leben muss.

Sie sei zu jung, und sie müsse doch auf ihre Eltern hören.

Sie sei zu schön.

Europa ist im Untergang begriffen, China und Amerika höhlen sich von außen und von innen aus, so gut es geht: Der Name der Zukunft lautet Südostasien.

Englands größter Philosoph ist Gary Lineker. Lineker entstammt der Wembley-Postmoderne und hat sich auf Aphorismen spezialisiert. Er behauptete einst, Fußball, das große Waterloo der Briten, sei ein Spiel mit 22 Männern und einem Ball, und am Ende gewönnen immer die Deutschen. Deswegen solltest du, wenn überhaupt, dann nur nach Deutschland auswandern. Dort ist es auch kalt und nass, aber die Fenster sind besser, und die Menschen verwandeln sich nachts nicht in solche Nazis. Außerdem käme ich da her.

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Du kannst nicht gehen.

Why?, erschrocken.

Du lebst doch hier? Saigon ist eine herrliche Stadt.

Ich komme aber nicht aus Saigon! – trotzig, mit dem Gemüt einer Pennälerin, die hundertmal „Ich soll nicht mit doch antworten“ an die Tafel schreibt, weil ihr Lehrer Ludwig Wittgenstein heißt, der, so will es die Historie, mit einem Adolf Hitler zur Schule gegangen war.

Du bist auch nicht aus England.

People in Saigon. They know. They make fun, always. Girl from the Mekong, they say.

Die Menschen in England wissen es auch. Die sagen ganz andere Dinge.

Du! Du sagst andere Dinge! Because you know: every thing!

Sie sagt: every ting, weil sie das vermaledeite -th nicht aussprechen kann. Ich auch nicht, vielleicht hören wir deswegen nicht auf, miteinander zu reden, bis wir uns die Spucke mit einer der süßlichen Limonaden vom Seven Eleven, die so billig ist, dass ich mich jedesmal frage, ob ihr Wasser aus dem Mekong stammt und ihre Chemikalien auch, neu antrinken.

Es gibt ein paar Dinge, die wir wieder und wieder sagen, am Sonntag, unserem allerletzten Sonntag im Park, bei Cheeseburger und Banh Mi auf einer Betonplatte sitzend, Knie an Knie, weil unsere Bank besetzt ist. Und ein paar Dinge, die wir nicht sagen, vielleicht, weil wir die Worte dafür nicht gelernt haben, oder vielleicht, weil wir sie nicht kennen.

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Am 30. April, das war ein Dienstag, ging Mias Flieger nach Kuala Lumpur. Ich bot ihr an, sie zum Flughafen zu begleiten, ich weiß nicht mehr, wie ich mich das getraut hatte; das bin ich eigentlich nicht. Sie schüttelte traurig den Kopf: „No family. No friends.“ Dann lachte sie ein letztes Mal ihr keckes Lachen und fügte hinzu: „No silly man!“ Dann war sie immer noch da; sie boxte mich in den Bauch, schlang ihre Arme um mich, fast ohne dass ich es fühlen konnte, stupste ihre Lippen auf meine andere Wange, und lief davon. Ich hatte sie nichts nach ihrer Familie gefragt, nicht nach ihrem Vater oder ihrer Mutter, und jetzt war es zu spät dafür. Also fuhr sie allein zum Flughafen, im Bus, ein schlankes Mädchen mit einem Bündel Habseligkeiten in ihren Armen, darunter 40.000 US-Dollar für die Überfahrt, von ihrem Vater. Mehr hatte sie nicht von ihm erzählt. Nur den Namen des Mannes, dem sie das Geld aushändigen würde, den sagte sie mir noch. Ich gab ihn später weiter an die Polizei, die ihn für ihre Akten notierte. Dann saß sie im Bus, und ich versuchte, einen letzten Blick zu erhaschen, und es gelang mir auch, und ich winkte ihr zu dabei, aber Mia, die jetzt, da sie nicht länger lachte, ihre unbedarfte Schönheit und das letzte Flackern ihrer Jugend wie Schwerkraft aussendete, sah bereits voraus, den Kopf gewendet: in die Zukunft.

Inspiriert vom Zeit-Artikel „Pray for Me“ von Khuê Phạm und Vanessa Vu (veröffentlicht am 17. Mai 2020) und sechs Jahren Vietnam, einem der schönsten Länder.

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